Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Eine Reise nach Brüssel

18. 05. 2026  •  4 Kommentare

Prolog | Auf die Idee, nach Brüssel zu fahren, kam der Reiseleiter auf dem Weg nach Bilbao, nach Barcelona und nach Paris. Immer fuhr er mit dem Zug durch die Stadt, niemals schaute er hinein. So bekam ich ein Weihnachtsgeschenk, und wir verbrachten vergangenen vier Tage in Brüssel. 


Gegensätze | Mein erster Eindruck: Brüssel erscheint überraschend versprengt. Mir fehlte es zunächst an Orientierung. Kein Fluss, der sich von Nord nach Süd oder Ost nach West durch die Stadt schlängelt. Drei Bahnhöfe. Neunzehn selbstständige Gemeinden mit neunzehn Bürgermeister‘innen. Dazu die Unterschiede!

Wir kamen am Gare du Nord an und stiefelten zu Fuß zu unserer Wohnung zwischen Saint-Josse-ten-Noode und Brüssel-Stadt. Jesusmaria, ich bin Einiges gewohnt, aber diese Ansammlung an Müll, Unrat und Abbruchhäusern war außergewöhnlich. Dazwischen Mini Markets und Imbisse, dröhnende Mopdes und Menschen jeder Herkunft. Einer wusch sein Motorrad, ein anderer pinkelte in einen Hauseingang, man saß auf Treppen und stritt sich auf dem Bürgersteig. Wir bezogen Quartier in der Rue du Cardinal, zwischen einer Grundschule und einem Café, fußläufig zu einem kleinen Park, den europäischen Institutionen und einem Carrefour Express.

Möchte man ein Bild bemühen, wäre es: Brüssel, das Narnia Europas. Man kann aus einem bürgerlich-touristischen Viertel in eine Seitenstraße abbiegen, und plötzlich bröckeln die Fenster aus den Fassaden, riecht es unerfreulich nach Urin und sammelt sich der Unrat in Beeten und Hauseingängen. Selbst hinter der ausladenden Gotik-Kathedrale Saints-Michele-et-Gudule, die Brüsseler Altstadt zu Füßen, gelangt man unversehens in ein Niemandsland verkommender Großbauten. Irgendwann einmal soll hier, in einem Gebäude mit verspiegelten Fenstern, die Brüsseler Polizei einziehen und ihr Nieuw Hoofdkantoor bekommen. Bis dahin wohnen Obdachlose in den Eingängen. 

Die Schönheit Brüssels findet sich in den Vierteln.

Eine bunte Straße, vorne ein Blumenladen mit einer englisch anmutenden Fensterfront, dahinter eine Fahrradstraße mit Geschäften. Menschen wuseln herum. Es ist bunt.

Wir entdeckten Les Marolles und Ixelles mit Altbauten, schmalen Straßen, kleinen Geschäften und Cafés. Wir ließen uns durch die Läden treiben, pausierten bei Kaffee, beobachteten die Leute und lauschten den Gesprächen, die sich um Arbeit und Kinder, Wohlergehen und Zukunftspläne drehten. Die Atmosphäre von Veedeln, die heute junge Berufstätige und gut verdienende Familien anziehen: Man spürt das historische Arbeiterviertel, während für den Café Latte fünf Sorten Milch zur Auswahl stehen. 

Auch inmitten der Marolles wieder Gegensätze: Angeflanscht an Straßenzüge voller Antiquitätengeschäfte, Second-Hand-und Vinylläden, inmittern der gentrifizierten Gemütlichkeit, steht die Cité Hellemans, Brüssels früher sozialer Wohnungsbau, entstanden 1905. Sieben Wohnriegel, vier Geschosse hoch, im Jugendstil erbaut, ersetzten einst ein Elendsviertel. Die 272 Wohnung waren seinerzeit das Beste, was man kriegen konnte: drei Zimmer mit Toilette, fließendes Wasser und eine Loggia zum Wäschetrocknen. Heute, nach zwei Renovierungen, sind es noch 234 Wohnungen.

Cité Helmanns, ein Wohnriegel in Backstein, vier Stockwerke hoch mit eisernen Balkonen

Die Gebäude sind imposant, eine wunderbare Architektur. Der Sperrmüll, der sich teils in den Loggias ansammelt, die Mülltüten, die aus den Tonnen in den Hof quellen, sind ebenfalls beeindruckend. Herausgeputzt und heruntergekommen, aufgeräumt und vermüllt, hier findet sich beides in Nachbarschaft, Balkon an Balkon, Durchgang an Durchgang.


Europa |  Wir besuchten die eurpäischen Institutionen, standen vor Gebäuden und sahen Flaggen wehen.

Der Europäische Rat: Ein hohe, metallenes, konkaves Gebäude. Davor wehen Europaflaggen. Unter den Flaggen stehen Fahrräder.

Es war langes Wochenende, niemand arbeitete. Vor dem Pub, der sich gegenüber dem Europäischen Rat, befindet, stand der Wirt stand auf der Straße, die Arme verschränkt, und schob mit den Füßen Kieselsteine hin und her.

Was mich verwunderte: Die Europäische Kommission, der Rat – alles war einfach mittendrin, wuchs unvermittelt aus dem Stadtviertel. Ich hatte mir vorher keine Vorstellungen gemacht; möglicherweise war ich von einem eigenen Ort, einer eigenen Welt ausgegangen, ähnlich wie in Berlin, wo Reichstag, Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus zwar ein Ensemble in der Stadt bilden, aber doch außerhalb der Alltagswelt liegen, jenseits von Wohnhäusern vor denen sich Kinderwagen, Fahrräder und Mülltonnen sammeln.

Großer Banner entlang einer konkaven Brücke: Democracy in Action.

Wir besuchten das Haus der Europäischen Geschichte und sehen auf sechs Etagen, was dieser Kontinent in den vergangenen Jahrhunderten erlebt hat. Es ist recht eindrücklich, es so gebündelt zu haben.

Ab der vierten Etage waren wir live dabei, ab Ende der 1970er Jahre; kennen wir die Ereignisse aus Familienerzählungen und eigenem Erleben. 


Atomium | Wir fuhren weit hinaus in den Norden und besuchten das Atomium. In meiner Vorstellung befand es sich immer mitten in der Stadt, wie der Arche de Triomphe in Paris oder das Brandenburger Tor in Berlin. Tatsächlich waren wir eine ganze Weile unterwegs bis zum Messegelände, dem Ort der Weltausstellung 1958, anlässlich derer das Atomium erbaut wurde – eine Veranstaltung, die vom Glauben an Atomkraft, Raumfahrt und das Automobil geprägt war. 

Passend zum Jahrzehnt gab sich der Tag sanft sepiafarben.

Zwei breite Straßen führen zum Atomium, dazwischen ein Grünstreifen.

Das Atomium kann man betreten, auch das lernte ich im Vorfeld des Besuchs. In den Kugeln: eine Ausstellung zur Weltausstellung. Wer heute, knapp 70 Jahre später, hindurchschreitet und auch nur ein annähernd kritischer Geist ist, schaut mit morbider Faszination auf die Devotionalien. Was muss das für eine Veranstaltung der Hoffnung und des Aufbruchs gewesen sein! Welch Wege wurden danach eingeschlagen, die heute alle wieder korrigiert werden müssen. 

Im Atomium selbst wähnte ich mich im Raumschiff Enterprise, in der Ausgabe von 1969. Stiegen und Treppen führen in die Kugeln mit ihren Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen, rote Stufen in metallenen Röhren, futuristisch, so wie man sich 1960 die Zukunft vorgestellt hat.

Ich hätte es als völlig selbstverständlich hingenommen, wäre mir auf einer der Treppen William Shatner im Neopren-Anzug entgegengekommen. „Warp Eins! Wir verlassen Planet Erde.“ Mit Captain James T. Kirk auf Mission in unendliche Weiten.

Als wir kurz nicht aufpassten, gerieten wir in eine Fernsehshow. Ein Gitter öffnete sich, wir wurden von einer Gruppe mittelalter Menschen mietgezogen, kletterten eine Stiege hinunter und waren plötzlich Teil einer Quizshow. Alle Leute waren sehr geschäftig, es wurden Kamera gerückt und Gesichter gepudert, und es war sehr warm. Man wollte uns auf Plätze im Publikum schieben, aber ich wollte auf keinen Fall über Stunden in einem heißen Atom gefangen sein. Also klärte ich das Missverständnis auf und wir kletterten wieder empor.

Ein Fernsehstudio in einem runden Raum.

Falls Sie einen Besuch des Atomiums erwägen, hören Sie vorab ausführlich in sich hinein, ob Sie unter Klaustrophobie neigen oder ob Sie neurologisch auf pulsierende Lichter reagieren.


Design Museum | Im Ticket fürs Atomium ist das Design Museum enthalten, der Ort der Plastic Design Collection, einer Sammlung von Kunststoffexponaten von den 1950ern bis heute. Frisch der Raumpatrouille entkommen, der Kopf schwummrig von engen Stiegen und psychedelischen Lichtinstallationen, fühlte ich mich bestens abgeholt von der orangenen Retro-Plaste. 

Ein Telefon mit Wählscheibe aus orangenem Plastik. Es sieht aus wie ein Flugzeug, die Wählscheibe ist der Propeller, der Höhrer die Flügel.

Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich einige Gegenstände aus meiner Kindheit und Jugend kannte. Ein Schreibtisch stand im Zimmer eines Spielkameraden, die Rechenmaschine auf dem Schreibtisch meines Vates, die Trockenhaube bedeckte monatsweise den Schopf meiner Oma und auch die Regale kamen mir seltsam bekannt vor.

Wenn Alltagsgegenstände des eigenen Lebens beginnen, sich in Museen anzusammeln, wird man wohl alt. 


Brüssel Pride | Während wir in Brüssel weilten, feierte Brüssel Pride seinen 30-jährigen Geburtstag, und die Stadt kann mit Fug und Recht behaupten, den Regenbogen durchgespielt zu haben. An jeder Straßenecke, vor den Europa-Gremien, im Triumphbogen, in den Fenstern der Bürogebäude, beim Friseur ebenso wie im Blumenladen war Pride, sogar das Maenneken Piss trug eine Blumenkette. 

Gemessen daran war der Tag der Parade geradezu nüchtern. Die Feiernden mischten sich quasi aufkommensneutral unter die üblichen Touristen. Hier und da sah man Menschen in Netzhemden, geschminkte Herren und sonstwie stereotyp zuzuordnende Menschen im üblichen Strom der Brüssel-Besucher.  Die Standardtouristen wiederum fanden sich fröhlich wippend, mit Glitzerstaub auf den Wangen, vor der Pride-Bühne auf dem Mont des Arts ein; ältere Ehepaare in Outdoorjacken, mit Rucksäcken auf dem Rücken und Regenbogenaufklebern auf den Wangen.


Comicmuseum und alte Meister | An zwei verschiedenen Orten besuchten wir ein- und dieselbe Kunst: die des bildhaften Geschichtenerzählens. In den Musées Royaux des Beaux-Arts, den Königlichen Museen der schönen Künste, sahen wir die Bilder der Bruegel-Familie und ihrer Zeitgenossen, Ölschinken mit landschaftlichen und christlichen Motiven, dörfliche Szenen, moralische Gleichnisse und historische Wimmelbilder. 

Große Säulenhalle mit einer Skulptur

Im Comic-Museum sahen wir die Zeichnungen belgischer Illustratoren, Bildfolgen voller Details, das Ergebnis jahrelanger Arbeit, mal Heldengeschichten, mal humorvolle Anekdoten, mal moralisierend wie die Renaissance-Maler, mal historische Ereignisse erzählend. Mir scheint, der Unterschied zwischen beidem ist rein stilistischer Natur.

In beiden Museen waren die Gebäude Teil des Erlebnisses. Das Gebäude des Comismuseums, ein Lager- und Kaufhaus aus der Feder des Architekten Victor Horta, sollte in den 1970er Jahren abgerissen werden; stattdessen sollte ein Parkhaus seinen Platz einnehmen. Eine Initiative mchte sich für den Erhalt des Hauses stark – welch ein Glück.

Eine Halle mit einem Atrium, darin eine große Laterne, im Hintergrund ein erleuchteter Laden mit Comics.

Bemerknis | Ich werde zur Nörgeltouristin, vorerst nur innerlich, nach außen bleibe ich höflich. Doch die allerorten präsente Beschallung macht mich grantig. Schlecht komponierte Popmusik in Geschäften und Restaurants, exorbitante Lautstärke – ich kann das nicht.

Einmal bat der Reiseleiter freundlich, ob man die Musik im Restaurant leiser drehen könne; die Bässe bohrten sich in unser Hirn, während wir aßen. Ein anderes Mal verließ ich ein Geschäft, als die Verkäuferin und ich uns anschreien mussten, weil der Radiopop so laut ins Geschäft brüllte. „PARDON“, rief ich, „je ne peux pas faire mes courses avec chaque musique forte“, ich kann bei dieser lauten Musik einfach nichts einkaufen.


Kaufhaus | Im Marollen-Viertel entdeckten wir den Laden aller Läden, ein Amazon des Antiken. Ein Ort, das nebenbei, gänzlich ohne Musik.

Ein Haus mit einem Atrium. Auf drei Etagen Kram.

1.200 Quadratmeter voller Tische, Stühle, Sessel und Sofas, Kommoden, Bügeleisen, Küchenwaagen und Anstecknadeln, Spielzeug, Teller, Tassen und Teppiche, Garderoben, Vitrinen, Vasen, Kannen, Schirmständer, Lampen und Leuchten, Bilder, Buddelschiffe und Blechschilder, Figuren und Aschenbecher, ein Motorrad. 


Und sonst | Es folgen lose Eindrücke aus der Altstadt und den Vierteln, hübsche Eckchen, eine bemerkenswerte Passage und ein Seifenblasenmoment.


ESC | Für einen kurzen Moment verfolgten wir am Samstagabend den ESC. Ich hatte meine Kontaktlinsen schon entfernt, lag im Bett, las ein Buch und kommentierte zwischendurch die Musik. Der Reiseleiter schaute sich den Wettbewerb an. „Du kannst es nicht sehen“, sagte er irgendwann, „wenn du es sehen könntest, wäre es noch absurder. Der Sänger trägt einen rosafarbenen Anzug und tanzt über Tische. Die Tische werden von Männern verschoben, die keinen Kopf haben. Statt eines Kopfs haben sie ein Computerbildschirm. Der Monitor ist aber kein Monitor, sondern grünes Fell.“ 

Diese Art des deskriptiven ESC-Guckens gefiel mir sehr gut. Das werden wir im kommenden Jahr fortführen. 


Schweine | Während wir fort waren, kümmerten sich die Nachbarn um die Schweine. Der humanoide Futterautomat funktionierte also durchgehend. Mehr ist den Damen nicht wichtig.

Tourblog #5 Lübeck – Kopenhagen: Test eines Mythos – Radfahren in Kopenhagen

28. 04. 2026  •  8 Kommentare

Prolog | Dies ist der letzte Beitrag zu meiner Reise. Bald gibt’s wieder Alltag.

Wir fuhren nicht nur mit dem Fahrrad in die dänische Hauptstadt – auch in Kopenhagen nahmen wir ausschließlich das Rad. Das war nicht geplant, wir wären auch Metro gefahren. Aber es war einfach das Praktischste. Und erwies sich als wunderbar, um viel zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen.


Nach Kopenhagen | Wir kamen aus dem Süden, die Küstenorte entlang, und fuhren über einen der Cycle Superhighways in Kopenhagen ein.

A cycle superhighway is defined both by its location, as well as its physical qualities. The highways connect work, study and residential areas as well as public transportation hubs making it easy to combine a commute with public transport. The routes are marked by road signs as well as orange signage spots in the asphalt making wayfinding easier for commuters – they simply follow the orange C.

Es gibt neun Cycle Superhighways, die Vororte mit Kopenhagen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbinden. Hier mehr dazu – mit Videos.

Es ist wirklich ausgesprochen kommod, mit dem Rad nach Kopenhagen einzupendeln. 20 Kilometer scheinen kein Problem zu sein: glatt asphaltierte, breite Wege, Beleuchtung, kein Autokontakt. Man ist sehr schnell, auch mit mittlerer Kondition. Wir fuhren auf Bio-Bikes, mit E-Bike kann man sicher auch weiter (oder noch schneller) einpendeln. Es macht auf jeden Fall Freude. Die Landschaft ist auch hübsch.

Zugegeben, es hat nicht geregnet. Dafür hatten wir satten Gegenwind.


In Kopenhagen | Weiter nach Kopenhagen rein fuhren wir über die Cykelslangen, Fahrradschlange, eine bekannte, knallorangene Fahrradbrücke in Kopenhagen. Sie verbindet den Südhafen mit dem Stadtteil Vesterbro, wo wir unser Hotel hatten. Mega.

Insgesamt verfügt Kopenhagen über rund 16 Brücken, die nur für Fahrräder und Fußgänger geöffnet sind und den Hafen mit verschiedenen Stadtteilen verbinden.

Brücke in Kopenhagen, fotografiert aus der Höhe. Nur Radfahrer und Fußgänger sind auf der Brücke unterwegs.

Dieses Konzept sorgt dafür, dass Fahrradfahrer deutlich schneller und geschmeidiger durch die Stadt kommen als Autofahrer. Wer ein Auto hat, muss Umwege fahren, um dasselbe Ziel zu erreichen.

So sieht es dann aus, wenn man von solch einer Fahrradbrücke runterkommt: Sie führt auf einen getrennten, breiten Fahrradstreifen. Hinter der Kreuzung sieht man: Fahrräder haben ebenso viel Platz wie die Autos.

Auf dem Foto sieht man die Rechtsabbiegerpfeile. Man ordnet sich entsprechend ein. Es ist Usus, Handzeichen zu geben, wenn man links oder rechts abbiegen oder andere überholen möchte. Außerdem hält man die Hand hoch, wenn man jenseits von Kreuzungen anhalten möchte und damit zum Hindernis für die nachfolgenden Radfahrer wird: Rechte Hand hochhalten – ich halte rechts, linke Hand hochhalten – ich halte links. Als wir da waren, haben sich wirklich alle daran gehalten; es gab keine Kamikaze-Fahrer oder Radrowdies.

Eindrücke aus der Stadt:

Auch jenseits der Vorzeigestraßen ist die Infrastruktur extrem gut.

Kopenhagen wird außerdem durchzogen vom Grünen Pfad, Den Grønne Sti, einem Fahrradwegeband, das jenseits der Straßen durch die Wohngebiete führt. Wir nutzten es, aber man ist so hurtig unterwegs, dass ich kein Foto gemacht habe; ich wollte auch kein Verkehrshindernis sein. Hier sieht man Bilder.

Abgesehen von der Infrastruktur fällt aber noch etwas anderes auf: Ich werde respektiert, wenn ich Fahrrad fahre, und bin gleichwertiger Verkehrsteilnehmer. Wenn ein Auto aus einer Einfahrt kommt, bin ich nicht in Lebensgefahr, sondern werde gesehen. Wenn ein Autofahrer rechts abbiegt, über den Fahrradweg hinweg, ebenso. Wenn man gemeinschaftlich auf Straßen und Wegen unterwegs ist, werde ich weder bedrängt noch weggehupt. Es ist klar: Radfahrer sind da, sie sind zurecht da und kein Übel.

Dann sind da noch die vielen Kleinigkeiten, die das Radfahren einfach machen: Muss man über einen Bordstein auf einen Fahrradweg fahren, ist dort eine kleine Rampe. An Ampeln gibt es Track Stands und Love Handles, um sich festzuhalten und nicht absteigen zu müssen. Allerorten gibt es ausreichend Fahrradparkplätze.

Fahrradäher parken vor einer Markthalle.

Einzig fürs Linksabbiegen hat auch Kopenhagen keine wirklich gute Lösung: Fährt man eine Autostraße entlang und muss über den Autoverkehr hinweg links abbiegen, so ist das nicht vorgesehen. Man nimmt den rechten Winkel: erst geradeaus, dann links – mit entsprechenden Wartezeiten an den Ampeln.


Zugfahren | Um mit dem Fahrrad Zug zu fahren, braucht man immer eine Reservierung. Sie ist in aller Regel einfach zu bekommen: Mit der Ticketbuchung in der App der Dänischen Staatsbahn. Es gibt genug Fahrradplätze.

Weil es regnete und schneite, fuhren wir eine Etappe mit dem Regionalzug. Es war ein Doppelstockzug, baugleich zu unseren in Deutschland – mit einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied beim Fahrradabteil. In Deutschland haben wir auf beiden Seiten Klappsitze. Auf diesen Klappsitzen sitzen oft Menschen, besonders, wenn der Zug voll ist. Wenn dann jemand mit dem Fahrrad kommt, um es abzustellen, wo es vorgesehen ist, nämlich da, wo jemand sitzt, möchten sie nicht aufstehen. Würde ich auch nicht wollen. Konflikt per Design.

Die Dänen lösen das so:

Sie haben auch Klappsitze. Allerdings nur auf einer Seite des Waggons. Auf der anderen Seite ausschließlich Fahrradständer. Die Ständer sind so designt, dass man zwei Fahrrader gut nebeneinander stellen kann, ohne dass sich die Lenker verkeilen – das ist in deutschen ICs und ICEs nicht so. Man kann sogar das Gepäck dranlassen, so dass es nicht im Gang herumsteht und Mitreisende drübersteigen müssen. Außerdem – ein Blick auf die Pfeile am Boden: An einer Seite des Waggons steigt man mit dem Rad ein, hängt sein Rad in diese Richtung ein, an der anderen Seite steigt man aus. Konfliktminimierung per Design.

Nun kann man sagen: Wenn keine Fahrräder da sind, gehen jede Menge Sitzplätze verloren! Die Sache ist allerdings so: Als wir fuhren, waren wenig Leute unterwegs. Also auch wenig Leute mit Fahrrad. Wenn viele Leute unterwegs sind, sind auch viele mit Fahrrädern dabei. Die Frage stellt sich also nicht.


Die Etappen | Das war meine Fahrradreise von Lübeck nach Kopenhagen:

Demnächst geht’s wieder im normalen Alltag weiter. Und mit Meerschweinfotos.

Tourblog #4 Lübeck – Kopenhagen: Die dänische Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen

25. 04. 2026  •  8 Kommentare

Prolog | Am Abend vor unserer Abreise sagte ich zum Reiseleiter: „Morgen fahren wir nicht nur 800 Kilometer nach Hause. Wir reisen 30 Jahre in der Zeit zurück.“

Damit meinte ich nicht die Digitalisierung in Dänemark. Vielmehr meine ich damit die Art, wie Dänen und insbesondere die Kopenhagener Zusammenleben gestalten.


Das Design | Wenn man Dänemarks und Kopenhagens Idee von Stadtplanung verstehen will, kommt man nicht an Jan Gehl vorbei. Foto aus dem Danish Architecture Center:

Im Vordergrund Notizbücher Jan Gehls mit Fotos und Notizen, im Hintergrund ein Foto von ihm und ein Fernseher, auf dem ein Film läuft.

Als der 79-Jährige seinerzeit Architektur studierte, zeigten ihm seine Professoren Fotos mit Gebäuden. Um die Fotos zu machen, sind sie um 5 Uhr aufgestanden, damit keine Menschen auf den Bildern zu sehen waren. Gehl sagt, er habe im Studium gelernt, Skulpturen zu erschaffen, keine Gebäude für Menschen. Dann heiratete er eine Psychologin, „a big crossing point in my life“. Seither, sagt er, studiere er Architektur neu, seit 40 Jahren.

Das erzählt er in seiner Standardvorlesung, die zum Beispiel als Annual Lecture 2018 Mistra Urban Futures zu sehen ist, Video ab Minute 8:30. Oder im Podcast The Developer.

Gehl begann, Menschen zu beobachten. Er fuhr nach Italien und führte in den Altstädten akkurat Buch darüber, was in den Straßen, Gassen und auf den Plätzen geschah. Er schrieb auf, wie sich Menschen verhalten. Er bereiste andere Länder, andere Städte. Ihm wurde klar, dass die Architektur bislang einem Irrtum unterlegen war: Sie maß, wie viele Menschen wo gehen und fahren – um dann Straßen und Häuser zu gestalten. Dabei sei nicht wichtig, wo sie sich bewegen, sondern wo sie stehenbleiben, in Kontakt kommen, miteinander sprechen. So entstand Gehls Verständnis von Stadtplanung.

A good city is like a good party — people stay longer than really necessary because they are enjoying themselves.

Er beschäftigte sich mit menschlichen Dimensionen, mit Augenhöhen, Sichtachsen, wie weit wir gucken und laufen können, bei welchen Geschwindigkeiten wir noch was wahrnehmen können, welche Strecken wir wählen, warum wir lieber am Rand sitzen als in der Mitte, bis zu welcher Entfernung wir Mimik lesen können und vieles mehr.

Gehl kam zu dem Schluss, das der Mensch alles tut, um Energie zu sparen. Wenn wir uns entscheiden, wie wir eine Strecke zurücklegen, dann ist es immer eine Effizienzentscheidung. Also, sagte er sich, müssen Städte so gestaltet sein, dass sie effizient und bequem sind – nicht für ein Auto, sondern für den Menschen, für den menschlichen Körper und den menschlichen Geist.

Das Ergebnis ist eine Stadtplanung, die Plätze und Räume priorisiert, auf denen Menschen zusammenkommen und sich sicher fühlen, eine Planung, die am menschlichen Körper ausgerichtet ist, die Aktivität fördert und Gesundheit erhält. Er entwickelte eine demokratische Stadtplanung, die wiederum Demokratie fördert.

It emphasizes that we shall walk more, we shall meet each other more. That’s good for health, that’s good for safety, that’s good for social inclusion, that’s good for democracy. Don’t sit in your private little house and look out of little little windows. Come out in our wonderful outdoor spaces and enjoy the spaces with your wonderful fellow citizens.

Filmempfehlung: The Human Scale, verfügbar auf youtube. Leseempfehlung: Städte für Menschen. Außerdem ein Interview beim Deutschlandfunk.


Wege und Plätze | Der Reiseleiter und ich sind in den vergangenen Jahren mehr als tausend Kilometer mit dem Fahrrad durch Dänemark gefahren. Diese Mobilitätsform hat zwar den Nachteil, dass einem immer irgendwas weh tut und man sich fortwährend mit Keksen befüllen muss. Sie hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Man erkennt hervorragend Muster und Zusammenhänge, Verbindungen zwischen Menschen und Geographie, zwischen Städten und Stadtteilen, sich wiederholende Strukturen und die Prioritäten, die sich durchs Land ziehen. Diese Prioritäten finden in Kopenhagen ihren kummulierten Höhepunkt: Allerorten geht es darum, Gemeinschaft zu stärken. Der öffentliche Raum gehört dem Menschen, nicht Autos, nicht der Wertschöpfung, sondern dem Wohlbefinden der Däninnen und Dänen. Der Mensch wird willkommen geheißen: mit Bänken und Blumen, Schatten spendenden Bäumen, Spielgeräten, Wasser, Schaukeln und Rutschen – auch für Erwachsene -, mit Ruheliegen, Picknickmöglichkeiten, öffentlichen Toiletten, breiten Wegen und Beleuchtung.

Sollten Sie einmal in Kopenhagen sein, organisieren Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie durch die Stadt. Sie werden erkennen, wie alles auf magische Weise verbunden ist, wie Wege sich öffnen und fügen, wie es fließt und wie verschiedene Orte und unterschiedliche Stadtteile sich zu einem verwobenen Ganzen zusammenfügen, das ohne Motor, nur mit menschlicher Körperkraft erfahrbar ist. Es existieren viele Plätze, die im Einzelnen unscheinbar wirken, die in ihrer Fülle und in ihrer Verbindung jedoch ein Netz bilden, das nicht nur für den funktionalen Teil des Erwachsenendaseins, sondern fürs Zusammenleben aller Altersgruppen sicher und praktikabel ist.

Kopenhagen hat weniger Spielplätze als deutsche Städte mit vergleichbarer Fläche. Es braucht auch nicht so viele, weil die Stadt selbst kinderfreundlich ist, weil sie Plätze hat, die zum Spielen, Rennen und Verstecken einladen. Eingezäunte Spielplätze helfen nicht, wenn die Stadt außerhalb des Zauns feindlich ist.

Dass Kinder Teil der Stadt sind, zeigt sich auch am Israels Plads, einem großen Platz, der umringt ist von Schulen (Foto des Reiseleiters aus dem vergangenen Juni):

Panoramaaufnahme eines PLatzes, viel Beton, ein paar Bäume, viele Kinder, Bänke, Stufen, eine Art Skatepark.

Der Platz ist der Pausenplatz aller Schulen und gleichzeitig ein öffentlicher Ort. Kinder mischen sich mit Menschen, die einkaufen, mit Senioren, die sich ausruhen, mit Mittagspäuslern, die Smørrebrød essen. Keine Haftungsfrage, keine Angst: ein Schulhof, nicht eingezäunt? Der Platz ist übrigens auch Teil der städtischen Klimaanpassung. Er ist ein Regenrückhaltebecken, das tiefer liegt als die Umgebung: Regnet es zu viel, läuft er voll.


Gebäude für alle | Wir radelten zu den Nørrebrohallen. Ein Treffpunkt, eine Bibliothek, Sporthallen – alles öffentlich, alles steht für alle zur Verfügug.

Es gibt mehrere ähnliche Orte in Kopenhagen. Über die Seite bookbyen.dk („Buch die Stadt“) kann jeder sich einen Platz, einen Raum buchen. Ein Badmintonkort kostet beispielsweise 98 Kronen pro Stunde, das sind etwa 13 Euro. Als wir dort waren, war massig los: Die Leute kamen aus den Sporthallen, gingen hinein, trafen sich im Café, saßen einfach nur auf Bänken, besuchten die öffentliche Toilette, den Bücherschrank oder waren alleine oder mit Kind in der Bücherei. In der Eingangshalle standen locker 25 Kinderwagen. Es gibt einen Kochclub und andere Interessenskreise, außerdem Snakkeklubber für diverse Sprachen, in denen man seine Sprachkenntnisse vertiefen und sprechen üben kann – auch in Dänisch für alle Zugewanderten.

Wir hielten uns dort eineinhalb Stunden auf, lasen, aßen etwas. Ich nahm ein Buch aus dem Bücherschrank mit, einen Krimi, mein erstes Buch, das ich auf Dänisch lese. Mit etwas Anstrengung verstehe ich gut; mein Vokabelschatz erweitert sich um Wörter wie „Tatort“, „Ertrinkungstod“, „Zeugenaussage“ – mein Dänischlehrer wird irritiert sein. Das Schöne an dem Ort: Wir fühlten uns willkommen, obwohl wir nur Gäste waren. Ein Ort der unkomplizierten Freundlichkeit.

Die Bibliothek in den Nørrebrohallen war ein warmer, wuseliger, kreativer Ort. Den Sorte Diamant, Der Schwarze Diamant, die Dänische Nationalbibliothek, ist deutlich minimalistischer und vor allem dem Studium gewidmet.

Die Einganngshalle, fotografiert aus dem höchsten Stockwerk: geschwungene Seitenwände, die wie Wellen anmuten, Blick aufs Wasser, Holz.

Eine tolle Architektur.

Im Museum für Architektur und Design gab es übrigens eine Rutsche vom obersten Stockwerk ins Erdgeschoss – ausdrücklich auch für Erwachsene (mehr dazu, mit Bild). Ein wilder Ritt. Ich sah mein Leben an mir vorbeiziehen.

Vanessa sitzt im Eingang einer Röhrenrutsche und sieht sich zum Fotografen um. Überschrift "Fast Track".

Rutschen-Architekt Carsten Höller:

Why are slides not used in architecture to complement stairs, elevators and escalators? They are fast, safe and energy-savvy – and they produce a sensation in the user that has been described as a kind of voluptuous panic upon an otherwise lucid mind, somewhere between delight and madness.

Das kann ich so bestätigen.


Epilog | „Aber in Deutschland ist doch nicht alles schlecht! – „30 Jahren hintendran – so kannst du das doch nicht sagen!“

In unserem Land sind Städte und Orte so gestaltet, dass sie funktionieren; dass sie effizient und vorschriftsgemäß sind. Dummerweise verhält sich der Mensch nicht normgerecht, sondern folgt seiner Intuition. In Dänemark passt sich die Stadt dem Menschen an, schafft Zugehörigkeit. In Deutschland muss sich der Mensch an die Stadt anpassen, steht der Individualismus über dem Gemeinsinn. Dieser Unterschied wirkt so fundamental, dass wir in Deutschland, selbst wenn alle Kommunen plötzlich Geld im Überfluss hätten, nur mehr von dem bekämen, was wir bereits haben: normtreu gestaltete Orte.

Bis wir diesen gedanklichen Sprung gemacht haben, werden Jahrzehnte vergehen.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich noch vom Radfahren in Kopenhagen:

Tourblog#3 Lübeck – Kopenhagen: Brücken, Tunnel und Fähren – ein Beitrag für den Freundeskreis Ingenieurskunst

20. 04. 2026  •  1 Kommentar

Prolog |  Heute möchte ich von den Brücken erzählen, die wir überquerten, von den Tunneln, die gebaut werden, und von der Fährfahrt mit dem Fahrrad.


Die erste große Brücke | Als wir am zweiten Tag in Schashagen losfuhren, waren wir wehmütig. Denn die Wohnung dort, die wir nur eine Nacht bewohnten, war ausgesprochen hübsch: In einem alten Haus gelegen, mit großer Küche und einer kleinen Stube.

Eine Perle im Nichts. Mit dem Auto ist möglicherweise alles ganz nah: der Strand, die Promenaden, das Meer. Mit dem Fahrrad war das Haus im Nirgendwo.

Wir fuhren nach Grömitz, frühstückten dort und fuhren weiter durch die Küstenorte. In Großenbrode, kurz vor der Überfahrt nach Fehmarn, machten wir noch einmal Pause, gingen in den Supermarkt und speisten Bananen und Kekse auf dem Parkplatz.

Dann trafen wir auf die erste große Brücke der Reise, knapp einen Kilometer lang: die Fehmarnsundbrücke.

Panoramaaufnahme: links die Brücke im Gegenlicht der Sonne, man erkennt einen Mann und Fahrräder. Der Rad- und Fußwegist schmal und durch eine niedrige Betonwand von der Fahrbahn getrennt. Rechts Wasser und blauer Himmel, in der Ferne Wiesen.

Fußgänger und Fahrradfahrer sind auf dieser Brücke nicht wirklich vorgesehen. Hinter einer niedrigen Betonwand gibt es zwar einen kombinierten Rad- und Fußweg. Aber weder können sich zwei Fahrräder begegnen, noch ein Fahrradfahrer und ein Fußgänger. Vorbeifahrende LKWs sind eine Armlänge entfernt – ein intensives Erlebnis.

Wer Fahrrad fährt, so sagen es Schilder, soll absteigen und schieben: Mit Auf- und Abfahrt auf die Brücke sind das mehr als zwei Kilometer, fast fünf Stadionrunden. Wir fuhren. Denn wir waren fast allein: Auf der Brücke begegnete uns nur ein weiteres Pärchen. Wir hielten an, grüßten uns, tauschen ein paar Worte aus und ließen einander passieren.

Ein Tunnel soll irgendwann in den kommenden Jahren die Fehmarnsundbrücke ersetzen. Vermutlich wird es eher ein Jahrzehnt werden, bis er fertig gestellt ist. Die Brücke allerdings wird bleiben und soll dem Rad- und Fußverkehr sowie dem regionalen Autoverkehr vorbehalten sein. Hoffentlich bekommen Rad- und Fußweg dann mehr Priorität.

Die Brücke vom Flußufer aus

Die Fähre | Wir durchquerten Fehmarn, aßen in Burg ein Brötchen, sahen den Touristen beim Bummeln zu und radelten weiter. Der Wind wehte uns entgegen. Es zog sich. Als wir den Fähranleger erreichten, was es bereits 18 Uhr.

Fahrradfahrer haben hier eine eigene Spur: direkt die erste. Wir hatten sie für uns alleine und parkten unsere Räder neben den Autospuren.

Als die Fähre anlegte, durften wir als erstes los. Wir fuhren zu einem Glashäuschen. Darin: ein Mann, der die Lkws aufs untere Deck einwies. Wir warteten und sahen den Lkws beim Auffahren auf die Fähre zu. Als das untere Deck voll war, durften wir auch rauf. Wir stellten die Räder hinter den Lastwagen ab.

Fahrräder lehnen auf der Fähre an einer Wand. Im Hintergrund ein Deck voller Lkws.

Die Autos parkten ein Deck über uns.

Wir gingen hinauf ans Licht und ließen uns den Wind um die Ohren brausen. Auf dem Schiff: viele Fernfahrer, Pendler, einige Familien. Es begann zu dämmern. Ein Kiosk verkaufte Cola, Chips und Schokoriegel.

Wer als letztes auffährt, darf nicht als erstes wieder runter: Wir warteten bei unseren Rädern, bis die Lkws anfuhren, und verließen hinter dem letzten die Fähre.

Unsere Unterkunft: Hages Badehotel in Rødby, einen Katzensprung vom Hafen entfernt. Zum Abendessen gab es Spezialitäten aus der Convenience-Theke des örtlichen Discounters.


Der Tunnel | Am nächsten Tag besuchten wir die große Tunnelbaustelle. Denn die Fähre wird es in dieser Form bald nicht mehr geben. Der 18 Kilometer lange Fehmarnbelttunnel wir sie ersetzen.

Ich fühlte mich an den Braunkohletagebau erinnert.

In der Mitte, etwas dunkler als der Rest, sieht man das zukünftige Tunnelportal, die Einfahrt in den Tunnel.

Der Fehmarnbelttunnel wird der längste und tiefste kombinierte Straßen- und Eisenbahntunnel der Welt. Statt 45 Minuten Fähre – mit Wartenzeit noch länger – wird man in Zukunft nur noch zehn Minuten von Fehmarn nach Dänemark brauchen, mit dem Zug noch weniger. Der Tunnel ist Teil der Vogelfluglinie, der direktesten denkbaren Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen.

Der Fehmarnbelttunnel ist ein Absenktunnel. Das heißt: Er liegt auf dem Meeresboden auf. Die Senkkästen, aus denen der Tunnel besteht, werden an Land gefertigt, auf den präparierten Meeresboden heruntergelassen und dort miteinander verbunden.

Die Tunnelelemente werden direkt vor Ort hergestellt: Auf dem Baustellenfoto oben sieht man auf 9 Uhr schimmernde Dächer. Das ist die Tunnelfabrik. Sie besteht aus drei Produktionshallen, die ziemlich groß sind: 240 Meter lang, 200 Meter breit und 30 Meter hoch. In jede Halle passen sieben Jumbo Jets. In den Hallen werden die Tunnelemente gefertigt: 79 Standard- und zehn Spezialkästen.

Grafik der Absenkelemente mit mehreren Röhren

Auf der Tunnelbaustelle und in der Fabrik arbeiten durchgehend zwischen 3.000 und 4.000 Beschäftigte. Es gibt eine eigene Containerstadt (Tunnel By) neben dem Areal, in der die Menschen wohnen.

Der Reiseleiter fuhr sich auf der Baustelle irgendwas in den Reifen und bekam einen Platten.


Die zweite große Brücke |  Die Fähre und später der Tunnel führen auf die dänische Insel Lolland. Auf ihr: die Euro-Velo-Route 10, der Ostseeküstenradweg.

Laternenpfahl mit Aufklebern: Pilgrumsroute, Radsymbol und Schrift "Hamburg - Copenhagen"

Wir bogen alsbald auf den Radweg ab. Man kann ihn gut fahren – auch wenn Lolland im April etwas zermürbend ist. Dafür kann der Radweg aber nichts.

Schönste Rast: Maribo.

Panoramaaufnahme: Links eine Kirche, in der Mitte ein Mann an einem Tisch, neben zwei Fahrräder, rechts zieht sich ein See mit einem Steg ins Bild.

An der Kirche befand sich, wie fast überall in Dänemark, ein Friedhof. Auf dem Friedhof fand, während wir Käse aßen und Kakao tranken, eine Beerdigung statt. Wir hielten uns im Hintergrund und verschoben das Flanieren, bis die Beisetzung beendet war und die Trauergemeinde den Friedhof verlassen hatte.

Wir durchquerten Lolland in einem Tag und fuhren am Abend auf die Insel Falster. Auch diesmal fuhren wir über eine Brücke; wie sie aussah, habe ich allerdings vergessen. Es muss in Nykøbing gewesen sein, ich war bereits müde und offensichtlich unaufmerksam. Oder die Brücke war kein Foto wert. Ich glaube, es war beides.

Am nächsten Tag führte uns eine Brücke von der Insel Falster hinunter, die nicht zu übersehen war, auch nicht bei Müdigkeit: die neue Storstrømsbroen, offiziell auch Dronning Margrethe II’s Bro. Sie ist frisch eröffnet, aber noch nicht eingeweiht; das passiert im Juni. Der Bahnverkehr nutzt noch die alte Brücke.

Im Gegensatz zur Fehmarnsundbrücke gibt es auf der Storstrømsbroen einen ordentlichen Fuß- und Radweg, mit einem Geländer von der Fahrbahn getrennt, und ausreichend breit.

Ein Radweg auf einer Brücke, durch ein Geländer abgetrennt von der Fahrbahn. Ein großer Brückenträger fächert sich darüber aus. Ein Fahrrad lehnt am Geländer.

Die Storstrømsbroen ist viermal länger als die Fehmarnsundbrücke, knapp vier Kilometer (Luftbild). Man fährt zunächst zwei Kilometer leicht bergauf und dann, ab dem zentralen Pylonen, leicht bergab. Trampeln mussten wir hinauf wie hinab – wegen des Gegenwindes. Die Brücke schwingt dabei gehörig – zumindest tat sie das, als wir drüberfuhren. Ich habe es nicht sofort bemerkt, sondern hatte zunächst nur ein diffuses Übelkeitsgefühl. Möglicherweise lag es am starken Wind. Im Auto wird man es nicht wahrnehmen.

Wieder unten, fühlte ich mich an Fontane erinnert:

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund?“
„Ei, der muß mit“
„Muß mit.“
„Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!“


Die Zahlen | Baustellen sind eine hervorragende Gelegenheit, sich mit dänischen Zahlen vertraut zu machen. Ständig wird über Länge und Breiten gesprochen, wie viele Menschen wo arbeiten, was wie viel wiegt und wie viele Tonnen verbaut werden.

Wenn Sie zu dem Personenkreis gehören, der bereits das französische Zahlensystem als unangenehm verkopft empfindet – quatres-vingt, vier 20er gleich 80 -, werden Sie den dänischen Zahlen mit Skepsis gegenüberstehen. Während die Franzosen immerhin noch mit ganzen Zahlen rechnen, multiplizieren die Dänen wild mit halben: 50 sind halv-tredje sinde tyve, 2 ½ x 20, 70 sind halv-fjerde sinde tyve, 3 ½ x 20 und 90 sind halv-femte sinde tyve, also 4 ½ x 20. Weil die Wörter durch die Rechnerei unpraktisch lang werden, kürzt man sie ab: 50 sind halvtreds, 70 sind halvfjerds und 90 sind halvfems. Und weil die Dänen nichts so aussprechen, wie man es schreibt, hören sie sich die Zahlen ganz anders an.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von der dänischen Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen. Das Tourblog:

Tourblog #2 Lübeck – Kopenhagen: Eine Erzählung über Museen und Friedhöfe

19. 04. 2026  •  3 Kommentare

Prolog | Eine Reise bildet ja bekanntlich. So habe ich nicht nur etwas über Bananen gelernt, sondern war auch in Museen. Von zwei Erlebnissen möchte ich hier erzählen – und von Bekannten, die ich getroffen habe.


Dänisch-jüdisches Museum | Es sei ein fröhliches Museum, so hieß es. Eines, das der Judenverfolgung gewidmet sei, das aber vor allem die Rettung feiere – den Zusammenhalt der dänischen Bevölkerung, ihre Risikobereitschaft und das warme Willkommen von 7.000 dänischen Juden in Schweden im Jahr 1943.

Damals gelang es der Mehrheit der Juden, die in Dänemark lebten, zu fliehen und zu überleben. Dänemark verfolgte seinerzeit eine deutschfreundliche, pragmatische Politik. Es kooperierte mit dem Deutschen Reich, hatte aber innenpolitische Unabhängigkeit ausgehandelt. Zu dieser Unabhängigkeit gehörte, dass die Dänen Juden nicht registrierten, dass Jüdinnen und Juden keinen Stern tragen mussten und dass sie lange in Rechtsstaatlichkeit leben konnten. Im September 1943 verlangten die Deutschen jedoch Kontrolle: Gestapo und SS verstärkten ihre Präsenz in Dänemark, man durchsuchte das Archiv der jüdischen Gemeinde und kam so an die Adressen aller in Dänemark lebenden Juden. Als die Deutschen ihre Deportationspläne konkretisierten, gingen dänische Sozialdemokraten in Verhandlungen mit Schweden, um ihren Mitbürgern ein Exil zu ermöglichen. Außerdem stachen dänische Verwaltungsbeamte die Information von anstehenden Verschleppungen an Oberradbiner Marcus Melchior in Kopenhagen durch. Rabbiner Melchior warnte die Gläubigen in seiner Syngoge, die Gläuben gaben die Warnung an ihre Frende und Familien weiter. So konnten fast alle dänischen Juden rechtzeitig untertauchen. Auf Schiffen gelangten sie schließlich nach Schweden. Viele von ihnen kehrten nach dem Krieg in ihre unangetasteten Wohnungen zurückkehren. Die Ereignisse sind im dänisch-jüdischen Museum auf angenehme Weise erzählt: gefühlvoll, persönlich und dennoch mit unaufdringlicher Distanz.

Den Rahmen für diese Geschichte bildet ein Gebäude, das ich nicht anders als fantastisch nennen kann. Ein Bau von Daniel Libeskind, der eine Liebeserklärung an die Ereignisse ist, der die Besucher umarmt und sie mit auf die Reise nimmt.

Der Boden ist den Schiffsplanken nachgeahmt. Die Wände heißen willkomen: Sie sind aus schwedischer Buche. Lichtschlitze vermitteln Eindruck der Viehwaggons, mit denen die Juden deportiert wurden – und gleichzeitig das Licht der Hoffnung, das Morgengrauen, der frühe Lichtstreif, mit dem die Juden an der dänischen Küste anlandeten. Geht man durch die Gänge, schwankt man: Es geht auf und ab, man fühlt sich wie auf einem der Boote, mit denen die dänischen Juden nach Schweden flohen. Als wäre das nicht alles schon ergreifend genug, bildet der Grundriss des Gebäudes, die Anordnung der Gänge das hebräische Wort Mitzvah: die gute Tat. Man möchte weinen angesichts dieser architektonischen Berührung.


Arken | Auf der letzten Etappe, als wir von Køge nach Kopenhagen radelten, kamen wir am Arken-Museum vorbei, dem Museum für zeitgenössische Kunst. Auch hier: Berührung.

An der Wand des ersten großen Saals, den man betritt, hängen Fotos von Schmetterlingen, 68 Stück in einer langen Reihe. Erst, als ich näher heranging, sah ich die Details in ihren Flügeln, die dort nicht hingehören: gewälttätige, kriegerische Ereignisse. Das Schöne und der Verstörende, vereint und gerahmt. Sehen Sie es auch?

Peter Holst Henckel: World of Butterflies (2002)


Friedhöfe | Egal, wo ich bin: Ich besuche gerne einen Friedhof. Der Ort der Toten erzählt viel über das Leben, über das, was und wen wir würdigen und was im Leben wichtig war.

Außerdem befindet sich auf dänischen Friedhöfen immer eine öffentliche Toilette, meist in einem Nebengebäude und gut gepflegt. Die Friedhöfe selbst sind immer um die Dorfkirche herum angelegt; die Kirche sieht man von Weitem. Das ist alles sehr praktisch auf Radreisen.

Große, rote Kirche, darum ein Friedhof. Im Vordergrund ein Mann mit zwei Farrädern. Zwischen den Gräbern eine Bank.

In Eskilstrup saßen wir auf einer Bank und aßen. Rechts von uns lagen Gunnar und Bodil Rasmussen, links von uns Ole und Ane Jensen Foged. Es waren Hofbesitzer und ihre Gattinnen, das stand auf den Grabsteinen. Die Sonne schien uns warm auf den Rücken. Wir hatten wieder einmal eine langen Gerade mit Gegenwind hinter uns und verspürten den Bedarf, unseren Proviant an Vanilletörtchen anzubrechen.

Der Reiseleiter, ganz in seiner Rolle, informierte sich über die Sehenswürdigkeiten des Ortes: Die Straße hinter uns führte zum Krokodilzoo, dem tierkundlichen Höhepunkt der Gegend, der gleichzeitig ein Kontrapunkt zum örtlichen Traktormuseum war. „Das Traktormuseum“, dozierte der Reiseleiter, „zeigt eine fast vollständige Sammlung des dänischen Bukh-Traktors mit Prototypen und Sonderausführungen. Außerdem größere Sammlungen von Bolinder-Munktell.“ Ich nickte und biss ins Törtchen.

Grab von Michael Larsen, 1963 - 2016, in Eskilstrup, Grabinschrift "I am the boss"

In Kopenhagen besuchten wir den Assistens Kirkegård, Kopenhagens Assistenzfriedhof, der so heißt, weil er bei seiner Gründung den vorhandenen Friedhöfen assistierte: Alle Flächen innerhalb der Stadtmauern waren belegt, es brauchte zusätzlichen Platz. Der Friedhof wurde schnell zum beliebten Ausflugsziel, man fuhr zum Picknick in die Parkanlage. Man flanierte, flirtete und feierte. Alsbald wurde es Totengräbern verboten, Schnaps auszugeben.

Wie auch in Eskilstrup und anderen Dörfern erzählen die Grabsteine von dem, was die Toten gewesen sind. Nur starben in Kopenhagen weniger Hofbesitzer, stattdessen Schulräte und Gemeindevorsteher, Stiftungsgeber, Dichter und Professoren.

Eine Mauer mit Nischen, jede NIsche ist eine andere Farbe. Darin alte, verwitterte Grabsteine

Wir besuchten das Grab von Niels Bohr, der Mann mit dem Atommodell – ich las kurz nach; solcherlei Zuordnungen entfallen einem dreißig Jahre nach dem letzten Physikunterricht schonmal. Auf dem Fuß des Bohrschen Grabsteins, winzig klein im Verhältnis zum Trumm, zwei Würfel, ein gelber und ein blauer. Ein Gruß von Albert Einstein. Wie sehr Friedhofsbesuche doch bilden!

Im Grab des Schrftstellers Dan Turèll steckten Kugelschreiber, eine Huldigung an ihn und eine Huldigung an den Alltag, so wie er ihn im Liedtext Hyldest Til Hverdaget beschreibt (Übersetzung).

An anderer Stelle: ein Grab mit einer ungewöhnlichen Figur und der Inschrift Det var det – Das war’s. Ich recherchiere: Der Grabbesitzer, Künstler Leif Petersens, lebt noch. Er hat ein Familiengrab gestaltet, um einen Treffpunkt zu haben, und lädt Freunde und Verwandte dazu ein, sich dazuzugesellen, tot oder lebendig.

Weiter entfernt, nicht fotografiert, sehe ich ebenfalls ein Grab von zwei Lebenden: Eine Grabstele mit zwei Frauennamen, darunter die Geburtsdaten und ein Strich. Das Sterbedatum ist noch nicht graviert.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von langen, schwankenden Brücken, eine Fährfahrt und vom Fehmarnbelttunnel, der bald, achtzehn Kilometer lang, Deutschland mit Dänemark verbinden wird und der Absenktunnel der Welt werden wird. Das Tourblog:

Tourblog #1, Lübeck – Kopenhagen: Die Fahrt, der Wind, die Einöde, Schnee und ein Bällebad

16. 04. 2026  •  9 Kommentare

Prolog | Stellen Sie sich vor, wie ich mich zum Schreiben dieses Beitrags an meinen Küchentisch setze. Wie ich mich zurücklehne. Wie ich den Blick schweifen lasse und dann zu tippen beginne. Es gibt viel zu tippen, so viel, dass ich nicht einfach drauflostippen kann. Ich habe mir einen Plan gemacht, einen Plan für fünf Beiträge über eine Reise von Lübeck nach Kopenhagen. 

Dieser erste Beitrag wird von der Fahrt handeln. Folgen Sie mir nun auf die erste Etappe. 


Die Fahrt | Wir fuhren mit dem Rad. Es war nicht weit, 340 Kilometer in sechs Etappen, es fühlte sich aber weit an, denn bei jedem Kilometer, den wir fuhren, wurden wir 200 Meter zurückgeweht. 

Wir starteten in Lübeck. Dort war es noch nicht so windig. Erst später, auf Fehmarn und noch später auf Lolland blies uns der Wind erbarmungslos ins Gesicht. Wir fuhren vierzig, fünfzig, sechzig Kilometer nur im Gegenwind. Das war anstrengend. Ich bekam schlechte Laune.

Irgendwann hatte ich selbst für die schlechte Laune keine Kraft mehr. Das lag an zwei Dingen: der Kälte und der verrottenden Banane.

Zunächst zur Kälte. Anfangs war es nicht allzu kalt. Wir hatten zwar nur zwischen acht und elf Grad, aber durchgehend Sonne. Es war ein Sonnenschein, der schon vom Sommer erzählt, der den Rücken und die Seele wärmte. Aber der Wind – er blies ohne Gnade, wirbelte kalt in meinen Bronchien und setzte ihnen zu. Nach dem ersten Tag pfiff ich abends wie ein Teekessel, während ich atmete. Danach fuhr ich die meiste Zeit mit einem Tuch vor dem Mund. Das machte es besser. 

Vanessa macht ein Selfie auf dem Fahrrad. Sie trägt eine Weste, ein dickes Oberteil, einen Helm, darunter eine Mütze, eine Sonnenbrille und ein Tuch vor dem Mund. Dahinter der Reiseleiter auf dem Rad, sonniges Wetter und Felder.

Die Gegend, sie ermunterte nicht. Kilometerweit strampelten wir geradeaus, links Felder, rechts Felder, bisweilen Wald, ab und zu eine Allee, ein Hof, ein Dorf. Die Dänen nennen die Region Den rådne banan, die verrottende Banane, entvölkert, wirtschaftlich abgehängt. Gefühlt jedes sechste Haus steht zum Verkauf. Die Häuser dazwischen – man sieht es ihnen an: Die Kinder sind ausgezogen, die Gardinen sind vergilbt, im Schuppen sammelt sich vormals Nützliches. An einem der Abende lagen wir im Bett und sahen die Immobilienanzeigen durch: Ab 90.000 Euro kann man hier zuschlagen. Voraussetzung: Freude am sozialen Rückzug und handwerkliches Geschick. Wer zu Schwermut neigt, sollte allerdings die Finger davon lassen.

Blauer Himmel, elder, ein Wirtschaftsweg, der eine sanfte Kurve nach rechts macht. Weite. In der Ferne ein Haus.

Wir schlugen uns nach Nykøbing Falster durch, übernachteten bei einer Künstlerin im Obergeschoss, und fuhren von dort nach Vordingborg. Der Reiseleiter bekam einen Platten. Im folgenden Supermarkt gab es drei neue Fahrradschläuche zum Preis von zwei. Wir legten uns Reserven an.

In Vordingborg waren wir die einzigen Gäste in Danhostel, der dänischen Jugendherberge. Sie schlossen nur für uns auf, die Betten waren bereits bezogen, die Gästemappe frisch auf dem Tisch gerichtet. Wir legten unsere Sachen ab, duschten und machten uns Nudeln mit Soße. Auf der Suche nach Salz durchstreiften wir die Küche, die Flure, die Gemeinschaftsräume und fühlten uns wie Einbrecher.

Ein schlichtes Zimmer, an der Wand zwei Betten. An der Wand lehnen Fahrräder mit Gepäck.

Während wir aßen, zog sich der Himmel zu. Der Reiseleiter konsultierte den Wetterbericht und meldete: Morgen seien es vier Grad, es werde regnen, gefühlte Temperatur minus drei. Ich rollte Nudeln ohne Salz auf meine Gabel, hielt inne und sah ihn an. Es gibt diese Momente in einer Beziehung, vielleicht kennen sie die; Momente, in denen man nicht reden muss, sondern in denen ein Blick sagt: „Das – und es ist aus zwischen uns!“ Er buchte uns eine Fahrt mit der Dänischen Staatsbahn.

Als wir am kommenden Morgen in der Wartehalle saßen und schlechten Kaffee aus dem 7eleven tranken, schneite es draußen.

Ich lobte den Reiseleiter für seine umsichtige Entscheidung.

Die dänische Bahn fuhr uns äußerst kommod nach Køge, einer Hafenstadt, die sich deutlich munterer zeigte als ganz Lolland zusammen. Der Tag wurde zu Reisegold, als wir noch dazu guten Kaffee bekamen, sensationellen Kuchen und dazu ein Puzzle. Es war bereits angefangen, jeder Gast darf weiterpuzzeln. Wir blieben zweieinhalb Stunden, denn es war ein kniffliges Puzzle: Das Motiv auf dem Karton war nicht das Motiv des Puzzles. Es war ein Puzzle, das man weiterdenken musste – in unserem Fall in die Zukunft. Perfide!

Sollten Sie einmal Køge sein, gehen Sie zu Sanne’s Desserter und puzzeln Sie. Es ist sehr entspannend. Nehmen Sie außerdem die Erdnussschnitte. Ihr Leben wird danach ein anderes sein.

Von Køge aus waren es am nächsten Tag nur noch etwas mehr als vierzig Kilometer bis nach Kopenhagen. Wir waren ausgeruht und frohgemut, obwohl es deutlicher kälter war als den Tagen zuvor. Aber erneut sonnig! Wir zogen uns dick an, oben vier Schichten, unten drei, radelten durch Industriegebiete hinaus aus der Stadt und erreichten schon bald das Meer.

Der Wind blies uns Tränen aus den Augen. Ein Paar in dicken Mänteln kam, zog sich nackt aus und stieg in die Gischt. Die Zwei ließen sich ein bisschen treiben. Dann kamen sie wieder heraus, hüllten sich in ihre Mäntel und gingen zurück nach Hause.

Wir fuhren eine Weile die Küste entlang. Häuser grenzten direkt an den Strand, größere und kleinere, allesamt sympathisch und bescheiden mit kleinen Gärten. Rosen und Stockrosen zeigten erste Blätter, wir erahnten den Sommer. Jedes der Häuser hätten wir sofort genommen, wäre es uns geschenkt worden. Ich sah mich schriftstellernd und podcastend in einem Wintergarten am Meer, dazu ein Gewächshaus mit Tomaten.

Wir stoppten am Arken-Museum, dazu mehr in einem anderen Beitrag. Nur so viel: Ich verschwand kurzfristig im Bällebad, ein Erlebnis, das ich bis anhin völlig unterschätzt hatte. Sowohl körperlich als auch seelisch fühlte ich mich vollends aufgehoben.

Der Wind blies weiterhin gehörig, doch es waren nur noch vierzehn Kilometer bis nach Kopenhagen. Der Wind konnte uns nichts mehr!

Wir nutzten einen der Cycle Super Highways, die aus dem Umland nach Kopenhagen führen. Sechs Kilometer vor dem Ziel machten wir noch einmal Pause am Havneslusen.

Angekommen.


Die nächsten Etappen | Wenn Ihnen diese erste Etappe gefallen hat, folgen Sie mir in den kommenden Tagen auf die weiteren:

  • Eine Erzählung über Museen und Friedhöfe
  • Brücken, Tunnel und Fähren: ein Beitrag für den Freundeskreis Ingenieurskunst
  • Die dänische Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen
  • Test eines Mythos: Radfahren in Kopenhagen 

Beim Bäcker, am Bahnhof und in Bayern

26. 03. 2026  •  11 Kommentare

Beim Bäcker | Heute Morgen stand ich mit schlechter Laune beim Bäcker. Vor mir ein Kind in der Schlange, hinter mir ein Handwerker in Arbeitskleidung. Das Kind dreht sich um, reißt die Augen auf, ruft: Wow! Ein Bauarbeiter! 
Bauarbeiter: *lacht
Kind: Hast du Hunger?
Bauarbeiter: Ja.
Kind: Kaufst du einen Salat?
Bauarbeiter: *lacht – Nein.
Kind: Magst du keinen Salat?
Bauarbeiter: Nein.
Kind: Magst du Brötchen?
Bauarbeiter: Ja.
Kind: Du musst groß und stark werden.
Bauarbeiter: Bin ich doch schon.
Kind: *guckt kritisch
Verkäuferin (zu Kind): Willst du einen Keks?
Kind: *greift nach Keks und gibt ihn dem Bauarbeiter – Hier. Für dich.

Danach hatte ich gute Laune.


Am Bahnhof | Neulich erzählte ich, wie ich auf dem Frauentag der Bogestra einen Vortrag zum Thema Catcalling besuchte. Am Bahnhof in Essen konnte ich das Gelernte anwenden.

Ich stand am Gleis und wartete. In Hörweite stand eine junge Frau. Ein Mann näherte sich ihr, sagte, dass sie sexy sei, fragte nach ihrem Namen. Die Frau erwiderte seinen Blick nicht, antwortete nicht. Er fragte, wo sie hinfahre, ob sie einen Freund habe. Sie schaute intensiver weg. Er fragte, was sie noch vorhabe, ob sie zu ihrem Freund fahre. Ich nahm meine Tasche, rückte neben sie und sagte, dass ich an ihrer Seite sei. Er ließ sofort von ihr ab. Sie bat mich, noch bei ihr stehen zu bleiben, bis der Zug kommt. Das tat ich.


In Bayern | Ein lieber Mensch hatte zum 50. Geburtstag eingeladen – nicht in seinem Wohnzimmer, sondern in Bayern, an einem Ort, an dem er eine prägende Zeit seines Lebens verbracht hat. Er mietete einen Achtsitzer, die Festgesellschaft sammelte sich und gemeinsam fuhren wir in den Süden. Unter den Reisenden waren der Gastgeber, sein Partner und ich – und verschiedene Eltern. Die Senioren führten Frikadellen und Schnitzelchen mit, vegetarisch und mit Fleisch, im Kofferraum lagerten Wasser, Cola und Apfelschorle, Brötchen und Kekse waren gerichtet, sogar Trüffelmayonnaise hatten wir. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass wir zehn Stunden benötigten, um das Ziel zu erreichen. Fügen Sie gedanklich dieses Lied in die Schilderung ein.

Das Auto, in dem wir saßen, war ein Mercedes Vito, schwarz mit getönten Scheiben, ein Tourbus. Schnell war klar: Wir brauchten einen Band-Namen! M and the Silver Agers, The Long Road Rebels, Black Bus Brothers. Und: Band-Shirts! Auf dem Rücken die Stationen unserer Tournee: Raststätte Siegerland West – 10:21 Uhr, Katzenfurt Süd – 12:53 Uhr, Autohof Wertheim – 15:14 Uhr, Greding West – 16:57 Uhr, Hagebau Holzkirchen – 18:35 Uhr.

(Die letzte Station war die bestbewertete. Die Rentner-Community war noch Kilometer später voll des Lobes für das vorzügliche Ambiente auf dem WC. Sollten Sie in dem Markt arbeiten und hier mitlesen, fühlen Sie sich bitte außerordentlich wertgeschätzt.)

An den darauffolgenden drei Tagen besuchten wir München, Bad Tölz, Lenggries, Bad Heilbrunn und eine erkleckliche Anzahl Gastronomien. Die Gruppe hangelte sich von Frühstück zu Kaffee und Kuchen hinüber zum Abendessen, unterstützt von erquickenden Aperölchen, dem ein oder anderen Hellen und Kräfte erhaltenden Hollerschorlen. Zwischen 16 und 18 Uhr Nachmittagsschläfchen.

Blauer Himbeer, eine Kirche, davor knospende Zweige und das Schild "Café Kaiserschmarrn"

Wir Jungspunde fuhren den Blombergblitz, wir waren fast allein. Wir stiegen ein, fuhren hinauf, eine rasante Abfahrt, wir liefen zurück zum Start, stiegen wieder ein. Einmal, zweimal und nochmal aufs Neue. Heidewitzka! Das waren wilde Fahrten!

Bis zum Samstagabend trafen weitere Gäste ein – mit Zug, Wohnmobil und Pkw. Es waren Menschen, die nur für wenige Stunden anreisten, nur für eine Übernachtung, viele Kilometer. Wir feierten mit einem Zauberfondue. Wir aßen und tranken, hörten Geschichten, erzählten selbst welche und ließen uns verzaubern. Das Geburtstagskind war beseelt, die Festgemeinschaft beglückt. Um Mitternacht waren wir alle zusammen sehr satt, im Bauch und im Herzen – und froh, dass niemand zersägt worden war.


Zertifkat | Ich bekam Post. Im Umschlag: mein Zertifikat als KI-Managerin von der Fraunhofer Gesellschaft. Auf Linked.In habe ich aufgeschrieben, was meine Kunden davon haben.


Gelesen | Anna oder: Was von einem Leben bleibt. Journalist Henning Sußebach nimmt uns mit auf die Spuren seiner Urgroßmutter Anna Raesfeld, verwitwete Vogelheim, geborene Kalthoff. Ein normales und gleichzeitig außergewöhnliches Leben zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreiches und dem Beginn der Nazi-Zeit, tief im Sauerland. Ein großes kleines Buch.


Schweine | Die Oma hat seit ihrer Ankunft im November dichtes Fell bekommen, führt die Jungschweine an und pflegt eine Leidenschaft für Tomaten.

Ein schwarz-weißes Meerschein in der Stalltür, auf dem Boaden davor ein braunes Schwein, neugierig nach oben in den Stall blickend

Anders Zorn in Hamburg, zuvor Weihnachten in Haltern

28. 12. 2025  •  10 Kommentare

Ausflug zu Anders | Es war Anfang November, genauer ein Tag nach Allerheiligen, als Herr Buddenbohm mich schubste. Geradezu enthusiastisch – im Rahmen seiner norddeutschen Möglichkeiten – schilderte er seinem Besuch in der Hamburger Kunsthalle und berichtete von den Bildern Anders Zorns. Er endete mit dem Hinweis, dass die Ausstellung noch bis Ende Januar zu sehen sei –

Die norddeutschen oder reisewilligen Leserinnen und Leser fühlen sich bitte angemessen geschubst.

Ich fühlte mich also geschubst und schubste wiederum den Reiseleiter. Gemeinsam fuhren wir nach Hamburg.

Es ist nicht so, dass ich vorher schonmal von Anders Zorn gehört hätte. Ich bin nur mäßig kundig, was Kunst angeht, und außerdem nur durchschnittlich begeisterungsfähig. Ich mag es gefällig und nicht zu provokant; auch bin ich dankbar, wenn ich erkenne, was ich sehe.

Die Kunsthalle bot eine Führung an: eine Stunde Erklärungen zu den Bildern, dargeboten von Jeffrey Turek, einem äußerst kurzweiligen Kunsthistoriker mit amerikanischen Wurzeln. Wir amüsierten uns sehr und lernten viel. Unter anderem, dass Anders Zorn zu Lebzeiten quasi ein Superstar war. Er tourte um die Welt, nach Moskau und New York, nach Paris und Tanger und malte die Reichen und Schönen. Manchmal waren sie auch nur reich, selten nur schön, denn Herr Zorn verstand sich darauf, Geld mit seinem Handwerk zu machen.

Er malte drei amerikanische Präsidenten, darunter Grover Cleveland und seine Gattin Frances.

Zwei Portraitsn an einer Wand: Frances Cleveland und Grover Cleveland: sie in weitem Kleid vor weißer Wand, die Beine übereinander geschlagen, die Hände gefaltet, er auf einem Stuhl, lockere Körperhaltung, in einem Anzug.

Cleveland soll nach Fertigstellung gesagt haben: „As for my ugly mug, I think the artist has struck it off in great shape.“ – „Was meine hässliche Visage angeht, finde ich, dass der Künstler sie sehr gut getroffen hat.“ Von Frances existieren zahlreiche Portraits, die New York Times veröffentlichte viele von ihnen. Sie war eine Stil-Ikone; in Ermangelung von Fotografie – Apparate wurden erst später erfunden – ließ sie sich oft malen, stets in den neuesten Outfits.

Zorn malte die Menschen gerne zwanglos, man möchte sagen: leicht hingefläzt.

Als der schwedische König in vollem Ornat zum Stillsitzen antrat, sagte Zorn, Orden und Gedöns solle er ablegen, die Uniform auch und etwas Schlichteres anziehen. So einer war der Zorn; das konnte er sich leisten: Den König zum Umziehen schicken.

Zorn malte nicht nur Menschen. Er malte auch gerne Wasser – und das ebenfalls besonders gut. Die meisten seiner Wasserbilder sind Aquarelle. Zorn konnte also nicht nachbessern oder übermalen wie beim Öl: Sobald der Pinsel das Papier berührte, gab es kein Zurück mehr, dann war die Farbe, waren die Verläufe gesetzt.

Bild eines Paares: Sie steht auf einem Steg, er sitzt in einem Ruderboot. Das Wasser reflektiert.

Anders Zorn starb 1920 und geriet schon bald danach in Vergessenheit. Es gibt keine Erklärungen dafür. Vielleicht lag es daran, dass er zu gefällig malte: An Zorns Schaffenszeit schlossen sich Surrealismus und neue Sachlichkeit an. Vielleicht hatte es auch andere Gründe.

In Zorns Heimatstadt Mora in der schwedischen Provinz Dalarnas gibt es das Zornmuseet. Einige Leserinnen neigen möglicherweise zu Skandinavienausflügen. Wenn Sie in der Gegend sind, ist das sicherlich ein lohnenswerter Besuch.


American Cycles | Wo wir schonmal in Hamburg waren, besuchten wir noch eine zweite Ausstellung: Philip Montgomery in den Deichtorhallen. Ebenso wie Herr Zorn war mir bis anhin auch Herr Montgomery gänzlich unbekannt. Ich lernte, dass seine Fotografien regelmäßig im The New York Times Magazine, in der Vanity Fair und im The New Yorker erscheinen; es ist also völlig klar, wer hier die Banausin ist.

Montgomery dokumentiert das Leben jenseits der amerikanischen Greatness: Drogensucht und Naturkatastrophen; die Gefangenen, die als Firefighter bei Waldbränden aushelfen; Familien während einer Zwangsräumung ihres Hauses; die Stahlarbeiter in Wisconsin bei einer Arbeitspause; das vom Hurrican verwehte Haus; die Trump-Anhängerin mit dem Waffen-Tattoo auf dem Rücken – als stecke die Knarre im Hosenbund.

Unter einer Treppe hindurch fotografiert ein Bild: Eine Frau ist von hinten zu sehen, sie lüftet ihren Pullover, auf dem Rücken hat sie das Tatoo einer Pistole. Es sieht aus, als stecke sie in ihrem Hosenbund.

Montgomery hat schon viele vor der Kamera gehabt: Schauspieler und Sängerinnen, Journalistinnen und Polizisten, den Supreme Court, Senatoren und Präsidenten. Die ZEIT hat Montgomery anlässlich der Ausstellung interviewt und mit ihm über seine Fotografie, über Ungleichheit, Kontrolle, seine Betroffenheit während des Fotografierens und über Donald Trump gesprochen.

Die Empore der Ausstellung – sehr gut gefiel mir die Inszenierung des Vorhangs.

Das Hochhaus im Bild ist real, steht in Hamburg und ist durchs Fenster der Ausstellungsräume zu sehen. Der Rest der Hurricane-Szene ist Montgomery.

American Cycles ist noch bis zum 10. Mai 2026 in Hamburg zu Gast.


Gelesen | Die Lektüre des Hamburg-Aufenthalts passt gut zur Stimmung in der Ausstelung: Land der Gewohnheit von Ted Thompson, übersetzt von Susanne Höbel.

Protagonist Anders schmeißt nach mehr oder minder erfolgreichen Jahren im Speckgürtel New Yorks – guter Job, Frau und zwei erwachsene Kinder – sein Leben hin, verlässt die Frau und zieht in ein kleines, eigenes Häuschen, nur um zu erkennen, dass sich, nachdem er das falsche Leben hinter sich gelassen hat, nicht automatisch das richtige einstellt. Als er das erkennt, will Anders zurück und scheitert kläglich: Seine Frau hat bereits einen Neuen, und auch seine Söhne vermissen ihn nicht wirklich.

Innere und äußere Konflikte, Hilflosigkeit, gescheiterte Lebensträume und trübsinnige Seelenwelten durchziehen die Geschichte. Es ist unausweichlich, dass jemand stirbt, auf klägliche Art und Weise. Glück sucht man woanders, nicht in diesem Buch – präzise beobachtet und gut zu Papier gebracht.


Rückreise | Wir reisten mit dem Zug. Zwischen Hamburg und Haltern nur Nebel. Die Felder weiß von Dunst und Raureif, die Bahnhöfe monochrom in Vanille.

Auf dem Bahnsteig in Osnabrück eine Frau mit Kind, beide müde gehend, das Kind mit einem Luftballon unter dem Arm; er hat die Form einer Zeichentrickkatze. Die Mutter mit Geschenktüten an der Hand, darauf ein lachender Weihnachtsmann.

Auf dem Bahnsteig in Münster ein Vater mit seinem Sohn. Der Sohn geht ihn bis zum Knie und liest alle Zahlen vor, die er sieht, die Sieben, die Zweiundvierzig und die Sechzehn, die Sechsundzwanzig und die Neun. Er fragt, aus welcher Richtung der Zug kommt und nach wie vielen Halten sie aussteigen werden. Der Vater beantwortet alle Fragen geduldig, über der Schulter einen Koffer in Gestalt eines Löwen.


Frühe Belege | Eine Sache sei noch erwähnt: In der Kunsthalle besuchten wir auch die Alten Meister. Wir entdeckten einen frühen Beleg von Social-Media-Aktivitäten. Max Liebermann malte 1887/1889 eine erste Social-Media-Beauftragte bei ihrer Arbeit auf den Feldern der Niederlande, wie sie gerade eine Netzflickerin für ein Reel in Szene setzt.

Zwei Bilder im goldenen Rahmen, das rechte sehr groß, das linke klein. Das rechte zeigt eine Frau auf einem Feld. Sie stemmt sich gegen den Wind.

Chronistenpflicht | Und auch hiervon sei Kunde gegeben: vom Feste der Weihnacht, wie es von alters her Brauch ist. Denn es begab sich zu derselben Zeit, da der heilige Abend gekommen war, dass sie sich versammelten unter dem Baum, der leuchtete im Schein vieler Lichter.

Kleines Meerschwein als Baumschmuck

Und sie brachen das Brot und setzten die Brühe ans Feuer, und sie bereiteten Fleisch und Gemüse und aßen, bis keiner mehr Mangel hatte. Und sie gaben einander die Gaben und öffneten sie, und Dank erfüllte ihre Herzen.

Darnach aber taten sie ein Spiel, das rief hervor, was in der Vergangenheit erklungen war; und sie ordneten die Lieder und behielten sie in ihrem Herzen.

Bunte Karten liegen in einer Reihe auf einem Tisch. Auf ihnen stehen Jahreszahlen. Es sind Händ ezu sehen. Kerzen brennen auf dem Tisch.

Alte und Junge trugen bei, ein jeder nach seiner Art. Und sie spielten bis in die tiefe Nacht; da wurden ihre Glieder müde, und sie legten sich nieder zur Ruhe.

Und am folgenden Tage geschah es, dass sie auszogen aus Münster und aus Menden, aus Ardey, aus Siegen und aus Dortmund, und sie kamen zusammen an dem Ort, der genannt wird Haltern am See. Und ihrer waren elf an der Zahl, Junge und Alte, und ihre Herzen waren fröhlich. Und sie aßen und tranken, wie es ihnen überliefert worden war.

Kaffeetafel: Ein Service mit Stiefmütterchen, Servietten, die ein frohes Fest wünschen und einem hölzernen Serviettenring. Im Hintergrund Streuselkuchen und unscharf Menschen.

Als aber die Stunde gekommen war, nahmen sie ihre Sitze und versammelten sich in der guten Stube. Und sie teilten Gaben untereinander und erzählten, was ihnen widerfahren war. Und als die Sonne sich neigte zum Untergang, aßen und tranken sie erneut. Sie aßen vom Brot und von der Suppe, von den Speisen und den süßen Gaben. Und da sie müde geworden waren, brachen sie auf und kehrten zurück ein jeder in sein Haus, matt am Leib, doch erquickt an der Seele.


Leser’innenfrage | Die aktuelle Frage auf der Themen-Vorschlagsliste beantworte ich beim nächsten Mal. Vielen Dank dafür!


Schweine | Die Schweine bekamen getrockneten Löwenzahn zu Weihnachten, ließen sich aber keine Dankbarkeit anmerken. Nachfolgend ein Bild vom Oma-Schwein, das neuerdings gerne im Essen sitzt. Verständlich, dann hat man weniger Mühe.

Wintergarten der Schweine, durchs Gitter fotografiert. Das schwarz-weiße Schwein sitzt in der Heurauf und frisst.

Berge, Wanderungen, ein Friedhof und eine Leser’innenfrage

26. 10. 2025  •  13 Kommentare

Wanderungen | Was ich an Bergen faszinierend finde, und das klingt zugegebenermaßen etwas skurril, ist, dass sie einfach so aus dem Boden wachsen. Vor einem liegen Felder, stehen Bäume, jemand hat ein Haus gebaut, und plötzlich erhebt sich dahinter die Welt, zweitausend Meter hoch, völlig ohne Grund. Ich meine, natürlich gibt es einen Grund, Plattentektonik und so, das wissen wir alle, die wir einigermaßen wach waren in der Schule, aber dennoch: Sie sind einfach so da. Manchmal stehen sie arg im Weg, die Berge, völlig unpraktisch, ein anderes Mal passen sie ganz gut, gerade wenn sich mehrere von ihnen aneinanderreihen und ein hübsches Gebirge bilden; dann hat man den Eindruck, es ergebe irgendwie Sinn.

Blick ins Tal auf Garmisch-Partenkirchen, ein Baum verdeckt die Skischanze, im Hintergrund schneebedeckte Berge

In den vergangenen Tagen hat es wild geregnet, in den Bergen schneite es, und tags darauf, als die Sonne wieder schien, hatte man den Eindruck, als wollten die Berge sagen: Seht her, wir können es in Grün, in Grau und in Weiß! Die Touristen liefen durchs Tal und fotografierten die unterträglich idyllische Kulisse: Im Vordergrund Häuser, traditionelle Bauten mit Holzbalkonen und Schnitzereien, mit Geranien und religiösen Gemälden, das ganze Foto reine Folklore. Andere Menschen liefen die Berge hinauf und fotografieren von dort: Im Tal die kleine Stadt, im Hintergrund die Berge, heimelig bewaldet oder romantisch verschneit. Das waren wir.

Bei Antritt unserer Reise war die Wettervorhersage übel gewesen: Sieben Tage Regen, sechs Tage wilder Wind, nichts, was man dauerhaft aushält, vor allem nicht mit drei Teenagern in einer Ferienwohnung. Doch jeden Tag gab es Sonnenstunden, und jeden Tag konnten wir rausgehen und uns auslüften.

Foto aus der Partnachklamm: Ein Fluss, der inmitten einer Schlucht über Steine fließt. Die Sonne drängt sich durch die Felsen, Wasser tropft von den Steinen.

Wenn man in Garmisch-Partenkirchen ist, muss man durch die Partnachklamm laufen, egal wie oft man schon dort war. So will es das Gesetz. Also wanderten wir durch die Klamm, staunten und studierten alte Geschichten über die Holztrift, den Transport von Holzstämmen durch das Wasser der Schlucht. Hinter der Klamm stiegen wir in engen Schleifen hinauf auf den Eckbauer. Auf der Außenterrasse verköstigten wir Kaiserschmarrn und schauten auf die Berge, als justament Herr Stör ums Eck kam – er ist den meisten von Ihnen bekannt durch 16 Stunden Leid in Hamburg. Ein großes Hallo!

Kaiserschmarrn gab es noch ein weiteres Mal auf, nämlich auf der Tannenhütte, man braucht schließlich einen Vergleich. Der Tannenhütten-Kaiserschmarrn punktete durch die Absenz von Rosinen, auf dem Eckbauer war die Menge an Apfelmus auskömmlicher.

Einen dritten Wandertag verlebten wir kaiserschmarrnlos auf der Ruine Werdenfels. Wir begnügten uns mit Broten.


Friedhof | Wir besuchten auch einen Friedhof. Immer, wenn ich länger in fremden Städten bin, gehe ich auf einen Friedhof. Dort werden die Geschichten des Ortes erzählt – solche, die geschehen sind, solche, die vielleicht geschehen sind, und solche, die sicher nicht geschehen sind, die aber hätten geschehen können.

Geschichten, die geschehen sind, sind die vom Koserseppl, dem, so steht es auf dem Grabstein, Erstbesteiger des kleinen Waxensteins, und die von Anton Buchmeister, dem Schuhmachermeister, und Elisabetha, der, so ist es graviert, Schuhmachermeistersgattin. Direkt daneben befindet sich das Grab einer Bäckersgattin, deren Sohn in Griechenland verblich, kriegsbedingt. Wiederum daneben begegnen man einem Lohnkutschereibesitzer und seiner Lohnkutschereibesitzersgattin. „Es handelt sich um ein Lohnkutschereibesitzergattinnengrab“, konstatierte der Reiseleiter.

An anderer Stelle fragt man sich, und da wird es fantastievoller: Welch ein Mensch war wohl der Ostler Josef, genannt Duschn Seppl? Was hat sein Sohn, der Ostler Josef junior, der Duschn Sepp, ohne L, erlebt? Warum heißt er genauso wie der Koserseppl, der Erstbesteiger, der auch ein Ostler Josef war – ist das Zufall? Die Schuhmachersgattin Elisabetha war ebenfalls eine geborene Ostler – wie hängt das alles zusammen? Kannten die Ostlers wohl den Gretschn Hanne, der ein paar Meter weiter ruht – und wenn ja, mochten sie ihn oder eben grad nicht?

All diese Menschen, all diese Fragen liegen dem Besucher zu Füßen, im Wortsinne liegen sie da, die Leute und die Geschichten, und man möchte sie kennenlernen.


Leser’innenfrage | Eine Frage aus der Themen-Vorschlagsliste: „wie stehst du zu alles anderen außer heterosexualität? wie ist es in deinem freundeskreis? ich habe bei mir festgestellt, dass 100% anteil an hetero paare im freundeskreis nicht zu der statistik passen. ich werde meine bisexualität jetzt etwas mehr publik machen. vielleicht gibt das anderen die kraft die sie brauchen. lg aus berlin.“

Ich habe Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die bisexuell sind, die schwul sind, die lesbisch und die hetero sind. Mir ist wichtig, dass all diese Menschen glücklich sind – ob mit einem Mann, einer Frau, mit Männern und Frauen, mit nonbinären Menschen, ob sie selbst nonbinär sind, Transmann, Transfrau oder cis, all das lasse ich bei ihnen. Ich freue mich, dass ich Teil ihres Lebens sein darf; ich freue mich, wenn wir über unsere Gefühle sprechen und wenn wir unsere Gedanken austauschen – manchmal zur sexuellen Idenität, meistens nicht. Denn, seien wir ehrlich, so spannend ist die Frage nicht, welches Geschlecht man präferiert. Viel spannender ist, was in einer Beziehung wichtig ist, warum manch einer lieber keine hat, andere dafür umso lieber, was gerade so los ist im Leben der Freundinnen und Freunde, wie es ihnen geht, welche Gedanken und Gefühle sie umtreiben und ob sie Waffeln lieber mit oder ohne Kirschen mögen.

Ich war so frei und habe die Frage an einen engen Freund weitergeleitet. Seine Antwort:

„Mach dem Jungen mal einen Teller Suppe warm, ich glaube der hat Hunger.“ Das waren die Worte meines Vaters an seine jetzige Frau, nachdem ich ihm erzählt habe, dass ich mich in einen Mann verliebt habe. Niemand, wirklich niemand hat mir etwas Böses gesagt, nachdem ich mich bei ihr oder ihm geoutet habe. Ich hatte mir völlig umsonst mein Outing in den schlimmsten Szenarien vorgestellt.

Nach der Suppe war die drängelte Frage meines Vaters, wie ich das über 48 Jahre ausgehalten habe, mein eigenes Ich zu unterdrücken. Er wollte wissen, warum ich mich dermaßen gequält habe. Das war seine einzige Sorge. Das ist jetzt ca. ein Jahr her. Eine Antwort habe ich bis heute nur bedingt. Ich bin nach der Scheidung meiner Eltern bei meiner Mutter aufgewachsen, und in der Familie gehörte es zum guten Ton, Witze über Schwule zu machen. Es war dort einfach nicht präsent, dass es abseits des traditionellen Familienbildes auch andere Lebens- oder Partnerschaftsmodelle gab. Auch in meinem Beruf als Soldat wollte ich nicht aus der Reihe tanzen und ließ diesen Teil von mir, der Männer und Frauen gleichermaßen sexuell anziehend fand, lieber im Dunkeln. Es gibt zwar immer mehr queere Soldatinnen und Soldaten, die dazu stehen. Aber ich würde auch heute noch sagen, dass es unter Umständen besser ist, wenn im Kreis der Kamerad*innen nicht alles Private bekannt ist.

Nur irgendwann kommt der Punkt, da kannst du nicht mehr dauend unterdrücken. Es schreit in deiner Seele und will raus. Und dann kam in meinem Fall einfach nur der richtige Mann zum Verlieben. Einfach so, ohne Vorwarnung. Und dann musste ich mich entscheiden. Er sagte zu mir den einen Satz, der für mich alles verändert hat: „Niemand wird an Dein Sterbebett kommen und sagen: Herzlichen Glückwunsch dafür, dass Sie so ein vorbildliches hetero-normatives Leben gelebt haben. Hier ist Ihre Medaille.“

Ich habe durch das Unterdrücken meiner Sexualität Menschen verletzt. Ich war zu den Frauen in meinen bisherigen Beziehungen nicht ehrlich. Das war einfach nicht fair. Das Unterdrücken meiner Bisexualität hat anderen, aber insbesondere auch mir Schaden zugefügt. Und daher kann ich aus heutiger Sicht nur sagen: Outen. Nicht unterdrücken. Zu sich selbst stehen. Sonst wird es in unserer Gesellschaft nie zur Normalität gehören.


Geguckt | Gemeinsam mit den Kindern: Gratwanderung – Zum Tode von Laura Dahlmeier. Während des Urlaubs kamen immer wieder Fragen zu Laura Dahlmeier, zu ihrer Wander- und Kletterleistung, zu ihren Todesumständen und warum sie nicht geborgen werden konnte. Ich habe sie geduldig beantwortet, denn ich finde es einerseits wichtig, den Tod als Teil des Lebens zu verstehen, andererseits konnten wir gut besprechen, dass Berge gefährlich sind, selbst für absolute Profis, und dass man besonnen und gut vorbereitet sein muss, wenn man in eine Bergtour startet.


Schweine | Kein Schweinebild mehr im Archiv.

Wellness, Wandern, Wein und wenig Worte

18. 10. 2025  •  23 Kommentare

Urlaub | Bis zum Abend benötige ich durchschnittlich sieben Worte: „Eine Latte Macchiato, bitte“ und „Eine Traubensaftschorle. Danke.“ Ersteres spreche ich beim Frühstück, zweiteres wenn ich auf meiner Wanderung zur Rast anhalte. Nur fürs Abendessen benötige ich mehr.

Fünf Tage bin ich hier. Motto: Wellness, Wandern, Wein, wenig Worte. Es ist wunderbar.

Man stellt mir täglich ein Menü zusammen, drei Gänge, so habe ich es gebucht. Jeden Abend sind Abstimmungen vonnöten, denn jeden Abend mag ich keine Pilze. Um die Anzahl der Worte zu begrenzen, fragte ich zu Beginn meines Aufenthaltes, ob man ein Briefing zu meinen Vorlieben und Abneigungen wolle – etwa, um inmitten der Pilzsaison die Pilzsache abzuhandeln, und auch, damit ich nicht nörgelig wirke. Man wollte nicht, „wir schauen einfach jeden Tag“. Das führt täglich zu fünfzig zusätzlichen Worten. Alles in allem sind es jedoch immer noch ausreichend wenig, um mich von meiner Übermenschung zu erholen, und das Essen ist, von Pilzen befreit, vorzüglich.


Underdressed | Die Menschen in meinem Hotel sind allesamt absurd chic angezogen, schon beim Frühstück. Heute Morgen raschelten vier Damen in schwarzen Paillettenkleidern durchs Buffet, als gingen sie vom Croissant direkt in die Oper.

Das restliche Publikum ist morgens wie abends ein Showroom der Appelrath & Cüpper Cashmere & Loungewear Highlights: geschmeidige Pullover, Seidenblusen, Popelinhosen, Culottes und schwingende Röcke, die Herren in Chinos mit Lederschuhen oder van-Bommel-Sneakern, der Pullover über die Schultern gelegt, altersbedingt auch zweireihige Sakkos.

Ich fühle mich hart underdressed und versuche, meinen mangelnden Stil mit guten Manieren wettzumachen, immer an William Hanson denkend.


Wein | Wein ist das beherrschende Thema des Ortes. Wo man geht und steht: Weinberge, Weingüter, Weinranken, Weinstüberl, Vinotheken, ein Weinbach. Und Weinbauern.

Schild in einer Windschutzscheibe, von innen mit einem Saugnapf: "Woibauer"

An einem der Abende wagte ich es, keinen Wein, sondern ein alkoholfreies Weizen zu bestellen, ich hatte Durst. Man sah mich an – nur der Wunsch nach Fanta wäre abschätziger bedacht worden.

Zum Dessert mochte ich dann doch einen Wein. Man bot mir an, blind drei Rieslinge der örtlichen Weingüter zu verkosten. Ich nahm einen Schluck vom ersten und sagte: „Von Buhl.“ Das war leicht herauszuschmecken, ich finde ihn muffig. Der Sommelier legte den Kopf schief, hob die Augenbrauen und nickte, deutete auf die anderen beiden. Ich probierte, tippte ans zweite Glas und sagte: „Der schmeckt am besten.“ Es war der teuerste, Ruppertsberger Reiterpfad Riesling trocken, ein – Zitat aus dem Verkaufsprospekt – „Solist auf hohem Niveau“ mit „eleganter Mundfülle“. Ich trank ein Viertele, aß lauwarme Portweinfeigen mit Pistazieneis und Sabayone dazu, war beschwipst und ging danach ins Bett.

Der Ort ist eine pittoreske Ansammlung von Sträßchen und Gässchen, Fachwerk und alten Bauernhäusern. Es gibt Brunnen und Schänken, Palmen und Südfrüchte. In Gärten und an Mauern wachsen abstrus große Feigenbäume.

An den Ort schließen Weinberge an, auf die Weinberge folgt Wald. Geht man in den Wald hinein, kann man mit angenehmer Steigung wandern. In Kreiseln und Zirkeln winden sich weiche Wege hinauf auf den Kirchberg, den Kehrberg, den Sommerberg und den Eckkopf, man trifft auf Kapellen, Bänke und Denkmäler – und Kastanien. Allerorten fallen sie aus der Höhe herab, ein Rascheln kündigt es an, dann schlagen sie dumpf auf dem Waldboden auf. Man sollte Helm tragen.

Ich lerne, dass Kastanien hier Keschde heißen und dass es weiter südlich einen Keschdeweg gibt. Man bereitet Keschdlichkeiten zu, Kastanienhonig oder Kastaniensaumagen.

Saumagen und Leberknödel, Schwartemagen und Griebenwurst – das sind die Gerichte hier. Wer kein Fleisch mag, hat es schwer, besonders in der Gaststätte, die am Pfälzer Weinsteig liegt. Rentner fahren mit großen Autos vor. Vor vollen Tellern sitzen sie auf dunklen Eichenstühlen, langen breitarmig zu, schauen, den Wald im Rücken, in die sich weit aufspannende Ebene, trinken zwei Viertele Rivaner und steigen danach zurück in ihre Autos.

Blick in die Pfälzische Ebene mit Weinbergen, im Hintergrund Städte.

Ich mache Rast, lege meinen Rucksack ab und bestelle eine Traubenschorle.


Szene | An einem Morgen sitze ich neben einem Paar, beide in den Siebzigern. Ich habe mir grad mein Frühstück gerichtet. Am Nebentisch sind die Kaffeetassen bereits ausgetrunken, der Service räumt bekrümelte Teller ab. „Ich möchte, dass du dich zusammenreißt“, sagt sie in weich fallender, sandfarbener Cashmere-Seide. Ich beginne mit Bircher-Müsli, es ist außerordentlich gut, sehr fruchtig. Käse und Feigenmarmelade werden folgen. „Um halb Eins gibt es Mittag. Nicht, dass du wieder übersättigt bist.“ Er, hellblauer Wollpullover, brummt Unverständliches, schiebt seinen Stuhl zurück, geht zum Buffet und kommt mit einem Teller zurück. Sie schnauft. „Nochmal Käse. Dass du dir davon so viel aufschaufeln musst. Der ist viel zu trocken hier.“ Er legt ein Stück aufs Brot und beißt hinein. Hinter seinem Rücken geht ein Mann vorbei. „Der große Mann da“, sagt sie, als er noch nicht außer Hörweite ist. „Hast du den gesehen? Der läuft komisch. Es gibt so viele große Männer, die komisch laufen. Du läufst auch komisch.“ Er kaut. Ich gehe ebenfalls zum Käse über, ein milder Manchego, und streiche Feigenmarmelade darauf. „Was die Renate im Status hat“, sagt sie und hält ihm das Handy hin. „Schau. Im feinen Abendkleid steht sie da. Eben noch hat sie auf dem Totenbett gelegen, schon will sie wieder die Schönste sein. Was denkt sie sich dabei?“ Er kaut und macht „Mmmh.“ Sie wischt auf dem Display und hält ihm das Handy erneut hin. „Martin. Wie der aussieht. Nur weil Stefanie nicht bügelt.“ Er wischt sich den Mund mit einer Serviette ab und sagt: „Ich bin fertig.“ – Sie: „In drei Stunden gibt es Maronenbraten.“ Er erhebt sich, sagt: „Das ist mir grad recht“, und geht, ohne auf sie zu warten.


Schlappenstunk | Gestern lag ich auf meinem Hotelbett. In unregelmäßigen Abständen wehte mir ein unangenehmer Geruch in die Nase, eine Mischung aus Schweiß und altem Parmesan mit einer Kopfnote „Seniorenheim“.

Ich schnupperte an mir: alles in Ordnung. Ich roch am Kopfkissen, an der Bettdecke, am Bett, am Bademantel. Bis ich feststellte: Es sind meine Badeschlappen. Unerfreulich! Zumal es relativ neue Schlappen sind; ich habe sie dieses Jahr, weil ich meine Bestandsschlappen vergessen hatte, für unangenehm viel Geld in einem unangenehm teuren Saunaparadies erworben. Es sind die bestpassendsten Schlappen, die ich je für meine Füße hatte.

Ich googelte das Problem, und während die Suchmaschine suchte, dachte ich: Das ist es, was von mir bleiben wird, wenn ich jetzt umgebracht werde und die Kripo ermittelt – der Browserverlauf „badeschlappen stinken was tun“.


Gelesen | Frau Novemberregen löst ein Problem mit Zahlen und eins mit einem Muffin.

Gelesen | Sarah Stricker: Fünf Kopeken. Die Erzählerin erzählt die Geschichte ihrer Mutter. Als Kind wird sie von ihren Eltern, die in einer westdeutschen Kleinstadt ein Modegeschäft führen, mit Strenge gehätschelt. Als junge Frau – der Vater expandiert sein Geschäft „in die neuen Länder“ – geht sie mit ihnen nach Berlin. Bis hierhin ist die Geschichte zwar langatmig, aber sprachlich pointiert – außerdem mochte ich die piefige Atmosphäre der westdeutschen 80er Jahre und die Erzählung von der technokratischen Erziehung der Tochter. In Berlin beginnt die Protagonistin eine Affäre mit ihrem Nachbarn. Die Geschichte bekommt einen logischen Bruch. Es bleibt rätselhaft, was sie an dem ungehobelten Mann findet, welches Bedürfnis die Liebschaft befriedigt. Die Nachwende-Geschichte wird leider nicht weiter verfolgt: Der Aufbau des Geschäfts im chaotischen Berlin der 1990er, das anmaßende Auftreten des Vaters, die Konflikte zwischen West- und Ost-Mentalität – alles fällt erzählerisch der Affäre zum Opfer. Ich legte das Buch weg.

Gelesen | Mora Herngren: Scheidung, aus dem Schwedischen von Katharina Martl. Nachdem ich zuletzt Schwiegermutter mit Begeisterung las, folgte nun das erste Buch der Autorin. Erneut eine große Freude. Die Handlung: Bea und Niklas sind seit dreißig Jahren ein Paar. Nach einem belanglosen Streit verlässt Niklas die gemeinsame Wohnung und kommt nicht zurück. Die vielen Mikroverletzungen der vergangenen Jahre münden in einer Trennung. Moa Herngren erzählt präzise vom langsamen Erodieren einer Beziehung, von unausgesprochenen Wünschen und Versäumnissen auf beiden Seiten.

Gelesen | Herr Buddenbohm bezieht ein neues Büro: Schön hier. Aber ein Palais wäre mir lieber.


Heute | Heute beschloss ich kurzerhand, nichts zu tun. Keine Wanderung, kein Wellness. Ich stellte lediglich die Fünf Kopeken in den hiesigen Bücherschrank. Wo Tender Bar das Regalbrett dekoriert, stand vorher Great again! von einem orangenen Präsidenten – das konnte ich nicht so lassen.

Bücherschrank, "Fünf Kopeken" sichtbar im Regal, darunter "Tender Bar".

Danach ging ich zur Drogerie, Desinfektion kaufen. Möglicherweise löst sich dadurch mein Schlappenproblem. Nach ausgiebigem Einseifen, Einweichen und mehrfachem Einsprühen habe ich jedoch wenig Hoffnung. Sie müffeln immer noch.


Leser’innenfragen | Nichts Neues auf der Themen-Vorschlagsliste.


Archivschweine | Durch das Bild könnte der Eindruck entstehen, das Schwein im Hintergrund – es handelt sich um das Tier „Müsli“ – sei suizidal und wolle sich in die Tiefe stürzen. Dem ist nicht so. Vielmehr zeigen sich im Stall Parallelen zum Menschenhaus. In beiden Gebäuden verdrücken sich die Teenager ins Obergeschoss und kommen nur herunter, wenn Nahrung gereicht wird.



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