Ungnädige Hitze | Fünfunddreißigkommafünf. Das war die Zahl heute im Auto, also ich von einem Geschäftstermin heimfuhr. 35,5 Grad im Ruhrgebiet. Auf dem Rückweg hielt ich im Supermarkt. Der Kühlschrank war schon wieder leer. Erstaunlich, wie schnell das geht, wenn alle Kinder da sind und alle, sowohl Kinder als auch Erwachsene, übers Wochenende Besuch haben.
Im Rewe, vollklimatisiert, hätte ich am liebsten meinen Klappstuhl ausgefaltet und mich für den Rest des Tages in die Molkereiabteilung gesetzt.
Tag der Bundeswehr | Von einer Sache möchte ich noch erzählen: dem Tag der Bundeswehr. Es ist schon ein paar Tage her, dass er stattfand, Anfang des Monats.
Weil wir einen Teenager im Haus haben, der bald einen Brief von der Bundeswehr bekommen wird, weil wir geopolitisch interessante Zeiten haben und weil die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist und wir alle ihr Auftraggeber sind, sind wir dorthin gefahren, zwei Erwachsene, drei Jugendliche. Ein befreundeter Solat kam auch mit, als Conferencier.

Mit uns waren 50.000 andere Menschen dort, in Worte: Fünzigtausend. Das waren ganz schön viele. Die Bundeswehr hatte 150 Busse im Einsatz, um die Leute von den Parkplätzen – angemietet bei großen Logistikunternehmen – zur Glückauf-Kaserne nach Unna und von dort zum Standortübungsplatz nach Holzwickede zu bringen.
Wir parkten auf einem der ausgeschilderten Parkplätze, Soldaten wiesen ein. Es wurde zügig zum Vordermann aufgeschlossen und bündig angeparkt. Eine Parkierdisziplin, von der jedes Schützenfest träumen kann. Da blieb kein Platzerl frei! In lockerer Formation liefen wir zur Warteschlange für den Bus. Ein freundlicher Soldat sagte, dass man, wenn man nicht warten wolle, auch zu Fuß zur Kaserne gehen könne, geradeaus, eineinhalb Kilometer. Wir nickten uns zu, schoben die Kinder aus der Schlange, und nahmen Schritt auf.
In der Kaserne eine ausgelassene Stimmung. Menschen über Menschen spazierten durchs Tor: Eltern, Kinder, Saboteure – ein Armageddon für den Militärischen Abschirmdienst. Wir liefen etwas verloren zwischen Wertmarkenstand und Bergepanzer Büffel umher, jemand drückte uns ein Programm in die Hand. Triebwerkziehen, Häuserkampf und dynamische Waffenschau, Überflug des Eurofighter und Auftritt des Heeremusikkorps, Vorführung des militärischen Nahkampfs und Versorgung durch Mittlere Kräfte. Wir beschlossen, erstmal den Übungsplatz zu besuchen: dynamisches Gefecht der Schweren Kräfte. Also forsch voran: Durchschlagen zum Bus und aufsitzen!
Am Truppenübungsplatz ebenfalls viele Menschen und allerhand anzuschauen. Mich zog es zur Bundesmähraupe, einem Militärrasenmäher mit einem Bodendruck, der geringer ist als der menschliche Fuß, bestens geeignet für Moore, Feuchtwiesen und abschüssiges Gelände. Da begann auch schon das Gefecht.
Wir versammelten uns am Absperrzaun.

Auftritt Spähwagen Fennek, anmoderiert über einen Lautsprecher. Das war auch nötig, denn vor dem Wald war er kaum zu sehen. Zu hören war er auch nicht. „Ich lag mal im Gras, als er plötzlich neben mir stand“, sagte unser Conferencier. Der Motor sei so gedämmt, „den hörst du kaum“, und auf Wärmebildkameras sei er auch nicht zu sehen.
Auftritt Dachs, Biber und Leopard. Es folgte die Choreographie eines Kriegseinsatzes, eine Landeroberung entlang eines Waldstücks über einen fiktiven Fluss. Es wurde geräumt, verlegt und geschossen. Nicht wirklich geschossen natürlich, sondern nur mit Übungsmunition – auf einen Feind, den man sich denken musste. Die Kinder waren fasziniert. Der Ukraine-Krieg war schon oft Thema bei uns gewesen, am Esstisch und in der Nachbesprechung der logo-Nachrichten. Als Russland angriff, brauchte es genaue Angaben, wie weit eine Rakete fliegen und ein Panzer schießen kann. Ich kaufte das Buch „Was ist Krieg?“ von Eduard Altarriba, in dem der Autor erklärt, warum es Krieg gibt und wie er funktioniert. Viele Male las ich daraus vor, auf ausdrücklichen Wunsch auch beim Zubettgehen. Bei Erklärungen zu Waffensystemen schliefen die Kinder ein; es beruhigte sie offenbar, genau Bescheid zu wissen.
Nach dem Ende des Gefechts, die Kinder waren ganz ergriffen, gab ich zu Protokoll, dass, anders als in dieser Übung, in Wirklichkeit Menschen sterben. Dass sie jetzt tot sind. Die Kinder waren dennoch guter Dinge. Bei ihnen blieb hängen: So wie gerade gesehen, auf diese Weise, beschützt uns die Bundeswehr.
Wir gingen eine Bratwurst essen.

Die Bundeswehr gab sich viel Mühe – nicht nur zu rekrutieren, sondern auch zu informieren. Sie hatte auffallend viele weibliche Soldaten vor Ort, die Mädchen waren beeindruckt. Wir ließen uns Helme, Rucksäcke und schusssichere Westen zeigen, außerdem Zelte und EPA-Pakete, die Einpersonenpackung zur Verpflegung, die es im Jahr 2026 auch koscher, vegetarisch und ohne Schweinefleisch gibt. Wir schauten in Einsatzleitwagen und mobile Gefechtsstände, beobachteten den Einsatz der Mittleren Kräfte, und der Reiseleiter ließ sich Naturschutz und Landschaftspflege auf Truppenübungsplätzen erklären. Drei Transportflugzeuge A400M überflogen die Szenerie.
Am späten Nachmittag verließ uns die Kraft, wir stiegen wieder in den Bus und ließen uns zum Parkplatz chauffieren. Zurück blieb ein ambivalentes Gefühl: eine Faszination für das Gesehene, für die Technik, die Koordination und Präzision – und der innige Wunsch, dass all das niemals zum Einsatz kommen möge.
Gesehen | Am späten Abend desselben Tages, die Kinder waren im Bett, zappte ich in die Doku „Der Feind in den Wäldern . Ostfront Ukraine“ hinein und blieb darin hängen. Fürchterliche, absolut schonungslose Einblicke in den Kriegsalltag – gefilmt mit Bodycams an den Körpern der ukrainischen Soldaten.
Gelesen | Sarah Gilmartin: Service, aus dem irischen Englisch von Anna-Kristin Kramer. Der Vorwurf der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung, eine Geschichte, vier Perspektiven: die von Daniel, dem Restaurantchef und Angeklagten; die von Hannah, seiner ehemaligen Angestellten; die von Julie, Daniels Frau. Präzise erzählt. Gerne gelesen.
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Schweine | Fünfunddreißigkommafünf. Die Schweine hocken unterm Stall und sind genervt.




























































































