Die Fahrt | Wenn man mit dem Fahrrad von Haltern am See nach Hamburg fährt, fällt vor allem eines auf: Dass es zwischen diesen Städten viel Gegend gibt.

Sieben Etappen lang fuhren wir über lang gezogene und kurvige Feldwege, glatte und holprige Pfade, Wege durch Maisfelder und durch Wälder oder vorbei an Weizen, Gerste und Roggen. Wir erlebten Landstraßen, die Dorf mit Dorf verbinden – und solche, die überall vorbeiführen. Manchmal rollten wir über Panzerstraßen aus Betonplatten, mit und ohne Rillen, die Kanten aufgesprungen, die Schlaglöcher tief. Es gab Pfade, die mitten in tiefen Sand führten; das voll beladene Fahrrad glitt hinein wie ein Messer in weiche Butter. Und immer wieder Brücken: über Bundestraßen und Autobahnen, über Flüsse und Kanäle, über Bahnstrecken und stillgelegte Trassen. Wir hatten Brücken, auf die wir uns hinaufplagen mussten und von denen wir zufrieden wieder hinunterrollten – und Brücken, die uns nichts abverlangten und nur einen Kanal mit Seerosen überquerten.

Wir fuhren von Dorf zu Ort und von Ort zu Stadt. Wir sahen Haufendörfer mit Dorfkernen und Ackerfluren. Wir durchfuhren Straßendörfer, deren Gehöfte sich an einem einzelnen Weg entlang reihen. Wir durchkreuzten verstreute Siedlungen. Wir passierten mindestens sechs Dorf Grill, alle ohne Kopplungsbindestrich, dafür mit den gleichen, weißen Monobloc-Stühlen vor der Tür.

Viele Felder waren bereits abgeerntetet. Es kam mir zu früh im Jahr vor. In meiner Erinnerung ist der Juli der Monat, in dem sattgelbe Felder auf dunkelblaue Himmel stoßen. Der Wind frischt auf und trägt den schweren Geruch eines drohendenen Gewitters über die Landschaft. Ein Monat wie ein Obstkorb: satt, prall, üppig, übervoll.
Auf dieser Strecke, in dieser Landschaft zwischen Haltern und Hamburg, in diesem Jahr fehlte die Fülle. Alles war knochentrocken, die Gräser verdorrt, und Stoppeln säumten den Weg, als hätte der August den Juli überholt. Es war staubig.

Im Kreis Herford, zwischen Belke-Steinbeck, Hiddenhausen und Gohfeld, hatte ich ein seelisches Tief: Felder zwischen Kreisstraßen und Autohäusern, eine Landschaft ohne Ehrgeiz. Äcker, Landstraßen und Gewerbehallen, dazwischen Aldi, Deichmann und Takko, gebündelt zu Fachmarktzentren mit monströsen Parkplätzen. Rückblickend erinnere ich keine Orte, sondern Kreuzungen, Ampeln und Baustoffändler.
Als wir erst auf den Werre-, dann auf den Weser-Radweg stießen, wurde es besser: Die Flüsse halten einen Korridor frei und ordnen die Landschaft, die großen Straßen rücken ab, die Welt wird wieder fröhlicher.

Inmitten ostwestfälischer Melancholie musste ich mir einmal die Speichen richten lassen: Sie wackelten, mein Hinterrad knarzte. In Bad Oeynhausen fanden wir eine Werkstatt in einer alten Tankstelle.
Doch das sollte nicht das Ende der Geschichte sein. Dreißig Kilometer vor Soltau – die Gegend war gefällig, die Melancholie hatte sich gelegt, nur das Wetter zeigte sich ungnädig -, sagte der Reiseleiter: „Dein Hinterrad hat eine Acht.“ Wir fanden schnell den Grund: Eine Speiche war gebrochen, weitere waren locker. Strömender Regen setzte ein. Die Stimmung in der Gruppe war grenzwertig, die Kinder wollten nur noch ins Trockene. Noch 25 Kilometer.
Wir fuhren die Landstraße entlang auf der Suche nach Lüneburger Heide, durch Dörfer ohne Dorf Grill. Wir hoppelten über Kopfsteinpflaster, durch Schlaglochpisten und slalomierten um Nacktschnecken herum, die sich zu Hunderten auf den Wegen sammelten. Der Regen sickerte durch die Nähte, wir ließen Soltau rechts liegen.
Schließlich erreichten wir, wild trampelnd, ich eiernd, eine Pension, die auf meiner Liste der deprimierendsten Übernachtungsorte direkt auf Augenhöhe mit der Höhle von Bilbao kam. Unsere Übernachtungen waren bis dato immer gut gewesen: Ferienhäuser und kleine Wohnungen, eine Pension in Steinhude, alles zweckmäßig und liebevoll eingerichtet. Diese Pension aber bestand aus nichts weiter als aufgekauften, sanierungsbedürftigen Einfamilienhäusern, deren einzelne Zimmer man zu Pensionszimmern gemacht hatte, mit abgelaufenen Laminatböden, abgewohnten Möbeln, Bad auf dem Flur und fünf Duftspendern unterschiedlichen Odeurs, denen es dennoch nicht gelang, den muffigen Geruch zu vertreiben. Wir rundeten die Melange aus „Meeresbrise“, „Vanille-Kokos“ und schimmelnder Dämmwolle ab, indem wir beim Lieferservice Fritten, Currywurst und Thunfischpizza bestellten. Aber hey, wir waren trocken, und es gab eine Dusche, aus der klares, warmes Wasser kam. Man wird doch immer wieder positiv überrascht!
Am nächsten Morgen machte ich mich früh auf in die nächste Fahrradwerkstatt: Elf Kilometer Gegenwind nach Schneverdingen. Beim zweiten Versuch fand sich ein Mechaniker, der sich spontan Zeit für mein Rad nahm und die Ursache allen Übels fand: mehrere Risse in der Felge. Ich brauchte ein neues Hinterrad. Wenn ich irgendwo ein neues Laufrad fände, sagte er, könne er eins einbauen; er selbst habe gerade keins da. Ich ging zu dem Fahrradladen, der mich zunächst abgewiesen hatte, stellte mein ausgebautes Hinterrad auf die Theke und fragte, ob sie sowas im Lager hätten. Sie nahmen Maß, stiegen auf ihren Dachboden und fanden dort ein einzelnes DT-Swiss-Laufrad, ausgebaut aus einem fabrikneuen Rennrad; es sei das einzig passende, das sie mir in diesem Augenblick anbieten könnten. Ich kaufte es und trug es zum Mechaniker, der es einbaute und mir gratulierte. Das Laufrad habe eine deutlich höhere Qualität als sein Vorgänger, ich werde Freude damit haben. Das hoffe ich auch bei dem Preis. Nun fahre ich mit einer Rennradnarbe, die im Leerlauf eindrücklich laut surrt. Ich bin immer noch eine dicke Frau auf einem Trekkingrad, fühle mich aber nun ausnehmend Tour-de-francig, besonders wenn mich nicht anstrenge und nur rollen lasse.

Und dann waren wir auch schon fast in Hamburg. Die letzte Etappe führte und über Stock und Stein, über unerfreulich viele Hügel, durch Wald, kleine Orte, über Landstraßen und sandige Trails. Ein Stimmungstief in den Buchenwäldern im Rosengarten, das Ziel schon in Reichweite, kurierten wir mit Schnittchen und Knoppers. Dann fuhren wir in Hamburg ein – über Vahrendorf, Wilhelmsburg, Steinwerder, durch den Hamburger Hafen, über die Rethe-Klappbrücke und durch den Alten Elbtunnel.

Hamburg | In Hamburg residierten wir in der Jugendherberge Auf dem Stintfang, dem Hügel oberhalb der Landungsbrücken. Mein Dank geht an Paula Karpinski, einst Jugendsenatorin in Hamburg, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg beharrlich dafür einsetzte, dass auf dem Hügel kein Luxushotel, sondern ein Ort für Familien entsteht. Die Aussicht aus dem Speisesaal ist sensationell.

Bad Rothenfelde | Einige Worte zu dem, was wir auf unserem Weg sahen, angefangen mit Ostwestfalen.
Unsere ersten Etappen führten uns durch Nordrhein-Westfalen: vom Münsterland über den Teutoburger Wald und durch den Kreis Herford. Wir befanden uns in einem Zustand der Melancholie, angefacht durch viel Gegend, und waren außerdem hungrig, als wir Bad Rothenfelde erreichten.

Wenn Sie noch nicht in Bad Rothenfelde waren, aber die 80er Jahre kennen, stellen Sie sich bitte Geranien und Springbrunnen vor, Kurorchester, Kofferradios und Kaugummiautomaten, Prospektständer und Schwarzwälder-Kirschtorte, Flutschfinger und Frotteebademäntel. Und inmitten dessen: ein Ihr Platz, eine Seifenpuls-Filiale.

Vierundvierzig Märkte gibt es noch in Deutschland, betrieben als Franchise von einer Handelsgenossenschaft, die zur Rewe Group gehört. Ich recherchierte das, denn ich war verwundert – und kurzzeitig besorgt, in der Zeit zurückgereist zu sein und nach Ende der Sommerferien wieder Hausaufgaben machen und Vokabeltests schreiben zu müssen.

Nach Bad Rothenfelde sahen wir auch Bad Oeynhausen. In beiden Orten – und dazwischen – hätte ich alle fünfhundert Meter anhalten und Perlen der Zeitgeschichte fotografieren können: Gartenzwerge und Jägerzäune, Waschbeton und Wäschespinnen, Sparkassenfilialen, Betonfiguren, Hundefriseure, Kreisverkehre mit Findlingen, Schaufenster mit vergilbten Aufklebern und Werbetafeln für Geschäfte, die es nicht mehr gibt.
Doch ich hielt nur beim Salon Maike: Coiffeur, Cosmetic, Caribikbräune.

Eisenerz-Bergwerk „Wohlverwahrt“ | Auf unserer vierten Etappe – es ging von Rinteln nach Steinhude – ächzten wir das Wesergebirge hinauf. Erst war es sehr steil, dann nur noch mäßig steil. Irgendwann gab es keinen Radweg mehr, dafür viele Autofahrer, die es nicht aushielten zu warten, bis sie auf der kurvige Strecke überholen konnten. Es wurde aus-, eingeschert und angehupt – uns oder den Entgegenkommenden, je nachdem.
Oben auf dem Hügel, in Kleinebremen, besuchten wir das Eisenerz-Bergwerk „Wohlverwahrt“.

Zwischen den 1830ern und den 1950er haben die Kumpel dort Kathedralen in den Berg gesprengt, geklopft und geschlagen, erst mit Hämmerchen, dann mit Bohrhammern, dann mit schwerem Gerät. Auch wenn es niemals einen Toten gab, war es eine elende Plackerei.

Man kann das Bergwerk nur mit einer Führung besuchen. Ehemalige Bergarbeiter aus der Region – in Nammen wird bis heute abgebaut – führten kenntnisreich durch die viele Meter hohen Gänge, fuhren uns mit einer rumpelnden Bahn an immer weitere, immer größere Abbaulinsen, erzählten Geschichten und stiegen mit uns bis zu einem See hinab, der tiefsten Stelle im Berg.

„Wenn ich mal keine Lust aufs Arbeiten habe“, sagte der Reiseleiter, als wir vor einer der Loren standen, in die die Bergleute im funzeligen Licht dicke Brocken Erzgestein schaufelten, „dann erinnere ich mich hieran. Dann wird es wieder gehen.“
Steinhuder Meer | Nach vier Etappen legten wir eine Pause ein und rasteten einen Tag am Steinhuder Meer. Dort war es unerwartet hübsch: ein kleiner Ort mit Wasser und Enten, Promenaden, Restaurants und Eisdielen, Bootsverleihen und einem Hauch mediterraner Lässigkeit. Nun ja, für Hannoveraner Verhältnisse.

Während ich das Foto machte, hockte der Reiseleiter zu meinen Füßen und erbrach sich ins Schilf. Die Eiskugel „Omas Apfelkuchen“ war ihm nicht bekommen. Ich tätschelte ihm die Schulter, mehr konnte ich nicht machen. Nachdem er alles von sich gegeben hatte, war ihm wohler.
Wir mieteten ein Bötchen und fuhren damit auf die Insel Wilhelmstein, die 1.400 Meter vom Ufer entfernt im Steinhuder Meer liegt.

Darauf gibt es nichts, was man gesehen haben müsste, aber man kann von der Insel aus ans Ufer gucken, ein Eis kaufen, man hat eine Festung und kann einen Hydrocopter angucken, einen Kunststoffschlitten, der dank eines Flugzeugpropellers sowohl auf Wasser als auch auf dem zugefrorenen See fahren kann. Allerdings erlitt er 1996 einen Getriebeschaden und ist seitdem kaputt.

Während wir in Steinhude waren, fanden dort die Finals 2026 statt. Wir sahen Triathlon und irgendwas mit Rudern, das ich nicht verstand: Coastal Rowing, eine Mischung aus Rennen und Rudern, beides allerdings eher kurz. Bevor man verstanden hat, dass es losgeht, ist schon etwas passiert. Es ist aber nicht klar, was geau, und man ist ganz durcheinander. Ich hatte auch keine Kapazitäten, mich näher damit zu beschäftigen: Die meisten meiner Gehirnzellen sind im Urlaub, nur eine Rumpftruppe hält den Betrieb aufrecht.
Dem Triathlon konnte ich besser folgen, obwohl ich mir auch hier erstmal das Reglement erarbeiten musste: Es war die Deutsche Meisterschaft im Mixed Relay – zwei Frauen und zwei Männer machten hintereinander einen Mini-Triathlon. Also nicht: Einer schwimmt, einer radelt, eine rennt, sondern alle schwimmen, rennen und radeln – viermal.

Das war kurzweilig: Die Sportler’innen mussten nur 750 Meter schwimmen, zwanzig Kilometer Rad fahren und 1,2 Kilometer laufen. Es ging Schlag auf Schlag. Immer kam jemand Neues vorbei, ständig passierte etwas. Ein Sportler klaute einem anderen die Schuhe. Wir waren alle beeindruckt von der Spannung und der Athletik.
Deutsches Erdölmuseum in Wietze | Die fünfte Etappe, von Steinhude nach Wietze, führte uns an Erdölfeldern vorbei.
Denn die weltweit erste Erdölbohrung gab es nicht in Kuwait oder Texas, sondern in Wietze in der Lüneburger Heide. Schon im 17. Jahrhundert gewann man dort das erste Öl: Aus Teerkuhlen schöpfte man Sand, aus dem man Schweröl auswusch. Die Menschen machten Wagenschmiere und Wundsalbe daraus. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution im Königreich Hannover ankam und man Energiequellen suchte, erinnerte man sich man an das schwarze Zeug. Georg Christian Hunäus, Professor für Geognosie am Polytechnikum in Hannover, marschierte los, untersuchte das Land und nahm im Juli 1858 die erste Bohrung vor – eigentlich auf der Suche nach Kohle.

Es dauerte einige Jahre, bis das Geschäft ans Laufen kam. Dann brach in Wietze das Ölfieber aus. Arbeiter aus deutschen Landen und darüber hinaus kamen in die Lüneburger Heide – und dazu findige Unternehmer. Bis Mitte der 1930er Jahre hatten 52 Gesellschaften ihre Claims abgesteckt. Wietze brummte und brodelte. Plötzlich waren in dem beschaulichen Landstrich nicht mehr alle Menschen gleich; plötzlich gab es arme und reiche Landbesitzer, Bauern und Magnaten, Verwalter und Verwaltete. Herbergen und Hotels wurden gegründet, Häuser und Baracken gebaut, Puffs und Spelunken etabliert. Bis 1964 plötzlich Schluss war: Die Förderung war unrentabel geworden.

Das Erdölmuseum erzählt diese Geschichte, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, man kann Dokumente und Zeitungsartikel hören und Fotos anschauen. Außerdem stellt es allerlei Gerät zur Erdölförderung vor.
Bergen-Belsen | Unsere sechste Etappe, von Wietze nach Soltau, verbanden wir mit einem Besuch in Bergen-Belsen. Es ist der Ort, an dem Anne Frank gestorben ist – und mit ihr 52.000 andere Menschen.
Bergen-Belsen war nicht nur Konzentrationslager, es war auch Kriegsgefangenenlager und nach dem Krieg ein Ort für Displaced Persons, für Heimatlose, die nicht wussten, wohin. Als britische Truppen das Lager im April 1945 befreiten, fanden sie mehr als 50.000 Häftlinge und mehr als 10.000 nicht bestattete Leichen vor – auch, weil zuvor viele Züge aus Lagern im Osten angekommen waren. Nach ihrer Befreiung starben 14.000 ehemalige Gefangene an Unterernährung, Seuchen und Krankheiten.
Für die Kinder ist Anne Frank eine Identifikationsfigur. Als sie in der Schule über Anne Frank sprachen, kamen sie mit vielen Fragen nach Hause. Wir kauften die Graphic Novel von Ari Folman und David Polonsky. Diese Etappe war eine gute Gelegenheit zu erspüren, wie Anne Frank starb und was das mit uns heute zu tun hat.

Wir bekamen eine Führung über das Gelände. Das war auch gut, denn von dem damaligen Lager ist nichts mehr zu sehen: keine Baracken, kein Krematorium. Mein Dank geht an Doreen Krohne, die das Grauen mit Worten lebendig gemacht hat. Wenn sie einmal dort sind, kann ich eine Führung mit ihr sehr empfehlen.
Wenn ich an Orten wie Bergen-Belsen stehe, frage ich mich jedesmal: Wie konnte das geschehen? Ich habe viele Bücher gelesen. Ich habe die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Stutthoff besucht. Ich habe Filme und Dokumentationen gesehen. In neun Jahren Gymnasium begegenete mir der Holocaust in jedem Schuljahr, in fast jedem Fach. Woraus ich aber immer noch keine Antwort habe, ist: Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Wie kann es seine, dass eine ganze Nation eine industrielle Menschenvernichtung mitträgt?
Ich möchte mich nicht über die damaligen Deutschen erheben. Ich weiß nicht, welch ein Mensch ich gewesen wäre, aufgewachsen im Kaiserreich, im Stolz der Industrialisierung, dann der Erste Weltkriegs, das verletzte Ego, die Suche nach Haltung, die Weltwirtschaftskrise. Und doch: Es bleiben Fragen.
Während der Führung über das Gelände wird eine Stellenanzeige herumgereicht: Gesucht werden KZ-Aufseherinnen, Bezahlung nach TVöD, ein Beruf in Dienstkleidung und mit Rentenpunkten.

400 Menschen arbeiteten im Lager: Männer aus der SS, dazu viele Helferinnen und Helfer, Aufsichtspersonen und Hilfskräfte, Frauen und Männer aus der Bevölkerung, Angestellte. Sie werden zu Hause von ihrer Arbeit erzählt haben; natürlich haben sie das. War es allein deshalb nicht allgemein bekannt, was in den Lagern vor sich ging? Dass die Menschen dort hingekarrt wurden, dass sie gefoltert wurden und verhungerten?
Neu ankommenden Häftlinge, die die Fahrt im Viehwaggon überlebt hatten, liefen über Straßen und Feldwege zum Lager, sechs Kilometer. Wir fuhren die Strecke mit dem Rad.

Die Gedenkstätte zeigt Fotos, die in den frühen 40er Jahren kursierten, die angeblich in die Briefkästen der Umgebung gesteckt wurden. Fotos, die die Menschen ansahen und dann auf Dachböden aufbewahrten, bis ihre Söhne, Töchter und Enkel sie Jahrzehnte später fanden und zur Gedenkstätte brachten.
Wie kann man das aushalten? Wie mittragen? Vielleicht, weil man dachte, sie werden es schon verdient haben. Vielleicht, weil man sie nicht als Menschen wahrnahm. Vielleicht, weil man die Realität ausblendete. Weil man um das Grauen wusste, aber keinen Weg sah zu handeln. Wie auch aufbegehren gegen die Nationalsozialisten, wenn man fünf Kinder zuhause hat, die ernährt werden wollen? Wenn man eigene Probleme hat – und Angst.
Als die 10.000 Leichen nach der Befreiung irgendwo hin mussten, als man Gruben aushob und die nackten Leiber mit dem Bulldozer erst übereinander und dann in die Massengräber hineinschob, beschwerten sich die Nachbarn über den Gestank, machten Eingaben über die Zumutungen, die vom Lager ausgingen.
Aus Angst vor Seuchen brannten die Briten das ganze Lager nieder: die Baracken, das Entlausungsgebäude, die Küchen, das Krematorium. Was einzig blieb, war: Fläche. Und es blieben die Hügel der Massengräber.

Auch nach diesem Besuch bleiben Fragen offen.
Hamburg | In Hamburg stand chillen (wir alle), shoppen (die Teenager) und Eis essen (wir alle) auf dem Programm.
Wir sahen uns natürlich auch etwas an. Das Hamburger Schulmuseum zum Beispiel, das ich überraschend lehrreich und unterhaltsam fand – die Kinder auch. Es befindet sich im Stadtteil St. Pauli, man muss anklingeln, es öffnen freundliche Menschen, und man bekommt Zugang in die erste Etage, wo sich die Ausstellungsräume befinden.


Wir sahen uns an, wie Schule in der Kaiserzeit vonstatten ging und dass man geschlagen wurde, allerdings höchstens sieben Schläge pro Tag, so stand es in der Schulordnung. Danach hatte man einen Freifahrtschein. Eindrücklich waren auch die Exponate aus der Nazi-Zeit, besonders die Auszüge aus den Unterrichtsmaterialien – wie man im Mathematikunterricht ausrechnete, bei welcher Vermehrungsrate die „Untermenschen“ den „Herrenmenschen“ überlegen sein würde oder welche Schädelmaße man haben musste, um rassisch rein zu sein. Das Fotografieren war hier verboten – wohl, damit diese Material nicht in falsche Hände gelangt.
Wir besuchten auch den Hochbunker auf St. Pauli, nahmen auch hier ein bisschen Geschichte mit, schauten aber hauptsächlich hinunter. Das kann man von hier aus hervorragend und mit guter Aussicht.

Am Fuße des Bunkers, neben dem Stadion, war Dom, also Kirmes. Wir betrachteten sie vor allem von oben. Wir sahen der Achterbahn zu, wie sie Loopings drehte, und dem Kettenkarrussel, das an einer Säule hoch in die Luft stieg.
Von den Landungsbrücken bis nach Finkenwerder und zurück nutzten wir unser Deutschlandticket für eine Fährfahrt. Das war eine entspannende Sache.
Entdeckung: das Café mit angeschlossener Buchhandlung in den Rathauspassagen, ein integrativer Betrieb für Menschen, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt (noch) nicht schaffen. Die Bücher sind neu und gebraucht. Unter den gebrsuchten finden sich verschiedene Sprachen. Wir verbrachten eine ganze Weile dort.
Chronistenpflicht | Die Etappen nach Hamburg, insgesamt 442 Kilometer:

- von Haltern am See nach Greven (Münsterland) über Senden und Albachten (62 Kilometer)
- von Greven nach Enger (Kreis Herford) über Glandorf, Bad Rothenfelde und Dissen im Teutoburger Wald (76 Kilometer)
- von Enger nach Rinteln (Weserbergland) über Löhne, Bad Oeynhausen, entlang Werre und Weser (63 Kilometer)
- von Rinteln nach Steinhude (Wunstorf) über Bückeburg und Stadthagen ans Steinhuder Meer (54 Kilometer)
- von Steinhude nach Wietze (Lüneburger Heide) über Resse und Mellendorf (53 Kilometer)
- von Wietze nach Wolterding (bei Soltau) über Winsen (Aller), Belsen, Wietzendorf und Soltau (59 Kilometer)
- von Wolterding nach Hamburg über Schneverdingen, Buchholz, Vahrendorf, Moorburg, Steinwerder und durch den alten Elbtunnel (75 Kilometer)
Gelesen | Jørn Horst Lier: Når det mørkner. Deutscher Titel: Wisting und die Stunde der Wahrheit. Der erste Fall von Kommissar Wisting. Er ist junger Streifenpolizist und träumt davon, eines Tages Ermittler zu werden. Jetzt entdeckt er aber erstmal einen Oldtimer in einer Scheune, der ein Einschussloch hat. Außerdem verfolgt er in seiner Nachtschicht Bankräuber. Klassische Ermittlungsarbeit, ein Puzzleteil findet zum anderen, unspektakulär ohne psychopathiche Mörder und wilde Verfolgungsszenen. Ich mag die Serie.

Gesehen | Bereits vor dem Urlaub gesehen: Die schwedische Verbindung. Es ist die Geschichte von Gösta Engzell, einem schwedischen Beamten, der 1942 viele dänische und nordwegische Juden rettete, indem er ihnen gestattete, einen schwedischen Pass zu bekommen und nach Schweden einzureisen. Der Film hat mich sehr berührt, denn er zeigt die schwedische Perspektive auf die Ereignisse, die ich im April im eindrücklichen Dänisch-jüdischen Museum in Kopenhagen sah.
Gelesen | Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind – Die Geschichte meiner verschwundenen Familie, erworben für einen Euro auf dem Bücherflohmarkt im Untergschoss der Hamburger Stadtbibliothek. Maxim Leo erzählt die Geschichte seiner Berliner Familie, die sich ab 1933 in alle Himmelsrichtungen zerstreute, zwangsweise und freiwillig, die Übergänge sind fließend. Er erzählt das Leben seiner Großtanten: die von Hilde, einer Schauspielerin, die in London zur Millionärin wurde; die von Irmgard, einer Jura-Studentin, die einen Kibbuz auf den Golanhöhen gründete; die von Ilse, der Gymnasiastin, die im französischen Untergrund überlebte. Und er erzählt von seiner Generaton, die der Kinder und Enkelkinder. Kurzweilig und bewegend.
Schweine | Die Schweine hatten eine Ferienbetreuung und sind wohlauf. Die Asyl-Oma musste nach unserer Ankunft erstmal zum Friseur. Das Fell schleifte über den Rasen, und am hinteren Ende des Schweins wurde es unappetitlich. Das Tier war schicksalsergeben.





























































