Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Frau Eva hat „Da gewöhnze dich dran“ gelesen und war zunächst skeptisch:

„Ich muss gestehen, dass ich diesem Buch recht misstrauisch gegenüber stand: Eine Bloggerin schreibt ein Buch – und dann noch über eine Region, in der ich geboren und aufgewachsen bin und heute immer noch lebe.“

Ich bin ja, ehrlich gesagt, auch immer skeptisch, wenn Blogger Bücher schreiben. Oder wenn Schauspieler plötzlich anfangen zu singen. Weshalb ich mir im Vorfeld gut überlegt habe, ob ich wirklich ein Buch schreiben soll. Lesen Sie Frau Evas Fazit.

Herr Marc hat auch gelesen und findet:

„und alleine weil nessy nicht nach berlin geht, ist das buch wunderbar.“

Von Berlin ist Dortmund ziemlich weit weg. Sehr weit. Nicht nur geographisch.

Vor Wochen erreichte mich eine Einladung.

Zur Heimatprimiz solle ich kommen. Ein ehemaliger Mitschüler schrieb mir, er werde zum Priester geweiht, und er freue sich, wenn ich bei seiner ersten Messe dabei sei. Ich fiel fast vom Stuhl – und freute mich wie ein Keks. Ich sagte zu.

Heimatprimiz

Jetzt ist so eine Primiz nicht gerade ein alltäglicher Anlass. Und die Tatsache, dass wir zwar losen Kontakt gehalten, uns aber nunmehr sechzehn Jahre lang nicht gesehen hatte, warf bei mir nicht nur die Frage auf, was man zu solch einem Ereignis anzieht (züchtig!), sondern auch, was ich schenken sollte. Ich schrieb einem Freund. Der Freund war eine zeitlang Mönch, ehe er seine Nächstenliebe zu sehr einer Frau zuteil werden ließ.

„Ich brauche deinen katholischen Rat“, schrieb ich, was den ehemaligen Mönch ganz aus dem Häuschen brachte, dachte er doch zunächst, er habe mich nun endlich bekehrt. Von den gängigen, im Fachhandel erhältlichen Devotionalien (Rauchgefäß „Jerusalem“, Mousepad „Kinder Gottes“) riet er ab, sagte aber, ich solle mir unbedingt den Primizsegen spenden lasse, er bringe besonderes Glück.

Am Tag der Primiz war ich zeitig in der Kirche und suchte mir eine hübsche Bank aus. Ich traf Schulfreunde, dann öffnete sich die hintere Kirchentür, die Orgel spielte, und ein Tross kam herein, getragen und feierlich, Männer in langen Gewändern, Priester, Diakone, Messdiener,  ein Fahnenträger. Ich zählte mit: Mehr als 35 Menschen waren es, die den Primizianten begleiteten, der, mit vor Aufregung geröteten Wangen, an mir vorüberschritt.

Als er dann vorne stand, als er uns mit zittriger Stimme begrüßte, als sie ihm sein Priestergewand überstreiften, ein Gewand, das sie in der Heimatgemeinde für ihn genäht hatten, als Chorgesang einsetzte und das Kirchenschiff mit einem Lied erfüllte, als der Schulfreund tief einatmete, als er lächelte, als er sich von Herzen bedankte, atmete auch ich tief durch – und spürte tiefe Dankbarkeit, dabeisein zu dürfen.

Am Abend saßen wir im Garten der Familie, auf einer Terrasse inmitten von Blumen, an genau jenem Ort, an dem wir uns sechszehn Jahre zuvor das letzte Mal getroffen hatten, zu einer ausschweifenden Party. Damals war das Wetter fantastisch, ein warmer Sommerabend, alle tanzten wie die Irren, es wurde dunkel, ich verliebte mich Hals über Kopf, die Nachbarn beschwerten sich über den Lärm, wir tanzten weiter, tranken Bowle, bestimmt habe ich auch geknutscht, ich weiß es nicht mehr, einer der Jungs improvisierte Rocksongs auf dem Klavier, am Morgen trug ich, müde und fröstelnd, den Pullover meines Lieblings und nahm ihn mit nach Hause. Den Pullover nur, leider.

Auf der Terrasse dieses rauschenden Festes sitze ich nun, während der Primiziant im Wohnzimmer Glückwünsche entgegennimmt, spüre noch die Hände seines Primizsegens auf meinem Haar, ein Segen, der, auch wenn ich nicht gläubig bin, mir dennoch eine Ehre ist, nicht um des Segens willen, sondern um des Segnenden. Als der erste Andrang sich gelegt hat, gratuliere auch ich ihm und, es geht nicht anders, drücke ihn, vor Freude für ihn und vor Freude, ihn wiederzusehen, fest an mein Herz.

(Geschenk, übrigens: „Das große Los“ von Meike Winnemuth.)

Lieblingsweets 06/2013:

https://twitter.com/DMehn/statuses/340423590283472896

https://twitter.com/BiIIMurray/statuses/341678629828317184

https://twitter.com/peterbreuer/statuses/341856112271843328

https://twitter.com/Ausleserin/statuses/345904561984253953

https://twitter.com/Larenzow/statuses/345972313126207488

https://twitter.com/patsy_jones/statuses/346325004444651521

https://twitter.com/HappySchnitzel/statuses/347308091282432001

https://twitter.com/KuttnerSarah/statuses/348236812889776129

https://twitter.com/dentaku/statuses/349860125755973633

https://twitter.com/patsy_jones/statuses/349987193210675201

https://twitter.com/sVanillechen/statuses/350906419278651392

https://twitter.com/kaltmamsell/statuses/351060627726401536

https://twitter.com/serotonic/statuses/351085782255149056

Herr Johannes hat „Da gewöhnze dich dran“ gelesen:

„Schon lange nicht mehr habe ich so wenige Stel­len in einem Buch mar­kiert. Weil ich mich nicht ent­schei­den konnte, was beson­ders mar­kie­rens­wert wäre, weil man eigent­lich alles mar­kie­ren müsste, aber ich nicht ein­fach das kom­plette Buch anma­len kann.“

Er hat drei Zitate rausgegriffen, die ich Ihnen nur ans Herz legen kann.

Mein Buch können Sie ab jetzt direkt bei mir bestellen – falls Sie ein signiertes Exemplar möchten.

Bücherstapel

Schicken Sie in diesem Fall eine E-Mail an:
fraunessy [bei] vanessagiese [Punkt] de.

Bitte geben Sie Ihre Postadresse an und ob ich etwas Besonderes reinschreiben soll – zum Beispiel „Für mein Eichhörnchen“ oder „Alles Liebe für Unsaomma“. Ich schicke Ihnen dann eine E-Mail zurück, in der alle weiteren Infos stehen.

Vielleicht ist es nur eine unschöne Häufung.

Zufall, dass das alles innerhalb einer Woche passiert. Jedenfalls: Was ich zurzeit mit Dienstleistern und im Einzelhandel erlebe, nervt gewaltig.

Der Schuster

Beginnen wir beim Schuster. Ich bringe Schuhe hin. Die Sohle ist abgelaufen.

Schuster: „Und was meinen Sie, soll ich damit machen?“
„Einen neuen Absatz.“
„Die Schuhe sind ja ganz nass.“
„Es regnet. Es sind ein paar Tropfen in den Beutel gefallen.“
„Das sagen Sie! Die haben Sie bestimmt grad noch getragen!“
„Äh – nein.“
„Bis wann sollen sie denn fertig sein?“
„Bis wann schaffen Sie es denn?“
„Vor dem Wochenende wird das nichts mehr. Die Schuhe müssen ja nun auch erstmal trocknen.“
„Dann hole ich sie gerne Montag ab.“
„Mittwoch. Ich habe auch noch andere Sachen zu tun. Und das nächste Mal bringen Sie die Schuhe, wenn sie trocken sind.“

In dem Moment habe ich mir die Schuhe genommen und habe den Laden verlassen.

Das Hotel

Vor einem Monat war ich dienstlich unterwegs. Auf der Hotelrechnung steht das falsche Datum. Darum kann ich meine Reisekosten nicht abrechnen. Seit drei Wochen versuche ich nun, eine korrigierte Rechnung zu erhalten. Ich erkläre es Mitarbeiter A. Der versteht das Problem nicht, es sei doch eine Rechnungstellung erfolgt. Ich sage: Ja, aber falsches Datum. Er sagt: Na und? Wo ist das Problem? Ich sage: Die Finanzbuchhaltung ist das Problem. Irgendwann versteht er es. Aber es passiert nichts. Nach einer Woche melde ich mich wieder. Der Vorgang ist gänzlich unbekannt. Ich schicke den alten Schriftverkehr zu. Mitarbeiter B versteht das Problem nicht, es sei doch eine Rechnungstellung erfolgt. Ich rufe an und erkläre es. Gut, sagt der Mitarbeiter – er werde eine korrigierte Rechnung ausstellen. Es passiert: nichts. Wir stehen weiter in Kontakt. Mir fehlen mehrere hundert Euro auf dem Konto.

Die Haushaltshilfe

Schon länger nutze ich die Dienste von Haushaltshilfen. Ich beschäftige sie legal, über Unternehmen, die entsprechende Dienstleistungen für Privathaushalte anbieten. Seit jeher gibt es Schwierigkeiten. Mal kommt die Haushaltshilfe, wann sie möchte. Zwar ist Donnerstag ausgemacht, aber wenn ich abends nach Hause komme, war sie nicht da. Stattdessen kommt sie am Montag drauf, ohne Ankündigung. Oder am Freitag. Einmal laufe ich grad nackig in der Wohnung herum. Upps! Ich sage ihr, dass ich Zuverlässigkeit schätze. Keine Chance. Also nächstes Unternehmen. Die ersten Male ist immer alles schön. Dann bemerke ich, dass die Reinigungskraft sich offenbar nicht gerne bückt. Und deshalb nicht wischt. Ich spreche es an: Es klappt zwei Wochen. Aber sie putzt nun nicht mehr über Augenhöhe. Deshalb: dicker Staub auf Regalen. Ich spreche es an: Es klappt zwei Wochen. Als ich einmal eher heim komme, bemerke ich, dass sie drei Stunden abrechnet, aber nur zwei Stunden da ist. Darauf angesprochen: Ausflüchte. Also nächstes Unternehmen. So geht es immer weiter. Ich bin genervt.

Der Einzelhandel

Es ist 19.45 Uhr abends, ein Bekleidungsgeschäft. Ich möchte die Kleidung bis zum nächsten Morgen zurücklegen lassen. Ich verspreche, dass ich die Sachen direkt zur Ladenöffnung abhole. Falls nicht, können sie direkt zurück in den Verkauf.

Ich stehe am Servicepoint. Als erstes werde ich zurechtgewiesen, dass ich für diese Angelegenheit hier gänzlich falsch sei – was ich an einem ServicePoint durchaus überraschend finde. Überdies werde ich informiert, dass man nur in äußerst seltenen Fällen etwas zurücklege, es gebe schließlich auch andere Kunden, die die Ware kaufen wollten. Es ist inzwischen 19.50 Uhr, zehn Minuten vor Ladenschluss. Ich möchte für 210 Euro einkaufen. Ich entgegne, dass es ja doch eher unwahrscheinlich sei, dass in den nächsten zehn Minuten jemand komme, der genau diese fünf Teile in genau meiner Größe kaufen wolle. Die Verkäuferin antwortet pampig: „Ich meine ja nur. Eigentlich machen wir sowas nicht.“ Sie wolle nun in meinem Fall mal eine Ausnahme machen. Aber wirklich nur ausnahmsweise, denn, wie gesagt, der Servicepoint sei dafür gar nicht zuständig und normalerweise lege man auch nichts zurück. Ich habe das Gefühl, hier ist eine Schallplatte gesprungen oder ich habe Eier in den Ohren, bedanke mich aber höflich für das Entgegenkommen.

Nächster Tag, 10 Uhr. Ich stehe wie verabredet am Servicepoint in der Abteilung.

„Guten Morgen, Nessy mein Name. Ihre Kollegin hat gestern Abend ausnahmsweise einen Rock, ein Kleid und drei Oberteile für mich zurückgelegt.“
„Sowas machen wir hier nicht.“
„Ich weiß, aber gestern Abend hat die Kollegin eine Ausnahme gemacht.“
„Das ist aber nicht üblich.“
„Könnten Sie trotzdem mal schauen, ob die Sachen hier irgendwo sind?“

Es geht noch eine Weile so weiter. Am Ende darf ich die Kleidung dann kaufen und bin sehr dankbar.

Die Postfiliale

Zu guter Letzt hat die Postfiliale im Stadtteil ihre Öffnungszeiten von 18.30 Uhr auf 18 Uhr verkürzt. Was heißt, dass ich abends keine Pakete mehr abholen kann, ohne eine Stunde eher Feierabend zu machen. Stattdessen muss ich sie morgens vor der Arbeit abholen und darf sie dann den ganzen Tag rumschleppen. Was bei aktuell vier Paketen total super ist. Und jetzt sagen Sie nicht: Dann nutzen Sie doch eine Packstation! Tue ich ja schon. Aber nicht alle Absender tun das. Omma geht das schonmal durch. Oder die Sendung mit den Dokumenten ist minimal zu groß für den Briefkasten. Konnte der Kollege nicht ahnen.

Ich bin genervt. Wahnsinnig genervt. Wenn aktuell nur ein Unternehmen kommt, das kompetenten Service bietet, liege ich ihm zu Füßen.

(So, jetzt habe ich mich abreagiert. Vielen Dank fürs Zuhören.)

Zwölf Stunden Zugfahren ist so ziemlich das Unaufregendste, was man sich vorstellen kann. Das Ganze ist ein elendes Herumsitzen, eine Aneinanderreihung von Lektüre, Arztserien und spontanen, mit unschön geöffnetem Mund durchgeführten Nickerchen, die stets mit einem beschämenden, schnappatmenden Schnarcher enden.

Nur das Umsteigen bringt Spannung in die Fahrt – besonders wenn der Zug, den man erreichen möchte, aus Hochwassergebieten anreist. Oder auch nicht. Denn niemand weiß: Kommt er nun, oder kommt er nicht? Auch das Bahnpersonal zuckt mit den Schultern. Da steht man dann am Bahnsteig von Mannheim, verschwitzt und klebrig, mit einem Rucksack auf den Schultern und fragt sich, ob man zuvor jemals in Mannheim gewesen ist und warum man dort hinwollen sollte.

Das Umsteigen macht die Zugfahrt nicht besser, der Vorteil ist nur: Man kann den seltsamen Menschen entfliehen, die sich neben einem niedergelassen haben.

Da ist zum Beispiel diese alterslose Dame mit dem Baby-Houseman-Gedächtnis-Haarschnitt und dem pinken Spängchen, die die Strecke von Duisburg bis Mannheim damit zubringt, jeden Buchstaben der Freizeit Revue zu inhalieren. Vielleicht reist sie zu einem Freizeit-Revue-Rezitationswettbwerb, auf dem sie die aktuelle Ausgabe auswendig hersagen muss. Beim Lesen knibbelt sie sich fortwährend Nagelhaut ab, ein kleiner Berg hat sich schon am Fuß der Revue auf dem kleinen Klapptischchen angehäuft. Als ich aussteige, wischt sie ihn mit beiläufiger Nonchalance in meinen Fußraum.

Im Vierersitz schräg daneben Teenager: vier Mädchen in Sweatshirts, die sich Ohrhörer teilen und Kirschkaugummis herumreichen, auf denen sie  malmend kauen, die sie aufpusten und knallen lassen. Aus ihren Shorts schauen makellose, sonnengebräunte Beine. Man fragt sich, woher diese Beine nach nur vier sonnigen Tagen schon so braun sein können und staunt, wie dellenlos sie sind. Ob man selbst auch mal solche Beine gehabt hat? Es muss so gewesen sein, aber man kann sich nicht erinnern. Wirklich fantastisch. Nur, wie die Mädchen sich lachend nach vorne beugen und sich dann mit Schwung zurück in den Sitz fallen lassen, so voller Übermut, dass dem Hintermann das Laptop auf dem Tischchen bebt und die Cola aus der Dose schwappt – das ist gar nicht fantastisch. Sie reisen weiter nach sonstwo.

Dann der Mann mit den Socken. Ein bodenständiger Herr in sportiver 7/8-Outdoor-Hose, die man zum Wandern anziehen kann, aber nicht muss – es geht auch einfach nur so, zum Beispiel für eine lange Zugfahrt, wegen der Gemütlichkeit; dann drückt und ziept nichts, nicht am Bauch und nicht in den Kniekehlen. Die ebenfalls schlammfarbene, halb geschlossene Herrensandale rundet das Ensemble ab und gibt dem Träger eine nüchterne Tatkraft, wie sie Menschen zueigen ist, die Samstagsmorgens ihren Jägerzaun streichen. Wegen der Gemütlichkeit stellt der Herr zwischen Siegburg und Frankfurt seinen Sitz zurück, streift die Sandale ab und legt einen grauen, grob gerippten Kurzstrumpf frei, der einen abartigen Gestank von sich gibt. Er bleibt mit Baby Houseman im Zug.

In Mannheim fährt wider Erwarten der ICE 599 doch noch ein. Mit 40 Minuten Verspätung, aber immerhin: Wenn man mit nichts gerechnet hat, ist auch das ein Geschenk. Im Nebensitz nun ein Jüngling, der wie Beetlebum ausschaut, es aber nicht ist. Trotzdem: irgendwie schön.

Frau Sunsy hat „Da gewöhnze dich dran“ gelesen und sagt: „Als ich das Buch las, habe ich stellenweise schallend lachen müssen, am Ende hin schluchzen und schließlich weinen, und ein ums andere Mal musste ich nicken: ‚So isset! Genau so!'“

Auch Herr Kinderdoc hat gelesen. Er erinnert sich an seine Omi aus Dortmund: „Mit einem Mal ist Dortmund nicht mehr MeineOmi oder Fussball, sondern plötzlich ist es Nessy. Alleine für diesen Imagewandel gehört ihr der Preis für das Buch des Monats.“



In diesem Kaffeehaus werden anonym Daten verarbeitet. Indem Sie auf „Ja, ich bin einverstanden“ klicken, bestätigen Sie, dass Sie mit dem Datenschutz dieser Website glücklich sind. Dieser Hinweis kommt dann nicht mehr wieder. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen