Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Prolog |  Heute möchte ich von den Brücken erzählen, die wir überquerten, von den Tunneln, die gebaut werden, und von der Fährfahrt mit dem Fahrrad.


Die erste große Brücke | Als wir am zweiten Tag in Schashagen losfuhren, waren wir wehmütig. Denn die Wohnung dort, die wir nur eine Nacht bewohnten, war ausgesprochen hübsch: In einem alten Haus gelegen, mit großer Küche und einer kleinen Stube.

Eine Perle im Nichts. Mit dem Auto ist möglicherweise alles ganz nah: der Strand, die Promenaden, das Meer. Mit dem Fahrrad war das Haus im Nirgendwo.

Wir fuhren nach Grömitz, frühstückten dort und fuhren weiter durch die Küstenorte. In Großenbrode, kurz vor der Überfahrt nach Fehmarn, machten wir noch einmal Pause, gingen in den Supermarkt und speisten Bananen und Kekse auf dem Parkplatz.

Dann trafen wir auf die erste große Brücke der Reise, knapp einen Kilometer lang: die Fehmarnsundbrücke.

Panoramaaufnahme: links die Brücke im Gegenlicht der Sonne, man erkennt einen Mann und Fahrräder. Der Rad- und Fußwegist schmal und durch eine niedrige Betonwand von der Fahrbahn getrennt. Rechts Wasser und blauer Himmel, in der Ferne Wiesen.

Fußgänger und Fahrradfahrer sind auf dieser Brücke nicht wirklich vorgesehen. Hinter einer niedrigen Betonwand gibt es zwar einen kombinierten Rad- und Fußweg. Aber weder können sich zwei Fahrräder begegnen, noch ein Fahrradfahrer und ein Fußgänger. Vorbeifahrende LKWs sind eine Armlänge entfernt – ein intensives Erlebnis.

Wer Fahrrad fährt, so sagen es Schilder, soll absteigen und schieben: Mit Auf- und Abfahrt auf die Brücke sind das mehr als zwei Kilometer, fast fünf Stadionrunden. Wir fuhren. Denn wir waren fast allein: Auf der Brücke begegnete uns nur ein weiteres Pärchen. Wir hielten an, grüßten uns, tauschen ein paar Worte aus und ließen einander passieren.

Ein Tunnel soll irgendwann in den kommenden Jahren die Fehmarnsundbrücke ersetzen. Vermutlich wird es eher ein Jahrzehnt werden, bis er fertig gestellt ist. Die Brücke allerdings wird bleiben und soll dem Rad- und Fußverkehr sowie dem regionalen Autoverkehr vorbehalten sein. Hoffentlich bekommen Rad- und Fußweg dann mehr Priorität.

Die Brücke vom Flußufer aus

Die Fähre | Wir durchquerten Fehmarn, aßen in Burg ein Brötchen, sahen den Touristen beim Bummeln zu und radelten weiter. Der Wind wehte uns entgegen. Es zog sich. Als wir den Fähranleger erreichten, was es bereits 18 Uhr.

Fahrradfahrer haben hier eine eigene Spur: direkt die erste. Wir hatten sie für uns alleine und parkten unsere Räder neben den Autospuren.

Als die Fähre anlegte, durften wir als erstes los. Wir fuhren zu einem Glashäuschen. Darin: ein Mann, der die Lkws aufs untere Deck einwies. Wir warteten und sahen den Lkws beim Auffahren auf die Fähre zu. Als das untere Deck voll war, durften wir auch rauf. Wir stellten die Räder hinter den Lastwagen ab.

Fahrräder lehnen auf der Fähre an einer Wand. Im Hintergrund ein Deck voller Lkws.

Die Autos parkten ein Deck über uns.

Wir gingen hinauf ans Licht und ließen uns den Wind um die Ohren brausen. Auf dem Schiff: viele Fernfahrer, Pendler, einige Familien. Es begann zu dämmern. Ein Kiosk verkaufte Cola, Chips und Schokoriegel.

Wer als letztes auffährt, darf nicht als erstes wieder runter: Wir warteten bei unseren Rädern, bis die Lkws anfuhren, und verließen hinter dem letzten die Fähre.

Unsere Unterkunft: Hages Badehotel in Rødby, einen Katzensprung vom Hafen entfernt. Zum Abendessen gab es Spezialitäten aus der Convenience-Theke des örtlichen Discounters.


Der Tunnel | Am nächsten Tag besuchten wir die große Tunnelbaustelle. Denn die Fähre wird es in dieser Form bald nicht mehr geben. Der 18 Kilometer lange Fehmarnbelttunnel wir sie ersetzen.

Ich fühlte mich an den Braunkohletagebau erinnert.

In der Mitte, etwas dunkler als der Rest, sieht man das zukünftige Tunnelportal, die Einfahrt in den Tunnel.

Der Fehmarnbelttunnel wird der längste und tiefste kombinierte Straßen- und Eisenbahntunnel der Welt. Statt 45 Minuten Fähre – mit Wartenzeit noch länger – wird man in Zukunft nur noch zehn Minuten von Fehmarn nach Dänemark brauchen, mit dem Zug noch weniger. Der Tunnel ist Teil der Vogelfluglinie, der direktesten denkbaren Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen.

Der Fehmarnbelttunnel ist ein Absenktunnel. Das heißt: Er liegt auf dem Meeresboden auf. Die Senkkästen, aus denen der Tunnel besteht, werden an Land gefertigt, auf den präparierten Meeresboden heruntergelassen und dort miteinander verbunden.

Die Tunnelelemente werden direkt vor Ort hergestellt: Auf dem Baustellenfoto oben sieht man auf 9 Uhr schimmernde Dächer. Das ist die Tunnelfabrik. Sie besteht aus drei Produktionshallen, die ziemlich groß sind: 240 Meter lang, 200 Meter breit und 30 Meter hoch. In jede Halle passen sieben Jumbo Jets. In den Hallen werden die Tunnelemente gefertigt: 79 Standard- und zehn Spezialkästen.

Grafik der Absenkelemente mit mehreren Röhren

Auf der Tunnelbaustelle und in der Fabrik arbeiten durchgehend zwischen 3.000 und 4.000 Beschäftigte. Es gibt eine eigene Containerstadt (Tunnel By) neben dem Areal, in der die Menschen wohnen.

Der Reiseleiter fuhr sich auf der Baustelle irgendwas in den Reifen und bekam einen Platten.


Die zweite große Brücke |  Die Fähre und später der Tunnel führen auf die dänische Insel Lolland. Auf ihr: die Euro-Velo-Route 10, der Ostseeküstenradweg.

Laternenpfahl mit Aufklebern: Pilgrumsroute, Radsymbol und Schrift "Hamburg - Copenhagen"

Wir bogen alsbald auf den Radweg ab. Man kann ihn gut fahren – auch wenn Lolland im April etwas zermürbend ist. Dafür kann der Radweg aber nichts.

Schönste Rast: Maribo.

Panoramaaufnahme: Links eine Kirche, in der Mitte ein Mann an einem Tisch, neben zwei Fahrräder, rechts zieht sich ein See mit einem Steg ins Bild.

An der Kirche befand sich, wie fast überall in Dänemark, ein Friedhof. Auf dem Friedhof fand, während wir Käse aßen und Kakao tranken, eine Beerdigung statt. Wir hielten uns im Hintergrund und verschoben das Flanieren, bis die Beisetzung beendet war und die Trauergemeinde den Friedhof verlassen hatte.

Wir durchquerten Lolland in einem Tag und fuhren am Abend auf die Insel Falster. Auch diesmal fuhren wir über eine Brücke; wie sie aussah, habe ich allerdings vergessen. Es muss in Nykøbing gewesen sein, ich war bereits müde und offensichtlich unaufmerksam. Oder die Brücke war kein Foto wert. Ich glaube, es war beides.

Am nächsten Tag führte uns eine Brücke von der Insel Falster hinunter, die nicht zu übersehen war, auch nicht bei Müdigkeit: die neue Storstrømsbroen, offiziell auch Dronning Margrethe II’s Bro. Sie ist frisch eröffnet, aber noch nicht eingeweiht; das passiert im Juni. Der Bahnverkehr nutzt noch die alte Brücke.

Im Gegensatz zur Fehmarnsundbrücke gibt es auf der Storstrømsbroen einen ordentlichen Fuß- und Radweg, mit einem Geländer von der Fahrbahn getrennt, und ausreichend breit.

Ein Radweg auf einer Brücke, durch ein Geländer abgetrennt von der Fahrbahn. Ein großer Brückenträger fächert sich darüber aus. Ein Fahrrad lehnt am Geländer.

Die Storstrømsbroen ist viermal länger als die Fehmarnsundbrücke, knapp vier Kilometer (Luftbild). Man fährt zunächst zwei Kilometer leicht bergauf und dann, ab dem zentralen Pylonen, leicht bergab. Trampeln mussten wir hinauf wie hinab – wegen des Gegenwindes. Die Brücke schwingt dabei gehörig – zumindest tat sie das, als wir drüberfuhren. Ich habe es nicht sofort bemerkt, sondern hatte zunächst nur ein diffuses Übelkeitsgefühl. Möglicherweise lag es am starken Wind. Im Auto wird man es nicht wahrnehmen.

Wieder unten, fühlte ich mich an Fontane erinnert:

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund?“
„Ei, der muß mit“
„Muß mit.“
„Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!“


Die Zahlen | Baustellen sind eine hervorragende Gelegenheit, sich mit dänischen Zahlen vertraut zu machen. Ständig wird über Länge und Breiten gesprochen, wie viele Menschen wo arbeiten, was wie viel wiegt und wie viele Tonnen verbaut werden.

Wenn Sie zu dem Personenkreis gehören, der bereits das französische Zahlensystem als unangenehm verkopft empfindet – quatres-vingt, vier 20er gleich 80 -, werden Sie den dänischen Zahlen mit Skepsis gegenüberstehen. Während die Franzosen immerhin noch mit ganzen Zahlen rechnen, multiplizieren die Dänen wild mit halben: 50 sind halv-tredje sinde tyve, 2 ½ x 20, 70 sind halv-fjerde sinde tyve, 3 ½ x 20 und 90 sind halv-femte sinde tyve, also 4 ½ x 20. Weil die Wörter durch die Rechnerei unpraktisch lang werden, kürzt man sie ab: 50 sind halvtreds, 70 sind halvfjerds und 90 sind halvfems. Und weil die Dänen nichts so aussprechen, wie man es schreibt, hören sie sich die Zahlen ganz anders an.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von der dänischen Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen. Das Tourblog:

Prolog | Eine Reise bildet ja bekanntlich. So habe ich nicht nur etwas über Bananen gelernt, sondern war auch in Museen. Von zwei Erlebnissen möchte ich hier erzählen – und von Bekannten, die ich getroffen habe.


Dänisch-jüdisches Museum | Es sei ein fröhliches Museum, so hieß es. Eines, das der Judenverfolgung gewidmet sei, das aber vor allem die Rettung feiere – den Zusammenhalt der dänischen Bevölkerung, ihre Risikobereitschaft und das warme Willkommen von 7.000 dänischen Juden in Schweden im Jahr 1943.

Damals gelang es der Mehrheit der Juden, die in Dänemark lebten, zu fliehen und zu überleben. Dänemark verfolgte seinerzeit eine deutschfreundliche, pragmatische Politik. Es kooperierte mit dem Deutschen Reich, hatte aber innenpolitische Unabhängigkeit ausgehandelt. Zu dieser Unabhängigkeit gehörte, dass die Dänen Juden nicht registrierten, dass Jüdinnen und Juden keinen Stern tragen mussten und dass sie lange in Rechtsstaatlichkeit leben konnten. Im September 1943 verlangten die Deutschen jedoch Kontrolle: Gestapo und SS verstärkten ihre Präsenz in Dänemark, man durchsuchte das Archiv der jüdischen Gemeinde und kam so an die Adressen aller in Dänemark lebenden Juden. Als die Deutschen ihre Deportationspläne konkretisierten, gingen dänische Sozialdemokraten in Verhandlungen mit Schweden, um ihren Mitbürgern ein Exil zu ermöglichen. Außerdem stachen dänische Verwaltungsbeamte die Information von anstehenden Verschleppungen an Oberradbiner Marcus Melchior in Kopenhagen durch. Rabbiner Melchior warnte die Gläubigen in seiner Syngoge, die Gläuben gaben die Warnung an ihre Frende und Familien weiter. So konnten fast alle dänischen Juden rechtzeitig untertauchen. Auf Schiffen gelangten sie schließlich nach Schweden. Viele von ihnen kehrten nach dem Krieg in ihre unangetasteten Wohnungen zurückkehren. Die Ereignisse sind im dänisch-jüdischen Museum auf angenehme Weise erzählt: gefühlvoll, persönlich und dennoch mit unaufdringlicher Distanz.

Den Rahmen für diese Geschichte bildet ein Gebäude, das ich nicht anders als fantastisch nennen kann. Ein Bau von Daniel Libeskind, der eine Liebeserklärung an die Ereignisse ist, der die Besucher umarmt und sie mit auf die Reise nimmt.

Der Boden ist den Schiffsplanken nachgeahmt. Die Wände heißen willkomen: Sie sind aus schwedischer Buche. Lichtschlitze vermitteln Eindruck der Viehwaggons, mit denen die Juden deportiert wurden – und gleichzeitig das Licht der Hoffnung, das Morgengrauen, der frühe Lichtstreif, mit dem die Juden an der dänischen Küste anlandeten. Geht man durch die Gänge, schwankt man: Es geht auf und ab, man fühlt sich wie auf einem der Boote, mit denen die dänischen Juden nach Schweden flohen. Als wäre das nicht alles schon ergreifend genug, bildet der Grundriss des Gebäudes, die Anordnung der Gänge das hebräische Wort Mitzvah: die gute Tat. Man möchte weinen angesichts dieser architektonischen Berührung.


Arken | Auf der letzten Etappe, als wir von Køge nach Kopenhagen radelten, kamen wir am Arken-Museum vorbei, dem Museum für zeitgenössische Kunst. Auch hier: Berührung.

An der Wand des ersten großen Saals, den man betritt, hängen Fotos von Schmetterlingen, 68 Stück in einer langen Reihe. Erst, als ich näher heranging, sah ich die Details in ihren Flügeln, die dort nicht hingehören: gewälttätige, kriegerische Ereignisse. Das Schöne und der Verstörende, vereint und gerahmt. Sehen Sie es auch?

Peter Holst Henckel: World of Butterflies (2002)


Friedhöfe | Egal, wo ich bin: Ich besuche gerne einen Friedhof. Der Ort der Toten erzählt viel über das Leben, über das, was und wen wir würdigen und was im Leben wichtig war.

Außerdem befindet sich auf dänischen Friedhöfen immer eine öffentliche Toilette, meist in einem Nebengebäude und gut gepflegt. Die Friedhöfe selbst sind immer um die Dorfkirche herum angelegt; die Kirche sieht man von Weitem. Das ist alles sehr praktisch auf Radreisen.

Große, rote Kirche, darum ein Friedhof. Im Vordergrund ein Mann mit zwei Farrädern. Zwischen den Gräbern eine Bank.

In Eskilstrup saßen wir auf einer Bank und aßen. Rechts von uns lagen Gunnar und Bodil Rasmussen, links von uns Ole und Ane Jensen Foged. Es waren Hofbesitzer und ihre Gattinnen, das stand auf den Grabsteinen. Die Sonne schien uns warm auf den Rücken. Wir hatten wieder einmal eine langen Gerade mit Gegenwind hinter uns und verspürten den Bedarf, unseren Proviant an Vanilletörtchen anzubrechen.

Der Reiseleiter, ganz in seiner Rolle, informierte sich über die Sehenswürdigkeiten des Ortes: Die Straße hinter uns führte zum Krokodilzoo, dem tierkundlichen Höhepunkt der Gegend, der gleichzeitig ein Kontrapunkt zum örtlichen Traktormuseum war. „Das Traktormuseum“, dozierte der Reiseleiter, „zeigt eine fast vollständige Sammlung des dänischen Bukh-Traktors mit Prototypen und Sonderausführungen. Außerdem größere Sammlungen von Bolinder-Munktell.“ Ich nickte und biss ins Törtchen.

Grab von Michael Larsen, 1963 - 2016, in Eskilstrup, Grabinschrift "I am the boss"

In Kopenhagen besuchten wir den Assistens Kirkegård, Kopenhagens Assistenzfriedhof, der so heißt, weil er bei seiner Gründung den vorhandenen Friedhöfen assistierte: Alle Flächen innerhalb der Stadtmauern waren belegt, es brauchte zusätzlichen Platz. Der Friedhof wurde schnell zum beliebten Ausflugsziel, man fuhr zum Picknick in die Parkanlage. Man flanierte, flirtete und feierte. Alsbald wurde es Totengräbern verboten, Schnaps auszugeben.

Wie auch in Eskilstrup und anderen Dörfern erzählen die Grabsteine von dem, was die Toten gewesen sind. Nur starben in Kopenhagen weniger Hofbesitzer, stattdessen Schulräte und Gemeindevorsteher, Stiftungsgeber, Dichter und Professoren.

Eine Mauer mit Nischen, jede NIsche ist eine andere Farbe. Darin alte, verwitterte Grabsteine

Wir besuchten das Grab von Niels Bohr, der Mann mit dem Atommodell – ich las kurz nach; solcherlei Zuordnungen entfallen einem dreißig Jahre nach dem letzten Physikunterricht schonmal. Auf dem Fuß des Bohrschen Grabsteins, winzig klein im Verhältnis zum Trumm, zwei Würfel, ein gelber und ein blauer. Ein Gruß von Albert Einstein. Wie sehr Friedhofsbesuche doch bilden!

Im Grab des Schrftstellers Dan Turèll steckten Kugelschreiber, eine Huldigung an ihn und eine Huldigung an den Alltag, so wie er ihn im Liedtext Hyldest Til Hverdaget beschreibt (Übersetzung).

An anderer Stelle: ein Grab mit einer ungewöhnlichen Figur und der Inschrift Det var det – Das war’s. Ich recherchiere: Der Grabbesitzer, Künstler Leif Petersens, lebt noch. Er hat ein Familiengrab gestaltet, um einen Treffpunkt zu haben, und lädt Freunde und Verwandte dazu ein, sich dazuzugesellen, tot oder lebendig.

Weiter entfernt, nicht fotografiert, sehe ich ebenfalls ein Grab von zwei Lebenden: Eine Grabstele mit zwei Frauennamen, darunter die Geburtsdaten und ein Strich. Das Sterbedatum ist noch nicht graviert.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von langen, schwankenden Brücken, eine Fährfahrt und vom Fehmarnbelttunnel, der bald, achtzehn Kilometer lang, Deutschland mit Dänemark verbinden wird und der Absenktunnel der Welt werden wird. Das Tourblog:

Prolog | Stellen Sie sich vor, wie ich mich zum Schreiben dieses Beitrags an meinen Küchentisch setze. Wie ich mich zurücklehne. Wie ich den Blick schweifen lasse und dann zu tippen beginne. Es gibt viel zu tippen, so viel, dass ich nicht einfach drauflostippen kann. Ich habe mir einen Plan gemacht, einen Plan für fünf Beiträge über eine Reise von Lübeck nach Kopenhagen. 

Dieser erste Beitrag wird von der Fahrt handeln. Folgen Sie mir nun auf die erste Etappe. 


Die Fahrt | Wir fuhren mit dem Rad. Es war nicht weit, 340 Kilometer in sechs Etappen, es fühlte sich aber weit an, denn bei jedem Kilometer, den wir fuhren, wurden wir 200 Meter zurückgeweht. 

Wir starteten in Lübeck. Dort war es noch nicht so windig. Erst später, auf Fehmarn und noch später auf Lolland blies uns der Wind erbarmungslos ins Gesicht. Wir fuhren vierzig, fünfzig, sechzig Kilometer nur im Gegenwind. Das war anstrengend. Ich bekam schlechte Laune.

Irgendwann hatte ich selbst für die schlechte Laune keine Kraft mehr. Das lag an zwei Dingen: der Kälte und der verrottenden Banane.

Zunächst zur Kälte. Anfangs war es nicht allzu kalt. Wir hatten zwar nur zwischen acht und elf Grad, aber durchgehend Sonne. Es war ein Sonnenschein, der schon vom Sommer erzählt, der den Rücken und die Seele wärmte. Aber der Wind – er blies ohne Gnade, wirbelte kalt in meinen Bronchien und setzte ihnen zu. Nach dem ersten Tag pfiff ich abends wie ein Teekessel, während ich atmete. Danach fuhr ich die meiste Zeit mit einem Tuch vor dem Mund. Das machte es besser. 

Vanessa macht ein Selfie auf dem Fahrrad. Sie trägt eine Weste, ein dickes Oberteil, einen Helm, darunter eine Mütze, eine Sonnenbrille und ein Tuch vor dem Mund. Dahinter der Reiseleiter auf dem Rad, sonniges Wetter und Felder.

Die Gegend, sie ermunterte nicht. Kilometerweit strampelten wir geradeaus, links Felder, rechts Felder, bisweilen Wald, ab und zu eine Allee, ein Hof, ein Dorf. Die Dänen nennen die Region Den rådne banan, die verrottende Banane, entvölkert, wirtschaftlich abgehängt. Gefühlt jedes sechste Haus steht zum Verkauf. Die Häuser dazwischen – man sieht es ihnen an: Die Kinder sind ausgezogen, die Gardinen sind vergilbt, im Schuppen sammelt sich vormals Nützliches. An einem der Abende lagen wir im Bett und sahen die Immobilienanzeigen durch: Ab 90.000 Euro kann man hier zuschlagen. Voraussetzung: Freude am sozialen Rückzug und handwerkliches Geschick. Wer zu Schwermut neigt, sollte allerdings die Finger davon lassen.

Blauer Himmel, elder, ein Wirtschaftsweg, der eine sanfte Kurve nach rechts macht. Weite. In der Ferne ein Haus.

Wir schlugen uns nach Nykøbing Falster durch, übernachteten bei einer Künstlerin im Obergeschoss, und fuhren von dort nach Vordingborg. Der Reiseleiter bekam einen Platten. Im folgenden Supermarkt gab es drei neue Fahrradschläuche zum Preis von zwei. Wir legten uns Reserven an.

In Vordingborg waren wir die einzigen Gäste in Danhostel, der dänischen Jugendherberge. Sie schlossen nur für uns auf, die Betten waren bereits bezogen, die Gästemappe frisch auf dem Tisch gerichtet. Wir legten unsere Sachen ab, duschten und machten uns Nudeln mit Soße. Auf der Suche nach Salz durchstreiften wir die Küche, die Flure, die Gemeinschaftsräume und fühlten uns wie Einbrecher.

Ein schlichtes Zimmer, an der Wand zwei Betten. An der Wand lehnen Fahrräder mit Gepäck.

Während wir aßen, zog sich der Himmel zu. Der Reiseleiter konsultierte den Wetterbericht und meldete: Morgen seien es vier Grad, es werde regnen, gefühlte Temperatur minus drei. Ich rollte Nudeln ohne Salz auf meine Gabel, hielt inne und sah ihn an. Es gibt diese Momente in einer Beziehung, vielleicht kennen sie die; Momente, in denen man nicht reden muss, sondern in denen ein Blick sagt: „Das – und es ist aus zwischen uns!“ Er buchte uns eine Fahrt mit der Dänischen Staatsbahn.

Als wir am kommenden Morgen in der Wartehalle saßen und schlechten Kaffee aus dem 7eleven tranken, schneite es draußen.

Ich lobte den Reiseleiter für seine umsichtige Entscheidung.

Die dänische Bahn fuhr uns äußerst kommod nach Køge, einer Hafenstadt, die sich deutlich munterer zeigte als ganz Lolland zusammen. Der Tag wurde zu Reisegold, als wir noch dazu guten Kaffee bekamen, sensationellen Kuchen und dazu ein Puzzle. Es war bereits angefangen, jeder Gast darf weiterpuzzeln. Wir blieben zweieinhalb Stunden, denn es war ein kniffliges Puzzle: Das Motiv auf dem Karton war nicht das Motiv des Puzzles. Es war ein Puzzle, das man weiterdenken musste – in unserem Fall in die Zukunft. Perfide!

Sollten Sie einmal Køge sein, gehen Sie zu Sanne’s Desserter und puzzeln Sie. Es ist sehr entspannend. Nehmen Sie außerdem die Erdnussschnitte. Ihr Leben wird danach ein anderes sein.

Von Køge aus waren es am nächsten Tag nur noch etwas mehr als vierzig Kilometer bis nach Kopenhagen. Wir waren ausgeruht und frohgemut, obwohl es deutlicher kälter war als den Tagen zuvor. Aber erneut sonnig! Wir zogen uns dick an, oben vier Schichten, unten drei, radelten durch Industriegebiete hinaus aus der Stadt und erreichten schon bald das Meer.

Der Wind blies uns Tränen aus den Augen. Ein Paar in dicken Mänteln kam, zog sich nackt aus und stieg in die Gischt. Die Zwei ließen sich ein bisschen treiben. Dann kamen sie wieder heraus, hüllten sich in ihre Mäntel und gingen zurück nach Hause.

Wir fuhren eine Weile die Küste entlang. Häuser grenzten direkt an den Strand, größere und kleinere, allesamt sympathisch und bescheiden mit kleinen Gärten. Rosen und Stockrosen zeigten erste Blätter, wir erahnten den Sommer. Jedes der Häuser hätten wir sofort genommen, wäre es uns geschenkt worden. Ich sah mich schriftstellernd und podcastend in einem Wintergarten am Meer, dazu ein Gewächshaus mit Tomaten.

Wir stoppten am Arken-Museum, dazu mehr in einem anderen Beitrag. Nur so viel: Ich verschwand kurzfristig im Bällebad, ein Erlebnis, das ich bis anhin völlig unterschätzt hatte. Sowohl körperlich als auch seelisch fühlte ich mich vollends aufgehoben.

Der Wind blies weiterhin gehörig, doch es waren nur noch vierzehn Kilometer bis nach Kopenhagen. Der Wind konnte uns nichts mehr!

Wir nutzten einen der Cycle Super Highways, die aus dem Umland nach Kopenhagen führen. Sechs Kilometer vor dem Ziel machten wir noch einmal Pause am Havneslusen.

Angekommen.


Die nächsten Etappen | Wenn Ihnen diese erste Etappe gefallen hat, folgen Sie mir in den kommenden Tagen auf die weiteren:

  • Eine Erzählung über Museen und Friedhöfe
  • Brücken, Tunnel und Fähren: ein Beitrag für den Freundeskreis Ingenieurskunst
  • Die dänische Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen
  • Test eines Mythos: Radfahren in Kopenhagen 

Aufbruch in den Urlaub | Es wird nun für zwei Wochen ruhig hier. Ich begebe mich auf eine Radreise. Gemeinsam mit dem Reiseleiter fahre ich von Lübeck nach Kopenhagen. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wie wir darauf kamen, dass es eine gute Idee sei, im April aufs Fahrrad zu steigen und mehrere hundert Kilometer Richtung Norden zu fahren.

Wir haben nun allerhand dabei, das uns warm und trocken halten soll: Mütze, Handschuhe, dicke Socken, Leggins, Gamaschen, Poncho, Regenkleidung. Erstaunlicherweise ist noch Platz in den Taschen. Das ist prima: Erfahrungsgemäß finden uns in Dänemark zahlreiche Bücher.

Fahrrad auf der Terrasse. Eine Tasche am Lenker, eine unterm Sattel, zwei am Gepäckträger.

Wenn Sie mögen, folgen Sie mir auf Instagram. Dort werde ich ein paar Momente hinterlassen.


Club-Leben | Es war der erste Mittwoch im Monat, also monatlicher Club-Abend. Ich erzählte diese Woche Näheres vom Club.

Wir trafen uns diesmal im Nansen, einer Lerngastronomie am Dortmunder Hafen, ein wunderbares Ambiente. Ich entdeckte es, als ich auf dem Jolante-Konzert war, das direkt nebenan stattfand. Es gab frittierte Reis-Eier und grünen Schlotz mit Graupen. Auf der Karte hießen die Gerichte „Arancini mit Gremolata“ und „Persischer Kräutereintopf“. Beides war lecker und mal etwas anderes. Das gefiel mir.

Wir besprachen Zwischenmenschliches und die Teilnahme am Flohmarkt im Dortmunder Union-Gewerbehof im Herbst – der Erlös wird an einen guten Zweck gehen.


Gelesen | Margot Friedländer mit Malin Schwerdtfeger: Versuche, dein Leben zu machen. Margot Friedländer erzählt von ihrer Kinderheit in Berlin und vom Erwachen des Nationalsozialismus. Sie erlebt die ersten Repressalien gegen Juden und die Reichsprogromnacht. Ihre Familie schmiedet Fluchtpläne, bleibt aber letztendlich. Als sie sich im Januar 1943 mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Ralph treffen will, um die Flucht vor der Gestapo aus Berlin vorzubereiten, erfährt sie, dass ihr Bruder kurz zuvor abgeholt wurde. Und auch die Mutter erscheint nicht; sie hinterlässt ihrer Tochter folgende Botschaft: «Ich habe mich entschlossen, mit Ralph zu gehen, wohin immer das auch sein mag. Versuche, dein Leben zu machen.» Margot beschließt unterzutauchen. Ein eindrückliches Buch.

Gelesen | Sondervergnügen am Sonntag: Herr Buddembohm war zum ersten Mal in der Elbphilharmonie. Als Hamburger und late adopter hat er sich mit diesem Erlebnis Zeit gelassen, man muss schließlich nichts übereilen. Nun aber war er dort und berichtet von seinen Eindrücken.

Gehört | Podcast des Presseclubs zur Sanierung der gesetzlichen Krankenkassen.

Gesehen | Die Krankenschwester auf Netflix, Originaltitel: Sygeplejersken. Eine dänische Mini-Serie über einen wahren Fall, wie es ihn in Deutschland auch gegeben hat. Gute Unterhaltung.


Leser’innenfragen | Keine neuen Fragen in der Vorschlagsliste.


Schweine | Mit unserer Abreise ziehen zwei Schweine-Sitter ins Haus ein. Den Schweinen ist es einerlei, wer im Haus wohnt – Hauptsache, ihre Verpflegung stimmt.

Drei Meerschweine vor dem Stall an einer Schale mit Gras und Löwenzahn. Schwein vier schleicht gerade die Rampe runter.

Fundstück | Im Parkhaus am Hauptbahnhof Duisburg. Möglicherweise ist die Kundschaft etwas angespannt.

Schild "Kundeninformation. Der Aufzug wird wegen wiederholten Vandalismusschöden in der Zeit von Mo - So (abgeklebt) außer Betrieb genommen. VIelen Dank für Ihr Verständnis!" Darauf die Anmerkungen: "Verständnis ist aufgebraucht. Und: "Kann langsam mal wieder in Betrieb genommen werden."

Urlaubsvorbereitungen | Noch sechs Tage bis Urlaub. Dann geht’s erst in den Zug und dann aufs Rad: Der Reiseleiter und ich radeln von Lübeck nach Kopenhagen. Mit Blick auf die Wetteraussichten schieben wir uns gegenseitig die Schuld zu, wer auf diese blöde Idee kam. Aber es nützt nichts: Die Temperatur ist, wie sie ist. Drücken Sie uns die Daumen, dass es nicht allzu viel regnet.

Der Reiseleiter hat bereits Urlaub und unsere Räder reisefertig gemacht: Ketten geputzt, Rahmen gesäubert, alles justiert und geölt. Ich schreibe schon an einem Packzettel, damit ich nichts vergesse – Handschuhe, Mütze, Gamaschen, Sonnenbrille und was sonst noch hilfreich sein wird. Ein Badeanzug kommt auch mit. Wer weiß, wofür er gut ist.


Broterwerb | Vor einigen Tagen endete ein Coaching. Mein Coachee war eine IT-Fachkraft. Gemeinsam haben wir mehrere Monate lang zusammen gearbeitet, um seine Wirkung im Unternehmen zu vergrößern. Seine Worte zum Abschluss:

Du warst ein guter Spiegel.

Du kannst dich gut auf die Person einstellen, die dir gegenübersitzt.

Ich habe meinen Horizont erweitert. Das Coaching war wie eine Abkürzung. Ich hätte für die Entwicklung sonst zwei, drei Jahre länger gebraucht.

Ich habe mich sehr gefreut, denn genau so soll Coaching sein: Der Coachee geht seinen Weg selbst. Meine Fragen und Rückmeldungen sind Impulse für die Bewegung.


Leser’innenfrage | Eine Frage auf der Themen-Vorschlagsliste: „Haben Sie Lust, etwas über Ihren Serviceclub zu schreiben? Ich habe die Website angesehen, aber zum Beispiel nicht gefunden, wo man sich trifft und wie man Mitglied werden kann. Es klingt interessant!“

Das kann ich gerne tun. Ich bin Mitglied im Agora Club Tangent. Wir sind Frauen über 45, die netzwerken und Freundschaften pflegen – und wenn Kapazitäten da sind, auch Spenden sammeln. Als lokaler Club sind wir Teil eines größeren Netzwerks: Es gibt nicht nur uns, sondern auch Agora Clubs in anderen Städten. Gemeinsam sind wir Teil von Agora Club Deutschland. Agora Club Deutschland ist wiederum Teil von Agora Club International.

Wer unter 45 Jahre alt ist, geht nicht in den Agora Club, sondern in den Ladies‘ Circle. Das ist unser Schwesterclub. Dort war ich vorher. Warum es zwei Clubs gibt? Damit der Ladies‘ Circle nicht überaltert: Wenn die Gruppe gemeinschaftlich alt wird, wird es irgendwann schwierig, junge Frauen, die in einer ganze anderen Lebensphase stecken, für die Mitarbeit zu begeistern. Die Ladies und der Agora Club sind eng befreundet – nicht zuletzt, weil viele ältere Frauen vorher im Ladies‘ Circle waren.

Agora Club und der Ladies‘ Circle haben jedes Jahr ein gemeinsames nationales Serviceprojekt. Das heißt: Alle Clubs in Deutschland sammeln ein Jahr lang für dieses Projekt Spenden. Dieses Jahr ist es das Projekt Buusenfreundinnen – für Frauen, die von Brustkrebs betroffen sind. Wir stellen Sammeldosen bei unseren Geburtstagen auf oder beteiligen uns an Aktionen, die Spenden generieren. Eine Aktion ist zum Beispiel „Pfandraising“ gemeinsam mit dem Dortmunder Ladies‘ Circle: Wir stehen vor Supermärkten, fragen, ob die Leute uns ihr Flaschenpfand geben und spenden den Erlös. An guten Tagen kommen so ein paar hundert Euro zusammen.

Im Zentrum des Ganzen steht allerdings die Freundschaft: sich vernetzen, sich unterstützen. Als Dortmunder Club treffen wir uns immer am ersten Mittwoch im Monat – entweder in einer Lokalität oder eine von uns lädt ein. Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam für ein Wochenende weg. Wir sind allesamt Frauen, die im Berufsleben stehen. Das heißt, wir geben uns auch gegenseitig Hilfestellung: als Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Pädagoginnen, Unternehmensberaterinnen, Übersetzerinnen – oder welchen Beruf wir auch immer haben.

Auf nationaler und internationaler Ebene gibt es jedes Jahr zahlreiche Club-Veranstaltungen, die man besuchen kann (aber nicht muss). Dieses Jahr ist das internationale Annual General Meeting, das Jahrestreffen aller weltweiten Agora Clubs, in Rotterdam. Das nationale Meeting ist in Husum. Hinzu kommen Club-Jubiläen, Neugründungen und Halbjahrestreffen. Alle Mitglieder, egal aus welchem Land, egal aus welchem Kontinent, sind außerdem über eine App vereint. Wenn ich also beispielsweise nach Neu Delhi reisen möchte, könnte ich die Mitglieder des Agora Clubs Neu Delhi fragen, ob sie Tipps für mich haben oder ob sie mir vielleicht sogar ihre Stadt zeigen möchten.

Wenn Sie Mitglied werden oder sich das Ganze mal anschauen möchten, gucken Sie einfach, wo es in Ihrer Nähe einen Club gibt (Übersicht). Für alle, in deren Nähe es keinen Club gibt, existiert der E-Club. Die E-Mail-Adressen der Clubs finden Sie unter der jeweiligen Stadt. Wenn Sie Lust auf Dortmund haben, können Sie mich auch direkt anschreiben.


Gelesen | Wie die Wohnungskrise existentiell wurde. Die Ökonomen Sara Schulte und Max Krahé haben die wohnungspolitischen Programme der vergangenen 60 Jahre analysiert, haben Haushaltspläne und Subventionsberichte durchforstet und Ableitungen getroffen, wie es zur Wohnungskrise gekommen ist. Zusammenfassung: Bis in die1980er Jahre hinein hat der Staat verstärkt den Bau von gefördertem Wohnungsbau gesetzt, ab den 1990ern gingen die Investitionen massiv zurück. Stattdessen werden seither Mieter’innen bezuschusst – und damit indirekt Vermietende, insbesondere frei wirtschaftende Wohnungsunternehmen. Aus dem Original-Aufsatz:

Der Schwerpunkt hat sich von Objektförderung – also der Förderung von Bau, Erwerb, oder Modernisierung von Wohnraum – zu Subjektförderung – der finanziellen Unterstützung bedürftiger Haushalte – verschoben. Damit hat sich die Wohnungspolitik in eine teure Zwickmühle manövriert. Während die Subjektförderung kurzfristig soziale Härten abfedert, lässt sie strukturelle Probleme unberührt und treibt die Mietpreise teils noch höher. Die Objektförderung ist zwar im Aufwärtstrend, aber fällt im historischen Vergleich schwach aus. Die Wohnungsfiskalpolitik so weiterzuentwickeln, dass sie dauerhaft bezahlbaren Wohnraum liefert, aber dabei selbst bezahlbar bleibt, wird eine zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre.

Gelesen | Das Fraunhofer ISI hat untersucht, welche Maßnahmen die Verkehrswende in deutschen Städten erleichtern können, welche nicht und warum: Bequemlichkeit wichtiger als ökologisches Gewissen

Gelesen | Deutschlands größte Suchtklinik für Kinder und Jugendliche, die Dietrich Bonhoeffer Klinik in Alhorn (Kreis Oldenburg), schließt. Mit der Schließung gehen 60 der bundesweit nur 85 Betten für süchtige und suchtgefährdete junge Menschen verloren. Den nun 25 Betten stehen 200.000 Jugendliche gegenüber, die von Sucht betroffen sind.

Passend dazu möchte ich kurz von Sebastian Kurtenbach berichten, Professor für Sozialpolitik an der FH Münster, der vor zwei Wochen in meiner Stadt zu Gast war. Ich empfehle in diesem Zusammenhang sehr das Buch Kinder – Minderheit ohne Schutz, das er gemeinsam mit dem Soziologen Aladin El-Mafaalani geschrieben hat.

Aus meinen Notizen:

  • Bildungsinstitutionen fragen heute: „Was kannst Du?“ Darauf sind sie getrimmt. Wichtig wäre aber auch, andere Fragen zu stellen zum Beispiel: „Wie geht‘s dir?“ Das fragt niemand. 
  • Die wichtigste Frage, um das Wohlbefinden von Kindern zu messen, ist: „Gibt es einen Erwachsenen hier in der Schule, dem Du wichtig bist?“ Wenn die Kinder diese Frage mit Ja beantworten, ist auch ihr Wohlbefinden hoch. Es gibt Schulen, an denen sagen das nicht einmal fünfzig Prozent der Kinder. Das ist kein Vorwurf an die Lehrkräfte. Das System kann das nicht stellen. 
  • Kita, Grundschule und weiterführende Schule haben grundlegend andere Modi (repräsentative Umfrage unter Pädagog’innen an den jeweiligen Einrichtungen): Die Kitas sehen ihre Aufgabe darin, Kooperation und Zusammenleben zu fördern. Die Grundschule sieht ihre Aufgabe darin, Grundkompetenzen zu vermitteln, alle an die Startlinie zu stellen und auf das gleiche Niveau zu schieben. Die weiterführende Schule: Mit Didaktik möglichst viel Wissen vermitteln. Alle drei Systeme sind aber nicht aufeinander abgestimmt.
  • Vorschlag Kurtenbach/El-Mafaalani, um Kinder mit dem zu fördern, was an Ehrenamtspotential im Stadtteil vorhanden ist: ein Stadtteilcampus neben der Schule – ein Gebäude, das Vereine und alle Menschen nutzen können unter der Bedingung, dass sie Kindern etwas beibringen. Jemand spielt dort Klavier, weil er kein eigenes hat, und gibt das Können an ein Kind weiter. Ein Repair-Café mit einen knurrigen Rentner. Eine Fahrradwerkstatt. Ein freiberuflicher Musikschullehrer nutzt die Räumlichkeiten für Unterricht. Der queere Stammtisch trifft sich und lässt Schüler’innen dabeisein.
  • Die Top-3-Gründe der Stadtverwaltungen, warum das nicht geht: 1. Es gibt keinen Platz. Neben der Schule gibt es keine geeignete Liegenschaft. 2. Kinderschutz: Schulfremde Erwachsene arbeiten mit Kindern. 3. Die wichtigste Frage, in allen Kommunen: Haftungsfragen. Wer darf einen Schlüssel haben? Wer ist am Ende verantwortlich, wenn etwas kaputt geht oder jemand sich den Fuß verstaucht? (Alle drei Fragen lassen sich lösen, wenn man will.)
  • Um Jugendlichen mehr Repräsentation und eine Stimme zu geben: ein Zukunftsrat in der Gemeinde (und auf Landes- und Bundesebene). Das ist ein ein Gremium, das Stellungnahmen schreiben darf – und das Beschlussgremium (in der KOmmune der Stadtrat) muss sich öffentlich damit befassen.

Abschlussworte, Gedächtnisprotokoll: „Wir halten Jugendliche nicht mehr aus, ohne dass sie pädagogisiert oder kontrolliert werden. Stellen Sie sich folgende Szene vor: Es ist Abend, zwanzig 16-Jährige treffen sich an einer Bushaltestelle in der Innenstadt. Und, andere Szene: Zwanzig 60-Jährige an der Bushaltestelle. Bei welcher Szene ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Polizei ruft, größer?“


Unverwüstlich | Ein Beitrag aus: „Pflanzen, die Eiszeiten und Meteoritenangriffen trotzen würden“ – im Winter habe ich die Haselnuss im Dortmunder Garten geschnitten. Drei Äste habe ich der Küchen-Orchidee zukommen lassen, zur Stabilisierung. Die Nuss treibt nun aus.

Eine Orchidee, darin steckt - zur Befestigung - ein dicker Ast. Am Ende des Astes sind rote Blätter

Ich lasse das erstmal so.


Schweine | Der Dicke, selbst mit Brokkoli gedüngt, düngt seit zwei Monaten die Blumen. Erfolgreich! Er liegt unter der aktuell schönsten Stelle im Garten.

Serviceclub-Flausch | Mein Serviceclub hat eine schöne Tradition: Ein geflügeltes Nashorn geht um. Wer es hat, lädt zwei Damen aus dem befreundeten Ladies‘ Circle ein – und nimmt ein Mitglied aus dem eigenen Club mit. So ergab sich am Sonntag ein schöner Frühstückstisch in meiner alten Hood Dortmund-Hörde.

Die Menschen dazu sind auf Instagram zu sehen. Sehr fein: Das Café hatte alkoholfreien Sekt – für Autofahrerinnen und Schwangere. Das Angebot haben wir gerne angenommen.


Broterwerb | In den vergangenen Wochen haben sich mehrere Interessierte zu meinem Fortbildungsangebot für Ausbildungskoordinatoren und Praxisanleiterinnen gemeldet. Sie verbindet, dass sie Auszubildende durch ihren Alltag begleiten; sie sind fachlich sicher und erfahren – und merken, dass die zwischenmenschliche Ebene oft die größere Herausforderung ist. Wie gehe ich mit fehlender Motivation um? Was mache ich, wenn ich spüre, dass eine Auszubildende privat belastet ist? Wie viel Nähe ist hilfreich – und wo braucht es klare Grenzen? Wann spreche ich Fehlverhalten an? Und vor allem: wie? Es sind diese leisen Unsicherheiten im Alltag, die viele beschäftigen – und für die es nicht die eine richtige Lösung gibt, aber durchaus Handwerkszeug, Orientierung und eine Haltung.


Leser’innenfrage | Eine Frage aus der Themen-Vorschlagsliste: „Was vermissen Sie an Dortmund, seit Sie in Haltern leben? Und was überhaupt nicht?“

Was ich vermisse, lässt sich am einfachsten mit Wort „Urbanität“ beschreiben. Ich vermisse die unterschiedlichen Lebensstile und Kulturen, die Vielfalt, die Offenheit untereinander, die breite Auswahl an Restaurants und Cafés, das kulturelle Angebot, den türkischen Supermarkt und meinen Lieblingsbuchladen. Was ich nicht vermisse? Fluglärm und bergauf radfahren.

Keine weiteren Themen auf der Vorschlagsliste.


Schweine | Der Meerschweine-Himmel hat sich geöffnet: Die Löwenzahn-Saison hat begonnen.

Vier Meerschweine mampfen einen Haufen Löwenzahn weg.

Beim Bäcker | Heute Morgen stand ich mit schlechter Laune beim Bäcker. Vor mir ein Kind in der Schlange, hinter mir ein Handwerker in Arbeitskleidung. Das Kind dreht sich um, reißt die Augen auf, ruft: Wow! Ein Bauarbeiter! 
Bauarbeiter: *lacht
Kind: Hast du Hunger?
Bauarbeiter: Ja.
Kind: Kaufst du einen Salat?
Bauarbeiter: *lacht – Nein.
Kind: Magst du keinen Salat?
Bauarbeiter: Nein.
Kind: Magst du Brötchen?
Bauarbeiter: Ja.
Kind: Du musst groß und stark werden.
Bauarbeiter: Bin ich doch schon.
Kind: *guckt kritisch
Verkäuferin (zu Kind): Willst du einen Keks?
Kind: *greift nach Keks und gibt ihn dem Bauarbeiter – Hier. Für dich.

Danach hatte ich gute Laune.


Am Bahnhof | Neulich erzählte ich, wie ich auf dem Frauentag der Bogestra einen Vortrag zum Thema Catcalling besuchte. Am Bahnhof in Essen konnte ich das Gelernte anwenden.

Ich stand am Gleis und wartete. In Hörweite stand eine junge Frau. Ein Mann näherte sich ihr, sagte, dass sie sexy sei, fragte nach ihrem Namen. Die Frau erwiderte seinen Blick nicht, antwortete nicht. Er fragte, wo sie hinfahre, ob sie einen Freund habe. Sie schaute intensiver weg. Er fragte, was sie noch vorhabe, ob sie zu ihrem Freund fahre. Ich nahm meine Tasche, rückte neben sie und sagte, dass ich an ihrer Seite sei. Er ließ sofort von ihr ab. Sie bat mich, noch bei ihr stehen zu bleiben, bis der Zug kommt. Das tat ich.


In Bayern | Ein lieber Mensch hatte zum 50. Geburtstag eingeladen – nicht in seinem Wohnzimmer, sondern in Bayern, an einem Ort, an dem er eine prägende Zeit seines Lebens verbracht hat. Er mietete einen Achtsitzer, die Festgesellschaft sammelte sich und gemeinsam fuhren wir in den Süden. Unter den Reisenden waren der Gastgeber, sein Partner und ich – und verschiedene Eltern. Die Senioren führten Frikadellen und Schnitzelchen mit, vegetarisch und mit Fleisch, im Kofferraum lagerten Wasser, Cola und Apfelschorle, Brötchen und Kekse waren gerichtet, sogar Trüffelmayonnaise hatten wir. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass wir zehn Stunden benötigten, um das Ziel zu erreichen. Fügen Sie gedanklich dieses Lied in die Schilderung ein.

Das Auto, in dem wir saßen, war ein Mercedes Vito, schwarz mit getönten Scheiben, ein Tourbus. Schnell war klar: Wir brauchten einen Band-Namen! M and the Silver Agers, The Long Road Rebels, Black Bus Brothers. Und: Band-Shirts! Auf dem Rücken die Stationen unserer Tournee: Raststätte Siegerland West – 10:21 Uhr, Katzenfurt Süd – 12:53 Uhr, Autohof Wertheim – 15:14 Uhr, Greding West – 16:57 Uhr, Hagebau Holzkirchen – 18:35 Uhr.

(Die letzte Station war die bestbewertete. Die Rentner-Community war noch Kilometer später voll des Lobes für das vorzügliche Ambiente auf dem WC. Sollten Sie in dem Markt arbeiten und hier mitlesen, fühlen Sie sich bitte außerordentlich wertgeschätzt.)

An den darauffolgenden drei Tagen besuchten wir München, Bad Tölz, Lenggries, Bad Heilbrunn und eine erkleckliche Anzahl Gastronomien. Die Gruppe hangelte sich von Frühstück zu Kaffee und Kuchen hinüber zum Abendessen, unterstützt von erquickenden Aperölchen, dem ein oder anderen Hellen und Kräfte erhaltenden Hollerschorlen. Zwischen 16 und 18 Uhr Nachmittagsschläfchen.

Blauer Himbeer, eine Kirche, davor knospende Zweige und das Schild "Café Kaiserschmarrn"

Wir Jungspunde fuhren den Blombergblitz, wir waren fast allein. Wir stiegen ein, fuhren hinauf, eine rasante Abfahrt, wir liefen zurück zum Start, stiegen wieder ein. Einmal, zweimal und nochmal aufs Neue. Heidewitzka! Das waren wilde Fahrten!

Bis zum Samstagabend trafen weitere Gäste ein – mit Zug, Wohnmobil und Pkw. Es waren Menschen, die nur für wenige Stunden anreisten, nur für eine Übernachtung, viele Kilometer. Wir feierten mit einem Zauberfondue. Wir aßen und tranken, hörten Geschichten, erzählten selbst welche und ließen uns verzaubern. Das Geburtstagskind war beseelt, die Festgemeinschaft beglückt. Um Mitternacht waren wir alle zusammen sehr satt, im Bauch und im Herzen – und froh, dass niemand zersägt worden war.


Zertifkat | Ich bekam Post. Im Umschlag: mein Zertifikat als KI-Managerin von der Fraunhofer Gesellschaft. Auf Linked.In habe ich aufgeschrieben, was meine Kunden davon haben.


Gelesen | Anna oder: Was von einem Leben bleibt. Journalist Henning Sußebach nimmt uns mit auf die Spuren seiner Urgroßmutter Anna Raesfeld, verwitwete Vogelheim, geborene Kalthoff. Ein normales und gleichzeitig außergewöhnliches Leben zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreiches und dem Beginn der Nazi-Zeit, tief im Sauerland. Ein großes kleines Buch.


Schweine | Die Oma hat seit ihrer Ankunft im November dichtes Fell bekommen, führt die Jungschweine an und pflegt eine Leidenschaft für Tomaten.

Ein schwarz-weißes Meerschein in der Stalltür, auf dem Boaden davor ein braunes Schwein, neugierig nach oben in den Stall blickend

Broterwerb | Schon wieder eine Woche her, dass ich das letzte Mal ins Internet tippte. Mann-o-mann.

Das liegt daran, dass ich Einiges zu tun hatte. Unter anderem stand ich auf einer Bühne – bei der Frauenversammlung der Bogestra, dem Bochumer Nahverkehrsunternehmen.

Vanessa auf der Bühne, gestikulierend. Im Vordergrund volle Stuhlreihen.

Ich sprach über souveränes Auftreten und darüber, wie man Dominanzverhalten kontert. Dazu mehr in meinem nächsten Newsletter, meldet Euch gerne an. Im Newsletter bekommt Ihr sechs Phrasen, die (fast) immer passen, um blöde Sprüche zu kontern. Außerdem erzähle ich, warum Sprüche, Seitenhiebe, provizierende Frotzeleien gar nicht so dumm sind, sondern eine soziale Funktion haben, die sogar Spaß machen kann.

(Sexistische Sprüche sind ausdrücklich nicht gemeint, sie sind eine andere Liga.)

Nach meinem eigenen Vortrag nahm ich noch an einem Workshop teil. Lisa Wallbaum, Wissenschaftlerin an der Hochschule Bochum, referierte zum Thema Catcalling, also dem ungewollten Anmachen und Hinterherpfeifen. Das war lehrreich. Lisa unterschied nochmal genau zwischen Catcalling und Kompliment – Gruß die Nichts-darf-man-mehr-sagen-Onkel an den Familienkaffeetafeln dieser Republik). Wir erarbeiteten, was man tun kann – als Betroffene und vor allem als jemand, der Zeuge oder Zeugin wird. Wichtig ist, dem Opfer zu signalisieren, dass man das Catcalling mitbekommen hat und dass es nicht in Ordnung war.

Schwenk von Bochum nach Niedersachsen. In einem Maschinenbau-Unternehmen habe ich zwei Tage lang mit Ausbildungskoordinatoren gearbeitet. Wir haben besprochen, wie sie die Azubis – speziell die IT-Azubis – noch besser unterstützen können. Ich habe die Lebensphase eingeordnet, in der Azubis stecken (die Teilnehmer erkannten ihre eigene Biographie gut wieder), wir haben Coachinggespräche geprobt, und ich habe zwei Schemata mitgebracht, um klare und dennoch respektvolle Konfliktgespräche zu führen. Dazwischen haben wir uns mit den Azubis ausgetauscht – denn es macht Sinn, nicht nur über-, sondern auch miteinander zu reden.

Folien auf dem Laptop, Referentenansicht: Coaching- und Konfliktgespräche führen, Agenda

Das hat viel Freude gemacht – sowohl mir als auch den Teilnehmern. Sie haben Vorschläge gemacht, zu welchem Thema wir uns wiedersehen können. Das ist schön.


Newsletter | Mein Newsletter ist von Mailchimp zu Brevo umgezogen – von der amerikanischen zur europäischen Lösung, DSGVO-konform und digital souverän. Es sind die kleinen Dinge. Danke an den Webworker, der den Anstoß dazu gegeben hat. Wir haben viel getestet. Der nächste Newsletter-Versand wird zeigen, ob alles für alle Empfänger gut klappt.


Geburtstag | Ich bin ein Jahr älter geworden. Hurra!

Geburtstagtisch mit einem Napfkuchen, darauf Kerzen, Geschenken auf dem Tisch und einem Blumenstrauß in der Küche.

Weil es mit jedem Jahr mehr zu feiern gibt – es wird schließlich nicht einfacher, sich dem Siechtum entgegenzustemmen -, habe ich das Ereignis gleich zweimal begangen. Es waren kleine, illustre Runden, auf dem Tisch standen viele Speisen, es gab ausreichend Getränke.

Sollte ich hundert werden, wird es einen Festzyklus geben.


Leser’innenfrage | Eine Frage aus der Themenvorschlagsliste: „Was möchtest du beruflich noch erreichen?“

Das ist eine gute Frage. Ich habe meinen Weg bislang nicht geplant. Ich wollte nie etwas Bestimmtes erreichen. Ich habe immer Gelegenheiten ergriffen. Es gibt noch so vieles zu lernen, so viele Probleme zu lösen, jeden Tag entdecke ich Neues – das wird mich weiter antreiben.

Ich kann mir durchaus vorstellen, meine Selbstständigkeit irgendwann wieder zu verlassen, sollte sich eine spannende Herausforderung ergeben. Ich hätte Lust, eine Führungsposition zu übernehmen, im Team zu arbeiten und gute Strukturen zu schaffen, damit Menschen ihren besten Job machen können. Dafür erwarte ich allerdings gute Rahmenbedingungen, klare Entscheidungswege, ich brauche eine gemeinsame Wellenlänge und vor allem: Sinn in der Arbeit. Es muss eine Passung da sein.

Ich kann mir auch vorstellen, noch viele Jahre selbstständig zu bleiben, Sparringspartnerin zu sein, gemeinsam mit meinen Kundinnen Organisation und Teams weiterzuentwickeln, meinen Blick von außen zu geben, Impulse zu setzen, mich aber auch festzubeißen, um Dinge umzusetzen, die steckengeblieben sind.

Ich kann mir auch vorstellen, junge Menschen zu begleiten, in welcher Form auch immer. Das macht mir große Freude: Mut machen, Wissen vermitteln, Ausprobieren ermöglichen, Können wachsen sehen.

Es gibt also nicht Bestimmtes, das ich erreichen möchte. Mir ist wichtig, glücklich in der Arbeit zu sein, Sinnhaftes zu tun und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die freundlich und warmherzig sind und denen ich nicht nur etwas mitbringe, sondern von denen ich auch etwas lerne.

(Falls Recruiter mitlesen: Geld möchte ich auch ausreichend verdienen.)

Was ich mir übrigens auch vorstellen kann, ist, nochmal etwas komplett anderes zu machen. Ich glaube, ich wäre eine gute Bestatterin. Ernsthaft, aber ohne gekünsteltes Mitleid. Stützend, ohne zu erdrücken. Mal andere Wege gehen als die üblichen Zeremonien. Lachen dürfen! Und trotzdem traurig sein. All das.


Schweine | Weideschweine.

Garten. Schweinestall. Daneben auf der Wiese zwei grasende Meerschweine. Auf der Wiese ein Holztunnel und ein Tipi aus Zweigen.

Wärme | Eine Woche voller Sonnenschein liegt hinter mir, im konkreten wie im übertragenen Sinne. Das Wetter, ungewöhnlich warm und sonnig für Anfang März, macht mir Freude, besonders nach dem kalten Jahresbeginn. Ich sehe dem Garten beim Erwachen zu: Die Osterglocken blühen, die Krokusse und Winterlinge, die Rosen schlagen aus, und der Pfirsichbaum deutet an, dass er den Winter überlebt hat. Ich war in der Gärtnerei, habe erste Blumen gekauft, habe die Beete aufgelockert, gedüngt und frühlingsfit gemacht.

Beruflich war ich beglückt unterwegs. In Senden traf ich Menschen, die im Außendienst arbeiten. Der Titel der Veranstaltung lautete „Zeit- und Selbstmanagement“. Wir sprachen über unseren Umgang mit Stress, über Stressverstärker und innere Antreiber. Wir sprachen auch über das schlechtes Gewissen, das kommt, wenn die Tagespläne nicht aufgehen, wenn man die Familien hintenan stellt oder wenn man krank wird und die Kolleg:innen einspringen. Und es gab konkrete Hilfestellungen dafür, dass man schafft, was man sich vornimmt – und gleichzeitig weniger unter Druck ist (Linked.In-Beitrag dazu). Ich mag den Kunden sehr. Es arbeiten wunderbar warmherzige, zupackende Menschen dort, die mit viel Motivation ihrer Arbeit nachgehen.


Banden bilden | Zum Weltfrauentag tat ich, was Männer tun: in der Sauna sitzen und Seilschaften bilden. Eine Freundin, Führungskraft in der Gesundheitsbranche, hatte in ihr Haus eingeladen – mit Sauna im Keller. Einige Frauen kannten sich bereits, andere nicht, ich kannte nur die Gastgeberin. Im Obergeschoss richteten wir Speisen, Getränke und Gesichtsmasken. Im Keller schwitzten wir. Oben wie unten besprachen wir Themen des Lebens und des Berufs. Im Anschluss rochen wir gut, hatten weiche Haut und neue Kontakte.


Musikanten | Ich besuchte zwei schöne Konzerte. Das erste ereilte mich über WhatsApp, ein ehemaliger Mitschüler postete in unserer Abi-1997-Gruppe, dass er mit seiner Band Jolante in Dortmund auftrete. Eineinhalb Jahre zuvor hatte er am gleichen Ort einen Spotify-Link geteilt, seine Band habe eine kleine EP veröffentlicht: „Seit Freitag sind wir von vier Hörern auf satte 32 gestiegen. Sei Nummer 33!“ Wie kann man das nicht wollen! Nun also ein Live-Konzert, Eintritt frei, um Spende wird gebeten. Der Reiseleiter und ich fuhren zum Dortmunder Hafen und fanden eine kleine, feine Location vor, darin eine solide Kapelle, die gute Musik machte: Indierock mit Erinnerungen an Kettcar, Madsen und Jupiter Jones. Dazu gab es Bier, Limo und Waffeln zu Gunsten der 8b, die für ihre Klassenfahrt sammelte. Was eine Mischung!

Band mit fünf Männern auf der Bühne: Schlagzeuger, drei Männer an Gitarren, einer am Synthesizer.

Im Anschluss Umtrunk. Ich fühlte die Vibes meiner Abiturzeit – angeranzte Kneipe, wildes Gestühl, ein Kicker und ein Käsesandwich aus drei gestapelten Toastscheiben, dazwischen Scheibenkäse, Ketchup und Remoulade, aufs Beste vereint durch einen Kontaktgrill. Wir klebten Jolante zwischen BVB und Feminismus.

Am Sonntag direkt noch ein Konzert – anlässlich des Weltfrauentages: eine musikalische Hommage an weibliche Pop-Ikonen. Nikola Materne, Christiane Hagedorn und Martin Scholz sangen und spielten Songs von Tina Turner, Billie Eilish, Kate Bush, Nina Simone, Beyoncé und anderen – in einer Kirche. Das war stimmungsvoll.


Gelesen | Sham Jaff berichtet in ihrem Newsletter „What happened last week in Asia, Africa and the Americas?“ über die Entwicklungen in Äthiopien und Eritrea. Es sieht aus, als würde der ohnehin brüchige Frieden dort noch brüchiger. In Äthiopien leben 130 Millionen Menschen. Damit ist es das afrikanische Land mit der zweitgrößten Bevölkerung – nach Nigeria.

Gehört | Ildikó von Kürthy bei Jörg Thadeusz. Kurzweilig.

Gehört | Handelsblatt Crime über Jens Lehmann, ehemaliger Nationaltorwart und nun Dauergast bei Gericht.


Und sonst | Erste Fahrradtour, erstes Spaghettieis 2026.

Zwei Spaghettieis, eins Carbonara (mit Krokant und Nüssen).

Die sportliche Performance ist ausbaufähig, gleichzeitig hatte ich schon schlechtere Saisonstarts. 34 Kilometer in solide schnellem Tritt ohne Ermüdung. Bin zufrieden.


Schweine |  Saisoneröffnung: Der Robinson-Club hat einen neu gestalteten Außenbereich. Wenn ich dort Petersilie oder Knusperkugeln verstecke, ist es wie Kinderdisko mit überdrehten Dreijährigen.

Arbeitswochenende | Einmal im Jahr haben mein Club und ich Arbeitswochenende. Man könnte „Arbeit“ in Anführungszeichen setzen, allerdings würde es unseren harten Einsatz fürs freundschaftliche Miteinander schmälern – und unseren Bildungswillen. So nahmen wir an einer Führung über den Wochenmarkt teil, erfuhren Historisches und Gegenwärtiges, wir lernten Tanzschritte und eine Choreographie und erkundeten lokale Wirtshäuser. Bilddokument unseres unermüdlichen Einsatzes:

Sechs Frauen in fröhlicher Runde. Auf dem Tisch stehen Getränke. Alle lächeln in die Kamera.

Der Lernerfolg:

In einem zweistündigen Schnellkurs tanzten wir Jazz Funk. Wir übten eine Choreo ein, die uns motorisch und intellektuell viel abforderte. Wir benutzten Arme und Beine, gleichzeitig und unabhängig voneinander, wackelten mit den Schultern, gingen in die Knie und wieder hinauf, vereinzelt auch im Takt der Musik. Es fühlte sich rasant an. Wir waren beseelt. Am Abend schauten wir uns ein Video unserer Performance an. Es muss in Zeitlupe aufgenommen worden sein, denn es deckt sich so gar nicht mit unserem Empfinden. Wahrscheinlich ist bei der Aufnahme etwas schiefgelaufen.

Abgesehen von Tanzschritten lernten wir, dass man in Münster Zebrafleisch und Elchgulasch kaufen kann. Wir erfuhren, dass der Münsteraner Markt in Genre-Reihen aufgebaut ist: In der ersten Reihe alle Wagen, die Fleisch verkaufen, in der zweiten Reihe die Stände mit Käse, in der dritten Reihe Früchte und Gemüse. Es folgen Backwaren und Blumen.

Schild auf dem Markt, das mit Elchgulasch, Zebrafleisch, Hirschgulasch und Salsiccia wirbt.

Warum das so ist und warum die Stände nicht, wie auf anderen Wochenmärkten durcheinander stehen, konnte uns niemand sagen, nicht einmal die Markthändler. Ich beschloss, in Kürze noch einmal hinzufahren, denn das angebotene Unsterblichkeitskraut könnte die Lösung für die Mauer an meinem Küchengarten sein: Seit drei Jahren suchen ich etwas, das dort zuverlässig und schnell rankt. Meine Bemühungen mit Himbeeren und Kletterhortensien zeigen leider wenig Erfolg.

Die mitgereiste Zahnärztin führte uns zur Heiligen Apollonia. Apollonia, gelernte Königstochter und später Märtyrerin, wurde dereinst verschleppt. Man schlug ihr die Zähne aus; andere Legenden berichten, dass man sie ihr gezogen habe. Sie ist seither Patronin gegen Zahnschmerz und Schutzheilige der Zahnärzt’innen.

Die steinerne Figur der Heiligen Apollonia

Die Zähne leiten zum Kulinarischen über: Wir lernten, dass sich die traditionell westfälische Küche sehr gut auf vegetarische Kundschaft eingerichtet hat. Die Wirtshäuser, die wir besuchten, boten eine umfrangreiche Karte an. Wir waren positiv überrascht. Wir speisten Spinatknödel und Rosenkohlauflauf, Burger und Flammkuchen, Backkartoffel und hervorragenden vegetarischen Schmalz. Derweil beehrten uns zwei Zimmerleute auf der Walz. Sie kamen aus Hamburg und Berlin, sind seit mehr als drei und eineinhalb Jahren unterwegs und suchten im Lokal Sponsoren fürs Abendessen. Wir beteiligten uns mit einem Obulus aus der Clubkasse.

Ein historisches Wirtshaus bei Dunkelheit, die Fenster sind erleuchtet. "Der große Kiepenkerl" steht über der Haustür.

Wir lernten, dass auf dem Kirchturm von St. Lamberti eine Türmerin Dienst tut. Sie heißt Martje Thalmann und hat einen Wikipedia-Eintrag. 2014 trat sie als erste Frau ihren Dienst an; seit dem 15. Jahrhundert haben vor ihr nur Männer über die Stadt gewacht. Zwischen 21 Uhr und Mitternacht schaut sie, ob sich Feinde nähern oder irgendwo Feuer ausgebrochen ist. Ist alles in Ordnung, bläst sie viertelstündlich ihr Turmhorn. Formal ist das Ganze eine Halbtagsstelle bei Münster Marketing.

Prinzipalmarkt Münster bei Dunkelheit: Hostorische Giebelhäuser und eine Kirche. Am Turm führt eine erleuchtete Leiter hinauf.

Die Türmerin arbeitet unter der Himmelsleiter, einer Installation der Wiener Künstlerin Billi Thanner. Das Kunstwerk steht für den Glauben an das Gute und den geistlichen Aufstieg. Die Idee basiert auf dem biblischen Motiv der Jakobsleiter, einer Verbindung zwischen Himmel und Erde. Auf dem Instagram-Account der Künstlerin sah ich die neueste Installation: Die Unendlichkeit des Lichts zwischen den Türmen der Wiener Votivkirche. Beeindruckend.

Während wir arbeiteten, griffen die USA und Israel den Iran an. Ich bekam davon zunächst nichts mit: Wir hörten kein Radio, sahen kein TV und waren auch wenig an den Handys. Erst in einem Café erfuhr ich davon, als ich an der Theke stand und auf einem Bildschirm im Gastraum n-tv lief.


Gelesen | Ajatollah Ali Chamenei: Darf man sich über einen Tyrannenmord freuen? [€]. Ich freue mich über den Tod des Tyrannen. Ich verachte den Tyrannenmörder, dem es am Ende doch wieder nur um Öl geht. Ich sorge mich um die Zukunft der Iranerinnen und Iraner und den Fortgang der Entwicklungen im Land.

Gelesen und gehört | Hey, lange nicht gesehen

Gelesen | Karen gibt einen Einblick, wie in Finnland das Abitur gefeiert wird: Vanhojentanssit.


Leser’innenfrage | Eine Frage aus der Vorschlagsliste: „Was hast du beim Alleinreisen gelernt?“

Bei beiden großen Alleinreisen – 2018 durch Italien und 2020 nach La Gomera – stellte sich zunächst ein erstaunliches Phänomen ein: Mein Körper begab sich in den Rhythmus der Sonne. Ich stellte mir keinen Wecker und folgte meinem Wach- und Müdigkeitsrhythmus. Nach zwei Wochen erwachte ich automatisch mit dem jeweiligen Sonnenaufgang, in Italien gegen Sieben, auf La Gomera kam die Sonne um kurz vor Acht über den Berg.

Das Anstrengende beim Alleinreisen ist, dass ich alles alleine regeln muss: Unterkunft, Buchungen, Routenplanung, Orientierung vor Ort und die kleinen Herausforderungen – einen Supermarkt finden, Wege erkunden, Gepflogenheiten verstehen. In Italien hatte ich zudem einen Platten, das Auto musste in die Werkstatt, ich telefonierte auf Italienisch mit Abschleppdiensten, diskutierte mit Werkstattmitarbeitern. Das war herausfordernd, irgendwie hat es hingehauen. Das ist auch die maßgebliche Erkenntnis: Ich kriege es hin. Es findet sich eine Lösung. Auch anstrengende Momente gehen vorbei.

Beim Alleinreisen habe ich außerdem gelernt, wie sehr ich diese Alleinzeit brauche. Einfach raus aus allem, keine anderen Menschen sehen, den ganzen Tag schweigen, keine Emotionsarbeit für andere. Auch auf Geschäftsreisen genieße ich es, wenn der Tag vorbei ist und ich den Abend für mich habe. Ich liebe es, alleine in ein Restaurant zu gehen, zu lesen, dazusitzen, die Leute anzugucken und danach entspannt ins Hotel zu wechseln.


Und sonst | KindZwei und KindDrei meldeten am Sonntag Interessen an zu backen. Sie suchten sich ein Rezept raus und buken selbstständig Kekse. Ich begrüße diesen Entwicklungschritt außerordentlich!


Schweine | Die Schweine bekommen Baumschnitt aus Haltern und Dortmund: Apfel, Hasel und Ahorn. Seither sind sie in Nagetier-Ekstase: Es wird genagt, bis die Zähne schmerzen. Grüße gehen raus an die Heilige Apollonia.



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