Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Mein Büro ist ein Zentrum der Wertschöpfung.

Besonders, was die Finanzierung meines Lebens durch Pfandflaschen angeht. Kaum schaue ich ein paar Tage nicht hin, vermehren sie sich unkontrolliert. Eine offensichtlich verbreitetes Mysterium – zumal im Foyer meines Arbeitgebers ein Getränkeautomat steht.

Der Arbeitgeber hat das Problem erkannt und steuert nun mit einem Pfandautomaten dagegen. Dieser nimmt allerdings, obwohl anders konzipiert, jede Flasche nur einzeln an. Nach jeder Flasche zahlt er 15 Cent aus, in Fünf-Cent-Stücken. Bei zehn Flaschen sind das 1,50 Euro oder 30 Fünf-Cent-Stücke. Das macht nicht nur die Geldbörse dick wie Guilia Siegels Dinger. Man wird die Münzen auch schwierig wieder los.

Gehen Sie mal in eine Bäckerei, kaufen Sie zwei Brötchen und bezahlen Sie mit Fünf-Cent-Stücken. Die Leute hinter Ihnen revidieren unverzüglich ihre Meinung über samstags einkaufende Rentner und demonstrieren Ihnen ungefragt, wie ostentativ sie ausatmen können. Man glaubt, man sei im Yoga-Kurs; oder bei der Geburtsvorbereitung. Die Verkäuferin fragt indes – und das hört man auch selten: „Haben Sie es nicht ein bisschen größer?“

Die Szene wiederholt sich in der Kaffeebar, im Ghettonetto und wo auch immer Sie hingehen. Ergänzend stellt sich ein zweites Phänomen ein: Wenn Sie krumme Beträge brauchen, um die kleinen Braunen loszuwerden, kostet Ihr Einkauf nur glatte Summen – egal, wie viele Teile Sie aufs Band legen. Versuchen Sie es mal.

Ich könnte die Cents nun sammeln, um etwas Schönes daraus zu basteln. Dann bin ich vorbereitet, wenn wieder jemand heiratet.

Man denkt gemeinhin, Nerds seien vorwiegend Männer.

Ich möchte an dieser Stelle eine Theorie präsentieren. Nämlich, dass es auch weibliche Nerds gibt, deren Nerdigkeit allerdings sozial nicht als solche anerkannt ist.

Nerd, der, -s, -s, Mensch, der sich durch autodidaktische Vertiefung in ein Spezialthema auszeichnet, einschließlich Pflege der dazugehörigen Fachsprache (Technolekt). Oftmals sozial isoliert bis hin zum Autismus, lediglich kompatibel mit ebenso nerdiger peer group. Optisches Auftreten geprägt durch stereotypen Kleidungsstil. 

Nehmen wir nun das Themenfeld „Nagelmodellage“. Betrachten wir Frauen, die sich mit Hingabe dem Verzieren ihrer Fingernägel widmen. Frauen, die ihre Nägel in Heimarbeit mit Mustern, Linien und Strasssteinen verzieren; die sich an ungezählten Abenden und unter Inkaufnahme hoher Sachausgaben mit zunächst fragwürdigen Ergebnissen das Spezialwissen einer Modellage-Meisterin im 40. Berufsjahr aneignen. Frauen, die Fachvokabular wie „Free-Edge“ oder „Wettglaze“ völlig selbstverständlich in Gegenwart Dritter benutzen; die sich mehrere Stunden über die unterschiedliche Qualität von Pinchklemmen unterhalten; die dir ungefragt die Vorteile der Bananen-Bumerangfeile in unterschiedlicher Körnung erklären und mit empörtem Unverständnis reagieren, wenn Du sagst, Du seist nur ein gewöhnlicher Klippser. Frauen, die dazu uniform eine gebleichte Dauerwelle tragen, mindestens aber einen flotten Kurzhaarschnitt mit dreierlei Strähnchen; obligatorisch dazu Modeschmuck und der Besitz von Kleidung in Tigeroptik.

Was unterscheidet diese Frauen vom gemeinen Amateurfunker?

Sehen Sie. Ich sag’s ja.

Gestern beim Aufräumen gefunden:

Katz und Sittich

Die Katze gehörte den Nachbarn. In dem Käfig befand sich ein Fink, zu dem ich eine Beziehung aufgebaut hatte. Er hieß Pumuckl. Zum Zeitpunkt der Bildaufnahme flog er aber so schnell durchs Gehäuse, dass man ihn jetzt nicht sehen kann. Lichtgeschwindigkeit, im Grunde.

Das im Vordergrund bin ich. Die Schürze habe ich um, weil ich zum Pflaumendöppen oder Dickebohnenpulen versklavt war.

Die Socken in den Sandalen trug man so. Wegen der Fußkälte, die 1984, vor dem Klimawandel und zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, noch herrschte.

Das Ghettonetto hat eine entscheidende Schwäche:
Es hat zu wenig Einkaufswagen. Besonders an den Publikumstagen Freitag und Samstag befinden sich keine in der Parkschleife.

Ich stehe neben den Kassenbändern und warte auf das nächste frei werdende Wägelchen. Eine knittrige Mittdreißigerin bezahlt Formfleisch, Fertiggerichte und zwei Dosen Tabak und räumt alles in ihren Einkaufswagen. Ihr struppiges Haar ist verblichen. Ihre Tochter, ein blondes Herzchen mit Hello-Kitty-Sandalen, schüttelt eine gelbe Ghettonetto-Tüte auf und beginnt, die Sachen einzupacken.

„Geh wech mitte Tüte!“ herrscht die Knittrige sie an, und das Mädchen erschrickt. „Geh da vorne inne Ecke damit. Die Leute sollen ruhich auf unsern Wagen watten. Ich watte auch schon mein ganzes Leben auf ’nen Prinzen.“

Als sie alles eingepackt hat und die Tüte am langen Arm hält, schiebt sie mir mit der freien Hand den Wagen rüber. „Hier“, sagt sie. „Kannze haben. Und von dem Chip, der da drin is‘, kannze dir auffe Kirmes ’ne Rose schießen. Macht sonst eh keiner.“

Dann fasst sie ihre Tochter zwischen die Schulterblätter und schiebt sie zur Tür hinaus.

  1. Gradmesser für die Qualität einer Eisdiele ist die Schokoladigkeit des Schokoladeneises.
  2. Die Schokoladigkeit korreliert mit der Größe der Splitter in Stracciatella.
  3. Spaghetti-Eis ist die Missionarsstellung unter den Eisbechern: furchtbar gewöhnlich, macht aber trotzdem immer wieder Spaß.
  4. Das Beste am Spaghetti-Eis ist der gefrorene Sahnekern.
  5. Fruchteisbevorzuger grillen sich auch Sojawurst.
  6. Alle Eisdielen heißen „Venezia“, weil selbst dem Zwen seine Omma dat gut aussprechen kann. Anders als „Gelateria San Gimignano“.
  7. Bananensplit ist wie Mario Barth: ‚Ne fiese Sache, trotzdem mögen ihn viele.
  8. Waffelverweigerer essen die Butterbrezel auch mit Becel.
  9. Je kevinchantalle, desto Schlumpfeis.
  10. Macadamia Nut Bite ist zwar nicht italienisch und auch nicht handgemacht, aber auch nicht schlecht.
[inspiriert von @FrauZimt]

Dass sie dick ist, wurde mir vorab angekündigt.

„Die Steffi, die ist vielleicht dick.“
„Sie wird jedesmal dicker.“
„Nach der Schwangerschaft hat sie es ja nie wieder runtergekriegt.“
„Jetzt lässt sie sich den Magen wegnehmen.“
„Dabei hat sie doch schon ein Magenband.“
„Das hat sie sich weiten lassen.“
„Hat sie?“
„Sonst wäre sie doch nicht wieder so fett geworden.“

Steffi, das weiß ihre Schwägerin, wiegt 140 Kilo auf einsfünundsiebzig. Beim österlichen Mittagessen hat die Verwandtschaft ein waches Auge auf ihren Teller – und den ihres Sohnes.

„Hast Du gesehen? Ihr Teller schwamm vor Soße.
„Und der Junge. Schon vor dem Mittag Schokoladeneier.“
„Da sieht man, woher es kommt.“
„Aber es ist doch Ostern.“
„Omma! Auch an Ostern kann man Maß halten.“
„Aber doch kein Zweijähriger.“
„Gerade bei ihm müsste sie aufpassen. Ihm liegt das Dicksein doch schon in den Genen.“

Mit Steffi sprechen sie natürlich nicht darüber.

„Ich kann mit ihr einfach nicht darüber reden.“
„Ich auch nicht.“
„Sie nimmt sich nicht einen Ratschlag an.“
„Wenn ich so dick wäre, würde ich mir von den Dünnen doch mal etwas sagen lassen.

Is‘ klar.

Er schrieb mich nett an.

Ich schrieb nett zurück – und erhielt sodann folgende Antwort:

Betr.: Re: Re: Hallo!

Hallo Nessy,

danke für deine Nachricht. Ich finde es allerdings feige, dass du sie nur mit deinem Pseudonym und nicht mit deinem richtigen Namen unterschreibst. Ich finde Kennenlernen über das Internet sehr schwierig und Pseudonyme deshalb nicht gut. Aber weil Ostern ist, antworte ich dir jetzt trotzdem. Vielleicht können wir danach ja mal telefonieren […]

Mmmh.

Betr.: Hasi Hasi machen

Hallo Flirtfreund,

Ostertage – Eiersuche. In Deinem Text sind faule Eier versteckt. Finde sie, dann klappt’s auch mit dem Hasi-Hasi-Machen.

Frohe Feiertage!

Das habe ich natürlich nicht geantwortet, aber … mannomann.

So ein Rückenleiden, Sie kennen das sicherlich, lässt selbst die kleinsten Dinge zur Herausforderung werden.

Mein Leiden ereilte mich ja nun im Bad, wo ich, frisch der Dusche entstiegen, stand, wie die Götter mich schufen. Um nun zum Arzt zu gehen, musste ich mich zunächst ankleiden – alles andere wäre mir unangenehm gewesen, auch wenn mir im Allgemeinen wenig peinlich ist.

Das profanste Kleidungsstück ist in solch einem Fall zugleich das schwierigste: der Schlüpfer. Krumm wie eine welkende Tulpe stehe ich im Schlafzimmer, eine frisch Aloe-Vera-gecremte Blume mit kaltem Tau auf der Stirn. Mit der linken Hand stütze ich mich am Kleiderschrank ab, die rechte fischt den ersten erreichbaren Slip aus der Schublade, schüttelt ihn aus und hält ihn in die Luft wie der Dompteur den brennenden Feuerreifen. Mein linkes Bein nimmt Anlauf, stößt beherzt zu … doch, ach – verpasst, das Loch.

Der nächste Versuch endet ebenso. Beim dritten verheddern sich drei Zehen im Stoff, und ich stürze fast aufs Bett. Ein würdeloses Schauspiel, während die Morgensonne durch die Gardinen scheint und die Szenerie in blasshelles Frühlingslicht taucht.

„Größere Löcher, weniger Stoff“, denke ich, im Ansatz verzweifelt. Mit klammen Fingern durchsuche ich die Strings und finde schließlich dieses glänzend-weinrote, maximal pornöse Teil mit der dicken, schwarzen Schleife über der Poritze. Uninteressant, wie es in meine Schublade kommt – nur so viel: Es hat etwas mit Junggesellenabschied, nicht aber mit Erotik zu tun.

Beinahe behende steige ich ein – ich muss ja nur ein schmales Band überwinden.

Und nun, liebe Leser, stellen Sie sich bitte vor, wie ich mit der grazilen Verve einer anlandenden Robbe, in einem glänzend-roten, mit einem großen Tüllpropeller besetzten Ritzenputzer bäuchlings auf die Liege des fast 70-jährigen Chirotherapeuten krabbele, während dieser, in seiner Professionalität über alle Leibwäsche erhaben, taktvoll schweigt.

Nein, mir ist nichts peinlich. Es gibt für alles, was ich tue und trage, gute Gründe.

Ich bin nun wahrlich keine wehleidige Susi.

Aber so eine Blockade des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks ist ambitioniert. Da muss man den Schmerz schon ordentlich runteratmen. Der Schweiß steht wie Suppe auf der Stirn.

Dabei habe ich nichts Besonderes gemacht, sondern mich nur leicht nach rechts gedreht, um bei der Morgentoilette nach der Haarbürste zu greifen. Plötzlich fährt es mir – gar nicht mal blitzartig, mehr wie eine Welle – in den Rücken. Ich denke noch: „Sofort bewegen! Geh ins Wohnzimmer, geh durch die Gegend!“ Aber die Sache ist schon gelaufen.

Ich fummle mich in eine Hose und fingere mir Socken und Schuhe an die Füße. Wäre ich Schauspielerin, meine Paraderolle wäre jetzt die Hexe aus „Hänsel und Gretel“. Gebeugt schlurfe ich zum Chirotherapeuten.

Der Chirozauberer drückt, prüft, dreht mich, wendet mich, betäubt den Wirbel, verknotet mich – und ein helles, vernehmliches *Knack kommt aus dem Rücken.

„Sie haben eine sehr gute Muskulatur“, sagt er. „Aber auch eine sehr gute Bänderschwäche. Machen Sie unbedingt weiter Sport.“

Die Vorbereitungsvorbereitung läuft, Herr Doktor. Heute allerdings nicht mehr. Heute futtere ich nur Diclofenac und hänsel und gretel noch etwas um den Block.



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