An meinem Geburtstag haben mir wohlmeinende Menschen einen Gutschein geschenkt: 60 Minuten Thaimassage für absolute Entspannung.
Der Laden ist klein, türkis und voller Holzstatuen. Er duftet nach Ölen. Über der Theke hängt ein Schild: „Keine Erotik!!“ Aus Lautsprechern, die mit Plastik-Orchideen berankt sind, kommt Plingpling. Eine kleine Frau tritt mir entgegen. Sie ist halb so groß wie ich. Sie ist auch nur ein Drittel so schwer, eine Elfe.
„Frau Nessy, ja?“ fragt die Elfe meinen Bauchnabel. „Komm u mit. Ha u scho macht die Thaimassaasch?“ Es ist ein bisschen schwierig, sie zu verstehen. Ich sage: „Das erste Mal.“ Sie nickt bedeutungsvoll: „Da wird ei besonder Lebnis.“
Wir gehen hinter einen Vorhang. Ich bin guter Dinge, streife mir die Thai-Schlabberhose über, lasse mir die Füße waschen und lege mich bäuchlings auf das Massagebett. Die Elfe sagt: „Ma du dich ganz entspannt. Is Entspannung.“ Sie massiert meine Füße, nimmt meine Beine und drückt sie leicht gegen meinen Po. Dann streicht sie mir Öl über den Rücken, wiegt plötzlich 100 Kilo und stemmt sich in meinen Rücken. Es fühlt sich an, als würde ein Schaufelradbagger mein Schulterblatt in meinen Hinterkopf rammen. Ich ächze leise. Der Bagger ist unbeirrt. Auf seinem Ellenbogen balanciert er zwischen meiner Schulter und meiner Wirbelsäule. Ich ächze lauter.
„I ni entspannend, nein?“ fragt er. „Doch, doch“, stöhne ich. „Tu bissi weh?“ fragt er. „Hhhhhaaaaa“, röhre ich mit der letzten Luft, die er mir aus den Lungen presst. Ich erinnere mich an den Satz „Der Masseur erreicht oft die Nähe der Schmerzgrenze“, den ich vorab gelesen habe. Nett formuliert.
Während der nächsten 45 Minuten knackt es. Es kribbelt. Es ziept. Der Bagger kniet auf meinem Oberschenkel, meiner Hüfte, drückt Akkupressurpunkte, lehnt sich mit seiner Ellenbogenspitze so tief in meinen Körper, dass ich befürchte, er werde meinen Rippenbogen durchbrechen und mit seinem Arm in meinem Herzen stecken bleiben. Ich frage mich, ob ich das alles will. Irgendwann darf ich mich hinsetzen. Ich denke: „Dem Herrn sei’s gedankt, dann kann sie nicht mehr mit ihrem Knie in meinem Rücken stehen.“ Wie naiv von mir. Der Bagger nimmt meinen Kopf, dehnt ihn nach links und drückt mit seiner Handkante, die jetzt eine Maurerkelle ist, meine Schulter hinunter. Gleich wird in meinem Nacken etwas reißen.
Nach einer Stunde sagt er: „Soooo, ferti. Bissi Ingwertee, ja?“ Ich drehe mich um. Aus dem Schaufelradbagger ist wieder eine Elfe geworden. Sie lächelt milde. „Tate bissi weh, ja? I noomal. Ma i Duluckpunkte. Fur Energiefluss.“
Als ich den Ingwertee trinke, fühle ich mich warm, kribbelig, lebendig. Und sehr geschmeidig.
Ich sehe von meinem Sessel aus, wie ein schnauzbärtiger Mann in einem feschen Lederblouson den Laden betritt. Er hat auch einen Gutschein. „Ha u scho macht die Thaimassaasch?“ fragt ihn die Elfe und geht mit ihm zum Massagebett. Er verneint.
„Da wird ei besonder Lebnis“, sagt sie.
Oh ja. Wie wahr.




