Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

29 wilde und schöne Stunden in Zagreb

17. 08. 2026  •  16 Kommentare

Donnerstag, 14 Uhr | Am Donnerstagmittag bekam ich einen Anruf von einer Schweizer Nummer.

„Wir suchen eine Speakerin zum Thema Change Management.“
„Okay …“
„Für Samstag.“
Diesen Samstag?“
„Ja.“
„In 40 Stunden?“
„In Zagreb.“

Am anderen Ende der Leitung war European Gymnastics, die Europäische Turnunion. Es stellte sich heraus, dass die Anfrage vollkommen ernsthaft war, wir unterhielten uns, und am Ende des Gesprächs dachte ich: Nun – warum eigentlich nicht?

Siebzehn Stunden später war ich auf den Weg nach Kroatien.


Der Auftrag | In Zagreb finden die Europameisterschaft im Geräteturnen statt. Am Rande der Veranstaltung lud die European Gymnastics Nachwuchskräfte aus nationalen Turnverbänden zu einem Young Leaders Forum ein. Das Programm: ein Blick hinter die Kulissen der Europameisterschaft, Wissen zur Event-Organisation, Teambuilding und ein Workshop zu einem zentralen Thema.

Für den Workshop war die Speakerin abgesprungen. Es sollte um Veränderung in komplexen Strukturen gehen – zwischen Verband und Vereinen, in den Clubs und gemeinsam mit den Ehrenamtlichen. Und darum, Menschen zum Mitwirken zu bewegen. Die Teilnehmenden: siebzehn Menschen aus dreizehn Nationen zwischen 25 und 32 Jahren.

Ich sagte, was ich in der Kürze der Zeit leisten kann: Wissen zu Change Management vermitteln, unabhängig vom Thema Turnen. Alles klar, war die Antwort, abgemacht.


Der Rest vom Donnerstag | Ich verschob meine Termine am Freitag und Samstag, arbeitete weg, was vor dem Wochenende getan werden musste, und vertröstete den Rest auf Montag. Von der KI ließ ich mich zur Situation in Turnverbänden und zu Veränderungsbemühungen briefen. Außerdem rief ich meine Freundin beim ZDF sport an und fragte, ob sie jemanden habe, mit dem ich zum Thema Turnen telefonieren könne. Sie vermittelte mir den Redakteur Andreas Runkel, selbst ehemaliger Leistungsturner, der mir einiges zum Turnen erzählte und die Aufgaben und Herausforderungen schilderte, die Verbände und Vereine aktuell haben. Vielen Dank an Andreas!

European Gymnastics buchte derweil einen Flug für mich, schickte mir Infos zur Anreise und zum Tagesablauf.

Zuletzt bin ich vor sechs Jahren geflogen. Ich musste erstmal herausfinden, wie das aktuell mit dem Fliegen funktioniert: Handgepäck – wie viel, wie groß, wie schwer, was darf rein, wie genau verpackt, wie kriege ich meinen Kontaktlinsenreiniger nach Zagreb? Ich bin ja Bahnfahrerin, da nimmt man einfach mit, was man tragen kann, dazu ein paar Schnittchen und eine Flasche Wasser. Darf man Schnittchen mit in den Flieger nehmen oder werden die konfisziert? Außerdem bin ich noch nie an einem Flughafen umgestiegen.

Ich beschloss, die Sache auf mich zukommen zu lassen, man muss ja nicht immer alles zerdenken, packte meine Tasche und ging ins Bett.


Freitag, 7 Uhr | Am Freitagmorgen fuhr ich nach Düsseldorf und flog über München nach Zagreb.

Blick aus dem Flugzeug auf die Alpen, im Vordergrund ein Triebwerk

Es war alles unkompliziert. In München blieb ich am selben Gate und stieg in denselben Flieger, der mich aus Düsseldorf hergeflogen hatte. Sogar dieselben Leute standen wieder da zur Begrüßung – ein Anfänger-Umstieg.


Freitag, 13 Uhr | In Zagreb fühlte ich mich sehr präsidial. Es wurde jemand dafür bezahlt, mich abzuholen und zum Hotel zu fahren. Wie außergewöhnlich! Gemeinsam warteten wir noch auf eine Dänin, die am nächsten Tag an meinem Workshop teilnehmen würde. Welch ein Segen! Ich nutzte die Fahrt zum Hotel und stellte ihr Fragen zu ihrer Rolle im Verband, zu Themen, die sie umtreiben, und zu Veränderungsinitiativen. Ihre Antworten deckten sich mit dem Briefing von Andreas Runkel, nur aus einer anderen Perspektive. Gut.

Hotelzimmer: im Vordergrund ein Bett, im Hintergrund ein Fenster mit Blick auf eine Stadt, iam Horizont eine Hügelkette

Im Hotel ging ich erstmal etwas essen, denn ich hatte keine Schnittchen mitgenommen. Es gab ein Buffet für die Athletinnen und alle, die irgendwie mit ihnen zu tun hatten. Als ich mit meinem Teller zwischen den Turnerinnen stand, fühlte ich mich wie King Kong in New York, wie Cindy aus Marzahn im Miniatur Wunderland.


Freitag, 16 Uhr | Noch siebzehn Stunden bis zum Workshop. Es wurde Zeit, etwas vorzubereiten. In meinem Kopf hatten sich Ideen geformt. Ich schrieb sie nieder, suchte Folien zusammen, baute sie um und übersetzte sie ins Englische. Ich überlegte mir, wie ich die Leute beteiligen würde, formulierte Fragen und Aufgaben.

Dann kam eine E-Mail von meiner Auftraggeberin. Sie schrieb mir, dass ich, wenn ich Lust habe, zu den Wettbewerben in die Halle fahren könne, das sei sicher interessant. Es gebe einen Transfer vom Hotel, meine Akkreditierung sei hinterlegt.

Wie spannend! Ich klappte den Laptop zu und fuhr in die Arena.

Turnen in Zagreb: Im Vordergrund eine Athletin am Stufenbarren, im Hintergrund eine Athletin im Anlauf.

Gemeinsam mit den Athletinnen wurde ich in die Katakomben der Arena gefahren. Die Turnerinnen verschwanden zum Umziehen in die Kabinen. Ich machte mich auf die Suche nach der Tribüne. Auf meinem Weg durch die Gänge geriet ich kurz vor die Sponsorenwand in der Mixed Zone; ich starrte ins gleißende Licht der Kamera und blinzelte. Doch es war gerade niemand da, der mich zu meiner Leistung auf dem Schwebebalken fragen wollte. Bridget-Jones-Moment.

Ich war noch nie auf einem Turn-Event, schon gar nicht bei einer Europameisterschaft. Als ich mich auf der Tribüne eingerichtet und verstanden hatte, wie es funktioniert – alle turnen gleichzeitig, jede Nation eine Disziplin, danach Wechsel – war ich sehr angetan. Ständig ist etwas los! Großartig.


Freitag, 19 Uhr | Der Bus fuhr mich zurück zum Hotel, wieder mit Athletinnen. Ich machte mich kurz frisch, denn ich war beim Young Leaders Welcome Dinner eingeladen: Abendessen mit den jungen Verantwortlichen in den Verbänden.

Wir aßen Unmengen von Fisch und Risotto, tranken Wasser und Wein. Welch tolle Menschen! Drei Stunden voller Witz, Wärme und Wohlwollen. Junge Leute aus Dänemark und Finnland, aus Italien, Slovenien, Serbien und Kroatien, aus Tschechien und der Slowakei, aus Azerbaidschan und Griechenland, Großbritannien, Irland, und der Türkei. Mit einem Herz fürs eigene Land – und dem Selbstbewusstsein, die nationalen Eigenheiten dem Humor am Tisch zur Verfügung zu stellen. Menschen, die europäisch leben, denken und handeln, klug und neugierig.

Wenn die Atmosphäre an diesem Tisch die Zukunft unseres Kontinents ist, bin ich zutiefst glücklich.

Ein Tisch mit Tellern und Essen, Brit und Wein, Arme stützen sich auf.

Beseelt ging ich zurück ins Hotelzimmer. Ich machte letzte Vorbereitungen für den folgenden Tag. Um Mitternacht schlief ich erfüllt ein.


Samstag, 9 Uhr | Nach dem Abend wusste ich ziemlich gut, wen ich vor mir hatte, und der Workshop war ein Selbstläufer.

Wir sprachen darüber, was es für Veränderung braucht: im Training und im Übergang vom Profisport zu einem neuen, anderen Leben. Wir sprachen über die Change-Kurve – welche Phasen wir durchmachen, wenn wir mit einem Bruch konfrontiert sind. Ich stellte die generischen Prinzipien der Veränderung nach Rufer vor.

Zwei Leinwände, darauf dieselben Folien: "Moving Forward - Understanding Change. Taking Action." im Design von Vanessa

Wir erarbeiteten, wie man Menschen mitnimmt; was sie brauchen, um mit Kopf, Herz und Hand dabei zu sein. Es war intensiv und lebendig, mit vielen Fragen. Ein Geschenk.

Gruppenbild

Samstag, 14:30 Uhr | Nach dem Workshop wurde ich in einem Auto voller Norwegerinnen und Norweger zum Flughafen gefahren.


Samstag, 21:45 Uhr | Zurück in Düsseldorf, zwei Stunden später im Bett. Was ein wilder Ritt!

Flugzeug am Flughafen

Die Empfehlung | Ich konnte nicht herausfinden, wer mich empfohlen hat – wie die „Ich kenne jemanden, der jemanden kennt“-Kette verlief, die mich zu diesem Auftrag brachte. Falls die Person hier mitliest: Ein großer Dank! Winken Sie mir gerne kurz zu.


Schweine, wie immer | Steppenschweine kurz vor der Sonnenfinsternis.

Drei Meerschweine auf gelbem, ausgedörrtem Rasen in lila-gelbem Abendlicht

Mit dem Fahrrad von Haltern nach Hamburg: Ein Reisebericht

2. 08. 2026  •  14 Kommentare

Die Fahrt | Wenn man mit dem Fahrrad von Haltern am See nach Hamburg fährt, fällt vor allem eines auf: Dass es zwischen diesen Städten viel Gegend gibt.

Ein Fahrrad auf einem Wirtschaftsweg neben einem windgebeugten Baum.

Sieben Etappen lang fuhren wir über lang gezogene und kurvige Feldwege, glatte und holprige Pfade, Wege durch Maisfelder und durch Wälder oder vorbei an Weizen, Gerste und Roggen. Wir erlebten Landstraßen, die Dorf mit Dorf verbinden – und solche, die überall vorbeiführen. Manchmal rollten wir über Panzerstraßen aus Betonplatten, mit und ohne Rillen, die Kanten aufgesprungen, die Schlaglöcher tief. Es gab Pfade, die mitten in tiefen Sand führten; das voll beladene Fahrrad glitt hinein wie ein Messer in weiche Butter. Und immer wieder Brücken: über Bundestraßen und Autobahnen, über Flüsse und Kanäle, über Bahnstrecken und stillgelegte Trassen. Wir hatten Brücken, auf die wir uns hinaufplagen mussten und von denen wir zufrieden wieder hinunterrollten – und Brücken, die uns nichts abverlangten und nur einen Kanal mit Seerosen überquerten.

Brücke über einen schmalen Kanal voller Seerosen. Am Brückengeländer hängen Geranien.

Wir fuhren von Dorf zu Ort und von Ort zu Stadt. Wir sahen Haufendörfer mit Dorfkernen und Ackerfluren. Wir durchfuhren Straßendörfer, deren Gehöfte sich an einem einzelnen Weg entlang reihen. Wir durchkreuzten verstreute Siedlungen. Wir passierten mindestens sechs Dorf Grill, alle ohne Kopplungsbindestrich, dafür mit den gleichen, weißen Monobloc-Stühlen vor der Tür.

Wirtschaftsweg zwischen Feldern, in der Ferne ein Haus. Strommasten am Rand.

Viele Felder waren bereits abgeerntetet. Es kam mir zu früh im Jahr vor. In meiner Erinnerung ist der Juli der Monat, in dem sattgelbe Felder auf dunkelblaue Himmel stoßen. Der Wind frischt auf und trägt den schweren Geruch eines drohendenen Gewitters über die Landschaft. Ein Monat wie ein Obstkorb: satt, prall, üppig, übervoll.

Auf dieser Strecke, in dieser Landschaft zwischen Haltern und Hamburg, in diesem Jahr fehlte die Fülle. Alles war knochentrocken, die Gräser verdorrt, und Stoppeln säumten den Weg, als hätte der August den Juli überholt. Es war staubig.

Feld mit Strohballen, der Himmel bedeckt

Im Kreis Herford, zwischen Belke-Steinbeck, Hiddenhausen und Gohfeld, hatte ich ein seelisches Tief: Felder zwischen Kreisstraßen und Autohäusern, eine Landschaft ohne Ehrgeiz. Äcker, Landstraßen und Gewerbehallen, dazwischen Aldi, Deichmann und Takko, gebündelt zu Fachmarktzentren mit monströsen Parkplätzen. Rückblickend erinnere ich keine Orte, sondern Kreuzungen, Ampeln und Baustoffändler. 

Als wir erst auf den Werre-, dann auf den Weser-Radweg stießen, wurde es besser: Die Flüsse halten einen Korridor frei und ordnen die Landschaft, die großen Straßen rücken ab, die Welt wird wieder fröhlicher.

Vanessa macht ein Selfie auf dem Fahrrad. Sie trägt einen Helm, im Hintergrund andere Radfahrer. Die Strecke führt an Bahngleisen entlang.

Inmitten ostwestfälischer Melancholie musste ich mir einmal die Speichen richten lassen: Sie wackelten, mein Hinterrad knarzte. In Bad Oeynhausen fanden wir eine Werkstatt in einer alten Tankstelle.

Doch das sollte nicht das Ende der Geschichte sein. Dreißig Kilometer vor Soltau – die Gegend war gefällig, die Melancholie hatte sich gelegt, nur das Wetter zeigte sich ungnädig -, sagte der Reiseleiter: „Dein Hinterrad hat eine Acht.“ Wir fanden schnell den Grund: Eine Speiche war gebrochen, weitere waren locker. Strömender Regen setzte ein. Die Stimmung in der Gruppe war grenzwertig, die Kinder wollten nur noch ins Trockene. Noch 25 Kilometer.

Wir fuhren die Landstraße entlang auf der Suche nach Lüneburger Heide, durch Dörfer ohne Dorf Grill. Wir hoppelten über Kopfsteinpflaster, durch Schlaglochpisten und slalomierten um Nacktschnecken herum, die sich zu Hunderten auf den Wegen sammelten. Der Regen sickerte durch die Nähte, wir ließen Soltau rechts liegen.

Schließlich erreichten wir, wild trampelnd, ich eiernd, eine Pension, die auf meiner Liste der deprimierendsten Übernachtungsorte direkt auf Augenhöhe mit der Höhle von Bilbao kam. Unsere Übernachtungen waren bis dato immer gut gewesen: Ferienhäuser und kleine Wohnungen, eine Pension in Steinhude, alles zweckmäßig und liebevoll eingerichtet. Diese Pension aber bestand aus nichts weiter als aufgekauften, sanierungsbedürftigen Einfamilienhäusern, deren einzelne Zimmer man zu Pensionszimmern gemacht hatte, mit abgelaufenen Laminatböden, abgewohnten Möbeln, Bad auf dem Flur und fünf Duftspendern unterschiedlichen Odeurs, denen es dennoch nicht gelang, den muffigen Geruch zu vertreiben. Wir rundeten die Melange aus „Meeresbrise“, „Vanille-Kokos“ und schimmelnder Dämmwolle ab, indem wir beim Lieferservice Fritten, Currywurst und Thunfischpizza bestellten. Aber hey, wir waren trocken, und es gab eine Dusche, aus der klares, warmes Wasser kam. Man wird doch immer wieder positiv überrascht! 

Am nächsten Morgen machte ich mich früh auf in die nächste Fahrradwerkstatt: Elf Kilometer Gegenwind nach Schneverdingen. Beim zweiten Versuch fand sich ein Mechaniker, der sich spontan Zeit für mein Rad nahm und die Ursache allen Übels fand: mehrere Risse in der Felge. Ich brauchte ein neues Hinterrad. Wenn ich irgendwo ein neues Laufrad fände, sagte er, könne er eins einbauen; er selbst habe gerade keins da. Ich ging zu dem Fahrradladen, der mich zunächst abgewiesen hatte, stellte mein ausgebautes Hinterrad auf die Theke und fragte, ob sie sowas im Lager hätten. Sie nahmen Maß, stiegen auf ihren Dachboden und fanden dort ein einzelnes DT-Swiss-Laufrad, ausgebaut aus einem fabrikneuen Rennrad; es sei das einzig passende, das sie mir in diesem Augenblick anbieten könnten. Ich kaufte es und trug es zum Mechaniker, der es einbaute und mir gratulierte. Das Laufrad habe eine deutlich höhere Qualität als sein Vorgänger, ich werde Freude damit haben. Das hoffe ich auch bei dem Preis. Nun fahre ich mit einer Rennradnarbe, die im Leerlauf eindrücklich laut surrt. Ich bin immer noch eine dicke Frau auf einem Trekkingrad, fühle mich aber nun ausnehmend Tour-de-francig, besonders wenn mich nicht anstrenge und nur rollen lasse.

Ein schattiger Wirtschaftsweg, in der Ferne zwei Mädchen auf einem Fahrrad

Und dann waren wir auch schon fast in Hamburg. Die letzte Etappe führte und über Stock und Stein, über unerfreulich viele Hügel, durch Wald, kleine Orte, über Landstraßen und sandige Trails. Ein Stimmungstief in den Buchenwäldern im Rosengarten, das Ziel schon in Reichweite, kurierten wir mit Schnittchen und Knoppers. Dann fuhren wir in Hamburg ein – über Vahrendorf, Wilhelmsburg, Steinwerder, durch den Hamburger Hafen, über die Rethe-Klappbrücke und durch den Alten Elbtunnel. 

Panoramaaufnahme der geöffneten Rethe-Klappbrücke in Hamburg: Vier Fahrräder stehen vor der Brücke, links am Ufer ein Getreidespeicher

Hamburg | In Hamburg residierten wir in der Jugendherberge Auf dem Stintfang, dem Hügel oberhalb der Landungsbrücken. Mein Dank geht an Paula Karpinski, einst Jugendsenatorin in Hamburg, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg beharrlich dafür einsetzte, dass auf dem Hügel kein Luxushotel, sondern ein Ort für Familien entsteht. Die Aussicht aus dem Speisesaal ist sensationell.

Die Uhr der Landungsbrücken, dahinter Hafenkräne und der Hafen inm Abendrot

Bad Rothenfelde | Einige Worte zu dem, was wir auf unserem Weg sahen, angefangen mit Ostwestfalen.

Unsere ersten Etappen führten uns durch Nordrhein-Westfalen: vom Münsterland über den Teutoburger Wald und durch den Kreis Herford. Wir befanden uns in einem Zustand der Melancholie, angefacht durch viel Gegend, und waren außerdem hungrig, als wir Bad Rothenfelde erreichten.

Tor in den "Konzertgarten", davor Geranien

Wenn Sie noch nicht in Bad Rothenfelde waren, aber die 80er Jahre kennen, stellen Sie sich bitte Geranien und Springbrunnen vor, Kurorchester, Kofferradios und Kaugummiautomaten, Prospektständer und Schwarzwälder-Kirschtorte, Flutschfinger und Frotteebademäntel. Und inmitten dessen: ein Ihr Platz, eine Seifenpuls-Filiale.

Ihr-Platz-Filiale. Es sieht alles aus wie 1986.

Vierundvierzig Märkte gibt es noch in Deutschland, betrieben als Franchise von einer Handelsgenossenschaft, die zur Rewe Group gehört. Ich recherchierte das, denn ich war verwundert – und kurzzeitig besorgt, in der Zeit zurückgereist zu sein und nach Ende der Sommerferien wieder Hausaufgaben machen und Vokabeltests schreiben zu müssen.

Historische Uhr im Kurhaus zeigt viertel nach zwei an.

Nach Bad Rothenfelde sahen wir auch Bad Oeynhausen. In beiden Orten – und dazwischen – hätte ich alle fünfhundert Meter anhalten und Perlen der Zeitgeschichte fotografieren können: Gartenzwerge und Jägerzäune, Waschbeton und Wäschespinnen, Sparkassenfilialen, Betonfiguren, Hundefriseure, Kreisverkehre mit Findlingen, Schaufenster mit vergilbten Aufklebern und Werbetafeln für Geschäfte, die es nicht mehr gibt.

Doch ich hielt nur beim Salon Maike: Coiffeur, Cosmetic, Caribikbräune.

Schuild über einem Ladengeschäft: Salon Maike - Couiffeur, Cosmetic, Caribikbräume

Eisenerz-Bergwerk „Wohlverwahrt“ |  Auf unserer vierten Etappe – es ging von Rinteln nach Steinhude – ächzten wir das Wesergebirge hinauf. Erst war es sehr steil, dann nur noch mäßig steil. Irgendwann gab es keinen Radweg mehr, dafür viele Autofahrer, die es nicht aushielten zu warten, bis sie auf der kurvige Strecke überholen konnten. Es wurde aus-, eingeschert und angehupt – uns oder den Entgegenkommenden, je nachdem.

Oben auf dem Hügel, in Kleinebremen, besuchten wir das Eisenerz-Bergwerk „Wohlverwahrt“.

Vier Fahrräder in einem Fahrradständer. Darüber das Schild "Zur Grubeneinfahrt".

Zwischen den 1830ern und den 1950er haben die Kumpel dort Kathedralen in den Berg gesprengt, geklopft und geschlagen, erst mit Hämmerchen, dann mit Bohrhammern, dann mit schwerem Gerät. Auch wenn es niemals einen Toten gab, war es eine elende Plackerei. 

Eine Gruppe steht in m Berg vor Werkzeugen, das Licht ist funzelig, die Decke beeindruckend hoch.

Man kann das Bergwerk nur mit einer Führung besuchen. Ehemalige Bergarbeiter aus der Region – in Nammen wird bis heute abgebaut – führten kenntnisreich durch die viele Meter hohen Gänge, fuhren uns mit einer rumpelnden Bahn an immer weitere, immer größere Abbaulinsen, erzählten Geschichten und stiegen mit uns bis zu einem See hinab, der tiefsten Stelle im Berg. 

Im Berg: Steige führen durch einen ausgehöhlten Berg, im Hintergrund ein grünblau schimmernder See

„Wenn ich mal keine Lust aufs Arbeiten habe“, sagte der Reiseleiter, als wir vor einer der Loren standen, in die die Bergleute im funzeligen Licht dicke Brocken Erzgestein schaufelten, „dann erinnere ich mich hieran. Dann wird es wieder gehen.“


Steinhuder Meer | Nach vier Etappen legten wir eine Pause ein und rasteten einen Tag am Steinhuder Meer. Dort war es unerwartet hübsch: ein kleiner Ort mit Wasser und Enten, Promenaden, Restaurants und Eisdielen, Bootsverleihen und einem Hauch mediterraner Lässigkeit. Nun ja, für Hannoveraner Verhältnisse.

Panoramaaufnahme des Steinhuder Meer im Sonnenuntergang

Während ich das Foto machte, hockte der Reiseleiter zu meinen Füßen und erbrach sich ins Schilf. Die Eiskugel „Omas Apfelkuchen“ war ihm nicht bekommen. Ich tätschelte ihm die Schulter, mehr konnte ich nicht machen. Nachdem er alles von sich gegeben hatte, war ihm wohler.

Wir mieteten ein Bötchen und fuhren damit auf die Insel Wilhelmstein, die 1.400 Meter vom Ufer entfernt im Steinhuder Meer liegt.

Die Spitze eines kleinen, blauen Bootes auf dem Wasser. Der Himmel hat Schäfchenwolken, die Sonne scheint.

Darauf gibt es nichts, was man gesehen haben müsste, aber man kann von der Insel aus ans Ufer gucken, ein Eis kaufen, man hat eine Festung und kann einen Hydrocopter angucken, einen Kunststoffschlitten, der dank eines Flugzeugpropellers sowohl auf Wasser als auch auf dem zugefrorenen See fahren kann. Allerdings erlitt er 1996 einen Getriebeschaden und ist seitdem kaputt.

Briefkasten mit der Aufschrift "Inselpost" vor einem Kiesweg und weiß getünchten Häusern

Während wir in Steinhude waren, fanden dort die Finals 2026 statt. Wir sahen Triathlon und irgendwas mit Rudern, das ich nicht verstand: Coastal Rowing, eine Mischung aus Rennen und Rudern, beides allerdings eher kurz. Bevor man verstanden hat, dass es losgeht, ist schon etwas passiert. Es ist aber nicht klar, was geau, und man ist ganz durcheinander. Ich hatte auch keine Kapazitäten, mich näher damit zu beschäftigen: Die meisten meiner Gehirnzellen sind im Urlaub, nur eine Rumpftruppe hält den Betrieb aufrecht.

Dem Triathlon konnte ich besser folgen, obwohl ich mir auch hier erstmal das Reglement erarbeiten musste: Es war die Deutsche Meisterschaft im Mixed Relay – zwei Frauen und zwei Männer machten hintereinander einen Mini-Triathlon. Also nicht: Einer schwimmt, einer radelt, eine rennt, sondern alle schwimmen, rennen und radeln – viermal.

Steinhuder Meer, davor Beachflags und eine digitale Uhr, die zeigt, wie lange das Rennen schon geht. Im Hintergrund Schwimmer im Wasser.

Das war kurzweilig: Die Sportler’innen mussten nur 750 Meter schwimmen, zwanzig Kilometer Rad fahren und 1,2 Kilometer laufen. Es ging Schlag auf Schlag. Immer kam jemand Neues vorbei, ständig passierte etwas. Ein Sportler klaute einem anderen die Schuhe. Wir waren alle beeindruckt von der Spannung und der Athletik.


Deutsches Erdölmuseum in Wietze | Die fünfte Etappe, von Steinhude nach Wietze, führte uns an Erdölfeldern vorbei.

Denn die weltweit erste Erdölbohrung gab es nicht in Kuwait oder Texas, sondern in Wietze in der Lüneburger Heide. Schon im 17. Jahrhundert gewann man dort das erste Öl: Aus Teerkuhlen schöpfte man Sand, aus dem man Schweröl auswusch. Die Menschen machten Wagenschmiere und Wundsalbe daraus. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution im Königreich Hannover ankam und man Energiequellen suchte, erinnerte man sich man an das schwarze Zeug. Georg Christian Hunäus, Professor für Geognosie am Polytechnikum in Hannover, marschierte los, untersuchte das Land und nahm im Juli 1858 die erste Bohrung vor – eigentlich auf der Suche nach Kohle. 

Schwarz-weiß-Foto von Männern in unterschiedlicher Kleidung, darüber das Schild DEA WIETZE.

Es dauerte einige Jahre, bis das Geschäft ans Laufen kam. Dann brach in Wietze das Ölfieber aus. Arbeiter aus deutschen Landen und darüber hinaus kamen in die Lüneburger Heide – und dazu findige Unternehmer. Bis Mitte der 1930er Jahre hatten 52 Gesellschaften ihre Claims abgesteckt. Wietze brummte und brodelte. Plötzlich waren in dem beschaulichen Landstrich nicht mehr alle Menschen gleich; plötzlich gab es arme und reiche Landbesitzer, Bauern und Magnaten, Verwalter und Verwaltete. Herbergen und Hotels wurden gegründet, Häuser und Baracken gebaut, Puffs und Spelunken etabliert. Bis 1964 plötzlich Schluss war: Die Förderung war unrentabel geworden. 

Gerät zur Erdölförderung auf der Wiese hinter dem Museum. Ein Lkw und ein Bohrturm.

Das Erdölmuseum erzählt diese Geschichte, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, man kann Dokumente und Zeitungsartikel hören und Fotos anschauen. Außerdem stellt es allerlei Gerät zur Erdölförderung vor. 


Bergen-Belsen |  Unsere sechste Etappe, von Wietze nach Soltau, verbanden wir mit einem Besuch in Bergen-Belsen. Es ist der Ort, an dem Anne Frank gestorben ist – und mit ihr 52.000 andere Menschen.

Bergen-Belsen war nicht nur Konzentrationslager, es war auch Kriegsgefangenenlager und nach dem Krieg ein Ort für Displaced Persons, für Heimatlose, die nicht wussten, wohin. Als britische Truppen das Lager im April 1945 befreiten, fanden sie mehr als 50.000 Häftlinge und mehr als 10.000 nicht bestattete Leichen vor – auch, weil zuvor viele Züge aus Lagern im Osten angekommen waren. Nach ihrer Befreiung starben 14.000 ehemalige Gefangene an Unterernährung, Seuchen und Krankheiten.

Für die Kinder ist Anne Frank eine Identifikationsfigur. Als sie in der Schule über Anne Frank sprachen, kamen sie mit vielen Fragen nach Hause. Wir kauften die Graphic Novel von Ari Folman und David Polonsky. Diese Etappe war eine gute Gelegenheit zu erspüren, wie Anne Frank starb und was das mit uns heute zu tun hat.

Grabstein von Margot und Anne Frank in Bergen Belsen

Wir bekamen eine Führung über das Gelände. Das war auch gut, denn von dem damaligen Lager ist nichts mehr zu sehen: keine Baracken, kein Krematorium. Mein Dank geht an Doreen Krohne, die das Grauen mit Worten lebendig gemacht hat. Wenn sie einmal dort sind, kann ich eine Führung mit ihr sehr empfehlen.

Wenn ich an Orten wie Bergen-Belsen stehe, frage ich mich jedesmal: Wie konnte das geschehen? Ich habe viele Bücher gelesen. Ich habe die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Stutthoff besucht. Ich habe Filme und Dokumentationen gesehen. In neun Jahren Gymnasium begegenete mir der Holocaust in jedem Schuljahr, in fast jedem Fach. Woraus ich aber immer noch keine Antwort habe, ist: Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Wie kann es seine, dass eine ganze Nation eine industrielle Menschenvernichtung mitträgt?  

Ich möchte mich nicht über die damaligen Deutschen erheben. Ich weiß nicht, welch ein Mensch ich gewesen wäre, aufgewachsen im Kaiserreich, im Stolz der Industrialisierung, dann der Erste Weltkriegs, das verletzte Ego, die Suche nach Haltung, die Weltwirtschaftskrise. Und doch: Es bleiben Fragen.

Während der Führung über das Gelände wird eine Stellenanzeige herumgereicht: Gesucht werden KZ-Aufseherinnen, Bezahlung nach TVöD, ein Beruf in Dienstkleidung und mit Rentenpunkten.

Kleinanzeige: "Für den einsaz bei einer militärischen Dienststelle werden gesunde weibliche Arbeitskräfte im Alter von 20 - 40 J. gesucht. Die Entlohnung erfolgt nach der Tarifordnung für ie angestellten im öffentlichen Dienst. Außerdem werden gewährt: Freie Unterkunft, Verpflegung und Bekleidung (Uniform). Angeb. unter Beifügung eines kurzen Lebenslaufes u. Lichtbild erb."

400 Menschen arbeiteten im Lager: Männer aus der SS, dazu viele Helferinnen und Helfer, Aufsichtspersonen und Hilfskräfte, Frauen und Männer aus der Bevölkerung, Angestellte. Sie werden zu Hause von ihrer Arbeit erzählt haben; natürlich haben sie das. War es allein deshalb nicht allgemein bekannt, was in den Lagern vor sich ging? Dass die Menschen dort hingekarrt wurden, dass sie gefoltert wurden und verhungerten? 

Neu ankommenden Häftlinge, die die Fahrt im Viehwaggon überlebt hatten, liefen über Straßen und Feldwege zum Lager, sechs Kilometer. Wir fuhren die Strecke mit dem Rad.

Fahrräder vor einem Eisenbahnwaggon (Viehwaggon), mit dem damals die Häftlinge nach Bergen-Belsen kamen

Die Gedenkstätte zeigt Fotos, die in den frühen 40er Jahren kursierten, die angeblich in die Briefkästen der Umgebung gesteckt wurden. Fotos, die die Menschen ansahen und dann auf Dachböden aufbewahrten, bis ihre Söhne, Töchter und Enkel sie Jahrzehnte später fanden und zur Gedenkstätte brachten.

Wie kann man das aushalten? Wie mittragen? Vielleicht, weil man dachte, sie werden es schon verdient haben. Vielleicht, weil man sie nicht als Menschen wahrnahm. Vielleicht, weil man die Realität ausblendete. Weil man um das Grauen wusste, aber keinen Weg sah zu handeln. Wie auch aufbegehren gegen die Nationalsozialisten, wenn man fünf Kinder zuhause hat, die ernährt werden wollen? Wenn man eigene Probleme hat – und Angst.

Als die 10.000 Leichen nach der Befreiung irgendwo hin mussten, als man Gruben aushob und die nackten Leiber mit dem Bulldozer erst übereinander und dann in die Massengräber hineinschob, beschwerten sich die Nachbarn über den Gestank, machten Eingaben über die Zumutungen, die vom Lager ausgingen.

Aus Angst vor Seuchen brannten die Briten das ganze Lager nieder: die Baracken, das Entlausungsgebäude, die Küchen, das Krematorium. Was einzig blieb, war: Fläche. Und es blieben die Hügel der Massengräber. 

Schneise zwischen Bäumen

Auch nach diesem Besuch bleiben Fragen offen.


Hamburg | In Hamburg stand chillen (wir alle), shoppen (die Teenager) und Eis essen (wir alle) auf dem Programm.

Wir sahen uns natürlich auch etwas an. Das Hamburger Schulmuseum zum Beispiel, das ich überraschend lehrreich und unterhaltsam fand – die Kinder auch. Es befindet sich im Stadtteil St. Pauli, man muss anklingeln, es öffnen freundliche Menschen, und man bekommt Zugang in die erste Etage, wo sich die Ausstellungsräume befinden.

Wir sahen uns an, wie Schule in der Kaiserzeit vonstatten ging und dass man geschlagen wurde, allerdings höchstens sieben Schläge pro Tag, so stand es in der Schulordnung. Danach hatte man einen Freifahrtschein. Eindrücklich waren auch die Exponate aus der Nazi-Zeit, besonders die Auszüge aus den Unterrichtsmaterialien – wie man im Mathematikunterricht ausrechnete, bei welcher Vermehrungsrate die „Untermenschen“ den „Herrenmenschen“ überlegen sein würde oder welche Schädelmaße man haben musste, um rassisch rein zu sein. Das Fotografieren war hier verboten – wohl, damit diese Material nicht in falsche Hände gelangt.

Wir besuchten auch den Hochbunker auf St. Pauli, nahmen auch hier ein bisschen Geschichte mit, schauten aber hauptsächlich hinunter. Das kann man von hier aus hervorragend und mit guter Aussicht.

Blick auf das Stadion von St. Pauli mit seiner Regenbogen-Photovolatik

Am Fuße des Bunkers, neben dem Stadion, war Dom, also Kirmes. Wir betrachteten sie vor allem von oben. Wir sahen der Achterbahn zu, wie sie Loopings drehte, und dem Kettenkarrussel, das an einer Säule hoch in die Luft stieg.

Von den Landungsbrücken bis nach Finkenwerder und zurück nutzten wir unser Deutschlandticket für eine Fährfahrt. Das war eine entspannende Sache.

Entdeckung: das Café mit angeschlossener Buchhandlung in den Rathauspassagen, ein integrativer Betrieb für Menschen, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt (noch) nicht schaffen. Die Bücher sind neu und gebraucht. Unter den gebrsuchten finden sich verschiedene Sprachen. Wir verbrachten eine ganze Weile dort.


Chronistenpflicht | Die Etappen nach Hamburg, insgesamt 442 Kilometer:

WIrtschaftsweg, vorne fahre zwei Mädchen auf ihren Fahrrädern, dahinter ein Mann auf einem Gravelbike. Die Fahrräder sind bepackt, Bäume spenden Schatten.
  • von Haltern am See nach Greven (Münsterland) über Senden und Albachten (62 Kilometer)
  • von Greven nach Enger (Kreis Herford) über Glandorf, Bad Rothenfelde und Dissen im Teutoburger Wald (76 Kilometer)
  • von Enger nach Rinteln (Weserbergland) über Löhne, Bad Oeynhausen, entlang Werre und Weser (63 Kilometer)
  • von Rinteln nach Steinhude (Wunstorf) über Bückeburg und Stadthagen ans Steinhuder Meer (54 Kilometer)
  • von Steinhude nach Wietze (Lüneburger Heide) über Resse und Mellendorf (53 Kilometer)
  • von Wietze nach Wolterding (bei Soltau) über Winsen (Aller), Belsen, Wietzendorf und Soltau (59 Kilometer)
  • von Wolterding nach Hamburg über Schneverdingen, Buchholz, Vahrendorf, Moorburg, Steinwerder und durch den alten Elbtunnel (75 Kilometer)

Gelesen | Jørn Horst Lier: Når det mørkner. Deutscher Titel: Wisting und die Stunde der Wahrheit. Der erste Fall von Kommissar Wisting. Er ist junger Streifenpolizist und träumt davon, eines Tages Ermittler zu werden. Jetzt entdeckt er aber erstmal einen Oldtimer in einer Scheune, der ein Einschussloch hat. Außerdem verfolgt er in seiner Nachtschicht Bankräuber. Klassische Ermittlungsarbeit, ein Puzzleteil findet zum anderen, unspektakulär ohne psychopathiche Mörder und wilde Verfolgungsszenen. Ich mag die Serie.

Buch auf einem Tisch

Gesehen | Bereits vor dem Urlaub gesehen: Die schwedische Verbindung. Es ist die Geschichte von Gösta Engzell, einem schwedischen Beamten, der 1942 viele dänische und nordwegische Juden rettete, indem er ihnen gestattete, einen schwedischen Pass zu bekommen und nach Schweden einzureisen. Der Film hat mich sehr berührt, denn er zeigt die schwedische Perspektive auf die Ereignisse, die ich im April im eindrücklichen Dänisch-jüdischen Museum in Kopenhagen sah.

Gelesen | Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind – Die Geschichte meiner verschwundenen Familie, erworben für einen Euro auf dem Bücherflohmarkt im Untergschoss der Hamburger Stadtbibliothek. Maxim Leo erzählt die Geschichte seiner Berliner Familie, die sich ab 1933 in alle Himmelsrichtungen zerstreute, zwangsweise und freiwillig, die Übergänge sind fließend. Er erzählt das Leben seiner Großtanten: die von Hilde, einer Schauspielerin, die in London zur Millionärin wurde; die von Irmgard, einer Jura-Studentin, die einen Kibbuz auf den Golanhöhen gründete; die von Ilse, der Gymnasiastin, die im französischen Untergrund überlebte. Und er erzählt von seiner Generaton, die der Kinder und Enkelkinder. Kurzweilig und bewegend.


Schweine | Die Schweine hatten eine Ferienbetreuung und sind wohlauf. Die Asyl-Oma musste nach unserer Ankunft erstmal zum Friseur. Das Fell schleifte über den Rasen, und am hinteren Ende des Schweins wurde es unappetitlich. Das Tier war schicksalsergeben.

Schwarz-weißes Meerschwein auf der Küchenarbeitsplatte. Es wird festgehalten. Drumherum abgeschnittene Fellhaare.

Ungeachtet der Umstände

9. 07. 2026  •  11 Kommentare

Zusammen Eis essen | Wie würde es sein, sich wiederzusehen, während unsere Länder auf unterschiedlichen Seiten stehen? Unsere letzte Begegnung ist neun Jahre her, dazwischen eine Pandemie, ein Kriegsbeginn und mehr als zwei Meter, die ihre Söhne, alle zusammen, in dieser Zeit gewachsen sind.

Und doch ist es, als wären wir uns vergangene Woche zuletzt begegnet, meine russische Freundin und ich. Nahtlos knüpften wir an das Leben des anderen an, als wir uns am Wochenende in den Niederlanden trafen, nahmen die Gespräche aus 2017 auf, dem Jahr, in dem wir uns zuletzt gegenüberstanden.

Gracht in Leiden, im Hintergrund eine Brücke. Im Vordergrund ein Schiff mit Gastronomie. Die Sonnenschirme sind geöffnet, Menschen sitzen auf Stühlen.

Wir kennen uns seit 36 Jahren. Seit einem Schüleraustausch 1992, als Moskau ins Sauerland kam, auf Initiative eines Lehrers, vielleicht auch einer Lehrerin – so genau weiß ich es nicht mehr. Wir gingen gemeinsam zur Schule, besichtigten Burg Altena, wanderten und fuhren Fahrrad. „Die Butterbrote in Deutschland“, sagt meine Freundin heute, „sie waren so lecker. Es waren köstliche Brote, die deine Mutter mir mit in die Schule gab, knusprig und dick bestrichen.“

Ein Jahr später flog ich nach Moskau. Unsere Abreise verzögerte sich um drei Tage. Der Grund: Putsch gegen Jelzin, Ausschreitungen, Häuserkampf, hundertdreißig Tote, der Brand des Weißen Hauses. Unsere Schulleitung, eine ebenso rührige wie resolute Nonne, telefonierte mit den Russen und ließ sich berichten, wie die Lage ist. Ach, sagte man in Moskau, es sei etwas unruhig, aber es gebe keinen Grund zur Besorgnis. Die Stadt sei groß, die Kinder seien keine Putschisten, außerdem habe man alles für die Ankunft vorbereitet, Tänze und Lieder geprobt, wir könnten ganz unbeschwert sein. Also stiegen wir, die Schüler und Schülerinnen, ein Lehrer, zwei Eltern und eine Nonne, in die Aeroflot-Maschine und flogen nach Moskau.

„Wie war es für dich, nach Moskau zu kommen?“, fragte meine Freundin, als wir über das Damals sprachen, „wir hatten doch nichts, nicht einmal Lebensmittel, und keine so köstlichen, knusprigen Brote.“ Ich war fasziniert von der Stadt, von der Metro, den prunkvollen Stationen und der Geschwindigkeit der Züge. Ehrfürchtig stand ich auf dem Roten Platz und erkundete, wie sechs Jahre zuvor wohl Matthias Rust dort gelandet war. Ich betrachtete den bröckelnden Lenin in seinem Mausoleum, sah die Schätze im Kreml, erlebte große Herzlichkeit und verspeiste eine erkleckliche Anzahl Blinis.

Ein Jahr später reiste ich erneut nach Russland, diesmal alleine und nur mit einem Brustbeutel um den Hals, ich war 15 und es waren Sommerferien – und danach fuhr ich noch etliche weitere Male. Zweimal waren wir in St. Petersburg, jeweils mit dem Nachtzug, ich sah die Erimitage und Schloss Peterhof, wir flanierten durch weiße Nächte. Als wir älter wurden, heirateten, Berufe ergriffen und sie Kinder bekam, trafen wir uns auf Zypern, in Estland, in Lettland, in Bayern und in Berlin – bis zuletzt eine Seuche die Welt heimsuchte, ihr Land einen Krieg begann und unsere Freundschaft plötzlich unterbrochen war.

Am Wochenende sahen wir uns nun zwischen Amsterdam und dem Meer. Ihr Mann und ihre zwei jüngeren Söhne waren dabei, der Reiseleiter auch, und als wir uns gegenüberstanden, umarmten wir uns erstmal fest.

Blick auf Strand und Meer mit wolkigem Abendhimmel. Im Vordergrund ein Platz mit einer Figur. Es ist windig. Auf dem Strand stehen Büdchen und Strandkörbe.

Wir aßen zusammen, die Männer schwammen im Meer, und wir fuhren nach Leiden. Es war ihre Idee, ins Museum De Lakenhal zu gehen. Sie hat einen Faible für alte Bilder und hatte über Jan Steen gelesen, der vor dreieinhalb Jahrhunderten in Leiden eine Taverne betrieb und gerne mehrdeutige Bilder malte. Ganze Geschichten sind es, die sich in seinen Gemälden wiederfinden: über Laster und Leidenschaft, Liebeskummer, Spiel- und Trunksucht.

Anschließend besuchten wir den Hortus botanicus, den botanischen Garten der Universität Leiden, bestaunten Pflanzen und die unerwartete Größe dieses Refugiums inmitten der Stadt. Carolus Clusius, Präfekt des kaiserlischen Heilkräutergartens, hat ihn einst angelegt – ungefähr 50 Jahre, bevor Steen seine Taverne eröffnete. Clusius, so erfuhr ich, hat die ersten Tulpen nach Europa gebracht und wesentlich zur Verbreitung der Kartoffel beigetragen. Außerdem brachte er, nach Stillstand im Mittelalter, wieder Schwung in die Pilzkunde, indem er die erste, umfassende Pilzmonographie der westlichen Welt verfasste. Was man nicht alles lernt, wenn man Blumen und Blätter anguckt!

Als wir den Garten verließen, verlangte die Jugend nach мороженое, maroschnaja. Ich schnappte das Wort auf, es dockte sofort in meinem Herzen an, und wir gönnten uns episch große Eisbecher.

Während wir durch Stadt und Garten streiften, sprachen wir über die Kinder und unsere Eltern, übers Älterwerden, über den Beruf und über das Leben. Wir sprachen darüber, wie das Leben in Moskau heute ist, über Alltag und Sorgen, über die Auswirkungen der Sanktionen und immer, wenn wir den Krieg streiften, sagte jemand нет, nein, nicht dieses Thema. Doch es war nicht zu umgehen. Der große und der mittlere Sohn sind im wehrfähigen Alter; die Armee streckt ihre Hände nach ihnen aus. Sie müssen bald Wehrdienst leisten, zwar nur ein Jahr und nur auf heimischem Boden, so sagt der Staat zumindest, aber niemand weiß, was er mit den jungen Männern vorhat, wenn sie erst einmal seine Uniform tragen.

Gracht in Leiden. Ein Boot mit Gastronomie und wehenden Fahnen ist am anderen ufer vertäut. Im Vordergrund ene Laterne mit Geranien.

Wir saßen in der Sonne an einer Gracht, neben mir ein 16-Jähriger, schlaksig und hoch aufgeschossen. Er trainiert viel, am liebsten draußen, laufen und Calisthenics, auch bei Schnee und Sturm. Er ist ein zurückhaltender Mensch mit einem filigranen Gesicht, in seinen Augen Neugier und Freundlichkeit, auf seinem Kopf wilde Locken. Er ist ein guter Zuhörer, stellt viele Fragen und hat Pläne für seine Zukunft. Am liebsten möchte er im Ausland studieren. Er spricht fließend Englisch und lernt Deutsch, mit dem Goethe-Institut und Duolingo.

Wir betrachteten die Boote, die an uns vorbeizogen, Möwen und Tauben umflatterten uns. Er habe Schwierigkeiten in der Schule gehabt, erzählte er, das System sei streng und er habe sich nicht gut aufgehoben gefühlt. Aber nun habe er etwas gefunden, das ihn interessiere: Er programmiert und designt. Seitdem gehe es ihm besser. Eine Freundin habe er jetzt auch, seine erste. „Vermisst du sie?“, fragte ich. Er nickte. An seinem Rucksack hing eine gehäkelte Frucht; seine Freundin habe sie ihm mit auf die Reise gegeben, damit er sie immer bei sich habe. Als er sagte, dass er zur Armee müsse, vielleicht sogar sehr bald, stand Furcht in seinen Augen.

Gracht in Leiden, fotografiert von einer Brücke, im Vordergrund Geranien.

Wir umarmten uns lange, als wir auseinander gingen, die Jungen, meine Freundin und ich. Jetzt, nachdem alles wie früher war, konnten wir uns erzählen, wie wir uns vor dem Treffen gesorgt hatten; wie wir uns gefragt hatten, ob wir noch die sind, die wir einst waren; ob wir unsere Freundschaft in der Vergangenheit zurücklassen oder mit in die Zukunft nehmen.

Wir gingen erfüllt und zugleich sorgenvoll auseinander, denn wer weiß, wann wir uns wiedersehen, in welcher Zeit, in was für einem Zustand der Welt. Diesmal wird es nicht wieder neun Jahre dauern, den Verhältnissen zum Trotz. Das haben wir uns versprochen. Weil man regelmäßig zusammen Eis essen sollte, ungeachtet der Umstände.


Gehört | Die Lange Nacht im Deutschlandfunk: Radfahren – Pedale, ein Lenker und das reicht. Kurzweilig.

Gelesen | Eine Frage, die ich mir seit Längerem stelle – immer dann, wenn ich durch eine weitere dieser neuen, Minecraft-ähnlichen Klötzchensiedlungen fahre: Why don’t we have nicer buildings? Die Antwort: Schöne Architektur erhöht den Wert des Gebäudes selbst wie auch seiner Nachbarschaft. Der Investor profitiert aber nur zum Teil von seinem Invest – der Rest des Gewinns wird vergemeinschaftet.


Schweine |  Abendlicher Schnadegang.

Drei Meerschweine im Garten, die einen unter einer Malve, das andere Schwein knabbert an einem Dickblattgewächs.

Klötzchen, Arbeit und Müggelsee

12. 06. 2026  •  5 Kommentare

Berlin | Ich war beruflich in Berlin und bin nur einer nackten Person begegnet. Sie war auch nicht komplett nackt, sondern hatte nur die Hose heruntergelassen und pinkelte mit festem Strahl in einen Hauseingang in der Invalidenstraße.

Abgesehen von diesem Ereignis verhielten sich alle Menschen angemessen. Das ist erstaunlich, diese Quote habe ich in Berlin sonst nicht, besonders nicht in den S- und U-Bahnen. Bei meinem letzten Besuch traf ich einen Mann in einem Cowboykostüm, besser gesagt, nun ja, in Teilen davon: Er trug Cowboystiefel, eine Weste, einen Hut und ein Pistolenhalfter, sonst nichts. Er sang ein Lied, und es war schwer zu sagen, was unerquicklicher war, der Gesang oder das übersichtliche Gewand.

Eckkneipe "Hauptmann von Köpenich" mit eine Kreidetafel mit Süeisen ("Cordon Bleu und Kroketten 8,40 Euro"), vor dem Fenster Holzbänke, daneben ein großes Bild von Heinz Rühmann.

Ich schweife ab.

Ich war beruflich in Berlin, erst am Müggelsee, dann in Mitte. Am Müggelsee war ich vorher noch nie. Das ist toll, ich konnte eine neue Gegend entdecken. Ich fuhr mit der S-Bahn bis nach Köpenick und dann mit dem Bus bis in den Wald hinein, wo das Tagungshotel war. Ein interessanter Ort! Das Hotel wurde einst als Arbeiterwohnheim errichtet – für alle, die am Bau des Palasts der Republik beteiligt waren. Später wurde ein Hotel daraus. Heute, im Jahr 2026, hängt ein morbider Charme über dem Plattenbau. Auf einer Architektenwebsite heißt es:

Unter dem Motto „Schnell. Spürbare Veränderung. Preiswert.“ soll das in die Jahre gekommene Hotel behutsam, aber kreativ modernisiert und in die heutige Zeit übersetzt werden.

Work in Progress. Im Innenhof steht hoch das Gras, in den Gängen fehlt die ein oder andere Deckenplatte. Efeu überwuchert Laubengänge und wächst bis ins Innere hinein. Aber die Zimmer sind in Ordnung, das Restaurant ist renoviert, die Menschen im Service sehr freundlich. Es gab Spargel zu essen, dazu Blick auf den See. Ich wünsche dem Ort nur das Beste.

Ein langer Bootssteg in den Müggelsee - aus Beton mit Metallgeländer. Es ist Abend und dämmrig, aber gutes Wetter.

Ich war dort für ein Seminar. Wir beschäftigten uns mit Entscheidungen, mit der Psychologie dahinter, mit Entscheidungsphänomenen und mit Organisationsdynamik. Die Teilnehmenden waren allesamt Fachleute, Naturwissenschaftler. Wir besprachen, welche Faktoren neben den fachlichen Argumenten zu einer Entscheidung beitragen (mehr dazu).

Vom Müggelsee wechselte ich nach Mitte: Der Wald wich Bürohäusern, der See verschwand im Heckfenster des Busses. In Mitte schlief ich im Gartenhotel. Dort war ich schon einmal, und ich mag es sehr: ein Altbau mit knarrenden Dielen, wunderbaren Zimmern, einem Hinterhof mit Garten und einem Hotelkater.

Im Hotel schaute ich, während ich mich für den Tag bereitmachte, morgenmagazin. Der Menge an Männern in Nationaltrikots entnahm ich, dass die Herren-Fußball-WM bevorsteht. Ich hatte das zwar mitbekommen – eine Freundin arbeitet beim zdf sport und wir sprachen jüngst über ihre Dienste -, aber der genaue Tag war mir entfallen. Bei keiner WM habe ich bislang weniger Begeisterung empfunden.

Zwei Tage lang begleitete ein Führungsteam durch die Wirren, die unsere dynamischen Zeiten mit sich bringen. Wir schauten hinter Mechanismen und fegten ein bisschen durch. Abends aß ich Piroggi und las einen Krimi.


Klötzchen | Zwischen Ende der Arbeit und Abfahrt meines Zuges hatte ich zwei Stunden frei. Ich ging in den Hamburger Bahnhof, die Nationalgalerie der Gegenwart, um mir diese Klötzchensache anzuschauen, von der ich gehört hatte.

Was Kunst angeht, vor allem Gegenwartskunst, fehlt mir einigermaßen der Sinn. Ich schaue sie dennoch an und mag es, wenn ich etwas darin erkenne. Außerdem werde ich gerne überrascht, und das ist, denke ich, das Wesentliche an Kunst: Die bestehenden Perspektiven und Erwartungen zu crashen. Deshalb ging ich Klötzchen gucken.

Die litauische Künstlerin Lina Lapelytė hat 400.000 Holzwürfel in die historische Bahnhofshalle gekippt, Musik angemacht, und nun können alle mitmachen. We Make Years Out of Hours heißt die Performance, und ich verstand den Satz sofort: Man kann in den Klötzen versinken, sich in den Bau vertiefen, und nach eine Stunde, die sich wie ein Jahr anfühlt, wieder auftauchen.

Eine Wand aus Klötzen, gestapelt in unterschiedlichem Abstand, manche auch quer, so dass sich Muster ergeben.

Da war zum Beispiel das Paar, beide bereits im Rentenalter, die gemeinschaftlich an einer Mauer bauten. Sie neigten sich einander zu, besprachen sich, gingen auseinander, holten Klötze und stapelten. Die Klötze standen weit auseinander, sie bauten ein Sieb, und sie bauten hoch.

Am anderen Ende der Halle, entfernt von ihnen, lebte ein junger Burgherr, vielleicht einen Meter hoch (der Burgherr), die Burg ebenfalls, aber eindeutig eine Festung mit Zinnen und Türmen. Er lief hinaus und hinein, winkte einer Frau mit weißem, wallenden Haar, und verschwand wieder hinter seinen Mauern. Das tat er mehrere Male, und immer, wenn er hinter den Mauern verschwand, hüpfte er kurz vor Freude.

Holzklätze, aufgestapelt zu einer Mauer, unten ein Viereck, oben ein Dreieck.

An einer anderen Stelle war ein Mann, der sich bedächtig bewegte. Er war sehr dünn, seine Bewegungen waren ohne Ecken und Kanten, ein geschmeidiger Tanz. Er legte die Klötze mit Abstand in einem Rund, stapelte weitere darauf. Sie neigten sich leicht in die Mitte. In Minuten, die vielleicht Stunden waren, stapelte er Reihe für Reihe, bis aus dem Rund ein Kegel wurde, der in einer Antenne mündete.

Währenddessen fiel dem Paar im Rentenalter krachend eine Wand um. Sie lachten und stupsten sich. Du warst es, nein Du! Sie nahmen das Unglück zum Anlass, die Reste zu betrachten und zu beraten, zu was sie noch taugten, wie es nun weitergehen sollte. Dann nahme sie den Bau wieder auf.

Ich selbst baute nichts, ich hatte meine Kreativität im Tag gelassen. Ich dachte nur: Alleine wäre ich nicht einmal auf einen Bruchteil der Kreationen gekommen.

Lina Lapelytės Klötze erzählen vom gemeinschaftlichen Seins und davon, was bleiben darf und was geht, was Neues anstößt und was umfällt, und was mehr ist, als andere in ihm sehen. Eine große Freude.


Wahrheit | In einem der Seitenflügel betrat ich die Wahrheit, Truth, ein Werk von Shilpa Gupta. Je nachdem, wo man steht, sieht die Wahrheit immer anders aus. Gefiel mir.

Die Buchstaben TRUTH stehen und liegen in einem Raum. Sie sind sehr groß. Man kann um sie herumgehen.

Leser’innenfrage | Eine Frage auf der Themenvorschlagsliste: „hast du yesteryear schon gelesen und was hältst du davon?“

Von dem Buch hatte ich bis zu der Frage noch nichts gehört. Aber jetzt! Das werde ich auf jeden Fall lesen. Leider ist mein Geburtstag und damit ein Schenkanlass bereits vorüber. Ich denke, es wird eine gute Lektüre für den Sommerurlaub, wenn ich, ermattet vom Fahrradfahren, in einem Sessel niedersinke.


Gelesen | Henning Ahrens: Mitgift. Eine Geschichte über sieben Generationen. Im Mittelpunkt steht das, was zwischen den Generationen passiert und sich mit ihnen fortpflanzt: Selbstverständis, Traumata, Hybris und die Verantwortung für einen Hof. Anfangs kam ich schwer rein, zumal alle Männer Wilhelm heißen, was die Sache nicht vereinfacht. Das löste sich auf, und am Ende gefiel mir das Buch gut.


Schweine | Das Oma-Schwein musste in die Frisierstube. Ihr Fell ist so dicht und lang geworden, dass ich einmal drumherum schneiden und Knoten entfernen musste. Nun fällt es wieder in lockeren Stufen, schwungvoll und voluminös. Sie ließ es gelassen – oder in Schockstarre, man weiß es nicht – über sich entgehen.

Mit Zug und Fahrrad nach Ostfriesland – mit einem Ausflug in die Ferien der 80er Jahre

1. 06. 2026  •  4 Kommentare

Abenteuer | Vor kurzer Zeit schrieb mich eine Kollegin an – eine geschäftliche Angelegenheit. Wir mailten ein wenig hin und her, und ich weiß gar nicht, wie es kam: Es endete jedenfalls in einer Verabredung. Denn es war an der Zeit, sie und ihren Mann zu besuchen. Vor einigen Monaten sind sie in die Nähe von Aurich gezogen; schon Jahre zuvor haben sie dort ein Haus erworben und es als Zweitwohnsitz genutzt. Nun wohnen sie richtig dort.

Ich checkte die Bahnverbindung und stellte fest, dass es ein kostengünstiger Ausflug mit dem Deutschlandticket ist: Mit dem Zug nach Münster, von dort nach Emden und von dort mit dem Fahrrad weiter nach Aurich. Das geht ruckzuck. Ich erwärmte den Reiseleiter für die Idee, und so sattelten wir am Samstagmorgen die Räder und machten uns auf nach Ostfriesland.

Es wäre auch bestimmt eine entspannte Fahrt gewesen – an einem anderen Tag. Es hatte jedoch am Vortag gewittert, Teile des Münsterlandes waren abgesoffen oder umgeknickt, die Bahnstrecke um Rheine war nur eingleisig befahrbar, hier und dort hingen Oberleitungen herab und lagen Bäume auf den Schienen. Die Bahn, das muss man ihr zugute halten, bot auf, was sie hatte, und informierte, wo sie konnte. Doch es wurde schnell klar: Das wird für alle ein spannender Tag.

Wir verabschiedeten uns von Fahrplänen, kauften uns ein zusätzliches Stützbrötchen, setzten uns in einen Zug und zuckelten damit nach Ostfriesland, mit etlichen ungeplanten Halten und 90 Minuten Verspätung. Der Zug endete außerplanmäßig in Leer statt in Emden, eine missliche Angelegenheit. Aber wir hatten ja Fahrräder und ausreichend Proviant dabei – und so entschieden wir uns kurzerhand, von dort aus ans Ziel zu radeln.

Pause, dank Zusatzbrötchen und Keksvorräten:

Im Vordergrund, unscharf, ein Beutel, darauf ein angebissenes Brötchen, eine Trinkflasche, Kekse und eine Sonnenbrille. Im Hintergrund Fahrräder, Wiese, Sonnenschein.

Kurz vor dem Ziel nahmen wir noch ein Radler und ein Eis zu tun. Beides half, die zusätzlichen Kilometer zu verkraften und auf dem letzten Streckenabschnitt nochmal Schwung aufzunehmen. Am Ende waren es dann auch nur 50 Kilometer.

In Aurich mussten wir auch nicht hungern: Wir bekamen die Vorzüge eines Pizzaofens vorgeführt. Wir testeten die Resultate eingehend und waren rundheraus angetan. Große Knusprigkeit!

Eine Pizza mir dickem, knusprig-fluffigem Rand, Rucole und Büffelmozzarella auf einem Holzbrett

Zwischen zwei Bissen befand der Reiseleiter, dass wir, wenn wir schonmal in Ostfriesland seien, doch auch das Meer sehen müssten. Er schlug vor, am nächsten Tag statt nach Leer nach Norddeich zu radeln, einmal die Füße ins Wasser zu halten und dann von Norddeich aus nach Hause zu fahren. Ich wand ein, dass das Meer möglicherweise nicht da sein werde, wenn wir es besuchen kämen. Wir checkten den Tidenkalender und siehe da: Flut am Mittag.

Am nächsten Vormittag radelten wir also gen Norddeich.

Auf dem Weg hielten wir in Hage-Berum, dem Ort, in dem ich über viele Jahre zahlreiche Oster-, Herbst- oder Sommerferien verbracht hatte, mal als Familienkur mit Wassertreten und Inhalationen, mal ohne. Was war es für eine Sensation, wenn wir ins Restaurant Krone gingen, es Pommes gab, und wir aus dem Restaurant heraus ins Hallenbad gucken konnten! Das Verrückte: Es sah alles noch aus wie 1986.

Ein Gebäude mit Glasfront, darin ein kleines Hallenbad, daneben das Restaurant Krone. Das Gebäude ist Rot-Gelb und hat den Charme der 80er Jahre.

Die Farben, die Gebäude – original Kindheit.

Wir fuhren zu dem Ferienhaus, das wir immer bewohnt hatten. Auch hier war noch alles wie in den 80ern: der Anker vor der Tür, der Briefkasten, die Rhododendronbüsche. Sogar die Bistrogardinen in den Fenstern! Ich roch das Haus: eine Mischung aus Mehl und Haferflocken, die schon lange in den Schränken lagern, mitgebrachtem Nordseesand, alten Polstern und aufgebrauchtem Duftstein.

Auf dem weiteren Weg sinnierte ich, wie zufrieden ich damals war. Es waren wirklich immer tolle Ferien. Bis in mein Erwachsenenleben hinein habe ich keine weiten Reisen gemacht. Mallorca, Kanaren oder Türkei lagen völlig fern. USA, Asien oder Kreuzfahrten sowieso. Ein paarmal fuhren wir statt an die Nordsee mit dem Auto an die Adria – eine Weltreise für mich als Kind, mit Geldwechsel und Grenzübertritten. Sehr aufregend!

Der Reiseleiter und ich radelten weiter nach Norddeich. Das Meer war verabredungsgemäß anwesend. Wir stellten unsere Füße ins Wasser: 19 Grad – Badetemperatur! Allerdings hatten wir keine Badesachen mit.

Die Rückfahrt gestaltete sich ebenso improvisiert wie die Hinfahrt – und zudem sehr gesellig. Der Zug endete diesmal nicht außerplanmäßig in Leer, sondern in Rheine. Dort wieder Unwetter. Der Nachfolgezug stand mit offenen Türen am Bahnsteig, Bäche liefen vom Dach in den Waggon, gemeinsam mit anderen harrten wir stehend aus, zusammengekuschelt und regenumflossen, einen Sitzplatz gab es nicht mehr. Irgendwann waren wir zu Hause, sogar gar nicht mal so spät.

Heute habe ich Muskelkater. Nicht vom Fahrradfahren, sondern vom Fahrrad-die-Treppen-in-den-Bahnhöfen-rauf-und-runter-Tragen. Vor den Fahrstühlen standen nämlich an jedem Bahnhof sehr viele Urlauber mit schrankgroßen Koffern – in Warteschlangen, die länger waren als die Umsteigezeit. Fünfzehn Kilo Fahrrad plus acht Kilo Gepäck mal drei Umstiege plus Gleiswechsel, das ist besser als Gym.

Insgesamt ein Vergnügen, das ich möglicherweise wiederholen werde. Dann allerdings an einem Wochenende ohne Gewitter, dafür mit Zugfahrplan.


Serviceblog Bahnfahren | Dies ist ja ein Serviceblog. Deshalb schreibe ich hier kurz auf, wie man ein deutschlandweites Fahrradticket zum deutschlandweiten Deutschlandticket dazubucht – das habe ich nämlich am Wochenende herausgefunden: DB-Navigator-App, dort „Regionale Angebote“ auswählen, dann „Deutschlandweite Angebote“ wählen – und die Logik hinter dieser Usability ignorieren. Es werden nun zwei Tickets angezeigt, darunter das Fahrradticket für 7,50 Euro, mit dem man sein Fahrrad über Bundeslandgrenzen hinweg im Regionalverkehr mitnehmen kann.

Weil wir gerade bei Ergänzungen zum Deutschlandticket sind: Im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr schätze ich das Zusatzticket für 4,60 Euro. Es berechtigt zweitklassige Deutschlandticket-Besitzer’innen wie mich für das einmalige Einsitzen in der 1. Klasse – fantastisch, wenn es laut, voll und turbulent ist. Ich habe das Produkt „Seelenfrieden für Viersechzig“ getauft.


Serviceblog Radeln | Auf den 90 Kilometern durch Ostfriesland habe ich etwas Neues ausprobiert: Deumavan-Schutzsalbe. Denn auch wenn ich radreiseerfahren bin, habe ich trotzdem Schmerzen beim stundenlangen Sitzen auf dem Sattel. Die Salbe half, dünn aufgetragen, gut: Ich hatte deutlich weniger Irritationen. Möge diese Information segensreich für andere Radlerinnen sein.


Freude | Die Fahrrstellplätze im RE15, der uns von Münster bis nach Leer fuhr, waren übrigens super. Metallbügel mit Anschnallgurten. Man kann bis zu fünf Fahrräder voreinander stellen; das war dann auf der Rückreise der Fall. Es gibt keine Konkurrenz mit Menschen, die sich auf den sonst üblichen Klappsitzen niederlassen. Gerne mehr davon.

Zwei Fahrräder im Zug an ihren Stellplätzen, angegurtet.

Schweine | Die Schweine waren fremdversorgt, quasi Essen auf Rädern, und genossen ihr freies Wochenende.

Zwei Meerschweine, die gleichzeitg an einem Blatt Mangold fressen. Ein Schwein guckt überrascht ind ie Kamera.

Eine Reise nach Brüssel

18. 05. 2026  •  5 Kommentare

Prolog | Auf die Idee, nach Brüssel zu fahren, kam der Reiseleiter auf dem Weg nach Bilbao, nach Barcelona und nach Paris. Immer fuhr er mit dem Zug durch die Stadt, niemals schaute er hinein. So bekam ich ein Weihnachtsgeschenk, und wir verbrachten vergangenen vier Tage in Brüssel. 


Gegensätze | Mein erster Eindruck: Brüssel erscheint überraschend versprengt. Mir fehlte es zunächst an Orientierung. Kein Fluss, der sich von Nord nach Süd oder Ost nach West durch die Stadt schlängelt. Drei Bahnhöfe. Neunzehn selbstständige Gemeinden mit neunzehn Bürgermeister‘innen. Dazu die Unterschiede!

Wir kamen am Gare du Nord an und stiefelten zu Fuß zu unserer Wohnung zwischen Saint-Josse-ten-Noode und Brüssel-Stadt. Jesusmaria, ich bin Einiges gewohnt, aber diese Ansammlung an Müll, Unrat und Abbruchhäusern war außergewöhnlich. Dazwischen Mini Markets und Imbisse, dröhnende Mopdes und Menschen jeder Herkunft. Einer wusch sein Motorrad, ein anderer pinkelte in einen Hauseingang, man saß auf Treppen und stritt sich auf dem Bürgersteig. Wir bezogen Quartier in der Rue du Cardinal, zwischen einer Grundschule und einem Café, fußläufig zu einem kleinen Park, den europäischen Institutionen und einem Carrefour Express.

Möchte man ein Bild bemühen, wäre es: Brüssel, das Narnia Europas. Man kann aus einem bürgerlich-touristischen Viertel in eine Seitenstraße abbiegen, und plötzlich bröckeln die Fenster aus den Fassaden, riecht es unerfreulich nach Urin und sammelt sich der Unrat in Beeten und Hauseingängen. Selbst hinter der ausladenden Gotik-Kathedrale Saints-Michele-et-Gudule, die Brüsseler Altstadt zu Füßen, gelangt man unversehens in ein Niemandsland verkommender Großbauten. Irgendwann einmal soll hier, in einem Gebäude mit verspiegelten Fenstern, die Brüsseler Polizei einziehen und ihr Nieuw Hoofdkantoor bekommen. Bis dahin wohnen Obdachlose in den Eingängen. 

Die Schönheit Brüssels findet sich in den Vierteln.

Eine bunte Straße, vorne ein Blumenladen mit einer englisch anmutenden Fensterfront, dahinter eine Fahrradstraße mit Geschäften. Menschen wuseln herum. Es ist bunt.

Wir entdeckten Les Marolles und Ixelles mit Altbauten, schmalen Straßen, kleinen Geschäften und Cafés. Wir ließen uns durch die Läden treiben, pausierten bei Kaffee, beobachteten die Leute und lauschten den Gesprächen, die sich um Arbeit und Kinder, Wohlergehen und Zukunftspläne drehten. Die Atmosphäre von Veedeln, die heute junge Berufstätige und gut verdienende Familien anziehen: Man spürt das historische Arbeiterviertel, während für den Café Latte fünf Sorten Milch zur Auswahl stehen. 

Auch inmitten der Marolles wieder Gegensätze: Angeflanscht an Straßenzüge voller Antiquitätengeschäfte, Second-Hand-und Vinylläden, inmittern der gentrifizierten Gemütlichkeit, steht die Cité Hellemans, Brüssels früher sozialer Wohnungsbau, entstanden 1905. Sieben Wohnriegel, vier Geschosse hoch, im Jugendstil erbaut, ersetzten einst ein Elendsviertel. Die 272 Wohnung waren seinerzeit das Beste, was man kriegen konnte: drei Zimmer mit Toilette, fließendes Wasser und eine Loggia zum Wäschetrocknen. Heute, nach zwei Renovierungen, sind es noch 234 Wohnungen.

Cité Helmanns, ein Wohnriegel in Backstein, vier Stockwerke hoch mit eisernen Balkonen

Die Gebäude sind imposant, eine wunderbare Architektur. Der Sperrmüll, der sich teils in den Loggias ansammelt, die Mülltüten, die aus den Tonnen in den Hof quellen, sind ebenfalls beeindruckend. Herausgeputzt und heruntergekommen, aufgeräumt und vermüllt, hier findet sich beides in Nachbarschaft, Balkon an Balkon, Durchgang an Durchgang.


Europa |  Wir besuchten die eurpäischen Institutionen, standen vor Gebäuden und sahen Flaggen wehen.

Der Europäische Rat: Ein hohe, metallenes, konkaves Gebäude. Davor wehen Europaflaggen. Unter den Flaggen stehen Fahrräder.

Es war langes Wochenende, niemand arbeitete. Vor dem Pub, der sich gegenüber dem Europäischen Rat, befindet, stand der Wirt stand auf der Straße, die Arme verschränkt, und schob mit den Füßen Kieselsteine hin und her.

Was mich verwunderte: Die Europäische Kommission, der Rat – alles war einfach mittendrin, wuchs unvermittelt aus dem Stadtviertel. Ich hatte mir vorher keine Vorstellungen gemacht; möglicherweise war ich von einem eigenen Ort, einer eigenen Welt ausgegangen, ähnlich wie in Berlin, wo Reichstag, Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus zwar ein Ensemble in der Stadt bilden, aber doch außerhalb der Alltagswelt liegen, jenseits von Wohnhäusern vor denen sich Kinderwagen, Fahrräder und Mülltonnen sammeln.

Großer Banner entlang einer konkaven Brücke: Democracy in Action.

Wir besuchten das Haus der Europäischen Geschichte und sehen auf sechs Etagen, was dieser Kontinent in den vergangenen Jahrhunderten erlebt hat. Es ist recht eindrücklich, es so gebündelt zu haben.

Ab der vierten Etage waren wir live dabei, ab Ende der 1970er Jahre; kennen wir die Ereignisse aus Familienerzählungen und eigenem Erleben. 


Atomium | Wir fuhren weit hinaus in den Norden und besuchten das Atomium. In meiner Vorstellung befand es sich immer mitten in der Stadt, wie der Arche de Triomphe in Paris oder das Brandenburger Tor in Berlin. Tatsächlich waren wir eine ganze Weile unterwegs bis zum Messegelände, dem Ort der Weltausstellung 1958, anlässlich derer das Atomium erbaut wurde – eine Veranstaltung, die vom Glauben an Atomkraft, Raumfahrt und das Automobil geprägt war. 

Passend zum Jahrzehnt gab sich der Tag sanft sepiafarben.

Zwei breite Straßen führen zum Atomium, dazwischen ein Grünstreifen.

Das Atomium kann man betreten, auch das lernte ich im Vorfeld des Besuchs. In den Kugeln: eine Ausstellung zur Weltausstellung. Wer heute, knapp 70 Jahre später, hindurchschreitet und auch nur ein annähernd kritischer Geist ist, schaut mit morbider Faszination auf die Devotionalien. Was muss das für eine Veranstaltung der Hoffnung und des Aufbruchs gewesen sein! Welch Wege wurden danach eingeschlagen, die heute alle wieder korrigiert werden müssen. 

Im Atomium selbst wähnte ich mich im Raumschiff Enterprise, in der Ausgabe von 1969. Stiegen und Treppen führen in die Kugeln mit ihren Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen, rote Stufen in metallenen Röhren, futuristisch, so wie man sich 1960 die Zukunft vorgestellt hat.

Ich hätte es als völlig selbstverständlich hingenommen, wäre mir auf einer der Treppen William Shatner im Neopren-Anzug entgegengekommen. „Warp Eins! Wir verlassen Planet Erde.“ Mit Captain James T. Kirk auf Mission in unendliche Weiten.

Als wir kurz nicht aufpassten, gerieten wir in eine Fernsehshow. Ein Gitter öffnete sich, wir wurden von einer Gruppe mittelalter Menschen mietgezogen, kletterten eine Stiege hinunter und waren plötzlich Teil einer Quizshow. Alle Leute waren sehr geschäftig, es wurden Kamera gerückt und Gesichter gepudert, und es war sehr warm. Man wollte uns auf Plätze im Publikum schieben, aber ich wollte auf keinen Fall über Stunden in einem heißen Atom gefangen sein. Also klärte ich das Missverständnis auf und wir kletterten wieder empor.

Ein Fernsehstudio in einem runden Raum.

Falls Sie einen Besuch des Atomiums erwägen, hören Sie vorab ausführlich in sich hinein, ob Sie unter Klaustrophobie neigen oder ob Sie neurologisch auf pulsierende Lichter reagieren.


Design Museum | Im Ticket fürs Atomium ist das Design Museum enthalten, der Ort der Plastic Design Collection, einer Sammlung von Kunststoffexponaten von den 1950ern bis heute. Frisch der Raumpatrouille entkommen, der Kopf schwummrig von engen Stiegen und psychedelischen Lichtinstallationen, fühlte ich mich bestens abgeholt von der orangenen Retro-Plaste. 

Ein Telefon mit Wählscheibe aus orangenem Plastik. Es sieht aus wie ein Flugzeug, die Wählscheibe ist der Propeller, der Höhrer die Flügel.

Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich einige Gegenstände aus meiner Kindheit und Jugend kannte. Ein Schreibtisch stand im Zimmer eines Spielkameraden, die Rechenmaschine auf dem Schreibtisch meines Vates, die Trockenhaube bedeckte monatsweise den Schopf meiner Oma und auch die Regale kamen mir seltsam bekannt vor.

Wenn Alltagsgegenstände des eigenen Lebens beginnen, sich in Museen anzusammeln, wird man wohl alt. 


Brüssel Pride | Während wir in Brüssel weilten, feierte Brüssel Pride seinen 30-jährigen Geburtstag, und die Stadt kann mit Fug und Recht behaupten, den Regenbogen durchgespielt zu haben. An jeder Straßenecke, vor den Europa-Gremien, im Triumphbogen, in den Fenstern der Bürogebäude, beim Friseur ebenso wie im Blumenladen war Pride, sogar das Maenneken Piss trug eine Blumenkette. 

Gemessen daran war der Tag der Parade geradezu nüchtern. Die Feiernden mischten sich quasi aufkommensneutral unter die üblichen Touristen. Hier und da sah man Menschen in Netzhemden, geschminkte Herren und sonstwie stereotyp zuzuordnende Menschen im üblichen Strom der Brüssel-Besucher.  Die Standardtouristen wiederum fanden sich fröhlich wippend, mit Glitzerstaub auf den Wangen, vor der Pride-Bühne auf dem Mont des Arts ein; ältere Ehepaare in Outdoorjacken, mit Rucksäcken auf dem Rücken und Regenbogenaufklebern auf den Wangen.


Comicmuseum und alte Meister | An zwei verschiedenen Orten besuchten wir ein- und dieselbe Kunst: die des bildhaften Geschichtenerzählens. In den Musées Royaux des Beaux-Arts, den Königlichen Museen der schönen Künste, sahen wir die Bilder der Bruegel-Familie und ihrer Zeitgenossen, Ölschinken mit landschaftlichen und christlichen Motiven, dörfliche Szenen, moralische Gleichnisse und historische Wimmelbilder. 

Große Säulenhalle mit einer Skulptur

Im Comic-Museum sahen wir die Zeichnungen belgischer Illustratoren, Bildfolgen voller Details, das Ergebnis jahrelanger Arbeit, mal Heldengeschichten, mal humorvolle Anekdoten, mal moralisierend wie die Renaissance-Maler, mal historische Ereignisse erzählend. Mir scheint, der Unterschied zwischen beidem ist rein stilistischer Natur.

In beiden Museen waren die Gebäude Teil des Erlebnisses. Das Gebäude des Comismuseums, ein Lager- und Kaufhaus aus der Feder des Architekten Victor Horta, sollte in den 1970er Jahren abgerissen werden; stattdessen sollte ein Parkhaus seinen Platz einnehmen. Eine Initiative mchte sich für den Erhalt des Hauses stark – welch ein Glück.

Eine Halle mit einem Atrium, darin eine große Laterne, im Hintergrund ein erleuchteter Laden mit Comics.

Bemerknis | Ich werde zur Nörgeltouristin, vorerst nur innerlich, nach außen bleibe ich höflich. Doch die allerorten präsente Beschallung macht mich grantig. Schlecht komponierte Popmusik in Geschäften und Restaurants, exorbitante Lautstärke – ich kann das nicht.

Einmal bat der Reiseleiter freundlich, ob man die Musik im Restaurant leiser drehen könne; die Bässe bohrten sich in unser Hirn, während wir aßen. Ein anderes Mal verließ ich ein Geschäft, als die Verkäuferin und ich uns anschreien mussten, weil der Radiopop so laut ins Geschäft brüllte. „PARDON“, rief ich, „je ne peux pas faire mes courses avec chaque musique forte“, ich kann bei dieser lauten Musik einfach nichts einkaufen.


Kaufhaus | Im Marollen-Viertel entdeckten wir den Laden aller Läden, ein Amazon des Antiken. Ein Ort, das nebenbei, gänzlich ohne Musik.

Ein Haus mit einem Atrium. Auf drei Etagen Kram.

1.200 Quadratmeter voller Tische, Stühle, Sessel und Sofas, Kommoden, Bügeleisen, Küchenwaagen und Anstecknadeln, Spielzeug, Teller, Tassen und Teppiche, Garderoben, Vitrinen, Vasen, Kannen, Schirmständer, Lampen und Leuchten, Bilder, Buddelschiffe und Blechschilder, Figuren und Aschenbecher, ein Motorrad. 


Und sonst | Es folgen lose Eindrücke aus der Altstadt und den Vierteln, hübsche Eckchen, eine bemerkenswerte Passage und ein Seifenblasenmoment.


ESC | Für einen kurzen Moment verfolgten wir am Samstagabend den ESC. Ich hatte meine Kontaktlinsen schon entfernt, lag im Bett, las ein Buch und kommentierte zwischendurch die Musik. Der Reiseleiter schaute sich den Wettbewerb an. „Du kannst es nicht sehen“, sagte er irgendwann, „wenn du es sehen könntest, wäre es noch absurder. Der Sänger trägt einen rosafarbenen Anzug und tanzt über Tische. Die Tische werden von Männern verschoben, die keinen Kopf haben. Statt eines Kopfs haben sie ein Computerbildschirm. Der Monitor ist aber kein Monitor, sondern grünes Fell.“ 

Diese Art des deskriptiven ESC-Guckens gefiel mir sehr gut. Das werden wir im kommenden Jahr fortführen. 


Schweine | Während wir fort waren, kümmerten sich die Nachbarn um die Schweine. Der humanoide Futterautomat funktionierte also durchgehend. Mehr ist den Damen nicht wichtig.

Tourblog #5 Lübeck – Kopenhagen: Test eines Mythos – Radfahren in Kopenhagen

28. 04. 2026  •  8 Kommentare

Prolog | Dies ist der letzte Beitrag zu meiner Reise. Bald gibt’s wieder Alltag.

Wir fuhren nicht nur mit dem Fahrrad in die dänische Hauptstadt – auch in Kopenhagen nahmen wir ausschließlich das Rad. Das war nicht geplant, wir wären auch Metro gefahren. Aber es war einfach das Praktischste. Und erwies sich als wunderbar, um viel zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen.


Nach Kopenhagen | Wir kamen aus dem Süden, die Küstenorte entlang, und fuhren über einen der Cycle Superhighways in Kopenhagen ein.

A cycle superhighway is defined both by its location, as well as its physical qualities. The highways connect work, study and residential areas as well as public transportation hubs making it easy to combine a commute with public transport. The routes are marked by road signs as well as orange signage spots in the asphalt making wayfinding easier for commuters – they simply follow the orange C.

Es gibt neun Cycle Superhighways, die Vororte mit Kopenhagen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbinden. Hier mehr dazu – mit Videos.

Es ist wirklich ausgesprochen kommod, mit dem Rad nach Kopenhagen einzupendeln. 20 Kilometer scheinen kein Problem zu sein: glatt asphaltierte, breite Wege, Beleuchtung, kein Autokontakt. Man ist sehr schnell, auch mit mittlerer Kondition. Wir fuhren auf Bio-Bikes, mit E-Bike kann man sicher auch weiter (oder noch schneller) einpendeln. Es macht auf jeden Fall Freude. Die Landschaft ist auch hübsch.

Zugegeben, es hat nicht geregnet. Dafür hatten wir satten Gegenwind.


In Kopenhagen | Weiter nach Kopenhagen rein fuhren wir über die Cykelslangen, Fahrradschlange, eine bekannte, knallorangene Fahrradbrücke in Kopenhagen. Sie verbindet den Südhafen mit dem Stadtteil Vesterbro, wo wir unser Hotel hatten. Mega.

Insgesamt verfügt Kopenhagen über rund 16 Brücken, die nur für Fahrräder und Fußgänger geöffnet sind und den Hafen mit verschiedenen Stadtteilen verbinden.

Brücke in Kopenhagen, fotografiert aus der Höhe. Nur Radfahrer und Fußgänger sind auf der Brücke unterwegs.

Dieses Konzept sorgt dafür, dass Fahrradfahrer deutlich schneller und geschmeidiger durch die Stadt kommen als Autofahrer. Wer ein Auto hat, muss Umwege fahren, um dasselbe Ziel zu erreichen.

So sieht es dann aus, wenn man von solch einer Fahrradbrücke runterkommt: Sie führt auf einen getrennten, breiten Fahrradstreifen. Hinter der Kreuzung sieht man: Fahrräder haben ebenso viel Platz wie die Autos.

Auf dem Foto sieht man die Rechtsabbiegerpfeile. Man ordnet sich entsprechend ein. Es ist Usus, Handzeichen zu geben, wenn man links oder rechts abbiegen oder andere überholen möchte. Außerdem hält man die Hand hoch, wenn man jenseits von Kreuzungen anhalten möchte und damit zum Hindernis für die nachfolgenden Radfahrer wird: Rechte Hand hochhalten – ich halte rechts, linke Hand hochhalten – ich halte links. Als wir da waren, haben sich wirklich alle daran gehalten; es gab keine Kamikaze-Fahrer oder Radrowdies.

Eindrücke aus der Stadt:

Auch jenseits der Vorzeigestraßen ist die Infrastruktur extrem gut.

Kopenhagen wird außerdem durchzogen vom Grünen Pfad, Den Grønne Sti, einem Fahrradwegeband, das jenseits der Straßen durch die Wohngebiete führt. Wir nutzten es, aber man ist so hurtig unterwegs, dass ich kein Foto gemacht habe; ich wollte auch kein Verkehrshindernis sein. Hier sieht man Bilder.

Abgesehen von der Infrastruktur fällt aber noch etwas anderes auf: Ich werde respektiert, wenn ich Fahrrad fahre, und bin gleichwertiger Verkehrsteilnehmer. Wenn ein Auto aus einer Einfahrt kommt, bin ich nicht in Lebensgefahr, sondern werde gesehen. Wenn ein Autofahrer rechts abbiegt, über den Fahrradweg hinweg, ebenso. Wenn man gemeinschaftlich auf Straßen und Wegen unterwegs ist, werde ich weder bedrängt noch weggehupt. Es ist klar: Radfahrer sind da, sie sind zurecht da und kein Übel.

Dann sind da noch die vielen Kleinigkeiten, die das Radfahren einfach machen: Muss man über einen Bordstein auf einen Fahrradweg fahren, ist dort eine kleine Rampe. An Ampeln gibt es Track Stands und Love Handles, um sich festzuhalten und nicht absteigen zu müssen. Allerorten gibt es ausreichend Fahrradparkplätze.

Fahrradäher parken vor einer Markthalle.

Einzig fürs Linksabbiegen hat auch Kopenhagen keine wirklich gute Lösung: Fährt man eine Autostraße entlang und muss über den Autoverkehr hinweg links abbiegen, so ist das nicht vorgesehen. Man nimmt den rechten Winkel: erst geradeaus, dann links – mit entsprechenden Wartezeiten an den Ampeln.


Zugfahren | Um mit dem Fahrrad Zug zu fahren, braucht man immer eine Reservierung. Sie ist in aller Regel einfach zu bekommen: Mit der Ticketbuchung in der App der Dänischen Staatsbahn. Es gibt genug Fahrradplätze.

Weil es regnete und schneite, fuhren wir eine Etappe mit dem Regionalzug. Es war ein Doppelstockzug, baugleich zu unseren in Deutschland – mit einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied beim Fahrradabteil. In Deutschland haben wir auf beiden Seiten Klappsitze. Auf diesen Klappsitzen sitzen oft Menschen, besonders, wenn der Zug voll ist. Wenn dann jemand mit dem Fahrrad kommt, um es abzustellen, wo es vorgesehen ist, nämlich da, wo jemand sitzt, möchten sie nicht aufstehen. Würde ich auch nicht wollen. Konflikt per Design.

Die Dänen lösen das so:

Sie haben auch Klappsitze. Allerdings nur auf einer Seite des Waggons. Auf der anderen Seite ausschließlich Fahrradständer. Die Ständer sind so designt, dass man zwei Fahrrader gut nebeneinander stellen kann, ohne dass sich die Lenker verkeilen – das ist in deutschen ICs und ICEs nicht so. Man kann sogar das Gepäck dranlassen, so dass es nicht im Gang herumsteht und Mitreisende drübersteigen müssen. Außerdem – ein Blick auf die Pfeile am Boden: An einer Seite des Waggons steigt man mit dem Rad ein, hängt sein Rad in diese Richtung ein, an der anderen Seite steigt man aus. Konfliktminimierung per Design.

Nun kann man sagen: Wenn keine Fahrräder da sind, gehen jede Menge Sitzplätze verloren! Die Sache ist allerdings so: Als wir fuhren, waren wenig Leute unterwegs. Also auch wenig Leute mit Fahrrad. Wenn viele Leute unterwegs sind, sind auch viele mit Fahrrädern dabei. Die Frage stellt sich also nicht.


Die Etappen | Das war meine Fahrradreise von Lübeck nach Kopenhagen:

Demnächst geht’s wieder im normalen Alltag weiter. Und mit Meerschweinfotos.

Tourblog #4 Lübeck – Kopenhagen: Die dänische Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen

25. 04. 2026  •  8 Kommentare

Prolog | Am Abend vor unserer Abreise sagte ich zum Reiseleiter: „Morgen fahren wir nicht nur 800 Kilometer nach Hause. Wir reisen 30 Jahre in der Zeit zurück.“

Damit meinte ich nicht die Digitalisierung in Dänemark. Vielmehr meine ich damit die Art, wie Dänen und insbesondere die Kopenhagener Zusammenleben gestalten.


Das Design | Wenn man Dänemarks und Kopenhagens Idee von Stadtplanung verstehen will, kommt man nicht an Jan Gehl vorbei. Foto aus dem Danish Architecture Center:

Im Vordergrund Notizbücher Jan Gehls mit Fotos und Notizen, im Hintergrund ein Foto von ihm und ein Fernseher, auf dem ein Film läuft.

Als der 79-Jährige seinerzeit Architektur studierte, zeigten ihm seine Professoren Fotos mit Gebäuden. Um die Fotos zu machen, sind sie um 5 Uhr aufgestanden, damit keine Menschen auf den Bildern zu sehen waren. Gehl sagt, er habe im Studium gelernt, Skulpturen zu erschaffen, keine Gebäude für Menschen. Dann heiratete er eine Psychologin, „a big crossing point in my life“. Seither, sagt er, studiere er Architektur neu, seit 40 Jahren.

Das erzählt er in seiner Standardvorlesung, die zum Beispiel als Annual Lecture 2018 Mistra Urban Futures zu sehen ist, Video ab Minute 8:30. Oder im Podcast The Developer.

Gehl begann, Menschen zu beobachten. Er fuhr nach Italien und führte in den Altstädten akkurat Buch darüber, was in den Straßen, Gassen und auf den Plätzen geschah. Er schrieb auf, wie sich Menschen verhalten. Er bereiste andere Länder, andere Städte. Ihm wurde klar, dass die Architektur bislang einem Irrtum unterlegen war: Sie maß, wie viele Menschen wo gehen und fahren – um dann Straßen und Häuser zu gestalten. Dabei sei nicht wichtig, wo sie sich bewegen, sondern wo sie stehenbleiben, in Kontakt kommen, miteinander sprechen. So entstand Gehls Verständnis von Stadtplanung.

A good city is like a good party — people stay longer than really necessary because they are enjoying themselves.

Er beschäftigte sich mit menschlichen Dimensionen, mit Augenhöhen, Sichtachsen, wie weit wir gucken und laufen können, bei welchen Geschwindigkeiten wir noch was wahrnehmen können, welche Strecken wir wählen, warum wir lieber am Rand sitzen als in der Mitte, bis zu welcher Entfernung wir Mimik lesen können und vieles mehr.

Gehl kam zu dem Schluss, das der Mensch alles tut, um Energie zu sparen. Wenn wir uns entscheiden, wie wir eine Strecke zurücklegen, dann ist es immer eine Effizienzentscheidung. Also, sagte er sich, müssen Städte so gestaltet sein, dass sie effizient und bequem sind – nicht für ein Auto, sondern für den Menschen, für den menschlichen Körper und den menschlichen Geist.

Das Ergebnis ist eine Stadtplanung, die Plätze und Räume priorisiert, auf denen Menschen zusammenkommen und sich sicher fühlen, eine Planung, die am menschlichen Körper ausgerichtet ist, die Aktivität fördert und Gesundheit erhält. Er entwickelte eine demokratische Stadtplanung, die wiederum Demokratie fördert.

It emphasizes that we shall walk more, we shall meet each other more. That’s good for health, that’s good for safety, that’s good for social inclusion, that’s good for democracy. Don’t sit in your private little house and look out of little little windows. Come out in our wonderful outdoor spaces and enjoy the spaces with your wonderful fellow citizens.

Filmempfehlung: The Human Scale, verfügbar auf youtube. Leseempfehlung: Städte für Menschen. Außerdem ein Interview beim Deutschlandfunk.


Wege und Plätze | Der Reiseleiter und ich sind in den vergangenen Jahren mehr als tausend Kilometer mit dem Fahrrad durch Dänemark gefahren. Diese Mobilitätsform hat zwar den Nachteil, dass einem immer irgendwas weh tut und man sich fortwährend mit Keksen befüllen muss. Sie hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Man erkennt hervorragend Muster und Zusammenhänge, Verbindungen zwischen Menschen und Geographie, zwischen Städten und Stadtteilen, sich wiederholende Strukturen und die Prioritäten, die sich durchs Land ziehen. Diese Prioritäten finden in Kopenhagen ihren kummulierten Höhepunkt: Allerorten geht es darum, Gemeinschaft zu stärken. Der öffentliche Raum gehört dem Menschen, nicht Autos, nicht der Wertschöpfung, sondern dem Wohlbefinden der Däninnen und Dänen. Der Mensch wird willkommen geheißen: mit Bänken und Blumen, Schatten spendenden Bäumen, Spielgeräten, Wasser, Schaukeln und Rutschen – auch für Erwachsene -, mit Ruheliegen, Picknickmöglichkeiten, öffentlichen Toiletten, breiten Wegen und Beleuchtung.

Sollten Sie einmal in Kopenhagen sein, organisieren Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie durch die Stadt. Sie werden erkennen, wie alles auf magische Weise verbunden ist, wie Wege sich öffnen und fügen, wie es fließt und wie verschiedene Orte und unterschiedliche Stadtteile sich zu einem verwobenen Ganzen zusammenfügen, das ohne Motor, nur mit menschlicher Körperkraft erfahrbar ist. Es existieren viele Plätze, die im Einzelnen unscheinbar wirken, die in ihrer Fülle und in ihrer Verbindung jedoch ein Netz bilden, das nicht nur für den funktionalen Teil des Erwachsenendaseins, sondern fürs Zusammenleben aller Altersgruppen sicher und praktikabel ist.

Kopenhagen hat weniger Spielplätze als deutsche Städte mit vergleichbarer Fläche. Es braucht auch nicht so viele, weil die Stadt selbst kinderfreundlich ist, weil sie Plätze hat, die zum Spielen, Rennen und Verstecken einladen. Eingezäunte Spielplätze helfen nicht, wenn die Stadt außerhalb des Zauns feindlich ist.

Dass Kinder Teil der Stadt sind, zeigt sich auch am Israels Plads, einem großen Platz, der umringt ist von Schulen (Foto des Reiseleiters aus dem vergangenen Juni):

Panoramaaufnahme eines PLatzes, viel Beton, ein paar Bäume, viele Kinder, Bänke, Stufen, eine Art Skatepark.

Der Platz ist der Pausenplatz aller Schulen und gleichzeitig ein öffentlicher Ort. Kinder mischen sich mit Menschen, die einkaufen, mit Senioren, die sich ausruhen, mit Mittagspäuslern, die Smørrebrød essen. Keine Haftungsfrage, keine Angst: ein Schulhof, nicht eingezäunt? Der Platz ist übrigens auch Teil der städtischen Klimaanpassung. Er ist ein Regenrückhaltebecken, das tiefer liegt als die Umgebung: Regnet es zu viel, läuft er voll.


Gebäude für alle | Wir radelten zu den Nørrebrohallen. Ein Treffpunkt, eine Bibliothek, Sporthallen – alles öffentlich, alles steht für alle zur Verfügug.

Es gibt mehrere ähnliche Orte in Kopenhagen. Über die Seite bookbyen.dk („Buch die Stadt“) kann jeder sich einen Platz, einen Raum buchen. Ein Badmintonkort kostet beispielsweise 98 Kronen pro Stunde, das sind etwa 13 Euro. Als wir dort waren, war massig los: Die Leute kamen aus den Sporthallen, gingen hinein, trafen sich im Café, saßen einfach nur auf Bänken, besuchten die öffentliche Toilette, den Bücherschrank oder waren alleine oder mit Kind in der Bücherei. In der Eingangshalle standen locker 25 Kinderwagen. Es gibt einen Kochclub und andere Interessenskreise, außerdem Snakkeklubber für diverse Sprachen, in denen man seine Sprachkenntnisse vertiefen und sprechen üben kann – auch in Dänisch für alle Zugewanderten.

Wir hielten uns dort eineinhalb Stunden auf, lasen, aßen etwas. Ich nahm ein Buch aus dem Bücherschrank mit, einen Krimi, mein erstes Buch, das ich auf Dänisch lese. Mit etwas Anstrengung verstehe ich gut; mein Vokabelschatz erweitert sich um Wörter wie „Tatort“, „Ertrinkungstod“, „Zeugenaussage“ – mein Dänischlehrer wird irritiert sein. Das Schöne an dem Ort: Wir fühlten uns willkommen, obwohl wir nur Gäste waren. Ein Ort der unkomplizierten Freundlichkeit.

Die Bibliothek in den Nørrebrohallen war ein warmer, wuseliger, kreativer Ort. Den Sorte Diamant, Der Schwarze Diamant, die Dänische Nationalbibliothek, ist deutlich minimalistischer und vor allem dem Studium gewidmet.

Die Einganngshalle, fotografiert aus dem höchsten Stockwerk: geschwungene Seitenwände, die wie Wellen anmuten, Blick aufs Wasser, Holz.

Eine tolle Architektur.

Im Museum für Architektur und Design gab es übrigens eine Rutsche vom obersten Stockwerk ins Erdgeschoss – ausdrücklich auch für Erwachsene (mehr dazu, mit Bild). Ein wilder Ritt. Ich sah mein Leben an mir vorbeiziehen.

Vanessa sitzt im Eingang einer Röhrenrutsche und sieht sich zum Fotografen um. Überschrift "Fast Track".

Rutschen-Architekt Carsten Höller:

Why are slides not used in architecture to complement stairs, elevators and escalators? They are fast, safe and energy-savvy – and they produce a sensation in the user that has been described as a kind of voluptuous panic upon an otherwise lucid mind, somewhere between delight and madness.

Das kann ich so bestätigen.


Epilog | „Aber in Deutschland ist doch nicht alles schlecht! – „30 Jahren hintendran – so kannst du das doch nicht sagen!“

In unserem Land sind Städte und Orte so gestaltet, dass sie funktionieren; dass sie effizient und vorschriftsgemäß sind. Dummerweise verhält sich der Mensch nicht normgerecht, sondern folgt seiner Intuition. In Dänemark passt sich die Stadt dem Menschen an, schafft Zugehörigkeit. In Deutschland muss sich der Mensch an die Stadt anpassen, steht der Individualismus über dem Gemeinsinn. Dieser Unterschied wirkt so fundamental, dass wir in Deutschland, selbst wenn alle Kommunen plötzlich Geld im Überfluss hätten, nur mehr von dem bekämen, was wir bereits haben: normtreu gestaltete Orte.

Bis wir diesen gedanklichen Sprung gemacht haben, werden Jahrzehnte vergehen.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich noch vom Radfahren in Kopenhagen:

Tourblog#3 Lübeck – Kopenhagen: Brücken, Tunnel und Fähren – ein Beitrag für den Freundeskreis Ingenieurskunst

20. 04. 2026  •  1 Kommentar

Prolog |  Heute möchte ich von den Brücken erzählen, die wir überquerten, von den Tunneln, die gebaut werden, und von der Fährfahrt mit dem Fahrrad.


Die erste große Brücke | Als wir am zweiten Tag in Schashagen losfuhren, waren wir wehmütig. Denn die Wohnung dort, die wir nur eine Nacht bewohnten, war ausgesprochen hübsch: In einem alten Haus gelegen, mit großer Küche und einer kleinen Stube.

Eine Perle im Nichts. Mit dem Auto ist möglicherweise alles ganz nah: der Strand, die Promenaden, das Meer. Mit dem Fahrrad war das Haus im Nirgendwo.

Wir fuhren nach Grömitz, frühstückten dort und fuhren weiter durch die Küstenorte. In Großenbrode, kurz vor der Überfahrt nach Fehmarn, machten wir noch einmal Pause, gingen in den Supermarkt und speisten Bananen und Kekse auf dem Parkplatz.

Dann trafen wir auf die erste große Brücke der Reise, knapp einen Kilometer lang: die Fehmarnsundbrücke.

Panoramaaufnahme: links die Brücke im Gegenlicht der Sonne, man erkennt einen Mann und Fahrräder. Der Rad- und Fußwegist schmal und durch eine niedrige Betonwand von der Fahrbahn getrennt. Rechts Wasser und blauer Himmel, in der Ferne Wiesen.

Fußgänger und Fahrradfahrer sind auf dieser Brücke nicht wirklich vorgesehen. Hinter einer niedrigen Betonwand gibt es zwar einen kombinierten Rad- und Fußweg. Aber weder können sich zwei Fahrräder begegnen, noch ein Fahrradfahrer und ein Fußgänger. Vorbeifahrende LKWs sind eine Armlänge entfernt – ein intensives Erlebnis.

Wer Fahrrad fährt, so sagen es Schilder, soll absteigen und schieben: Mit Auf- und Abfahrt auf die Brücke sind das mehr als zwei Kilometer, fast fünf Stadionrunden. Wir fuhren. Denn wir waren fast allein: Auf der Brücke begegnete uns nur ein weiteres Pärchen. Wir hielten an, grüßten uns, tauschen ein paar Worte aus und ließen einander passieren.

Ein Tunnel soll irgendwann in den kommenden Jahren die Fehmarnsundbrücke ersetzen. Vermutlich wird es eher ein Jahrzehnt werden, bis er fertig gestellt ist. Die Brücke allerdings wird bleiben und soll dem Rad- und Fußverkehr sowie dem regionalen Autoverkehr vorbehalten sein. Hoffentlich bekommen Rad- und Fußweg dann mehr Priorität.

Die Brücke vom Flußufer aus

Die Fähre | Wir durchquerten Fehmarn, aßen in Burg ein Brötchen, sahen den Touristen beim Bummeln zu und radelten weiter. Der Wind wehte uns entgegen. Es zog sich. Als wir den Fähranleger erreichten, was es bereits 18 Uhr.

Fahrradfahrer haben hier eine eigene Spur: direkt die erste. Wir hatten sie für uns alleine und parkten unsere Räder neben den Autospuren.

Als die Fähre anlegte, durften wir als erstes los. Wir fuhren zu einem Glashäuschen. Darin: ein Mann, der die Lkws aufs untere Deck einwies. Wir warteten und sahen den Lkws beim Auffahren auf die Fähre zu. Als das untere Deck voll war, durften wir auch rauf. Wir stellten die Räder hinter den Lastwagen ab.

Fahrräder lehnen auf der Fähre an einer Wand. Im Hintergrund ein Deck voller Lkws.

Die Autos parkten ein Deck über uns.

Wir gingen hinauf ans Licht und ließen uns den Wind um die Ohren brausen. Auf dem Schiff: viele Fernfahrer, Pendler, einige Familien. Es begann zu dämmern. Ein Kiosk verkaufte Cola, Chips und Schokoriegel.

Wer als letztes auffährt, darf nicht als erstes wieder runter: Wir warteten bei unseren Rädern, bis die Lkws anfuhren, und verließen hinter dem letzten die Fähre.

Unsere Unterkunft: Hages Badehotel in Rødby, einen Katzensprung vom Hafen entfernt. Zum Abendessen gab es Spezialitäten aus der Convenience-Theke des örtlichen Discounters.


Der Tunnel | Am nächsten Tag besuchten wir die große Tunnelbaustelle. Denn die Fähre wird es in dieser Form bald nicht mehr geben. Der 18 Kilometer lange Fehmarnbelttunnel wir sie ersetzen.

Ich fühlte mich an den Braunkohletagebau erinnert.

In der Mitte, etwas dunkler als der Rest, sieht man das zukünftige Tunnelportal, die Einfahrt in den Tunnel.

Der Fehmarnbelttunnel wird der längste und tiefste kombinierte Straßen- und Eisenbahntunnel der Welt. Statt 45 Minuten Fähre – mit Wartenzeit noch länger – wird man in Zukunft nur noch zehn Minuten von Fehmarn nach Dänemark brauchen, mit dem Zug noch weniger. Der Tunnel ist Teil der Vogelfluglinie, der direktesten denkbaren Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen.

Der Fehmarnbelttunnel ist ein Absenktunnel. Das heißt: Er liegt auf dem Meeresboden auf. Die Senkkästen, aus denen der Tunnel besteht, werden an Land gefertigt, auf den präparierten Meeresboden heruntergelassen und dort miteinander verbunden.

Die Tunnelelemente werden direkt vor Ort hergestellt: Auf dem Baustellenfoto oben sieht man auf 9 Uhr schimmernde Dächer. Das ist die Tunnelfabrik. Sie besteht aus drei Produktionshallen, die ziemlich groß sind: 240 Meter lang, 200 Meter breit und 30 Meter hoch. In jede Halle passen sieben Jumbo Jets. In den Hallen werden die Tunnelemente gefertigt: 79 Standard- und zehn Spezialkästen.

Grafik der Absenkelemente mit mehreren Röhren

Auf der Tunnelbaustelle und in der Fabrik arbeiten durchgehend zwischen 3.000 und 4.000 Beschäftigte. Es gibt eine eigene Containerstadt (Tunnel By) neben dem Areal, in der die Menschen wohnen.

Der Reiseleiter fuhr sich auf der Baustelle irgendwas in den Reifen und bekam einen Platten.


Die zweite große Brücke |  Die Fähre und später der Tunnel führen auf die dänische Insel Lolland. Auf ihr: die Euro-Velo-Route 10, der Ostseeküstenradweg.

Laternenpfahl mit Aufklebern: Pilgrumsroute, Radsymbol und Schrift "Hamburg - Copenhagen"

Wir bogen alsbald auf den Radweg ab. Man kann ihn gut fahren – auch wenn Lolland im April etwas zermürbend ist. Dafür kann der Radweg aber nichts.

Schönste Rast: Maribo.

Panoramaaufnahme: Links eine Kirche, in der Mitte ein Mann an einem Tisch, neben zwei Fahrräder, rechts zieht sich ein See mit einem Steg ins Bild.

An der Kirche befand sich, wie fast überall in Dänemark, ein Friedhof. Auf dem Friedhof fand, während wir Käse aßen und Kakao tranken, eine Beerdigung statt. Wir hielten uns im Hintergrund und verschoben das Flanieren, bis die Beisetzung beendet war und die Trauergemeinde den Friedhof verlassen hatte.

Wir durchquerten Lolland in einem Tag und fuhren am Abend auf die Insel Falster. Auch diesmal fuhren wir über eine Brücke; wie sie aussah, habe ich allerdings vergessen. Es muss in Nykøbing gewesen sein, ich war bereits müde und offensichtlich unaufmerksam. Oder die Brücke war kein Foto wert. Ich glaube, es war beides.

Am nächsten Tag führte uns eine Brücke von der Insel Falster hinunter, die nicht zu übersehen war, auch nicht bei Müdigkeit: die neue Storstrømsbroen, offiziell auch Dronning Margrethe II’s Bro. Sie ist frisch eröffnet, aber noch nicht eingeweiht; das passiert im Juni. Der Bahnverkehr nutzt noch die alte Brücke.

Im Gegensatz zur Fehmarnsundbrücke gibt es auf der Storstrømsbroen einen ordentlichen Fuß- und Radweg, mit einem Geländer von der Fahrbahn getrennt, und ausreichend breit.

Ein Radweg auf einer Brücke, durch ein Geländer abgetrennt von der Fahrbahn. Ein großer Brückenträger fächert sich darüber aus. Ein Fahrrad lehnt am Geländer.

Die Storstrømsbroen ist viermal länger als die Fehmarnsundbrücke, knapp vier Kilometer (Luftbild). Man fährt zunächst zwei Kilometer leicht bergauf und dann, ab dem zentralen Pylonen, leicht bergab. Trampeln mussten wir hinauf wie hinab – wegen des Gegenwindes. Die Brücke schwingt dabei gehörig – zumindest tat sie das, als wir drüberfuhren. Ich habe es nicht sofort bemerkt, sondern hatte zunächst nur ein diffuses Übelkeitsgefühl. Möglicherweise lag es am starken Wind. Im Auto wird man es nicht wahrnehmen.

Wieder unten, fühlte ich mich an Fontane erinnert:

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund?“
„Ei, der muß mit“
„Muß mit.“
„Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!“


Die Zahlen | Baustellen sind eine hervorragende Gelegenheit, sich mit dänischen Zahlen vertraut zu machen. Ständig wird über Länge und Breiten gesprochen, wie viele Menschen wo arbeiten, was wie viel wiegt und wie viele Tonnen verbaut werden.

Wenn Sie zu dem Personenkreis gehören, der bereits das französische Zahlensystem als unangenehm verkopft empfindet – quatres-vingt, vier 20er gleich 80 -, werden Sie den dänischen Zahlen mit Skepsis gegenüberstehen. Während die Franzosen immerhin noch mit ganzen Zahlen rechnen, multiplizieren die Dänen wild mit halben: 50 sind halv-tredje sinde tyve, 2 ½ x 20, 70 sind halv-fjerde sinde tyve, 3 ½ x 20 und 90 sind halv-femte sinde tyve, also 4 ½ x 20. Weil die Wörter durch die Rechnerei unpraktisch lang werden, kürzt man sie ab: 50 sind halvtreds, 70 sind halvfjerds und 90 sind halvfems. Und weil die Dänen nichts so aussprechen, wie man es schreibt, hören sie sich die Zahlen ganz anders an.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von der dänischen Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen. Das Tourblog:

Tourblog #2 Lübeck – Kopenhagen: Eine Erzählung über Museen und Friedhöfe

19. 04. 2026  •  3 Kommentare

Prolog | Eine Reise bildet ja bekanntlich. So habe ich nicht nur etwas über Bananen gelernt, sondern war auch in Museen. Von zwei Erlebnissen möchte ich hier erzählen – und von Bekannten, die ich getroffen habe.


Dänisch-jüdisches Museum | Es sei ein fröhliches Museum, so hieß es. Eines, das der Judenverfolgung gewidmet sei, das aber vor allem die Rettung feiere – den Zusammenhalt der dänischen Bevölkerung, ihre Risikobereitschaft und das warme Willkommen von 7.000 dänischen Juden in Schweden im Jahr 1943.

Damals gelang es der Mehrheit der Juden, die in Dänemark lebten, zu fliehen und zu überleben. Dänemark verfolgte seinerzeit eine deutschfreundliche, pragmatische Politik. Es kooperierte mit dem Deutschen Reich, hatte aber innenpolitische Unabhängigkeit ausgehandelt. Zu dieser Unabhängigkeit gehörte, dass die Dänen Juden nicht registrierten, dass Jüdinnen und Juden keinen Stern tragen mussten und dass sie lange in Rechtsstaatlichkeit leben konnten. Im September 1943 verlangten die Deutschen jedoch Kontrolle: Gestapo und SS verstärkten ihre Präsenz in Dänemark, man durchsuchte das Archiv der jüdischen Gemeinde und kam so an die Adressen aller in Dänemark lebenden Juden. Als die Deutschen ihre Deportationspläne konkretisierten, gingen dänische Sozialdemokraten in Verhandlungen mit Schweden, um ihren Mitbürgern ein Exil zu ermöglichen. Außerdem stachen dänische Verwaltungsbeamte die Information von anstehenden Verschleppungen an Oberradbiner Marcus Melchior in Kopenhagen durch. Rabbiner Melchior warnte die Gläubigen in seiner Syngoge, die Gläuben gaben die Warnung an ihre Frende und Familien weiter. So konnten fast alle dänischen Juden rechtzeitig untertauchen. Auf Schiffen gelangten sie schließlich nach Schweden. Viele von ihnen kehrten nach dem Krieg in ihre unangetasteten Wohnungen zurückkehren. Die Ereignisse sind im dänisch-jüdischen Museum auf angenehme Weise erzählt: gefühlvoll, persönlich und dennoch mit unaufdringlicher Distanz.

Den Rahmen für diese Geschichte bildet ein Gebäude, das ich nicht anders als fantastisch nennen kann. Ein Bau von Daniel Libeskind, der eine Liebeserklärung an die Ereignisse ist, der die Besucher umarmt und sie mit auf die Reise nimmt.

Der Boden ist den Schiffsplanken nachgeahmt. Die Wände heißen willkomen: Sie sind aus schwedischer Buche. Lichtschlitze vermitteln Eindruck der Viehwaggons, mit denen die Juden deportiert wurden – und gleichzeitig das Licht der Hoffnung, das Morgengrauen, der frühe Lichtstreif, mit dem die Juden an der dänischen Küste anlandeten. Geht man durch die Gänge, schwankt man: Es geht auf und ab, man fühlt sich wie auf einem der Boote, mit denen die dänischen Juden nach Schweden flohen. Als wäre das nicht alles schon ergreifend genug, bildet der Grundriss des Gebäudes, die Anordnung der Gänge das hebräische Wort Mitzvah: die gute Tat. Man möchte weinen angesichts dieser architektonischen Berührung.


Arken | Auf der letzten Etappe, als wir von Køge nach Kopenhagen radelten, kamen wir am Arken-Museum vorbei, dem Museum für zeitgenössische Kunst. Auch hier: Berührung.

An der Wand des ersten großen Saals, den man betritt, hängen Fotos von Schmetterlingen, 68 Stück in einer langen Reihe. Erst, als ich näher heranging, sah ich die Details in ihren Flügeln, die dort nicht hingehören: gewälttätige, kriegerische Ereignisse. Das Schöne und der Verstörende, vereint und gerahmt. Sehen Sie es auch?

Peter Holst Henckel: World of Butterflies (2002)


Friedhöfe | Egal, wo ich bin: Ich besuche gerne einen Friedhof. Der Ort der Toten erzählt viel über das Leben, über das, was und wen wir würdigen und was im Leben wichtig war.

Außerdem befindet sich auf dänischen Friedhöfen immer eine öffentliche Toilette, meist in einem Nebengebäude und gut gepflegt. Die Friedhöfe selbst sind immer um die Dorfkirche herum angelegt; die Kirche sieht man von Weitem. Das ist alles sehr praktisch auf Radreisen.

Große, rote Kirche, darum ein Friedhof. Im Vordergrund ein Mann mit zwei Farrädern. Zwischen den Gräbern eine Bank.

In Eskilstrup saßen wir auf einer Bank und aßen. Rechts von uns lagen Gunnar und Bodil Rasmussen, links von uns Ole und Ane Jensen Foged. Es waren Hofbesitzer und ihre Gattinnen, das stand auf den Grabsteinen. Die Sonne schien uns warm auf den Rücken. Wir hatten wieder einmal eine langen Gerade mit Gegenwind hinter uns und verspürten den Bedarf, unseren Proviant an Vanilletörtchen anzubrechen.

Der Reiseleiter, ganz in seiner Rolle, informierte sich über die Sehenswürdigkeiten des Ortes: Die Straße hinter uns führte zum Krokodilzoo, dem tierkundlichen Höhepunkt der Gegend, der gleichzeitig ein Kontrapunkt zum örtlichen Traktormuseum war. „Das Traktormuseum“, dozierte der Reiseleiter, „zeigt eine fast vollständige Sammlung des dänischen Bukh-Traktors mit Prototypen und Sonderausführungen. Außerdem größere Sammlungen von Bolinder-Munktell.“ Ich nickte und biss ins Törtchen.

Grab von Michael Larsen, 1963 - 2016, in Eskilstrup, Grabinschrift "I am the boss"

In Kopenhagen besuchten wir den Assistens Kirkegård, Kopenhagens Assistenzfriedhof, der so heißt, weil er bei seiner Gründung den vorhandenen Friedhöfen assistierte: Alle Flächen innerhalb der Stadtmauern waren belegt, es brauchte zusätzlichen Platz. Der Friedhof wurde schnell zum beliebten Ausflugsziel, man fuhr zum Picknick in die Parkanlage. Man flanierte, flirtete und feierte. Alsbald wurde es Totengräbern verboten, Schnaps auszugeben.

Wie auch in Eskilstrup und anderen Dörfern erzählen die Grabsteine von dem, was die Toten gewesen sind. Nur starben in Kopenhagen weniger Hofbesitzer, stattdessen Schulräte und Gemeindevorsteher, Stiftungsgeber, Dichter und Professoren.

Eine Mauer mit Nischen, jede NIsche ist eine andere Farbe. Darin alte, verwitterte Grabsteine

Wir besuchten das Grab von Niels Bohr, der Mann mit dem Atommodell – ich las kurz nach; solcherlei Zuordnungen entfallen einem dreißig Jahre nach dem letzten Physikunterricht schonmal. Auf dem Fuß des Bohrschen Grabsteins, winzig klein im Verhältnis zum Trumm, zwei Würfel, ein gelber und ein blauer. Ein Gruß von Albert Einstein. Wie sehr Friedhofsbesuche doch bilden!

Im Grab des Schrftstellers Dan Turèll steckten Kugelschreiber, eine Huldigung an ihn und eine Huldigung an den Alltag, so wie er ihn im Liedtext Hyldest Til Hverdaget beschreibt (Übersetzung).

An anderer Stelle: ein Grab mit einer ungewöhnlichen Figur und der Inschrift Det var det – Das war’s. Ich recherchiere: Der Grabbesitzer, Künstler Leif Petersens, lebt noch. Er hat ein Familiengrab gestaltet, um einen Treffpunkt zu haben, und lädt Freunde und Verwandte dazu ein, sich dazuzugesellen, tot oder lebendig.

Weiter entfernt, nicht fotografiert, sehe ich ebenfalls ein Grab von zwei Lebenden: Eine Grabstele mit zwei Frauennamen, darunter die Geburtsdaten und ein Strich. Das Sterbedatum ist noch nicht graviert.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von langen, schwankenden Brücken, eine Fährfahrt und vom Fehmarnbelttunnel, der bald, achtzehn Kilometer lang, Deutschland mit Dänemark verbinden wird und der Absenktunnel der Welt werden wird. Das Tourblog:



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