Eine Reise nach Brüssel
Prolog | Auf die Idee, nach Brüssel zu fahren, kam der Reiseleiter auf dem Weg nach Bilbao, nach Barcelona und nach Paris. Immer fuhr er mit dem Zug durch die Stadt, niemals schaute er hinein. So bekam ich ein Weihnachtsgeschenk, und wir verbrachten vergangenen vier Tage in Brüssel.
Gegensätze | Mein erster Eindruck: Brüssel erscheint überraschend versprengt. Mir fehlte es zunächst an Orientierung. Kein Fluss, der sich von Nord nach Süd oder Ost nach West durch die Stadt schlängelt. Drei Bahnhöfe. Neunzehn selbstständige Gemeinden mit neunzehn Bürgermeister‘innen. Dazu die Unterschiede!
Wir kamen am Gare du Nord an und stiefelten zu Fuß zu unserer Wohnung zwischen Saint-Josse-ten-Noode und Brüssel-Stadt. Jesusmaria, ich bin Einiges gewohnt, aber diese Ansammlung an Müll, Unrat und Abbruchhäusern war außergewöhnlich. Dazwischen Mini Markets und Imbisse, dröhnende Mopdes und Menschen jeder Herkunft. Einer wusch sein Motorrad, ein anderer pinkelte in einen Hauseingang, man saß auf Treppen und stritt sich auf dem Bürgersteig. Wir bezogen Quartier in der Rue du Cardinal, zwischen einer Grundschule und einem Café, fußläufig zu einem kleinen Park, den europäischen Institutionen und einem Carrefour Express.
Möchte man ein Bild bemühen, wäre es: Brüssel, das Narnia Europas. Man kann aus einem bürgerlich-touristischen Viertel in eine Seitenstraße abbiegen, und plötzlich bröckeln die Fenster aus den Fassaden, riecht es unerfreulich nach Urin und sammelt sich der Unrat in Beeten und Hauseingängen. Selbst hinter der ausladenden Gotik-Kathedrale Saints-Michele-et-Gudule, die Brüsseler Altstadt zu Füßen, gelangt man unversehens in ein Niemandsland verkommender Großbauten. Irgendwann einmal soll hier, in einem Gebäude mit verspiegelten Fenstern, die Brüsseler Polizei einziehen und ihr Nieuw Hoofdkantoor bekommen. Bis dahin wohnen Obdachlose in den Eingängen.
Die Schönheit Brüssels findet sich in den Vierteln.

Wir entdeckten Les Marolles und Ixelles mit Altbauten, schmalen Straßen, kleinen Geschäften und Cafés. Wir ließen uns durch die Läden treiben, pausierten bei Kaffee, beobachteten die Leute und lauschten den Gesprächen, die sich um Arbeit und Kinder, Wohlergehen und Zukunftspläne drehten. Die Atmosphäre von Veedeln, die heute junge Berufstätige und gut verdienende Familien anziehen: Man spürt das historische Arbeiterviertel, während für den Café Latte fünf Sorten Milch zur Auswahl stehen.



Auch inmitten der Marolles wieder Gegensätze: Angeflanscht an Straßenzüge voller Antiquitätengeschäfte, Second-Hand-und Vinylläden, inmittern der gentrifizierten Gemütlichkeit, steht die Cité Hellemans, Brüssels früher sozialer Wohnungsbau, entstanden 1905. Sieben Wohnriegel, vier Geschosse hoch, im Jugendstil erbaut, ersetzten einst ein Elendsviertel. Die 272 Wohnung waren seinerzeit das Beste, was man kriegen konnte: drei Zimmer mit Toilette, fließendes Wasser und eine Loggia zum Wäschetrocknen. Heute, nach zwei Renovierungen, sind es noch 234 Wohnungen.

Die Gebäude sind imposant, eine wunderbare Architektur. Der Sperrmüll, der sich teils in den Loggias ansammelt, die Mülltüten, die aus den Tonnen in den Hof quellen, sind ebenfalls beeindruckend. Herausgeputzt und heruntergekommen, aufgeräumt und vermüllt, hier findet sich beides in Nachbarschaft, Balkon an Balkon, Durchgang an Durchgang.
Europa | Wir besuchten die eurpäischen Institutionen, standen vor Gebäuden und sahen Flaggen wehen.

Es war langes Wochenende, niemand arbeitete. Vor dem Pub, der sich gegenüber dem Europäischen Rat, befindet, stand der Wirt stand auf der Straße, die Arme verschränkt, und schob mit den Füßen Kieselsteine hin und her.
Was mich verwunderte: Die Europäische Kommission, der Rat – alles war einfach mittendrin, wuchs unvermittelt aus dem Stadtviertel. Ich hatte mir vorher keine Vorstellungen gemacht; möglicherweise war ich von einem eigenen Ort, einer eigenen Welt ausgegangen, ähnlich wie in Berlin, wo Reichstag, Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus zwar ein Ensemble in der Stadt bilden, aber doch außerhalb der Alltagswelt liegen, jenseits von Wohnhäusern vor denen sich Kinderwagen, Fahrräder und Mülltonnen sammeln.

Wir besuchten das Haus der Europäischen Geschichte und sehen auf sechs Etagen, was dieser Kontinent in den vergangenen Jahrhunderten erlebt hat. Es ist recht eindrücklich, es so gebündelt zu haben.
Ab der vierten Etage waren wir live dabei, ab Ende der 1970er Jahre; kennen wir die Ereignisse aus Familienerzählungen und eigenem Erleben.
Atomium | Wir fuhren weit hinaus in den Norden und besuchten das Atomium. In meiner Vorstellung befand es sich immer mitten in der Stadt, wie der Arche de Triomphe in Paris oder das Brandenburger Tor in Berlin. Tatsächlich waren wir eine ganze Weile unterwegs bis zum Messegelände, dem Ort der Weltausstellung 1958, anlässlich derer das Atomium erbaut wurde – eine Veranstaltung, die vom Glauben an Atomkraft, Raumfahrt und das Automobil geprägt war.
Passend zum Jahrzehnt gab sich der Tag sanft sepiafarben.

Das Atomium kann man betreten, auch das lernte ich im Vorfeld des Besuchs. In den Kugeln: eine Ausstellung zur Weltausstellung. Wer heute, knapp 70 Jahre später, hindurchschreitet und auch nur ein annähernd kritischer Geist ist, schaut mit morbider Faszination auf die Devotionalien. Was muss das für eine Veranstaltung der Hoffnung und des Aufbruchs gewesen sein! Welch Wege wurden danach eingeschlagen, die heute alle wieder korrigiert werden müssen.
Im Atomium selbst wähnte ich mich im Raumschiff Enterprise, in der Ausgabe von 1969. Stiegen und Treppen führen in die Kugeln mit ihren Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen, rote Stufen in metallenen Röhren, futuristisch, so wie man sich 1960 die Zukunft vorgestellt hat.

Ich hätte es als völlig selbstverständlich hingenommen, wäre mir auf einer der Treppen William Shatner im Neopren-Anzug entgegengekommen. „Warp Eins! Wir verlassen Planet Erde.“ Mit Captain James T. Kirk auf Mission in unendliche Weiten.

Als wir kurz nicht aufpassten, gerieten wir in eine Fernsehshow. Ein Gitter öffnete sich, wir wurden von einer Gruppe mittelalter Menschen mietgezogen, kletterten eine Stiege hinunter und waren plötzlich Teil einer Quizshow. Alle Leute waren sehr geschäftig, es wurden Kamera gerückt und Gesichter gepudert, und es war sehr warm. Man wollte uns auf Plätze im Publikum schieben, aber ich wollte auf keinen Fall über Stunden in einem heißen Atom gefangen sein. Also klärte ich das Missverständnis auf und wir kletterten wieder empor.

Falls Sie einen Besuch des Atomiums erwägen, hören Sie vorab ausführlich in sich hinein, ob Sie unter Klaustrophobie neigen oder ob Sie neurologisch auf pulsierende Lichter reagieren.
Design Museum | Im Ticket fürs Atomium ist das Design Museum enthalten, der Ort der Plastic Design Collection, einer Sammlung von Kunststoffexponaten von den 1950ern bis heute. Frisch der Raumpatrouille entkommen, der Kopf schwummrig von engen Stiegen und psychedelischen Lichtinstallationen, fühlte ich mich bestens abgeholt von der orangenen Retro-Plaste.

Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich einige Gegenstände aus meiner Kindheit und Jugend kannte. Ein Schreibtisch stand im Zimmer eines Spielkameraden, die Rechenmaschine auf dem Schreibtisch meines Vates, die Trockenhaube bedeckte monatsweise den Schopf meiner Oma und auch die Regale kamen mir seltsam bekannt vor.



Wenn Alltagsgegenstände des eigenen Lebens beginnen, sich in Museen anzusammeln, wird man wohl alt.
Brüssel Pride | Während wir in Brüssel weilten, feierte Brüssel Pride seinen 30-jährigen Geburtstag, und die Stadt kann mit Fug und Recht behaupten, den Regenbogen durchgespielt zu haben. An jeder Straßenecke, vor den Europa-Gremien, im Triumphbogen, in den Fenstern der Bürogebäude, beim Friseur ebenso wie im Blumenladen war Pride, sogar das Maenneken Piss trug eine Blumenkette.


Gemessen daran war der Tag der Parade geradezu nüchtern. Die Feiernden mischten sich quasi aufkommensneutral unter die üblichen Touristen. Hier und da sah man Menschen in Netzhemden, geschminkte Herren und sonstwie stereotyp zuzuordnende Menschen im üblichen Strom der Brüssel-Besucher. Die Standardtouristen wiederum fanden sich fröhlich wippend, mit Glitzerstaub auf den Wangen, vor der Pride-Bühne auf dem Mont des Arts ein; ältere Ehepaare in Outdoorjacken, mit Rucksäcken auf dem Rücken und Regenbogenaufklebern auf den Wangen.
Comicmuseum und alte Meister | An zwei verschiedenen Orten besuchten wir ein- und dieselbe Kunst: die des bildhaften Geschichtenerzählens. In den Musées Royaux des Beaux-Arts, den Königlichen Museen der schönen Künste, sahen wir die Bilder der Bruegel-Familie und ihrer Zeitgenossen, Ölschinken mit landschaftlichen und christlichen Motiven, dörfliche Szenen, moralische Gleichnisse und historische Wimmelbilder.

Im Comic-Museum sahen wir die Zeichnungen belgischer Illustratoren, Bildfolgen voller Details, das Ergebnis jahrelanger Arbeit, mal Heldengeschichten, mal humorvolle Anekdoten, mal moralisierend wie die Renaissance-Maler, mal historische Ereignisse erzählend. Mir scheint, der Unterschied zwischen beidem ist rein stilistischer Natur.

In beiden Museen waren die Gebäude Teil des Erlebnisses. Das Gebäude des Comismuseums, ein Lager- und Kaufhaus aus der Feder des Architekten Victor Horta, sollte in den 1970er Jahren abgerissen werden; stattdessen sollte ein Parkhaus seinen Platz einnehmen. Eine Initiative mchte sich für den Erhalt des Hauses stark – welch ein Glück.

Bemerknis | Ich werde zur Nörgeltouristin, vorerst nur innerlich, nach außen bleibe ich höflich. Doch die allerorten präsente Beschallung macht mich grantig. Schlecht komponierte Popmusik in Geschäften und Restaurants, exorbitante Lautstärke – ich kann das nicht.
Einmal bat der Reiseleiter freundlich, ob man die Musik im Restaurant leiser drehen könne; die Bässe bohrten sich in unser Hirn, während wir aßen. Ein anderes Mal verließ ich ein Geschäft, als die Verkäuferin und ich uns anschreien mussten, weil der Radiopop so laut ins Geschäft brüllte. „PARDON“, rief ich, „je ne peux pas faire mes courses avec chaque musique forte“, ich kann bei dieser lauten Musik einfach nichts einkaufen.
Kaufhaus | Im Marollen-Viertel entdeckten wir den Laden aller Läden, ein Amazon des Antiken. Ein Ort, das nebenbei, gänzlich ohne Musik.

1.200 Quadratmeter voller Tische, Stühle, Sessel und Sofas, Kommoden, Bügeleisen, Küchenwaagen und Anstecknadeln, Spielzeug, Teller, Tassen und Teppiche, Garderoben, Vitrinen, Vasen, Kannen, Schirmständer, Lampen und Leuchten, Bilder, Buddelschiffe und Blechschilder, Figuren und Aschenbecher, ein Motorrad.



Und sonst | Es folgen lose Eindrücke aus der Altstadt und den Vierteln, hübsche Eckchen, eine bemerkenswerte Passage und ein Seifenblasenmoment.










ESC | Für einen kurzen Moment verfolgten wir am Samstagabend den ESC. Ich hatte meine Kontaktlinsen schon entfernt, lag im Bett, las ein Buch und kommentierte zwischendurch die Musik. Der Reiseleiter schaute sich den Wettbewerb an. „Du kannst es nicht sehen“, sagte er irgendwann, „wenn du es sehen könntest, wäre es noch absurder. Der Sänger trägt einen rosafarbenen Anzug und tanzt über Tische. Die Tische werden von Männern verschoben, die keinen Kopf haben. Statt eines Kopfs haben sie ein Computerbildschirm. Der Monitor ist aber kein Monitor, sondern grünes Fell.“
Diese Art des deskriptiven ESC-Guckens gefiel mir sehr gut. Das werden wir im kommenden Jahr fortführen.
Schweine | Während wir fort waren, kümmerten sich die Nachbarn um die Schweine. Der humanoide Futterautomat funktionierte also durchgehend. Mehr ist den Damen nicht wichtig.







































































