Berlin | Ich war beruflich in Berlin und bin nur einer nackten Person begegnet. Sie war auch nicht komplett nackt, sondern hatte nur die Hose heruntergelassen und pinkelte mit festem Strahl in einen Hauseingang in der Invalidenstraße.
Abgesehen von diesem Ereignis verhielten sich alle Menschen angemessen. Das ist erstaunlich, diese Quote habe ich in Berlin sonst nicht, besonders nicht in den S- und U-Bahnen. Bei meinem letzten Besuch traf ich einen Mann in einem Cowboykostüm, besser gesagt, nun ja, in Teilen davon: Er trug Cowboystiefel, eine Weste, einen Hut und ein Pistolenhalfter, sonst nichts. Er sang ein Lied, und es war schwer zu sagen, was unerquicklicher war, der Gesang oder das übersichtliche Gewand.

Ich schweife ab.
Ich war beruflich in Berlin, erst am Müggelsee, dann in Mitte. Am Müggelsee war ich vorher noch nie. Das ist toll, ich konnte eine neue Gegend entdecken. Ich fuhr mit der S-Bahn bis nach Köpenick und dann mit dem Bus bis in den Wald hinein, wo das Tagungshotel war. Ein interessanter Ort! Das Hotel wurde einst als Arbeiterwohnheim errichtet – für alle, die am Bau des Palasts der Republik beteiligt waren. Später wurde ein Hotel daraus. Heute, im Jahr 2026, hängt ein morbider Charme über dem Plattenbau. Auf einer Architektenwebsite heißt es:
Unter dem Motto „Schnell. Spürbare Veränderung. Preiswert.“ soll das in die Jahre gekommene Hotel behutsam, aber kreativ modernisiert und in die heutige Zeit übersetzt werden.
Work in Progress. Im Innenhof steht hoch das Gras, in den Gängen fehlt die ein oder andere Deckenplatte. Efeu überwuchert Laubengänge und wächst bis ins Innere hinein. Aber die Zimmer sind in Ordnung, das Restaurant ist renoviert, die Menschen im Service sehr freundlich. Es gab Spargel zu essen, dazu Blick auf den See. Ich wünsche dem Ort nur das Beste.

Ich war dort für ein Seminar. Wir beschäftigten uns mit Entscheidungen, mit der Psychologie dahinter, mit Entscheidungsphänomenen und mit Organisationsdynamik. Die Teilnehmenden waren allesamt Fachleute, Naturwissenschaftler. Wir besprachen, welche Faktoren neben den fachlichen Argumenten zu einer Entscheidung beitragen (mehr dazu).
Vom Müggelsee wechselte ich nach Mitte: Der Wald wich Bürohäusern, der See verschwand im Heckfenster des Busses. In Mitte schlief ich im Gartenhotel. Dort war ich schon einmal, und ich mag es sehr: ein Altbau mit knarrenden Dielen, wunderbaren Zimmern, einem Hinterhof mit Garten und einem Hotelkater.



Im Hotel schaute ich, während ich mich für den Tag bereitmachte, morgenmagazin. Der Menge an Männern in Nationaltrikots entnahm ich, dass die Herren-Fußball-WM bevorsteht. Ich hatte das zwar mitbekommen – eine Freundin arbeitet beim zdf sport und wir sprachen jüngst über ihre Dienste -, aber der genaue Tag war mir entfallen. Bei keiner WM habe ich bislang weniger Begeisterung empfunden.
Zwei Tage lang begleitete ein Führungsteam durch die Wirren, die unsere dynamischen Zeiten mit sich bringen. Wir schauten hinter Mechanismen und fegten ein bisschen durch. Abends aß ich Piroggi und las einen Krimi.
Klötzchen | Zwischen Ende der Arbeit und Abfahrt meines Zuges hatte ich zwei Stunden frei. Ich ging in den Hamburger Bahnhof, die Nationalgalerie der Gegenwart, um mir diese Klötzchensache anzuschauen, von der ich gehört hatte.

Was Kunst angeht, vor allem Gegenwartskunst, fehlt mir einigermaßen der Sinn. Ich schaue sie dennoch an und mag es, wenn ich etwas darin erkenne. Außerdem werde ich gerne überrascht, und das ist, denke ich, das Wesentliche an Kunst: Die bestehenden Perspektiven und Erwartungen zu crashen. Deshalb ging ich Klötzchen gucken.
Die litauische Künstlerin Lina Lapelytė hat 400.000 Holzwürfel in die historische Bahnhofshalle gekippt, Musik angemacht, und nun können alle mitmachen. We Make Years Out of Hours heißt die Performance, und ich verstand den Satz sofort: Man kann in den Klötzen versinken, sich in den Bau vertiefen, und nach eine Stunde, die sich wie ein Jahr anfühlt, wieder auftauchen.

Da war zum Beispiel das Paar, beide bereits im Rentenalter, die gemeinschaftlich an einer Mauer bauten. Sie neigten sich einander zu, besprachen sich, gingen auseinander, holten Klötze und stapelten. Die Klötze standen weit auseinander, sie bauten ein Sieb, und sie bauten hoch.
Am anderen Ende der Halle, entfernt von ihnen, lebte ein junger Burgherr, vielleicht einen Meter hoch (der Burgherr), die Burg ebenfalls, aber eindeutig eine Festung mit Zinnen und Türmen. Er lief hinaus und hinein, winkte einer Frau mit weißem, wallenden Haar, und verschwand wieder hinter seinen Mauern. Das tat er mehrere Male, und immer, wenn er hinter den Mauern verschwand, hüpfte er kurz vor Freude.

An einer anderen Stelle war ein Mann, der sich bedächtig bewegte. Er war sehr dünn, seine Bewegungen waren ohne Ecken und Kanten, ein geschmeidiger Tanz. Er legte die Klötze mit Abstand in einem Rund, stapelte weitere darauf. Sie neigten sich leicht in die Mitte. In Minuten, die vielleicht Stunden waren, stapelte er Reihe für Reihe, bis aus dem Rund ein Kegel wurde, der in einer Antenne mündete.
Währenddessen fiel dem Paar im Rentenalter krachend eine Wand um. Sie lachten und stupsten sich. Du warst es, nein Du! Sie nahmen das Unglück zum Anlass, die Reste zu betrachten und zu beraten, zu was sie noch taugten, wie es nun weitergehen sollte. Dann nahme sie den Bau wieder auf.

Ich selbst baute nichts, ich hatte meine Kreativität im Tag gelassen. Ich dachte nur: Alleine wäre ich nicht einmal auf einen Bruchteil der Kreationen gekommen.
Lina Lapelytės Klötze erzählen vom gemeinschaftlichen Seins und davon, was bleiben darf und was geht, was Neues anstößt und was umfällt, und was mehr ist, als andere in ihm sehen. Eine große Freude.

Wahrheit | In einem der Seitenflügel betrat ich die Wahrheit, Truth, ein Werk von Shilpa Gupta. Je nachdem, wo man steht, sieht die Wahrheit immer anders aus. Gefiel mir.

Leser’innenfrage | Eine Frage auf der Themenvorschlagsliste: „hast du yesteryear schon gelesen und was hältst du davon?“
Von dem Buch hatte ich bis zu der Frage noch nichts gehört. Aber jetzt! Das werde ich auf jeden Fall lesen. Leider ist mein Geburtstag und damit ein Schenkanlass bereits vorüber. Ich denke, es wird eine gute Lektüre für den Sommerurlaub, wenn ich, ermattet vom Fahrradfahren, in einem Sessel niedersinke.
Gelesen | Henning Ahrens: Mitgift. Eine Geschichte über sieben Generationen. Im Mittelpunkt steht das, was zwischen den Generationen passiert und sich mit ihnen fortpflanzt: Selbstverständis, Traumata, Hybris und die Verantwortung für einen Hof. Anfangs kam ich schwer rein, zumal alle Männer Wilhelm heißen, was die Sache nicht vereinfacht. Das löste sich auf, und am Ende gefiel mir das Buch gut.
Schweine | Das Oma-Schwein musste in die Frisierstube. Ihr Fell ist so dicht und lang geworden, dass ich einmal drumherum schneiden und Knoten entfernen musste. Nun fällt es wieder in lockeren Stufen, schwungvoll und voluminös. Sie ließ es gelassen – oder in Schockstarre, man weiß es nicht – über sich entgehen.
































































































