Auf halber Strecke steigt eine Kindergruppe zu.
Kindergruppen sind der Graus für 99 Prozent aller U-Bahnfahrer, besonders morgens vor der Arbeit. Kommen Kinder, stehen alle auf und setzen sich weg. Ich hingegen mag Kinder-KiTa-Gruppen ganz gerne.
Ich sitze im Vierersitz mit Özlem, Frieda, Melek und Sebastian. Drei sitzen mir gegenüber, Melek sitzt neben mir. Sie stellen sich alle der Reihe nach vor und fragen mich, wie ich heiße.
„Nessy“, sage ich.
„Hihi“, sagt Melek.
Özlem hat eine geheime Superkraft: Sie kann mit beiden Augen zur Nase gucken. Sie führt es mir vor. Sie macht das wirklich gut. Sie sieht aus wie ein schielendes Kaninchen. So kann sie bestimmt auch über Kreuz heulen.
„Meine Mutter sagt, dass meine Augen irgendwann so stehen bleiben.“
Ich frage Özlem, ob sie meint, dass ihre Mutter Recht hat.
„Nöö“, sagt sie.
Frieda erzählt mir, dass sie eine Bifi mithat. Und Schokobons, die sie mit den anderen Kindern teilen soll. Sie weiß aber noch nicht, ob sie das macht.
„Du kriegst auch was von meinen Lakritzvampiren“, sagt Sebastian.
Frieda überlegt. „Na gut“, sagt sie.
„Willst du auch was von meinen Lakritzvampiren?“, fragt Sebastian.
Ich sage, dass ich bald aussteigen muss und bedanke mich.
Melek fragt, wann genau ich aussteige. Sie hat eine rosa Mütze mit Schmetterlingen auf.
„Nächste Station“, sage ich.
„Darf ich dann am Fenster sitzen?“
„Klar“, sage ich.
„Finde ich gut“, sagt Melek.
„Aber wir sind doch in U-Bahn. Du sieht doch gar nichts.“
„Ich stelle mir einfach vor, dass was vor dem Fenster ist.“
„Wir fahren in den Wald“, sagt Sebastian.
„Und was macht ihr da?“ frage ich.
„Bären fangen.“
„Gibt es dort viele Bären?“
„Weiß nicht. Werden wir sehen.“
Özlem sagt: „Wir lernen was über die Natur.“
„Ich kenne schon die Blätter“, sagt Melek. Sie spreizt ihre Hand. „Wenn das Blatt so ist, ist es von einer Kastanie.“
„Stimmt“, sage ich.
Ich muss jetzt aussteigen. Ich wünsche den Vieren einen schönen Tag. Melek rückt ans Fenster und winkt mir beim Abfahren zu.




