Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Die Trainerin hat unlängst ein Kind geboren.
Deshalb macht sie jetzt Rückbildungsgymnastik. Sie hat eine DVD mit einem Zehn-Minuten-Programm, das ihren Körper wieder schön macht.

Nachdem sie erstmals diese DVD eingelegt hatte, kam sie gebeugt in die Halle. Was los sei, fragten wir. Ach, sagte sie, sie habe Rückbildungsgymnastik betrieben. Es sei ein Martyrium gewesen. Nach sechs Minuten habe sie abbrechen müssen. Aber jetzt wisse sie wenigstens, womit sie uns in der Saisonvorbereitung quälen könne.

Seitdem turnen wir in jeder zweiten Trainingseinheit für unseren Beckenboden. „Matten raus!“, ruft die Trainerin, wenn es soweit ist. Jede holt sich dann eine blaue Weichbodenmatte, breitet ihr Handtuch darauf aus und legt sich nieder. Das Ganze geht ohne Gerätschaften vonstatten, wir spannen unser Innerstes an, halten, lösen und schnaufen. Es sieht aus wie Schwangerschaftsgymnastik – was es ja auch ist.  Es ist tatsächlich auch ein bisschen anstrengend, allerdings nicht so, wie die Trainerin behauptet. Das sagen wir ihr aber nicht, damit sie sich nicht schlecht und unfit fühlt.

Inzwischen sind wir innen und unten total straff. Wir warten nun konzentriert darauf, dass es sich auch äußerlich zeigt.

Trotz des schweren Unglücks ist sie orange geworden:

Thorsten am 19. Juli 2011

Dass das Bild so grisselig ist, liegt an der klirrenden Kälte. Vielleicht ist's auch Schneegriesel, der vor die Linse weht.

Mich wundert ja, dass Thorsten überhaupt etwas zustande bringt – bei nur zehn Minuten Sonne am Tag. Mal unter uns Prickel-Pit-Schwestern und Kreidekästchenhüpfern: Waren die Sommer immer so? Ich meine: damals™.

Damals habe ich Tage – ach! Was sag‘ ich! Monate! im Freibad zugebracht. Dieser heimelige Geruch von Chlor und Frittenfett, was war das schön! Dazu Wassereis, das klebrig die Hände hinunterlief, und dicke, böse Jungs, die kleine, kreischende Mädchen vom Beckenrand schubsten und unter Wasser döppten.

Aber heute, im Juli 2011? Wäre da nicht diese kleine, tapfere Tomate, die mich fröhlich macht – die Novemberdepression hätte mich bereits im Griff.

Ich war Schuhe kaufen:

Mit neuen Radschuhen unterwegs

Neue Radlschuhe, neue Kombipedale

Vor dem Kauf hatte ich befürchtet, ich könnte zur Seite umfallen, mitten vor der Ampel, die Füße auf die Pedalen geklickt. Aber es funktioniert ganz einfach: reinschieben, rausdrehen. Ich bin entzückt von meinen neuen Radschuhen –

… bis ich gestern diese monströse 18-Prozent-Steigung hinauffahre. Auf zwei Dritteln des Weges denke ich schnaufend: „Oh, oh, oh, absteigen!“ – und komme mit dem linken Schuh nicht aus der Pedale. Ich drehe und ziehe. Aber sie steckt fest. Meine Kindheit zieht vor meinem inneren Auge vorbei, mein Leben und meine Lieben. Ich sehe mich Muscheln sammelnd an der Nordsee, in den Armen meiner Großmutter, verliebt im Opel Kadett und Hand in Hand am Strand von Viareggio. Im Hintergrund glühen die Berge, das Meer rauscht; noch einmal fühle ich all meine ersten Küsse auf den Lippen. Hätte ich Papier und Stift dabei, es wäre noch ausreichend Zeit, eine letzte Botschaft zu notieren, während ich in Zeitlupe auf den Asphalt kippe.

Ich schlage mit der linken Seite auf, erst mit dem Handgelenk, dann mit dem Knie und mit der Hüfte, und zum Schluss fühlt auch das andere Knie die Straße. „Mach dir keine Sorgen“, hat der Fahrradmann gesagt. „Das ist so eine Art Sicherheitsbindung, wie beim Skifahren. Wenn du umfällst, löst sie sich automatisch und du kannst dich abstützen.“ Kann ich nicht bestätigen.

Zum Glück kommt kein Auto. Ich winde mich unter dem Rad hervor und aus der Pedale heraus, schüttele mein knackendes Handgelenk, streichle kleine Steinchen aus den Schürfwunden, schiebe ein Stück und steige wieder auf.

Einmal muss das wohl passieren. Aber eins ist gewiss:
So elfenhaft wie ich ist noch niemand auf die Straße gekippt.

Hausarbeit ist ein Graus für jedes Projektmanagement.

Nehmen wir zum Beispiel den heutigen Morgen. Weil mein Rolladen-Gurt im Schlafzimmer gerissen ist, kommt ein Handwerker und repariert ihn. Dafür muss ich die Gardine abhängen. Dann kratzt der Handwerker die Tapete vom Rolladenkasten und öffnet ihn. Ein Riesendreck! Als er fort und die Jalousie wieder heile ist, blicke ich durch das nackte Fenster und sehe: Das ist ja total schmutzig. Nachdem ich es geputzt habe, bemerke ich: Boden vollgetropft! Um aber den Boden zu wischen, muss ich die Tapetenreste wegsaugen. Als ich den Staubsauger nehme, sehe ich: Beutel voll! Ich wechsle den Beutel, und als ich ihn wegwerfe: Mülleimer voll!

Verstehen Sie? Es ist ein Fass ohne Boden. Am besten ist es, nichts zu tun. Denn ist der erste Schritt gemacht, ist die Welle der Aufgaben nicht mehr aufzuhalten.

Thorsten hat sich das Rückgrat gebrochen.

Ich kam von der Schicht, und der Gute hing auf halb acht. Diagnose: gebrochener Stängel und ein herbes Weichteiltrauma durch zu schwere Früchte. Ich habe sofort Erste Hilfe geleistet und mit meinem Wäscheständer eine Extensionsbehandlung eingeleitet.

Marionette Thorsten

 Jetzt hängt Thorsten da wie eine Marionette. Aber er ist den Umständen entsprechend wohlauf.

Ein bisschen blöd ist natürlich, dass ich jetzt nur noch fünf T-Shirts gleichzeitig trocknen kann. Weil: Auf der anderen Seite hängt ja Thorsten. Aber was bedeutet diese Einschränkung schon in Anbetracht von 19 geretteten Tomatenleben?

Höchster Berg Spaniens: Pico del Teide, Teneriffa, 3718 Meter:

[vimeo 22439234 w=400 h=225]
Als ich dieses zauberhafte Video fand, war ich sofort wieder dort.

Ich bin im Januar 2010 von El Portillo zur Montaña Blanca unterhalb des Teide-Gipfels gewandert – ein Aufstieg von 2000 auf knapp 3000 Meter, zehn Kilometer hinauf, zehn wieder hinunter. Es war die anstrengendste Wanderung, die ich je unternommen habe. Nicht der Strecke oder der Höhe wegen, auch wenn es bisweilen steil war – sondern wegen des Windes. Unablässig fiel er den Berg herunter und mir entgegen. Mein Gesicht brannte. Meine Ohren dröhnten. Er war kurz davor, mich fertig zu machen.

Für die ersten 7,5 Kilometer brauchten wir drei Stunden.

Die ersten 7,5 Kilometer

Mit flatternder Hose am 7,5-Kilometer-Schild nach El Portillo

Auf der Montaña angekommen, blies der Wind so stark, dass ich kaum gerade stehen konnte. Mit Mühe und bebendem Arm machte ich ein Foto – ein einziges. Obwohl es für sich genommen sinnlos ist, einen Berg hinaufzulaufen, nur um hinunter zu blicken, ist das Gefühl, die Anstrengung überwunden zu haben und angekommen zu sein, befreiend und belebend. Ich bin dann sehr nah bei mir.

Am Fuße des Teide

Aussicht von der Montaña Blanca in die Ucanca-Ebene

Wir setzten uns hinter einen Felsen, tranken Wasser, aßen Baguette und Kekse. Viel Zeit war nicht. Denn für den Aufstieg hatten wir länger gebraucht als geplant. Als wir uns auf den Rückweg machten, waren die Schatten schon lang und die Wolken flossen wie Wasser ins Tal. Wir liefen fast, den Wind im Rücken. Am Ende war die Sonne hinter den Teide gesunken und unser Weg lag im Dunkel.

Kurz vor El Portillo

Kurz vor der Ankunft zurück in El Portillo

Als wir durch Lavafelder, Tannenwälder und Nebelwolken zurück an die Küste fuhren, war ich hundemüde. Im Hotel angekommen, duschte ich, aß Runzelkartoffeln, Dörrobst und würzigen Käse – es hätte kein besseres Mahl geben könnten.

Eins war noch am gleichen Abend klar: Sollte ich noch einmal nach Teneriffa reisen und fit genug sein, werde ich komplett aufsteigen – mit Übernachtung in der Schutzhütte und frühmorgendlichem Anstieg zum Teide-Gipfel.
(Der letzte Satz ist ein Beitrag aus dem Büchlein: Ziele, die ich noch habe.)

Stellen Sie sich vor, mein Herz sei eine Sonnenliege.

Ich weiß, das klingt ein bisschen eigenartig. Aber stellen Sie sich das bitte einfach vor: mein Herz, eine Plaste-Liege am Strand von Mallorca.

Es ist noch früh am Morgen, aber auf der Liege liegt schon ein Handtuch. Es liegt nicht dort, weil jemand früh aufgestanden ist und es dort hingelegt hat. Es liegt dort, weil es jemand vergessen hat. Weil sein Urlaub zu Ende war, er nach Hause geflogen ist, sein Handtuch aber liegen gelassen hat.

Das olle Teil ist jetzt sandbestäubt und ausgeblichen. Und um ehrlich zu sein: Es riecht auch schon. Aber der Urlauber kommt nicht wieder, um es wegzuräumen; nie mehr, obwohl noch Pfand auf dem Handtuch ist. Es kommt auch kein Hotelpersonal, das es mitnimmt; ein mobiler Aufräum- und Handtuchwegtrageservice ist nicht vorgesehen.

Vielleicht verstehen Sie, was ich meine. Vielleicht nicht. Jedenfalls: Ich wünschte mir, dass ein Sturm kommt und das Handtuch von meinem Herzen weht. Aber die Schönwetterperiode hält an.

Juchhu! Post!

Bücher aus Great Britain

Leihgabe aus einem fernen Land

„Einschreiben“ schallte es sonor durch den Hausflur – und kurz danach stand ein verschwitztes gelbes Männchen vor meiner Wohnungstür. „Einschreiben“, hechelte es noch einmal und drückte mir einen großen Umschlag der „Royal Mail“ in die Hand.

Wie aufregend! Post aus Übersee! Darin: drei Bücher, Shortbread und eine Packung Yorkshire Tea für glückliche Stunden mit der Lektüre.

Vielen Dank, Frau Charlotte!
Ich werde versuchen, nicht zwischen die Seiten zu krümeln.

Das Ghetto-Netto hat eine neue Kassierin.

Sie ist jung, blondgefärbt, trägt Glitzernagellack und verachtet ihre Kundschaft – all diese Menschen, die ihr ihre kostbare Lebenszeit stehlen, indem sie Waschmittel, Frischkäse und Kirschjoghurt kaufen. Mit zusammengekniffenen Augen und zu einem Strich gepressten Lippen hockt sie krummrückig hinter ihrem Scanner, ihr Blick ein Laserschwert.

Ihre schlagkräftigste Waffe ist aber nicht ihre Mimik. Ihr Dolchstoß ist das Kassenband, das sie mit Präzision und Niedertracht entgegen jeglicher Serviceregeln bedient. Ist der Kunde gerade dabei, Waren aufzulegen, hält sie es an. Zwischen ihr und dem Beginn der Waren sind noch zwei Armlängen Platz, aber sie kassiert zunächst den Vordermann ab, blind für die Bedürfnisse des Nachfolgenden, taub für seine Bitten. Erst, als sie damit fertig ist, stellt sie es wieder an – und wird gleichzeitig zur Besessenen, wenn sie beginnt, die Waren einzuscannen. Zwei, drei, vier Teile pro Sekunde. Piep! Piep! Piep! Piep! Mit ihren Glitzernägeln krallt sie sich die Packungen, zieht sie über den Scanner und wirft sie auf das Förderband hinter der Kasse. Man kommt gar nicht so schnell nach mit dem Einräumen. Man ist ja noch mit dem Auflegen beschäftigt. Jede eingescannte Ware schiebt die frischen Einkäufe zu einem Knäuel zusammen. Wasserflaschen zerpressen die Tomaten. Pfirsische bangen um ihr Leben. Das Band, das vorher nicht lief, läuft jetzt umso schneller. „23 Euro 3! “ brüllt sie dann. Und befiehlt: „Drei Cent!“ Sie fragt nicht, ob man es passend hat: Sie ordnet Kleingeld an.

Es nützt nichts, freundlich zu ihr zu sein. Es nützt nichts, besonders zuvorkommend zu lächeln. Es nützt auch nichts, ihr noch einen reinzudrehen und mit Karte zu zahlen. Sie bleibt die misanthropischste Kassiererin des Ruhrgebiets.

Man sollte Dieter Bohlen anflehen, sie auf seine Bühne zu lassen. Damit sie endlich berühmt wird, so wie es ihr zugedacht ist, und nicht mehr unsere Tomaten tötet.



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