Montag, 18 Uhr. Das Büro ist leer. Alle Kollegen sind fort. Versprengte Fußballverweigerer stolpern über den Westenhellweg, Dortmunds Einkaufsstraße. In einer anderen Welt, einer Weltmeisterschaftswelt, pfeift ein Mensch das Spiel Deutschland gegen Portugal an.
Ich bin auf dem Weg zum Russischkurs. Meine Lehrerin ist Ukrainerin und mag klassische Musik. Weder spielt die Ukraine bei der WM, noch wird im Stadion klassische Musik gegeben. Also findet der Kurs statt, da kennt sie nix.
Kurskollege Kadir ist nervös, schielt minütlich auf sein Handy. Doch er braucht seinen Liveticker nicht: Kaum ballt Kadir das erste Mal siegesgewiss seine Hand zur Faust – ping-ding-ding, bimmelt das Handy der Lehrerin für eine SMS. Sie schaut aufs Display und sagt: „Adin – nol“, eins zu null. Entschuldigend fügt sie hinzu: „Meine Freundin. Völlig verrückt. Fußball, Borussia, WM. Jedesmal schreibt sie mir, wenn ein Tor fällt. Ob es mich interessiert oder nicht.“
Eine Gelegenheit, tiefer ins Thema einzusteigen.
Сегодня Германиа играет с Португалией.
Heute spielt Deutschland mit Portugal: Im Russischen, so die Lehrerin, spiele man miteinander, nicht gegeneinander, rein sprachlich gesehen – der Russe an sich sei friedliebender Natur. Das zeige sich auch am Wort мир, Welt, das gleichzeitig „Frieden“ bedeute. Die Weltmeisterschaft, чемпионат мира, sei also auch eine Meisterschaft des Friedens. Hach, so schön.
Der Satz bietet neben philosophischem Diskursstoff handfeste Möglichkeiten, den Instrumentalis zu üben. Die Lateiner kennen diesen Kasus: Es handelt sich um eine Art Ablativ, eine von zwei russischen Ergänzungen zu Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Denn der Russe an sich ist nicht nur friedliebend, sondern dekliniert auch gerne Substantive durch, wenn er in der Taiga auf seinem Permafrost sitzt, allein und frierend.
Они выигрывают.
Sie gewinnen. Wörtlich: etwas herausspielen. Einen Sieg zum Beispiel, das ist gut zu merken. Allerdings, es gibt einen Haken: gerade eben. Es heißt nur „ani wuj-i-gruij-wa-jut“, wenn man es gerade tut; hat man es getan, ändert sich das Wort hinten und in der Mitte, manch eines auch vorne (das kann man nie wirklich vorhersagen), denn es gibt im Russischen nicht nur zwei zusätzliche Fälle, sondern auch zwei Verben für eine Sache, für vollendete und unvollendete Aspekte – je nachdem, ob man mit einer Sache schon fertig ist oder noch nicht. Wenn man in der Zukunft fertig geworden sein wird, zum Beispiel mit dem Deklinieren russischer Substantive durch alle sechs unendlichen Fälle, ist es das gleiche Wort wie in der Gegenwart. Am Ende holt einen eben alles immer wieder ein.
Ping-ding-ding: „Dwa – nol“, zwei zu null. Германиа ведёт, Deutschland führt. Wieder ein neues Wort gelernt! (Gerade eben.)
So geht es munter weiter. Ping-ding-ding. ping-ding-ding.
Мюллер забил 3 мяча, Müller hat drei Tore geschossen – respektive Bälle, und er ist damit fertig, hurra! Kadir ist verzückt. Ich freue mich auch. Das Glück wird ein wenig getrübt, Sie können es sich denken, denn Müller schoss sein erstes Tor im Nominativ (гол! Tor!), sein zweites und drittes im Genitiv Singular (гола), hätte Deutschland fünf Tore geschossen, dann im Genitiv Plural (голов). Aber das muss nun wirklich nicht sein. Tschitiri – nol, vier zu null. Das reicht. Was will man mehr.




