Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Tourblog #1, Lübeck – Kopenhagen: Die Fahrt, der Wind, die Einöde, Schnee und ein Bällebad

16. 4. 2026 Keine Kommentare Aus der Kategorie »Expeditionen«

Prolog | Stellen Sie sich vor, wie ich mich zum Schreiben dieses Beitrags an meinen Küchentisch setze. Wie ich mich zurücklehne. Wie ich den Blick schweifen lasse und dann zu tippen beginne. Es gibt viel zu tippen, so viel, dass ich nicht einfach drauflostippen kann. Ich habe mir einen Plan gemacht, einen Plan für fünf Beiträge über eine Reise von Lübeck nach Kopenhagen. 

Dieser erste Beitrag wird von der Fahrt handeln. Folgen Sie mir nun auf die erste Etappe. 


Die Fahrt | Wir fuhren mit dem Rad. Es war nicht weit, 340 Kilometer in sechs Etappen, es fühlte sich aber weit an, denn bei jedem Kilometer, den wir fuhren, wurden wir 200 Meter zurückgeweht. 

Wir starteten in Lübeck. Dort war es noch nicht so windig. Erst später, auf Fehmarn und noch später auf Lolland blies uns der Wind erbarmungslos ins Gesicht. Wir fuhren vierzig, fünfzig, sechzig Kilometer nur im Gegenwind. Das war anstrengend. Ich bekam schlechte Laune.

Irgendwann hatte ich selbst für die schlechte Laune keine Kraft mehr. Das lag an zwei Dingen: der Kälte und der verrottenden Banane.

Zunächst zur Kälte. Anfangs war es nicht allzu kalt. Wir hatten zwar nur zwischen acht und elf Grad, aber durchgehend Sonne. Es war ein Sonnenschein, der schon vom Sommer erzählt, der den Rücken und die Seele wärmte. Aber der Wind – er blies ohne Gnade, wirbelte kalt in meinen Bronchien und setzte ihnen zu. Nach dem ersten Tag pfiff ich abends wie ein Teekessel, während ich atmete. Danach fuhr ich die meiste Zeit mit einem Tuch vor dem Mund. Das machte es besser. 

Vanessa macht ein Selfie auf dem Fahrrad. Sie trägt eine Weste, ein dickes Oberteil, einen Helm, darunter eine Mütze, eine Sonnenbrille und ein Tuch vor dem Mund. Dahinter der Reiseleiter auf dem Rad, sonniges Wetter und Felder.

Die Gegend, sie ermunterte nicht. Kilometerweit strampelten wir geradeaus, links Felder, rechts Felder, bisweilen Wald, ab und zu eine Allee, ein Hof, ein Dorf. Die Dänen nennen die Region Den rådne banan, die verrottende Banane, entvölkert, wirtschaftlich abgehängt. Gefühlt jedes sechste Haus steht zum Verkauf. Die Häuser dazwischen – man sieht es ihnen an: Die Kinder sind ausgezogen, die Gardinen sind vergilbt, im Schuppen sammelt sich vormals Nützliches. An einem der Abende lagen wir im Bett und sahen die Immobilienanzeigen durch: Ab 90.000 Euro kann man hier zuschlagen. Voraussetzung: Freude am sozialen Rückzug und handwerkliches Geschick. Wer zu Schwermut neigt, sollte allerdings die Finger davon lassen.

Blauer Himmel, elder, ein Wirtschaftsweg, der eine sanfte Kurve nach rechts macht. Weite. In der Ferne ein Haus.

Wir schlugen uns nach Nykøbing Falster durch, übernachteten bei einer Künstlerin im Obergeschoss, und fuhren von dort nach Vordingborg. Der Reiseleiter bekam einen Platten. Im folgenden Supermarkt gab es drei neue Fahrradschläuche zum Preis von zwei. Wir legten uns Reserven an.

In Vordingborg waren wir die einzigen Gäste in Danhostel, der dänischen Jugendherberge. Sie schlossen nur für uns auf, die Betten waren bereits bezogen, die Gästemappe frisch auf dem Tisch gerichtet. Wir legten unsere Sachen ab, duschten und machten uns Nudeln mit Soße. Auf der Suche nach Salz durchstreiften wir die Küche, die Flure, die Gemeinschaftsräume und fühlten uns wie Einbrecher.

Ein schlichtes Zimmer, an der Wand zwei Betten. An der Wand lehnen Fahrräder mit Gepäck.

Während wir aßen, zog sich der Himmel zu. Der Reiseleiter konsultierte den Wetterbericht und meldete: Morgen seien es vier Grad, es werde regnen, gefühlte Temperatur minus drei. Ich rollte Nudeln ohne Salz auf meine Gabel, hielt inne und sah ihn an. Es gibt diese Momente in einer Beziehung, vielleicht kennen sie die; Momente, in denen man nicht reden muss, sondern in denen ein Blick sagt: „Das – und es ist aus zwischen uns!“ Er buchte uns eine Fahrt mit der Dänischen Staatsbahn.

Als wir am kommenden Morgen in der Wartehalle saßen und schlechten Kaffee aus dem 7eleven tranken, schneite es draußen.

Ich lobte den Reiseleiter für seine umsichtige Entscheidung.

Die dänische Bahn fuhr uns äußerst kommod nach Køge, einer Hafenstadt, die sich deutlich munterer zeigte als ganz Lolland zusammen. Der Tag wurde zu Reisegold, als wir noch dazu guten Kaffee bekamen, sensationellen Kuchen und dazu ein Puzzle. Es war bereits angefangen, jeder Gast darf weiterpuzzeln. Wir blieben zweieinhalb Stunden, denn es war ein kniffliges Puzzle: Das Motiv auf dem Karton war nicht das Motiv des Puzzles. Es war ein Puzzle, das man weiterdenken musste – in unserem Fall in die Zukunft. Perfide!

Sollten Sie einmal Køge sein, gehen Sie zu Sanne’s Desserter und puzzeln Sie. Es ist sehr entspannend. Nehmen Sie außerdem die Erdnussschnitte. Ihr Leben wird danach ein anderes sein.

Von Køge aus waren es am nächsten Tag nur noch etwas mehr als vierzig Kilometer bis nach Kopenhagen. Wir waren ausgeruht und frohgemut, obwohl es deutlicher kälter war als den Tagen zuvor. Aber erneut sonnig! Wir zogen uns dick an, oben vier Schichten, unten drei, radelten durch Industriegebiete hinaus aus der Stadt und erreichten schon bald das Meer.

Der Wind blies uns Tränen aus den Augen. Ein Paar in dicken Mänteln kam, zog sich nackt aus und stieg in die Gischt. Die Zwei ließen sich ein bisschen treiben. Dann kamen sie wieder heraus, hüllten sich in ihre Mäntel und gingen zurück nach Hause.

Wir fuhren eine Weile die Küste entlang. Häuser grenzten direkt an den Strand, größere und kleinere, allesamt sympathisch und bescheiden mit kleinen Gärten. Rosen und Stockrosen zeigten erste Blätter, wir erahnten den Sommer. Jedes der Häuser hätten wir sofort genommen, wäre es uns geschenkt worden. Ich sah mich schriftstellernd und podcastend in einem Wintergarten am Meer, dazu ein Gewächshaus mit Tomaten.

Wir stoppten am Arken-Museum, dazu mehr in einem anderen Beitrag. Nur so viel: Ich verschwand kurzfristig im Bällebad, ein Erlebnis, das ich bis anhin völlig unterschätzt hatte. Sowohl körperlich als auch seelisch fühlte ich mich vollends aufgehoben.

Der Wind blies weiterhin gehörig, doch es waren nur noch vierzehn Kilometer bis nach Kopenhagen. Der Wind konnte uns nichts mehr!

Wir nutzten einen der Cycle Super Highways, die aus dem Umland nach Kopenhagen führen. Sechs Kilometer vor dem Ziel machten wir noch einmal Pause am Havneslusen.

Angekommen.


Die nächsten Etappen | Wenn Ihnen diese erste Etappe gefallen hat, folgen Sie mir in den kommenden Tagen auf die weiteren:

  • Eine Erzählung über Museen, Friedhöfe und das Meer
  • Brücken, Tunnel und Fähren: ein Beitrag für den Freundeskreis Ingenieurskunst
  • Die dänische Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen
  • Test eines Mythos: Radfahren in Kopenhagen 
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