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Meine 5cent zur politischen Situation – ohne, dass der Name des Kanzlers vorkommt

30. 09. 2026  •  38 Kommentare

Im Zuge der Landtagswahlen schrieb ich, dass mir viele Gedanken durch den Kopf gehen. Ich habe sie leidlich sortiert und aufgeschrieben. Zunächst: Was ich beobachte. Anschließend: Was ich mir wünsche (und für gut halte).


Was ich beobachte:

#1 – Ungleichheit schafft Extremismus | Zunächst mal die Zahlen – es wird etwas dröge, aber bitte: durchhalten. Denn es ist wichtig für alles, was danach kommt.

In Deutschland verfügen zehn Prozent der Deutschen – diejenigen, die ökonomisch am besten gestellt sind – über 67 Prozent des Gesamtvermögens. Die unteren 50 Prozent verfügen lediglich über drei Prozent des Gesamtvermögens. Diese Ungleichheit nimmt seit den 1970er Jahren zu, davor ging sie zurück (Quelle). Der Gini-Koeffizient, ein Maß für Ungleichheit, ist in Deutschland auf einem Höchststand (Quelle).

Noch eine Zahl: Menschen der Mittelschicht, die 5.500 Euro im Monat verdienen, zahlen nur drei Prozent weniger Steuern als deutsche Milliardäre (Quelle). Wer sich also etwas aufgebaut hat und zu bescheidenem Wohlstand gekommen ist, wird unverhältnismäßig belastet.

Eine dritte Zahl: Von 100 Grundschülerinnen und Grundschülern, deren Eltern Akademiker sind, nehmen drei Viertel, 75 Prozent, ein Studium auf. Bei Kindern aus Nicht-Akademikerhaushaltern sind es gerade mal 21 Prozent (Quelle). Deutschland ist eines der undurchlässigsten Länder, was den Bildungsaufstieg angeht. Der Bildungsabschluss steht in direktem Zusammenhang mit dem Einkommen (Quelle). Heißt auch: Weil aus Schule, Studium und Arbeit auch soziale Beziehungen entstehen, bleiben Akademiker- und Nicht-Akademikerfamilien weitgehend unter sich.

Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die eine Schule ohne Abschluss verlassen, steigt. In fünf Bundesländern liegt er bei mehr als zehn Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar bei 13,4 Prozent (Quelle). Es besteht kein Zusammenhang zur Migrationsquote: Einen geringeren Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund als Sachsen-Anhalt (11 Pozent) hat nur Mecklenburg-Vorpommern (10,7 Prozent, Quelle), wo die Schulabbrecherquote ebenfalls hoch ist. Hessen, wo fast 40 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben, hat die wenigsten Schulabbrecher. Zum Desaster der Bildungssystems und was es mit jungen Menschen macht, sei diese Anne-Will-Folge empfohlen.

Vor 30 Jahren, im Jahr 1998, arbeiteten 76 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einer Firma mit Tarifvertrag. Heute sind es nur noch 50 Prozent (West). Im Osten sank die Zahl von 63 auf 45 Prozent (Quelle). Es wird also auch schwieriger, sich gegen Ungleichheit durchzusetzen.

Gleichzeitig hat sich über die vergangenen Jahrzehnte eine eklatante Wohnkrise entwickelt – vor allem für Menschen mit niedrigen Einkommen. Während Gutverdienende seit 1990 durchgehend um die 15 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aufwenden, stieg der Anteil bei Geringverdienenden von etwas über 30 auf nunmehr fast 45 Prozent (Quelle). Wer noch einen Bestandsmietvertrag hat, auch wenn die Wohnung inzwischen zu groß oder zu klein ist, krallt sich daran wie ein Ertrinkener an Treibgut.

Ungleichheit und Perspektivlosigkeit sind nicht nur Zahlen. Sie sind auch ein Gefühl, ein subjektives Erleben von Benachteiligung und fehlender Hoffnung. Wer fast die Hälfte des Einkommens fürs Wohnen ausgibt, hat keine Luft mehr für Lebensgestaltung. Der Mittelschichtfamilie fällt auf, dass sie im Verhältnis zu Reichen mehr Steuern zahlt. Wer kein Erbe zu erwarten hat, sieht, dass ein Teil der Bevölkerung Kapital aus der Vorgängergeneration erhält, und sieht auch, dass dieses Kapital sich in der Generation vergrößert und wiederum weitergegeben wird, ohne dass sie jemals im gleichen Maße an dieser Verteilung teilhaben wird. Hinzu kommt – wieder ein Zahl -, dass das vererbte Vermögen immer mehr wird: Im Jahr 2009 wurden in Deutschland 34,4 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Im Jahr 2023 waren es 121 Milliarden – und die Summe geht weiter nach oben (Quelle). Wer wird garantiert nicht teilhaben? Genau, die unteren 50 Prozent. Die haben nämlich nichts, was sie weitergeben können. Die oberen zehn Prozent dafür umso mehr.

Wen wundert es also, dass die Menschen wütend sind? Dass sie sich hilflos fühlen? Dass sie frustriert sind? Auch wenn es hartnäckig erzählt wird, sind wir keine nivellierte Mittelstandsgesellschaft. Es ist mitnichten so, dass alle, die sich nur genügend anstrengend, daran teilhaben und mit dem Fahrstuhl nach oben fahren können. Deutschland ist gut darin, soziale Härten abzufedern (und auch, sie zu zementieren), und gleichzeitig wahnsinnig schlecht darin, strukturelle Ungleichheit wahrzunehmen und aufzuheben.

Es wundert nicht, dass Menschen aus diesen Gefühlen heraus „Wir gegen die“-Erzähler gut finden. Denn in diesen Erzählungen fühlen sie sich wenigstens gehört und beachtet, während den Zahlen niemand entgegenwirkt.


#2 – Das Unkontrollierbare | Seit ich Kind war, seit den 80er Jahren, ist die Welt deutlich internationaler und komplexer geworden. Nicht nur, dass die klaren Fronten des Kalten Krieges verloren gegangen sind – es sind auch unzählige Abhängigkeiten entstanden, die unser Staat aus seinem territorialen und rechtlichen Rahmen heraus nicht lösen kann: globale Lieferketten, internationale Finanzströme, Migrationsbewegungen und die Klimakrise. Wir können alleine kaum etwas gegen Krisen tun, spüren ihre Auswirkungen aber unmittelbar.

Hinzu kommt das Diffundieren eines vorher Greifbaren ins Unsichtbare: Viele Handlungen finden nicht mehr im direkten menschlichen Kontakt statt. Einkauf und Besorgungen, Bankgeschäfte, Kommunikation und sogar Partnersuche geschehen nicht unter Menschen, sondern maschinengestützt. Das schafft Unsicherheitsräume, das vermindert Austausch und Begegnungen.

Kontrolle, Autonomie und soziale Eingebundenheit sind ur-menschliche Bedürfnisse. Je unkontrollierbarer und instabiler das Außen wird, desto mehr streben wir nach Stabilität, Kontrolle und Autonomie im Innern. Autoritäre und autokratische Systeme nähren die Überzeugung, Kontrolle zu haben, und erfüllen gleichzeitig den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung: Einfache Erzählungen („Wir gegen die“) machen die Welt beherrschbar. Abschiebungen und Repressionen geben das Gefühl, Macht zurückzuerlangen. Eine schwache Presse verschafft dem Einzelnen mehr Freiraum. Wer sich konform mit dem Autokratischen verhält, bekommt Einfluss.

Während die demokratische Politik den Menschen seit vielen Jahren immer weniger anbietet, um Selbstwirksamkeit zu erleben – siehe #1 -, gehen Radikale in die Lücke und versprechen Kontrolle und Freiheit, wo Komplexität und persönliche Begrenztheit sind.


#3 – Die liberale und radikale Gesellschaft |  In den vergangenen Jahrzehnten ist nicht nur die Welt um uns herum komplexer geworden, sondern auch unsere eigene Gesellschaft. Wir werden immer liberaler: Gleichstellung der Frau und Aufbrechen von Geschlechterrollen, Ehe für alle, ein neuer Familienbegriff, sexuelle Selbstbestimmung, multikulturelle Offenheit und eine Vielfalt unterschiedlicher Lebensstile und Identitätsentwürfe, Rückgang des kirchlichen Einflusses, Wertewandel in der Arbeit – all das haben wir erreicht, erleben wir und entwickeln wir weiter.

Große Teile der Gesellschaft werden also progressiver – und die Radikalen werden radikaler. Wenn eine Frau plötzlich machtvoll ist, wenn ein Schwuler Vater und Vorgesetzter werden kann, wenn ein Eingewanderter einem sagt, was man zu tun hat, entsteht ein diffuses Gefühl des Unbehagens, ein Gefühl von Entwertung und Statusverlust. Wenn dieses Unbehagen nun ein Zuhause und eine Gemeinschaft findet, beginnt es, sich selbst zu verstärken. Es findet Solidarität und Schulterschlüsse – und eine Homogenität, die es sonst nirgendwo mehr gibt.

Wer den Mechanismus von Liberalisierung und Radikalisierung verstehen will, dem empfehle ich Das Integrationsparadox von Aladin El-Mafaalani.


#4 – Stolz | Was die Radikalen in diesem Zusammenhang gut machen – und damit meine ich sämtliche Radikale – ist es, den Menschen Würde und Stolz zurückzugeben. Denn was geht verloren, wenn die Welt zusehends fragiler wird und die eigene Identität nicht mehr trägt? Selbstachtung.

Schon zwischen den Weltkriegen war es der neu erwachende Stolz, der dazu beitrug, dass radikale Gedanken Nahrung fanden. Wibke Bruhns schreibt in dem lesenswerten Buch „Meines Vaters Land“ über den Aufstieg des Nationalsozialismus:

Rechts und links davon nichts als Demütigungen: der schmähliche Ausgang des ehrlos geendeten Krieges, die Nacht- und Nebel-Rückkehr des Regiments nach Tilsit, der absurde Vertrag von Versailles, die Schikanen im von Frankreich besetzten Ruhrgebiet, die Horrorzeiten der Inflation und die Auflösung aller Normen […] und jetzt scharrt sich das bisher so zerrissene Volk hinter einem Mann, der aller Welt verkündet: Wir sind wieder wer, und wir werden es euch zeigen.

Ich übersetze das ins Heute:

Nichts als Kränkungen: die Entwertung harter Arbeit, die Gängelungen und Zerwürfnisse der Pandemiejahre, die Suche einer einst goldenen Industrienation nach Bedeutung. Dazu Inflation und Wohnkosten, die uns auffressen, und die Gnadenlosigkeit globaler Märkte. Das Gefühl, im eigenen Land fremd zu werden, das schwindende Vertrauen in den Staat, der auf der Seite seiner Bürger stehen sollte. Die alten Versprechen von Wohlstand und Aufstieg werden zwar unablässig wiederholt, sind aber längst gebrochen. Stattdessen Demütigungen und Beschimpfungen: zu faul, zu dumm, zu anspruchsvoll. Und jetzt sammelt sich die zerrissene Menge hinter denen, die ihr versprechen, die Ordnung wiederherzustellen und der Nation ihre Bedeutung und ihre Vergangenheit zurückgeben: Wir sind wieder wer, und wir werden es allen zeigen.


#5 – Die Leute wählen Radikale, weil es sie gibt | Selbst wenn es gelänge, Rechtsradikalen inhaltlich zu begegnen, wäre damit nichts gewonnen. Denn ihre Wähler wählen sie nicht, obwohl sie so sind, wie sind sind, sondern weil.

Wenn man sich die Wanderungsbewegungen hin zur AfD hinschaut, wird vor allem eines klar: Die rechtradikale Partei gewinnt, weil sie Nichtwähler mobilisiert – Menschen, die sich im Parteiensystem bislang nicht repräsentiert gefühlt haben. Das war bereits vor den diesjährigen Landtagswahlen bekannt. Wir sind beseelt von der offenen Gesellschaft und haben vergessen, dass rechtsradikales Gedankengut tief verwurzelt ist.

Der Politikwissenschaftler Vicente Valentim sagt dazu:

Es herrscht die falsche Annahme, dass viele Wähler, die früher Mitte-rechts-Parteien gewählt haben, im Herzen noch immer Mitte-rechts sind. Meine Arbeit legt aber nahe, dass diese Menschen schon vorher extrem rechts gedacht haben. Es gab nur keine Partei, die diese Positionen glaubwürdig und erfolgversprechend vertreten hat. Jetzt haben sie eine Partei, die viel stärker mit ihren wahren Ansichten übereinstimmt. Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, wenn sie eine Partei wählen, über die Zeit eine starke Identifikation mit dieser Partei ausbilden. Das gilt erst recht, wenn diese Partei von den anderen Parteien stark bekämpft wird. Warum also sollten, im deutschen Beispiel, die AfD-Wähler zurückkehren?


#6 – Gewinnen durch Verlieren | Wenn ich mich entwertet, sozial isoliert und politisch nicht vertreten fühle, bringt es mich auf die emotionale Gewinnerseite, wenn ich Gleichgesinnte finde, die ebenso fühlen wie ich. Endlich darf ich mein Unbehagen äußern und fühle mich gesehen.

Doch nicht nur durch Vergemeinschaftung gewinne ich, sondern auch durch den Verlust, den mein Gegner erleidet: Es mag sein, dass die AfD gegen die Erhöhung des Mindestlohns ist; wenn sie gleichzeitig die Rechte von Migrantinnen und Migranten einschränkt, eine Arbeit aufzunehmen, passt es. Das ist der Grund, warum Wähler rechtsradikaler Parteien gegen ihre eigenen Interessen wählen, selbst wenn sie selbst Verlust erleiden: Solange der Verlust des Gegners größer ist, gewinnen sie.


#7 – Inhaltlich stellen | Es heißt: Wir sollten die Radikalen inhaltlich stellen. Doch das ist unmöglich. Aladin El-Mafaalani schreibt dazu in seinem Buch Misstrauensgemeinschaften:

Der Populismus besitzt kein geschlossenes inhaltliches Programm, sondern kann sich flexibel mit unterschiedlichen politischen Strömungen – von links bis rechts – verbinden.

Populismus stelle im Wesentlichen eine Gegenposition dar und habe keine eigene Werteorientierung und Substanz.

Er wird allen Versuchen, sich ihm inhaltlich zu nähern und ihn zu entzaubern, entgleiten, denn sein Programm ist flexibel: Die Armen sind mal Gegner und Schmarotzer, mal Opfer. Klimaanpassung ist ideologischer Irrweg und gleichzeitig Schutz von Schöpfung und Heimat. Der Staat ist wahlweise Unterdrücker oder die Instanz, die hart durchgreifen muss. Freiheit bedeutet, von Regeln verschont zu bleiben, aber auch, andere mehr zu kontrollieren. Wirtschaftlicher Erfolg wird gepriesen, während die Globalisierung, die ihn ermöglicht, des Teufels ist.

Es ist also unmöglich, eine rechtsradikale Partei inhaltlich zu stellen. Sie wird immer entschlüpfen.


#8 – Regierungsparteien auf der Suche | Das Ganze wäre nicht so ein Problem, wenn radikale Kräfte starke Gegner mit starken Positionen und glaubwürdigen Erzählungen hätten. Haben sie aber nicht. Während Rechte und Linke eine klares Zukunftserzählung haben, ist in der Mitte ein (Wortspiel!) schwarzes Loch.

Die Rechte möchte ein völkisches Europa. Sie will aus dem Euro austreten. Sie will ein Deutschland, das die Leistung der biodeutschen Bevölkerung belohnt. Sie möchte wieder stolz sein können auf Deutschland. Auch die Linke weiß, was sie will: Während CDU und SPD keine Anstalten machen, der Wohnungskrise und der immer teurer werden Daseinsvorsorge zu begegnen, zeichnet die Linke das Bild der Vergesellschaftung. Das Land gehört seinen Bewohnerinnen und Bewohnern, nicht Investoren. Solidarität steht über Individualität, Gemeinschaft und Begegnung sollen die Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit prägen. Beide haben, ohne sie gleichstellen zu wollen, eine runde Erzählung – und diese Erzählung ist Teil des politischen Erfolges. Doch welche Erzählung hat die CDU? Welche die SPD?

Die CDU ist innerlich zerrissen zwischen Wirtschaftskonservatismus und christlich-sozialer Tradition. Alles, was man möchte, ist bewahren: die Demokratie, den Status Quo, das Verbrennerauto. Aber was will die CDU gestalten, was ist ihr Zukunftsbild? Das ist unklar. Stattdessen beschimpft sie wechselnde Bevölkerungsgruppen und konfrontiert die Nation mit Zielkonflikten: Der Deutsche soll möglichst viel arbeiten, aber die Kinder gut betreuen, am besten daheim. Man will Wohnungsbau fördern, aber steigert die Bauauflagen. Man beklagt den Fachkräftemangel, aber möchte die Zuwanderung begrenzen. Man weint über die niedrige Geburtenrate, aber kürzt das Elterngeld, das seit seiner Einführung ohnehin nie erhöht wurde. Man soll weniger zum Arzt gehen, sich aber am ersten Tag einer Bagatellerkrankung ins Wartezimmer setzen. Wo der Kanzler vorprescht – wie bei seiner Aussage zur privaten Krankenversicherung -, wird sie wieder zurückgenommen: So habe man es nicht gemeint. Die innere Zerrissenheit wandert nach außen.

Die SPD ist währenddessen in ihrer Vergangenheit gefangen: Gewachsen aus Gewerkschaftsstrukturen und ebenso durch sie geprägt, verliert sie seit Jahren an Anhängerschaft. Weil es – siehe #1 – immer weniger Menschen gibt, die gewerkschaftlich organisiert sind. Und weil sich die Wahrnehmung der Gewerkschaften verändert hat: Für durchschnittlich und unterdurchschnittlich Verdienende sind Tarifbeschäftigte – besonders diejenigen der starken Branchen der Metall- und Elektroindustrie – Arbeitnehmer mit goldenem Löffel im Mund; für progressive Arbeitnehmer und Entscheiderinnen sind sie Verhinderer von Transformation und Fortschritt. Für beide Skeptiker hat die SPD kein Angebot. Dazu das zweite Dilemma der Partei: Wenn sie nicht Gewerkschaftslinien vertritt, dann steht sie für sozial Schwache ein – was ihr per se nicht zu Last zu legen ist, aber auch keine Überstunden schruppenden Leistungsträger auf ihre Seite holt. Kurzum: Die Partei hat es verpasst, sich gemeinsam mit der Arbeitswelt zu wandeln.


#9 – An der Oberfläche | Heraus kommen Reformen, die an der Oberfläche bleiben und Gelder verschieben, aber nicht an Strukturen arbeiten – und letztendlich niemanden entlasten. Wobei die meisten Menschen sich stillschweigend einig sind, dass eine finanzielle Entlastung ohnehin niemals zu erwarten ist. Deshalb erhoffen sie sich wenigstens eine strukturelle.

Dazu nur ein Beispiel aus dem Gesundheitssystem: In meinem Umkreis gibt es unzählige Menschen, vorwiegend Frauen, die sich als medizinische Fallmanagerinnen ihrer alternden Verwandten betätigen, weil das System dies nicht leistet. Sie koordinieren Haus- und Fachärzte. Sie organisieren Termine, wo es kaum welche gibt, und fahren mit den Patienten in entfernte Städte. Sie recherchieren medizinische Zusammenhänge und bieten sie Fachleuten an, weil sonst nichts diagnostiziert wird. Sie fahren Gesundheitskarten von A nach B und holen Zettel mit Verordnungen ab, um sie nach C zu bringen. Sie erarbeiten sich Wechselwirkungen von Medikamenten und weisen Ärztinnen und Ärzte darauf hin. Sie recherchieren Therapien und schlagen sie Medizinern vor, die beglückt antworten: „Das ist eine gute Idee, das könnten wir mal versuchen.“ Sie organisieren Hilfsmittel und Pflegegrade, Reha-Plätze und Krankenfahrten. All diese Fallmanagerinnen erwarten nicht, dass sie weniger Krankenkassenbeiträge bezahlen. Aber sie erwarten, dass dieses ineffiziente System nicht weiter durch die Erhöhung ihrer Beiträge genährt wird. Mein Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung ist in den vergangenen acht Jahren von 796 auf 1.220 Euro im Monat gestiegen, also um 53 Prozent. Wir pumpen immer mehr Geld ins System, es ist kein Ende der Erhöhungen in Sicht ist, und das System knirscht und kriselt.

Unsere Daseinsvorsorge erodiert. Der Einzelne muss immer größere Anstrengungen unternehmen, um die Lücken auszugleichen. Denn die gleichen Menschen, die sich notgedrungen als medizinische Fallmanager betätigen, verhandeln einen Tag später mit ihrem Arbeitgeber, weil die Kita wieder einmal geschlossen hat. Sie bringen ihrem Schulkind Mathematik nahe, weil die Schule es nicht ausreichend tut, und streichen Klassenzimmer an, weil die Kommune kein Geld hat. Sie verbringen im Monat eine halbe Arbeitswoche, zwanzig zusätzliche Stunden, auf Schienen und Straßen, weil Bus und Bahn nicht pünktlich fahren, während Arbeitszeiten und Schulschlüsse keine Rücksicht nehmen. Sie wurschteln sich durch einen fragilen Alltag.

Die Menschen haben großes Verständnis für Reformen und könnten – ich lehne mich aus dem Fenster – sogar höhere Beiträge nachvollziehen. Wenn das Geld klug investiert würde und Reformen tatsächlich reformieren und das Leben verbessern würden.


Nun habe ich viel aufgeschrieben, was ich beobachte. Jetzt zu dem, was ich mir wünsche – und wovon ich denke, dass es helfen könnte. Es sind zwei Dinge:

#1 – Ein positives Zukunftsbild | Wir brauchen optimistische Zukunftserwartungen. Etwas, das ein Gegenentwurf zu Ohnmacht und Komplexität ist. Etwas, das Vertrauen und Stabilität gibt.

Wir benötigen einen neuen Konservatismus, patriotisch und zukunftszugewandt, der dieses Land trägt. Ich sage das nicht, weil ich selbst konservativ bin und mich persönlich danach sehne. Ich empfinde mich mehr als Europäerin denn als Deutsche, empfinde wenn überhaupt einen europäischen Patriotismus. Aber ich habe den Eindruck, dass wir als eine im Herzen konservative Nation eine neue konservative Idee brauchen.

Ein Konservatismus, der die Stärken Deutschlands betont, die zweifellos und immer noch da sind: eine sehr gute, öffentlich finanzierte Wissenschaft; ein sicheres Sozialsystem, das uns medizinische Versorgung auf hohem Niveau garantiert und dafür sorgt, dass niemand ins Bodenlose fällt; eine – bei aller Krise – weiterhin bestehende Technologieführerschaft in zahlreichen Branchen. Wir können Krisen bewältigen und Menschen integrieren. Wir haben sehr spezialisierte Unternehmen mit einem großen Erfahrungsschatz – dazu Wohlstand und Wirtschaftskraft auch jenseits der Metropolen. Unser Hang zur Bürokratie macht uns zu Helden der Governance: Wer, wenn nicht wir, kann Künstliche Intelligenz beherrsch- und steuerbar machen, mit Betriebsleitlinien und dennoch mit Innovationspotential?

Dazu gehört auch, dass Menschen stolz auf ihre Nation sein dürfen. Zwar hat der Einzelne nichts dazu beigetragen, in diese Gesellschaft hineingeboren zu sein. Ab dem Moment, in dem wir in ihr leben, sind wir allerdings ein Teil von ihr, tragen sie mit und tragen bei – mit allen Freuden und Anstrengungen, die damit verbunden sind, mit Steuerzahlung und Ehrenamt, mit dem Aufrechterhalten und Neugestalten von Traditionen und kleinen, alltäglichen Gesten, die das Wesen unserer Kultur und unseres Zusammenlebens ausmachen. Insofern: Ja, darauf dürfen wir stolz sein.

Zu dem Bild, dem neuen patriotischen, gehören auch erneuerte normative Grundlagen, gemeinsame Werte, die uns in unserer kulturellen Pluralität verbinden: die Idee unseres Grundgesetzes, neu übersetzt ins tägliche Leben einer diversen Gesellschaft; Traditionen, die wir vom Gestern ins Morgen überführen; Grenzen, die wir gemeinsam setzen; eine europäische Idee, die den Kontinent in seinem kulturellen Reichtum stärkt; Überzeugungen, die uns in unserer Vielfalt einen.


#2 – Plan und Perspektive | Und dann: ein Plan und eine Perspektive. Wenn uns klar ist, wohin wir wollen und wie ein zukünftiges Deutschland aussehen soll, ist auch klar, was zu tun ist.

Wir sind uns einig, dass wir Technologieführer sein möchten, vielfältig in unseren Talenten und Herkünften, kraftvoll und ideenreich? Wir wollen die besten Pisa-Ergebnisse in Europa haben? Dann in Schulen und Lehrkräfte investieren, Kinder individuell fördern und erst später selektieren, Lehrpläne überarbeiten, Klassenräume neu gestalten, Kita und Grundschule stärker aufeinander abstimmen, ebenso Grundschule und weiterführende Schule; Inklusion und Integration stärken, einen Wandel des Berufsbilds von Pädagogen und Lehrerinnen anstoßen, Ganztagesbetreuung quantitativ ausbauen und qualitativ verbessern, föderale und kleinteilige Strukturen aufbrechen, Geld in Menschen und Material stecken.

Wir wollen ein unabhängiges Deutschland, das nicht erpressbar ist, mit Energie für die Wirtschaft und Sicherheit für die Bevölkerung? Dann bitte einen 15-Jahres-Plan aufstellen, um von fossilen Energieträgern wegzukommen, in Solar und Windenergie investieren, Wasserstoff fördern, die Lade- und Speicherinfrastruktur ausbauen, Wärmepumpen und Elektromobilität fördern und den Plan konsequent abarbeiten, ohne Tankrabatte und logische Brüche.

Wir wollen eine starke, bürgerorientierte Verwaltung – digital und gleichzeitig vor Ort, als Partner, Möglichmacher und Hüter sinnvoller Regeln? Dann braucht es ein zentrales Innovationsmanagement bei Bund und Ländern, ein Durchfegen durch alle Verordnungen, eine moderne Führungskultur, neue Karrierewege, Register- und Datenmodernisierung, eine durchgehende Digitalisierung und fachübergreifendes Prozessdenken.

Wir wollen der Wohnkrise begegnen? Dann braucht es eine Baupflicht für brach liegende Spekulationsflächen und Kommunen, die den Boden im Zweifel aufkaufen – und dazu die passende Finanzierungskulisse. Es braucht ein Programm zum Aus- und Aufbau kommunaler Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften und eine Nachfinanzierung von Sozialwohnungen, um die wenigen vorhandenen in der Bindung zu halten. Die Kommunen benötigen finanziellen Spielraum, um gemeinsam mit Kirchengemeinden die kirchlichen Immobilien, die auf dem Markt sind und noch kommen werden, zum Wohle der Stadtgesellschaft zu gestalten. Bis das alles greift, müssen wir mit kleineren Handgriffen Quartiere mit Grünflächen, Spiel- und Begegnungsorten gestalten, um beengten Verhältnissen und Vereinsamung entgegenzuwirken.

So könnte man es weiterschreiben. Man mag unterschiedlicher Meinung zu den Maßnahmen sein. Das ändert jedoch nichts am Wunsch eines positives Bildes und eines Weges, der konsequent gegangen wird.

Die Lage ist betrüblich, aber nicht hoffnungslos

26. 02. 2025  •  4 Kommentare

Die Lage | Die nationale Lage ist gezeichnet von Leuten, die sich verabschieden, und von Leuten, die wieder auftauchen. Bei manchen freut man sich, dass sie gehen, bei anderen wünscht man sich, sie wären nie wiedergekommen.

Während ich das Bad putzte, hörte ich Herrn Professor Münkler bei seiner Analyse der Bundestagswahlen zu. Ich leihe mir an dieser Stelle die Worte Herrn Buddenbohms: „Herr Münkler ist ein gebildeter Mensch, der sehr viel von dem versteht, was er da beurteilt. Und er würdigt auf die denkbar angenehmste und niveauvollste Art einige Gestalten der aktuellen Politik wunderbar herab.“ Davon kann man nur lernen.

Parallel macht eine kleine Anfrage aus dem Bundestag die Runde: Die CDU/CSU diskreditiert darin zivilgesellschaftliche Institutionen, unter anderem das Recherchenetzwerk Correctiv, den journalistischen Verbund Netzwerk Recherche und den Verein Omas gegen Rechts und stellt in A*D-Manier 551 Fragen. Bin erstmal bei den Omas in den Verein eingetreten.

Die tagesschau vermeldet unterdessen: Experten erwarten ein zeckenreiches Jahr. Das könnte passieren angesichts der politischen Situation.


Broterwerb | Die Woche zeigt sich entspannt. Die Termine haben sich dezimiert, die Hälfte meiner Kundschaft liegt krank danieder, entschuldigt sich, verschiebt, leidet.


Natur | Der Nachbarchstorch macht, kaum dass er zurückgekehrt ist, ausdauernd Liebe mit seiner Saisondame. Wir sind schon ganz verschämt.


Angeschaut | Für den Freundeskreis Statistik: Defense Against Dishonest Charts. Eine interessante Einführung in manipulative Grafiken und wie man sie erkennt.

Gelesen | Für den Freundeskreis Russlandpolitik: Die EU-Energieimporte aus Russland übersteigen die Ukraine-Hilfen.

Gelesen | Für den Freundeskreis Kammerspiel: Country Place von Ann Petry, übersetzt von Pieke Biermann. Klatschsucht, Gier, Untreue, Judenhass, versuchter Mord und ein zurückkehrender Kriegsheimkehrer – die Afroamerikanerin Ann Petry skizziert in ihrem 1947 erschienenen Buch eine Kleinstadt in der Nachkriegszeit. Gerne gelesen.

Gelesen | Für den Freundeskreis der kritischen Nachfrage: Frau Novemberregen wird zur lästigen Bürgerin.


Schweine | Wir warten darauf, dass die kleinen Schweine wachsen. Möglicherweise wird das irgendwann über Nacht passieren. Wir unterstützen mit Gemüse.

Großes Schwein und kleines Schwein in der Stalltür

Vorfreude, dazu Alltägliches

26. 11. 2019  •  5 Kommentare

Broterwerb | Beim Kunden gearbeitet. Hach, da sind so viele Leute, die ich echt mag. Gute Teams, super Menschen.
//*winkt allen Mitlesenden

Nur jeweils eine Stunde für die heutige Hin- und Rückfahrt gebraucht.  \o/ Auf der Fahrt die aktuelle ZEIT-Verbrechen-Folge über den Berliner Briefkastenbomber Peter J. gehört. Die Lebensgeschichte entschuldigt das Verbrechen nicht, ist aber dennoch krass.


Vorfreude | Urlaubsvorbereitungen. Ich spüre schon die Wärme und das Licht auf der Haut.


Gelesen | Eine Frau arbeitet gerne allein: „Am liebsten bin ich mein eigenes Team.“ Sie hat Probleme mit ihrem Zeitmanagement; es fällt ihr jedoch schwer, rechtzeitig Kollegen um Hilfe zu bitten. Kompliziertes fällt ihr leicht; Einfaches fällt ihr hingegen manchmal schwer. Sie hat Schwierigkeiten, Kontakte zu knüpfen. Sie plant vieles, doch es fehlt ihr die Fähigkeit, Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie ist emotional sehr empfindsam, kann es jedoch nicht ausdrücken. Mit 51 Jahren erfährt sie, dass sie Asperger-Autistin ist.

Gelesen | Sechs Schritte, wie Verkehrswende auf dem Land gelingt.

Alle 262.000 Minuten verliebt sich kein Single über Parship

11. 06. 2018  •  188 Kommentare

Sie sagen: Alle elf Minuten verliebe sich ein Single über Parship.

Ich war 262.000 Minuten lang auf Parship. Ich hätte mich 23.826-mal verlieben können. Ich habe mich kein einziges Mal verliebt.

Die 262.000 Minuten, in denen ich mich nicht verliebte und in denen sich, zumindest meiner Kenntnis nach, auch niemand in mich verliebte, haben mich 346 Euro Mitgliedsgebühr gekostet. Von diesen 346 Euro hätte ich mir, wenn wir von einem Preis von sechs Euro pro Glas ausgehen, 58 Gin Fizz kaufen können. Je nach Zustand des Zielobjekts benötige ich drei bis fünf Gin Fizz, um mir einen Mann schön zu trinken. Ich hätte mir also für die 346 Euro, die ich für Parship ausgegeben habe, 19 mittelschöne und zwölf unterdurchnittlich schöne Männer sehr schön trinken können. Selbst im ungünstigsten Fall wäre ich also mindestens ein dutzend Mal verliebt gewesen. Das ist zwölfmal mehr, als ich in 262.000 Parship-Minuten geschafft habe.

Warum es mit dem Verlieben nicht geklappt hat, kann ich nicht genau sagen. Ich kann nur sagen, dass es diesen Mann gab, mit dem ich ganz vielversprechend hin und her schrieb. Er schrieb ganze Sätze mit Subjekt, Prädikat, Objekt, und nach einer Zeit fragte ich ihn, was er in seiner Freizeit mache. Er antwortete, dass er Landwirtschaftssimulator spiele. Ich fragte: „Landwirtschaftssimulator, was macht man denn da so?“, obwohl ich ahnte, dass mich die Erklärung an den Rand meiner emotionalen Möglichkeiten bringen würde. Er antwortete, dass er Felder bestelle und Mähdrescher führe, dass er jeden Abend seine Schweine füttere und seine Kühe melke. Nicht wirklich natürlich, es sei ja nur eine Simulation, aber virtuell, dafür aber mit Dolby Surround. Er sagte, er habe sein Schlafzimmer umgebaut und habe daraus ein Landwirtschaftszimmer gemacht, mit Tapeten aus Kornfeldern und mit Sound von allen Seiten, so dass das Blöken und Grunzen und vor allem die Motoren des Mähhdreschers richtig mit Wumms kämen, das sei fantastisch. „Aha“, sagte ich, „und was machst du, wenn du nicht Landwirtschaftssimulator spielst?“ – aber er verstand die Frage nicht. Denn so ein Bauernhof ist schließlich eine Verpflichtung fürs Leben, deshalb, so sagte er, schlafe er auch auf seinem Hof. Ich entschied mich gegen ein Leben auf dem Land.

Dann war da dieser Mann, der genauso wie der virtuelle Bauer zunächst sehr nett war, bis er meinte: Eine Sache müsse er mir sagen, das habe vor mir leider viele Frauen abgeschreckt. „Oh“, sagte ich, „was ist es denn?“ Er sagte, dass er eine Tochter habe, dass er seine Frau und seine Tocher aber verlassen habe, nachdem er festgestellt habe, dass Vatersein nichts für ihn sei. Weil Vatersein nichts für ihn sei, wolle er auch keinen Unterhalt für seine Tochter zahlen, denn das könne er mit seinem Gewissen nicht  vereinbaren. „Mit welchem Gewissen?“, fragte ich, und er antwortete: mit seinem Gewissen sich selbst gegenüber, denn er wolle mit sich im Reinen sein, man könne nicht einerseits Hü und andererseits Hott sagen, Vaterschaft ablehnen und durch Unterhaltszahlungen das Vatersein doch für sich anerkennen, das habe auch etwas mit Konsequenz sich selbst gegenüber zu tun. Ich war daraufhin auch konsequent.

Irgendwann telefonierte ich mit einem Mann. Keiner von den zwei Genannten – mit einem Dritten. Er brach nach nur zwei Minuten in Tränen aus. Er sagte, seine Frau habe ihn verlassen und seine Mutter sei gestorben und weil er nun überhaupt keine Frau mehr in seinem Leben habe, keine Ehefrau und keine Mutter, fühle er sich sehr allein. Ich fragte, wie frisch das denn alles sei, und er sagte, dass der Tod seiner Mutter nun drei Jahre und das Ende seiner Ehe vier Jahre her sei, und er weinte so bitterlich, dass ich mich nicht traute aufzulegen. Ich hörte mir also 45 Minuten lang seine Lebensgeschichte an, von der Kindheit bis zur Ehe bis zur Trennung, auch das Verhältnis zu seiner Schwester war schwierig, und ich riet ihm, sich in eine Therapie zu begeben. Er sagte, das hätten ihm schon zahlreiche Menschen gesagt, er fände es aber folgerichtiger, seine Wunden mit einer neuen Beziehung zu heilen, denn ihm fehle ja nur eine Frau, eine Partnerin, die ihm Geliebte und Mutter sein könne. Ich wünschte ihm viel Glück.

Wir sind nun bei Minute 131.000 von 262.000, also bei 173 Euro, und ich beschloss, dass es trotz aller Rückschläge an der Zeit ist, auch mal jemanden persönlich zu treffen. So traf ich den Gymnasiallehrer. Wir tranken einen Kaffee an einem Fluss, und er fragte, wie es mir gehe. Ich antwortete, dass es mir gut gehe, und er sagte: Ihm gehe es sehr! schlecht! – und er erzählte mir von seinem Leben als Gymnasiallehrer, von seinem Kollegium, von verzogenen Schülern, von dummen Abiturienten, von sinnfreier Inklusion und von haarsträubenden Vorurteilen seinem Berufsstand gegenüber. Nach einem halbstündigen Monolog, während dem ich den Nachbartisch beobachtete, an dem ein Paar mit einer großen Dogge saß, die jedesmal die Braue hob, wenn der Gymnasiallehrer in seinem Verdruss laut wurde, fragte er mich, was ich beruflich mache. Ich sagte, dass ich selbstständig sei, und er antwortete, dass er Selbstständigkeit bei einer Frau unweiblich finde – ich weiß nicht, ob er das nur geschäftlich oder auch gesellschaftlich meinte. Nachdem er das gesagt hatte, folgte ein weiterer Monolog, diesmal über den Kapitalismus und seine Auswirkungen auf Gymnasiallehrer. Ich zahlte meinen Kaffee und ging.

Ungefähr bei Minute 200.000 traf ich mich mit einem alleinerziehenden Witwer, der nicht halb so traurig war wie der Weinende, der aber trotzdem keine Worte fand. Wir saßen uns gegenüber, und er schwieg. Ich fragte ihn eine Frage, er beantwortete die Frage und schwieg. Ich fragte die nächste Frage, er beantwortete die Frage und schwieg. Ich fragte die nächste Frage, er beantwortete die Frage und schwieg. Nach vielen Fragen, die er freundlich und in ganzen Sätzen, aber ohne eine einzige Gegenfrage beantwortete, fragte ich ihn, wie ihm unser Treffen gefalle. Es sagte, es sei wunderbar; er habe zum ersten Mal bei einer Frau das Gefühl, dass sie gut zu ihm passe. Denn mit allen anderen Frauen vor mir habe er nur Gesprächspausen gehabt.

Zwischendurch schrieb mir ein Mann, dass er mein Profil sehr ansprechend fände, dass er mich normalerweise auch gerne kennenlernen wolle, dass ich für seinen Geschmack allerdings viel zu groß sei – und fragte, ob sich das ändern ließe. Noch bevor ich ihm zurückschreiben und die Möglichkeiten für ihn aufzählen konnte – Stelzen, orthopädische Schuhe, neben mir auf einem Mäuerchen balancieren -, blockierte er mich.

Bei Minute 220.000 – ich war schon zynisch und hatte niemanden mehr angeschrieben -, schrieb mir ein weiterer Mann. Er war, dessen bin ich mir sicher, der Midlife-kriselnde Dicki Hoppenstedt. Ich klickte mich durch seine Fotos, auf denen er mit Strickpullunder und Playmobil-Frisur posierte. Weil ich unterstelle, dass ein Mensch, der sich auf einer Online-Dating-Plattform anmeldet, nur Fotos von sich hochlädt, die er für vorteilhaft hält, war ich rechtschaffen irritiert. Noch mehr irritierte mich allerdings, dass Bild fünf kein weiteres Bild eines Strickpullunderträgers war, sondern das Foto eines Großpudels, der jedoch frappierende Ähnlichkeit mit einem Strickpullunder hatte. Ich schrieb, mit Zwinkersmiley: „Bild fünf ist aber schon ein Bild von deinem Hund – und nicht von Dir, oder?“  Dicki antwortete sehr ernst: Ja, das sei sein Hund, sein Hund sei der Mittelpunkt seines Lebens, deshalb sei er Teil seines Parship-Profils. Ich fragte Dicki, ob er den Hund zum ersten Date mitbringen wolle. Dicki antwortete: Ja, das würde er sehr gerne, und es freue ihn, dass ich ihn daten wolle. Ich schrieb zurück, dass ich ihn und seinen Hund nur treffen wolle, wenn der Hund ein Kunststück könne. Dicki antwortete: Leider könne der Hund kein Kunststück, aber er wolle noch versuchen, ihm kurzfristig eins beizubringen – was ich mir denn vorstelle. Ich schrieb: „Ein brennender Reifen darf es schon sein.“ Dicki schrieb zurück, dass er bei der Freiwilligen Feuerwehr sei und dass er deshalb wisse, wie gefährlich brennende Reifen seien und dass das nicht in Frage käme. Ich antwortete: „In dem Fall kann nichts aus uns werden.“

Danach gab ich auf und ließ die Minuten 221.000 bis 262.000 ohne weitere Aktivitäten verstreichen. Vielleicht war genau das der entscheidende Fehler, und in diesen Minuten wären meine elf Minuten gekommen, in denen ich mich verliebt hätte.

Das alles ist nun mehr als sechs Monate her, und all diese Begegnungen hat es wirklich gegeben. Ich habe in all in den Monaten allerdings nur einen Gin Fizz getrunken. Das ist vielleicht das eigentliche Problem.

Verrichtungen

5. 01. 2018  •  22 Kommentare

Die erste Woche des Jahres stand im Zeichen privater Verrichtungen. Diese Verrichtungen waren:

  • das Zuhause genießen
  • hausfräuliche Dinge tun
  • Sport
  • Eichhörnchen beobachten
  • Meise, Finken und Dompfaffen füttern
  • ausreichend Nachtschlaf

An Weihnachten beschwerte sich Vatta, dass niemand für ihn gebacken habe. Zumindest nicht das, was er bevorzugt: Berliner Brot. Seine Schwester hatte Spritzgebäck gebacken und seine Perle Vanillekipferl, aber eben niemand Berliner Brot. Und Kekse mit Marmelade auch nicht. Also habe ich Berliner Brot gebacken. Und Busserl. Und vom verbleibenden Eiweiß habe ich fluffige Makrönchen mit Quark hergestellt.

Weihnachtsplätzchen mit Marmelade und Makronen

Alles ohne Küchenwaage. Denn mit dem Mitbewohner ist im Sommer auch die Küchenwaage ausgezogen.

Weil ich nur nach und nach bemerke, was sonst noch so fehlt, ist mir erst gestern aufgefallen, dass ich auch keinen Dosenhöffner mehr besitze. Naja, Schraubenschlüssel und Hammer tun’s genauso.

Geöffnete Dose, daneben Hammer und Schraubenschlüssel

Der Exmitbewohner meinte übrigens, er habe den Dosenöffner nicht. Das sei ein Linkshänderdosenöffner gewesen, mit dem könne er eh nix anfangen. Aber wo ist er nur?

Vielleicht ist er in dieses Paralleluniversum ausgewandert, in dem all meine Haarspangen wilde Feste feiern.

*

Ich kann mir wieder einen Bauernzopf flechten.

Bauernzopf

*

Im Fitnessstudio sind Diegutenvorsätze™ am Start. Sie kommen immer am zweiten Januar, sind frisch ausstaffiert und bleiben in der Regel bis Karneval. Diegutenvorsätze™ turnen sehr, sehr ernsthaft – wobei die männlichen Neuturner in einer einzigen Einheit das Pensum des ganzen vergangenen Jahr absolvieren, während die Frauen bedächtig in sich hinein hörend auf dem Crosstrainer grooven, Stufe Eins, drei Watt, Konzentration auf Atemtechnik.

Für nächsten Montag bin ich zum Zumba verabredet. Aus Recherchezwecken.

*

Gestern habe ich einen Ausflug nach Hörde Downtown gemacht. Im Buchladen habe ich diese Werbung entdeckt:

Postkarte: Gut gegen Nordwind

Im Theater im Dortmunder U werden „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ gegeben. Die Liebesgeschichte schlechthin. Also, für mich. Werde ich mir ansehen.

Ich habe mir außerdem eine neue Pudelmütze gekauft, weil der Wind auf dem Weg um den See so kalt pfiff und weil Pink ja nun auch nicht zu allem passt. Auf dem Nachhauseweg bin ich danach ausgerechnet dem Verein der Pudelfreunde Deutschland e.V. begegnet, Förderer und Bewahrer des deutschen Pudeltums.

Aufkleber: Verband der Pudelfreunde Deutschland e.V.

Ich war zart ergriffen angesichts dieser Fügung des Zufalls.

*

Ich habe mir zwei neue Playlisten erstellt. Einmal „Instrumental“, weil ich beim Autofahren neuerdings gerne schöne Instrumentalmusik höre. Wenn Sie da Tipps haben: Immer her damit.

Außerdem „Electronic Swing“. Das wird meine Küchenpartys begleiten. Es ist schon der 5. Januar. So langsam wird es Zeit zum Anwaffeln.

*

Na gut, ein paar berufliche Dinge habe ich auch gemacht. Zum Beispiel habe ich einen Zulassungsantrag an die Fernuni Hagen gestellt – für ein Einstiegsstudium. Zwecks Weiterbildung.

Brief an die Fernuni Hagen

Nach Studium an der HHU Düsseldorf und der TU Dortmund ist das meine dritte Immatrikulation. Ein dreifach Hip Hip Hurra auf das deutsche Hochschulwesen.

Die Zeit zwischen den Jahren

30. 12. 2017  •  16 Kommentare

Nach Norden reisen. Entschleunigen. Die Sonne mitnehmen. Frische Luft tanken. Das Meer sehen. Umhergehen. Hörbuch hören. Oder den Möwen zu. Den Wind spüren. Regen.

Schillig Strand

Einkehren und einen Kaffee trinken. Käsekuchen. Rote Wangen. Mützenverstrubbeltes Haar.

Wenn es dämmert: nach Hause kommen. Aufwärmen, mich und eine Milch. Schwarzwaldklinik gucken, sechs Folgen hintereinander.

Udo mit Christa, Christa mit Klaus. Udo mit Katharina, Klaus mit Maria, Christa mit Vollmers, Udo mit Claudia, bis Claudia an Leukämie stirbt. Dann Udo mit Elke. Klaus wieder mit Christa. Evelyn Hamann mit dem Seewolf, Kindermädchen Carola mit dem Postboten. Udo ist ständig oben ohne, wenn man von der Brustbehaarung absieht: beim Sonnen, beim Schwimmen, beim Wasserski fahren, im Krankenbett mit Schulterverletzung; da kann man natürlich kein Hemd tragen. Die Synchronstimme von Marty McFly wird eingeliefert: Lähmung! Oberschwester Hildegard bricht sich ein Bein. Professor Brinkmann in jeder Folge bedeutungsschwanger. „Gegen den Tod können wir nicht anoperieren.“ Ehrfürchtiges Nicken.

Ich bin hier zu Gast; ich sitte ein Haus und im weiteren Verlauf auch einen Hund. Der Hund – er wundert sich, dass ich hier bin, aber seine Leute nicht. Ich sage ihm: Sie kommen bald. Er geht zur Tür, gucken. Kommt zurück. Sieht mich an, mit einem Was-hast-du-mit-ihnen-gemacht?-Blick. Runzelt die Stirn. Seufzt. Mit Futter und Kraulen mchen wir uns bekannt. In der Nacht kommt er vorbei und leckt meine Hand. Ich wache davon auf und schlafe darüber ein.

Wir gehen spazieren. Brötchen holen. Durchs Dorf. Und die Allee entlang.

Büppel: Allee aus Eichenbäumen

Wir gehen zum Shetland-Pony: dicker Bauch, kurze Beine; es erinnert mich an jemanden, ich komm‘ nicht drauf. Oder doch: Ich komme drauf, schreibe es hier aber besser nicht.

Shetlandpony

Ich fahre einkaufen – für Silvester: Mehl, Hefe, Grieß und Dinge für auf die Pizza. Es gibt hier famila. In meiner Heimatstadt im Sauerland gab es in den 80ern auch einen famila. Kindheitserinnerungen. Es gibt hier viel Gold, Marken wie „Küstengold“ und „Goldmarie“. Die Straßen heißen nach Bürgermeistern: Bürgermeister Heidenreich, Bürgermeister Osterloh. Es müssen verdiente Leute gewesen sein.

Der Hund mag mich am meisten, wenn ich mir ein Brot schmiere.

 

Wind rüttelt an den Fenstern. Die Seeluft, sie macht mich fertig, jedesmal. Zähne putzen. Bett. Podcast an. Den Timer auf 15 Minuten. Ich erlebe nicht mehr, wie der Ton ausgeht.

Der Vorhersage-Check 2017

18. 12. 2017  •  22 Kommentare

Traditionell blickt man am Jahresende zurück. Ende 2016 schrob ich eine Vorhersage für 2017. Lassen Sie uns sehen, was eingetroffen ist.

VG

 

Beste Entscheidung:
Freiberuflich arbeiten. Im Februar geht’s los.

Ich hatte in 2017 keine Sekunde Zweifel an meiner Entscheidung, selbstständig zu sein. Ich habe tolle Kunden, große Freude bei der Arbeit und ebenso große Freude an der Arbeitsform. Auf dem Barcamp in Leipzig frug mich jemand: „Wenn du sagen müsstest, wie das erste Jahr freiberufliche Jahr war, von eins bis zehn, was würdest du sagen?“ Zehn plus.

<Werbeblock>:

Ich helfe, dass sich Menschen und Unternehmen aus sich selbst heraus weiterentwickeln. Ich begleite Teams und Führunsgkräfte. Ich unterstütze, Mitarbeiter*innen im Unternehmen zu halten und sie zu gewinnen. Ich gebe auch Seminare dazu – und zu Kommunikation und guten Geschichten. Mehr dazu.

</Werbeblock>

Das Erstaunliche: Ich war seit Beginn der Selbstständigkeit nicht krank. Kein Männerschnupfen, nix. Das ist mir seit mehr als 20 Jahren nicht passiert; normalerweise beginnt die Erkältungszeit, und ich liege danieder. Ich rechne es meiner Ausgeglichenheit zu: mehr Freude, mehr Selbstbestimmtheit, mehr Sinn.

Schlechteste Entscheidung:
Freiberuflich arbeiten. Ich werde fluchen. Ich werde zweifeln. Ich werde hadern. Und am Ende wird alles gut werden. 

Kommt sicher noch.

Beste Anschaffung:
Das Auto, das ich mir kaufe. Es ist mein erstes Auto – was sich ein bisschen seltsam anfühlt, immerhin fahre ich seit mehr als 20 Jahren, und ich fahre nicht wenig, sowohl Auto als auch Bahn, aber ich habe noch niemals ein Fahrzeug gefahren, das auch auf meinen Namen angemeldet war. Ich werde es jeden Morgen streicheln und vielleicht auch in aller Öffentlichkeit mit einem Mikrofasertuch abfeudeln. Ich kann für nichts garantieren.

Es heißt Olga, ist ein Tschechenlaster und das schönste Auto, das in Dortmund herumfährt. Es kann Musik abspielen und einen warmen Po machen. Es hat mich 20.000 Kilometer kutschiert. Ich habe mir im Baumarkt  Tücher gekauft, um im Innenraum durchzufeudeln, habe Olga schon dreimal ausgesaugt und nach dem Waschen poliere ich ein bisschen nach.

Außerdem eine gute Anschaffung: der Kärcher-Fenstersauger. Es besteht die berechtigte Annahme, dass ich in 2018 mehr als zweimal meine Fenster putzen und meine Nachbarschaft deshalb gänzlich anders, deutlich weniger diffus wahrnehmen werde. Ich spiele sogar schon mit dem Gedanken, die Fenster des Gewächshauses damit zu putzen. Im Dezember! Zu Hülf!

Dämlichste Anschaffung:
Vermutlich ein Kleidungsstück, das mir fast passt. Nur noch minus fünf Kilo.

Es ist eine Hose, und sie wird mir sehr bald passen. 2022.

Schönster Absturz:
Ich stürze nicht ab. Ich betrinke mich nur intensiv. 

An dieser Stelle danke ich dem Herrgott und meinem Vater für das Gen-Paket „Trinken ohne Reue“. Danke, Papa. Danke, Götter. Hallelujah.

Bestes Getränk:
Cocktails von Björn. Sie sind allesamt gerne eingeladen, die Cocktails von Björn zu toppen und mich auf etwas Besseres einzuladen. Wird aber schwierig.

Riesling vom Weingut Erbeldinger in Bechtheim, getrunken im Sauerland auf einem 50. Geburtstag. Riesling aus Keine-Ahnung-Wo, ebenfalls getrunken im Sauerland auf einem 40. Geburtstag, andernorts. Weißer Burgunder vom Weingut Didinger in Osterspai, getrunken in Mülheim, anlasslos, und in der eigenen Küche mit der Kreisläuferin, ebenfalls anlasslos. Beide Weingüter sind sehr zu empfehlen. Caipirinha in Leipzig: Im Osten kriegt man Alkoholmengen in die Cocktails, alter Schwede; ich war benommen.

Ekelerregendstes Getränk:
Seit ich mit mir überein gekommen bin, dass Tomatensaft und Filterkaffee in meinem Leben keine Rolle spielen, ist die Gefahr eines ekelerregenden Getränks geringer geworden. 

Ein Gurkensmoothie. Fragen Sie nicht. Ich dachte, es sei etwas mit Frucht. Er hat mich kalt und schleimig erwischt.

Beste Musik:
Konzert. Phil Collins im Juni in Köln.

Der alte Mann war gut. Im Radio kann ich ihn nicht länger als ein halbes Lied lang anhören. Auf seinen Konzerten allerdings mag ich ihn. Gute Arbeit, Phil. Gute Arbeit, Phils Sohn.

Beste Lektüre:
Meine Amazon-Wunschliste ist lang, außerdem gibt es noch eine Kindle-Wunschliste. Dazu viele gute Blogbeiträge, journalistische Reportagen – ich bin sicher, ich werde literarisch glücklich werden. 

In 2017 habe ich wenig gelesen. Gelesen, gehört und für gut befunden habe ich:

  • Judith W. Taschler: Die Deutschlehrerin – unaufgeregt, prima Stilmix.
  • Kristof Magnusson: Arztroman – Endlich mal eine gute Frauenfigur ohne Kitsch.
  • Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg – Bislang tatsächlich noch nicht gelesen, in 2017 nun gehört. Hat einige Längen. Zum Hören auf langen Autofahrten aber prima.
  • Monika Gruber: Man muss das Kind im Dorf lassen – Auch gehört. Habe mich gut amüsiert. Sollte man wegen des dialektalen Vortrags von Frau Gruber lieber hören als lesen.
  • Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich – Ebenfalls gehört. Habe mich sehr gut unterhalten gefühlt.
  • Daniel Glattauer: Darum – Eine Geschichte fast ohne Handlung, und doch war ich aufs Ende gespannt.
  • Fabio Volo: Einfach losfahren – Kein Mann schreibt besser übers Leben und über die Liebe.

Schönster Moment:
Bestimmt etwas mit Liebe und Knutschen.

Ääh … nein. Das Gegenteil. Liebe und Knutschen wären für 2018 schön. Gibt’s Kandidaten? Ich habe etwas vorformuliert, bin mir aber nicht sicher, welchen Ansatz ich wählen soll.

Sportlich:
„Kalendergirl, solider Gesamtzustand, leichte Dellen, sucht Trainigspartner mit Sinn für Teamplay und gute Passwege.“

Gärtnerisch:
„Gänseblümchen sucht Löwenzahn zur gemeinsamen Eroberung von Grünflächen.“

Sonntäglich:
„Platz auf dem Sofa frei. Nutellalöffeln möglich. Leihjogger vorhanden.“

Oder kurz und knapp kulinarisch:
„Waffelliebhaberin hat Herz zu verschenken.“

Was meinen Sie?

Die meiste Zeit verbringen mit:
Mir. Am Schreibtisch. Im Garten. In Projekten bei Kunden. In Seminaren. Beim Laufen um den See. Im Fitnessstudio. Auf Reisen.

Kunden. Wer hätte das gedacht? Ich schätze auch, dass ich in noch keinem Jahr so viel Zeit mit anderen Menschen geteilt habe: Kunden, Freunden, Menschen auf Barcamps. Großartig.

Gelaufen bin ich leider wenig. Weil ich viel bei Kunden war – was unterm Strich mehr als in Ordnung geht. Und weil ich zweimal langwieriger verletzt war. Nichts Wildes, aber leidig (das Alter, Leute; es lässt sich nicht leugnen). Fürs Fitti ist mir der Rhythmus abhanden gekommen. Ich bin gerade dabei, mich zu reorganisieren. Vorsatz für 2018: wieder mehr Sport.

Die schönste Zeit verbringen mit:
Reisen. 

Ich war in Bern, in Heidelberg, in Berlin, in Dangast, in Leipzig, , in Darmstadt, auf Norderney und im Osnabrücker Land. Und in Wuppertal, sogar in einer Herrenboutique – das sollten wir nicht unerwähnt lassen. Ich war allerdings wenig im Ausland, nur einmal in der Schweiz. 2018 kann das gerne anders werden.

Vorherrschendes Gefühl 2017:
Freudige Anspannung.

Jo.

Kommissar Rex

28. 11. 2017  •  11 Kommentare

Nicht das erste Café am Platze, aber das erste Café, wenn man die Fußgängerzone betritt. Ich setze mich neben die Gruppe Rentnerinnen: Silberschopfe um Kaffeetassen, gelassenes Schweigen, Rühren, Schlürfen.

Eine vierte Dame betritt die Szene, Tweedkostüm, Stockschirm.
„‚Nmorgen Ladies.“
„Hilde! Nein! So schön, dich wiederzusehen!“ Großes Hallo. „Geht’s dir besser?“
„Fühle mich wieder wie 50. Hundertzehn Blutdruck heute.“
„Haaaach, wie schön! Dann können wir Baileys trinken.“
Gelächter.

Hilde setzt sich. „Hundertzehn ist zu niedrig. Ich hab Schwindel.“
„Gehst du zum Müller?“
„Seit Januar.“
„Der macht mich auch immer schwindelig.“
Gelächter.

Zur Thekendame: „Machste mir ’n Kakao? Mit Sahne, bitte.“
„Was macht Jürgen?“
„Hüfte.“
„Immer noch?“
„Ich sach‘ nur noch ‚Mein kleiner Schäferhund‘ zu ihm.“
„Kommissar Rex.“
Gelächter.

„Er war ja sogar bei der Kripo.“
Japsen. Augen trocken tupfen.

„Wird er denn bald operiert?“
„Ist er doch schon!“
„Ach, und immer noch …“
„Die andere Seite muss noch.“
„Herrje. Wie bei meinem Gerd.“

Der Kakao kommt.
„Ist Schuss drin?“
„Ist es denn schon elf?“
„Hast Recht. Noch zu früh.“
„Zum Wohl.“
„Zum Wohl.“

#WMDEDGT: Oktober 2017

6. 10. 2017  •  5 Kommentare

Gestern war der 5. des Monats. Der Tag für:

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? (#WMDEDGT)

Eine Initiative zur Förderung des Tagebuchbloggens – Idee von Frau Brüllen. Sie sehen heute: einen Seminar-Tag.

06:50 Uhr

Wecker. Snooze.

07:00 Uhr

Wecker. Aufstehen.

Heute ist Seminartag: Ich bin am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Es ist die Woche vor dem offiziellen Semesterbeginn. Ich gestalte einen Tag für die Lehrredaktion Print/Magazin. Es geht um kreatives und gutes Schreiben.

08:15 Uhr

Das Seminar beginnt um 10 Uhr. Vor Veranstaltungen bin ich immer eine Stunde früher vor Ort, um den Raum vorzubereiten, nochmal meine Materialien zu sichten, die Teilnehmer*innen willkommen zu heißen und einen Kaffee zu trinken.

Ich breche also daheim auf. Die Stadt Dortmund hat sich vor einigen Wochen überlegt, zwei Einfallstraßen aus dem Süden komplett zu sperren . Als ob das in einer 600.000-Einwohner-Stadt nicht bereits ausreichte, um Ungemach zu verursachen, sind zusätzlich zwei Auffahrten auf die Ausweichstrecke gesperrt (Wer denkt sich sowas aus?!). Es herrscht ein sensationelles Chaos. Ich benötige eine Stunde für die knapp zwölf Kilometer lange Strecke.

10:00 Uhr

Seminarbeginn. Wir starten mit kleinen Aufwärmübungen: „Dein Morgen ohne Verben“. Danach geht es weiter mit klassischen Darstellungsformen und ihrer Verwendung im Magazin. Wir machen eine Übung für alternative, freie Darstellungsformen.

13:00 Uhr

Mittagspause. Zum Nachtisch kaufe ich eine Waffel. An der TU gab es bis vor kurzem die besten Waffeln Dortmunds. Dagegen konnte jeder Bäcker einpacken: hell, weich, ein schlichter, aber guter Teig, nicht zu süß. Regelmäßig eine glatte 10 auf der Internationalen Waffelskala™.

Der Waffelverantwortliche der Mensa hat jedoch das Waffelkonzept geändert: Es gibt nun Waffeln aus einem Poffertje-artigen Eisen. Keine Veränderung zum Guten: nur noch lieb gemeinte 8 Punkte.

14 Uhr

Es geht weiter im Seminar – mit Perspektivwechseln. Danach zeige ich eine Methode, wie man Themen konkretisiert. Außerdem beschreiben wir Menschen, ohne Adjektive zu benutzen. Denn: Adjektive sind die Pest. Sie sind wertend, nehmen dem Leser seine Autonomie und bevormunden ihn.

17 Uhr

Ende des Seminars. Ich halte noch ein Schwätzchen erst mit Studenten, dann mit meiner Auftraggeberin. Dann fahre ich heim.

18 Uhr

Stau auf dem Heimweg – wer hätt’s gedacht. Dieses Bundesland ist eine Katastrophe. Schon am Tag zuvor war ich Teil von 400 Kilometern Stau. Beziehungsweise: Ich war der Teil, der nicht mal in den 400 Kilometern enthalten war, denn mein Stau war zur Autobahn hin und von der Autobahn weg  – gezählt wird ja nur auf der Autobahn. Ich gebe nochmal 15 Kilometer kostenlos dazu.

Ich würde so gerne sagen: „Man müsste mal …!“, doch ich weiß selbst keine Lösung für die unsägliche Verkehrssituation in Nordrhein-Westfalen. Nur eins ist klar: Da muss richtig viel Geld reingepumpt werden. In Schienen, in Straßen, in Radwege. Dazu der Mut und der Wille, intensiv alternative Konzepte zu erproben, denn allein über Schiene und Straße wird das nicht funktionieren.

Es ist absurd, dass ich für die Strecke vom Vortag regulär 35 Minuten mit dem Auto benötige – real aber 80. Mit dem ÖPNV würde ich allerdings 2:20 Stunden brauchen – mit dreimal Umsteigen. Wenn alles klappt. Das ist alles ein Witz.

Wie dem auch sei. Ich nutzte die Heimfahrt, um mit einer Kundin noch Details für einen Auftrag am kommenden Dienstag durchzusprechen.

20 Uhr

Training mit den Kalendergirls. Ich bin derzeit Halbinvalide wegen einer Lappalie, die ziemlich weh tut und leider auch keine Lappalie bleibt, wenn man sie nicht auskuriert. Deshalb turne ich am Rand mit Thera-Bändern. Mit Thera-Bändern kann man durchaus ernsthaft arbeiten, und wenn man das tut, hat man am nächsten Tag deutlichen Muskelkater. So wie ich heute.

22:30 Uhr

Daheim. Ich schaue in der ARD-Mediathek noch zwei Dokus. Über Kommissare, die alte Fälle wieder aus dem Archiv geholt und gelöst haben, und über Handwerker, die keine Ausbzubildenden finden. Ich finde die Links jetzt nicht.

00:00 Uhr

Bett.

Pizzeria in Strandnähe

6. 09. 2017  •  12 Kommentare

Sie setzen sich an den Nebentisch: Er, sie und ein Junge.

Er, ein Mann so mittelalt, wie es sonst nur Gouda ist, Haarkranz, Herrensandale und kariertes Hemd. Die Haare rasiert er sonst kürzer, das sieht man. Doch im Urlaub sind sie gewachsen, einige Millimeter nur, und schon sieht er plötzlich seinem Vater ähnlich. Sie hat lange, dicke Haare mit mehr Grau als Schwarz, Fleecepullover, Trekkinghose. Eine Frau mit der Aura von Sandelholz. Neben ihr sitzt der Junge: kein Kind mehr und auch noch kein Erwachsener, schlaksig, seine Augen blicken ins Leere. Es strengt ihn an, keine Sandburgen mehr zu bauen; er hält aus, den ganzen Urlaub schon.

Sie blättern in der Karte, und der Mann sagt: „Nehmen wir Bruschedda vorweg?“ Er sagt Bruschedda, mit Sch wie Schürfwunde und zwei D.
Sie sagt: „Sicher“, und fragt den Jungen: „Und du? Wieder Prosciutto?“
„Jo“, antwortet der Junge und rutscht mit dem Hintern näher an die Kante des Stuhls. Er liegt nun halb und fläzt sich unter den Tisch.
Der Mann fragt: „Nehmen wir Bruschedda vorweg?“
„Hab ich doch gesagt“, sagt sie und blättert weiter in der Karte.
„Was hast du gesagt?“
„Dass wir Bruschetta nehmen.“
„Also ja.“
„Hab ich doch gesagt.“
Schweigen.
„Du musst dann aber auch was mitessen“, sagt er, und zu dem Jungen: „Im Restaurant sitzt man ordentlich.“ Pause. „Willst du auch Bruschedda?“
„Was isn das?“, fragt der Junge.
„Brot mit was drauf.“
„Nee.“
„Also nicht.“
„Nee.“
„Aber nicht, dass du hinterher doch was willst.“
„Will ich nicht.“
„Nu setz dich mal richtig hin“, sagt sie und knufft dem Jungen den Ellbogen in die Rippen.

Der Junge stützt sich mit beiden Händen auf die Stuhlfläche und schiebt sich hoch. Er legt einen Arm auf den Tisch und tippt mit dem Zeigefinger auf die Zinken seiner Gabel. Der Griff wippt auf und ab.
„Dich kann man auch nirgendwo mit hinnehmen“, sagt der Mann.

Die Kellnerin kommt. Er sagt: „Für mich einmal die 36. Dann noch die 12 und was nimmst du, Schatz?“
„17.“
„Und einmal die 17. Und vorweg zweimal Bruschedda.“
Die Kellnerin sammelt die Karten ein und geht.

Sie fragt: „Wieso jetzt zweimal Bruschetta?“
„Er isst auch was mit“, sagt der Mann.
„Ich hab gesagt, ich will kein Brot“, sagt der Junge.
„Am Ende nimmst du doch was.“
„Nehme ich nicht.“
„Ist ja egal jetzt.“

Sie schweigen. Draußen biegt der Wind die Bäume.

„Morgen müssen wir dann mal sehen“, sagt er. „Wie das Wetter wird.“
„Sehen wir dann ja“, sagt sie.
„Ob wir dann nochmal an den Strand gehen oder doch was anderes machen.“
Der Junge wippt mit der Gabel. Der Mann langt über den Tisch, greift die Gabel und legt sie neben seine eigene. „Damit ist jetzt Schluss“, sagt er.
„Lass ihn doch“, sagt die Frau.

Der Mann lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor dem Körper. Der Junge fläzt sich wieder unter den Tisch und verschränkt ebenfalls die Arme. Der Wind heult. Die Frau faltet Knicke in ihre Serviette.
Nach einer Weile sagt der Mann: „Ich rauch‘ noch eine, bevor das Essen kommt.“ Er steht auf und geht den Gang hinunter. Die schwere Tür schlägt hinter ihm ins Schloss.

„Er nervt“, sagt der Junge.
Sie schweigt und faltet.



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