Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Tourblog #2 Lübeck – Kopenhagen: Eine Erzählung über Museen und Friedhöfe

19. 4. 2026 1 Kommentar Aus der Kategorie »Expeditionen«

Prolog | Eine Reise bildet ja bekanntlich. So habe ich nicht nur etwas über Bananen gelernt, sondern war auch in Museen. Von zwei Erlebnissen möchte ich hier erzählen – und von Bekannten, die ich getroffen habe.


Dänisch-jüdisches Museum | Es sei ein fröhliches Museum, so hieß es. Eines, das der Judenverfolgung gewidmet sei, das aber vor allem die Rettung feiere – den Zusammenhalt der dänischen Bevölkerung, ihre Risikobereitschaft und das warme Willkommen von 7.000 dänischen Juden in Schweden im Jahr 1943.

Damals gelang es der Mehrheit der Juden, die in Dänemark lebten, zu fliehen und zu überleben. Dänemark verfolgte seinerzeit eine deutschfreundliche, pragmatische Politik. Es kooperierte mit dem Deutschen Reich, hatte aber innenpolitische Unabhängigkeit ausgehandelt. Zu dieser Unabhängigkeit gehörte, dass die Dänen Juden nicht registrierten, dass Jüdinnen und Juden keinen Stern tragen mussten und dass sie lange in Rechtsstaatlichkeit leben konnten. Im September 1943 verlangten die Deutschen jedoch Kontrolle: Gestapo und SS verstärkten ihre Präsenz in Dänemark, man durchsuchte das Archiv der jüdischen Gemeinde und kam so an die Adressen aller in Dänemark lebenden Juden. Als die Deutschen ihre Deportationspläne konkretisierten, gingen dänische Sozialdemokraten in Verhandlungen mit Schweden, um ihren Mitbürgern ein Exil zu ermöglichen. Außerdem stachen dänische Verwaltungsbeamte die Information von anstehenden Verschleppungen an Oberradbiner Marcus Melchior in Kopenhagen durch. Rabbiner Melchior warnte die Gläubigen in seiner Syngoge, die Gläuben gaben die Warnung an ihre Frende und Familien weiter. So konnten fast alle dänischen Juden rechtzeitig untertauchen. Auf Schiffen gelangten sie schließlich nach Schweden. Viele von ihnen kehrten nach dem Krieg in ihre unangetasteten Wohnungen zurückkehren. Die Ereignisse sind im dänisch-jüdischen Museum auf angenehme Weise erzählt: gefühlvoll, persönlich und dennoch mit unaufdringlicher Distanz.

Den Rahmen für diese Geschichte bildet ein Gebäude, das ich nicht anders als fantastisch nennen kann. Ein Bau von Daniel Libeskind, der eine Liebeserklärung an die Ereignisse ist, der die Besucher umarmt und sie mit auf die Reise nimmt.

Der Boden ist den Schiffsplanken nachgeahmt. Die Wände heißen willkomen: Sie sind aus schwedischer Buche. Lichtschlitze vermitteln Eindruck der Viehwaggons, mit denen die Juden deportiert wurden – und gleichzeitig das Licht der Hoffnung, das Morgengrauen, der frühe Lichtstreif, mit dem die Juden an der dänischen Küste anlandeten. Geht man durch die Gänge, schwankt man: Es geht auf und ab, man fühlt sich wie auf einem der Boote, mit denen die dänischen Juden nach Schweden flohen. Als wäre das nicht alles schon ergreifend genug, bildet der Grundriss des Gebäudes, die Anordnung der Gänge das hebräische Wort Mitzvah: die gute Tat. Man möchte weinen angesichts dieser architektonischen Berührung.


Arken | Auf der letzten Etappe, als wir von Køge nach Kopenhagen radelten, kamen wir am Arken-Museum vorbei, dem Museum für zeitgenössische Kunst. Auch hier: Berührung.

An der Wand des ersten großen Saals, den man betritt, hängen Fotos von Schmetterlingen, 68 Stück in einer langen Reihe. Erst, als ich näher heranging, sah ich die Details in ihren Flügeln, die dort nicht hingehören: gewälttätige, kriegerische Ereignisse. Das Schöne und der Verstörende, vereint und gerahmt. Sehen Sie es auch?

Peter Holst Henckel: World of Butterflies (2002)


Friedhöfe | Egal, wo ich bin: Ich besuche gerne einen Friedhof. Der Ort der Toten erzählt viel über das Leben, über das, was und wen wir würdigen und was im Leben wichtig war.

Außerdem befindet sich auf dänischen Friedhöfen immer eine öffentliche Toilette, meist in einem Nebengebäude und gut gepflegt. Die Friedhöfe selbst sind immer um die Dorfkirche herum angelegt; die Kirche sieht man von Weitem. Das ist alles sehr praktisch auf Radreisen.

Große, rote Kirche, darum ein Friedhof. Im Vordergrund ein Mann mit zwei Farrädern. Zwischen den Gräbern eine Bank.

In Eskilstrup saßen wir auf einer Bank und aßen. Rechts von uns lagen Gunnar und Bodil Rasmussen, links von uns Ole und Ane Jensen Foged. Es waren Hofbesitzer und ihre Gattinnen, das stand auf den Grabsteinen. Die Sonne schien uns warm auf den Rücken. Wir hatten wieder einmal eine langen Gerade mit Gegenwind hinter uns und verspürten den Bedarf, unseren Proviant an Vanilletörtchen anzubrechen.

Der Reiseleiter, ganz in seiner Rolle, informierte sich über die Sehenswürdigkeiten des Ortes: Die Straße hinter uns führte zum Krokodilzoo, dem tierkundlichen Höhepunkt der Gegend, der gleichzeitig ein Kontrapunkt zum örtlichen Traktormuseum war. „Das Traktormuseum“, dozierte der Reiseleiter, „zeigt eine fast vollständige Sammlung des dänischen Bukh-Traktors mit Prototypen und Sonderausführungen. Außerdem größere Sammlungen von Bolinder-Munktell.“ Ich nickte und biss ins Törtchen.

Grab von Michael Larsen, 1963 - 2016, in Eskilstrup, Grabinschrift "I am the boss"

In Kopenhagen besuchten wir den Assistens Kirkegård, Kopenhagens Assistenzfriedhof, der so heißt, weil er bei seiner Gründung den vorhandenen Friedhöfen assistierte: Alle Flächen innerhalb der Stadtmauern waren belegt, es brauchte zusätzlichen Platz. Der Friedhof wurde schnell zum beliebten Ausflugsziel, man fuhr zum Picknick in die Parkanlage. Man flanierte, flirtete und feierte. Alsbald wurde es Totengräbern verboten, Schnaps auszugeben.

Wie auch in Eskilstrup und anderen Dörfern erzählen die Grabsteine von dem, was die Toten gewesen sind. Nur starben in Kopenhagen weniger Hofbesitzer, stattdessen Schulräte und Gemeindevorsteher, Stiftungsgeber, Dichter und Professoren.

Eine Mauer mit Nischen, jede NIsche ist eine andere Farbe. Darin alte, verwitterte Grabsteine

Wir besuchten das Grab von Niels Bohr, der Mann mit dem Atommodell – ich las kurz nach; solcherlei Zuordnungen entfallen einem dreißig Jahre nach dem letzten Physikunterricht schonmal. Auf dem Fuß des Bohrschen Grabsteins, winzig klein im Verhältnis zum Trumm, zwei Würfel, ein gelber und ein blauer. Ein Gruß von Albert Einstein. Wie sehr Friedhofsbesuche doch bilden!

Im Grab des Schrftstellers Dan Turèll steckten Kugelschreiber, eine Huldigung an ihn und eine Huldigung an den Alltag, so wie er ihn im Liedtext Hyldest Til Hverdaget beschreibt (Übersetzung).

An anderer Stelle: ein Grab mit einer ungewöhnlichen Figur und der Inschrift Det var det – Das war’s. Ich recherchiere: Der Grabbesitzer, Künstler Leif Petersens, lebt noch. Er hat ein Familiengrab gestaltet, um einen Treffpunkt zu haben, und lädt Freunde und Verwandte dazu ein, sich dazuzugesellen, tot oder lebendig.

Weiter entfernt, nicht fotografiert, sehe ich ebenfalls ein Grab von zwei Lebenden: Eine Grabstele mit zwei Frauennamen, darunter die Geburtsdaten und ein Strich. Das Sterbedatum ist noch nicht graviert.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von langen, schwankenden Brücken, eine Fährfahrt und vom Fehmarnbelttunnel, der bald, achtzehn Kilometer lang, Deutschland mit Dänemark verbinden wird und der Absenktunnel der Welt werden wird. Das Tourblog:

Kommentare

1 Antwort: Bestellung aufgeben ⇓

  1. PaulineM sagt:

    Schmetterlinge die Bezug nehmen auf Weltkonflikte, das ist schockierend, weil ich Schmetterlinge als besonders schön und friedlich empfinde. Menschen in Schmetterlingen erwartet man nicht. Ich kann nur einige erkennen. 1. Im Schmetterling aus dem Sudan Kindersoldaten mit Waffe (vermutlich auch aus dem Sudan), dann ein 2. Bild aus Gaza, da sehe ich aber keine klaren Figuren, aus 3. Vietnam Köpfe mit Militärhelmen und einen Schmetterling aus 4. Berlin einen (vielleicht deutschen) Kopf aus dem Jahr 1932 und nochmal einen Kopf, aber da kann ich den Bildtext nicht lesen, deshalb ist das schwer zuzuordnen.

Bestellung aufgeben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.



In diesem Kaffeehaus werden anonym Daten verarbeitet. Indem Sie auf „Ja, ich bin einverstanden“ klicken, bestätigen Sie, dass Sie mit dem Datenschutz dieser Website glücklich sind. Dieser Hinweis kommt dann nicht mehr wieder. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen