Mit Zug und Fahrrad nach Ostfriesland – mit einem Ausflug in die Ferien der 80er Jahre
Abenteuer | Vor kurzer Zeit schrieb mich eine Kollegin an – eine geschäftliche Angelegenheit. Wir mailten ein wenig hin und her, und ich weiß gar nicht, wie es kam: Es endete jedenfalls in einer Verabredung. Denn es war an der Zeit, sie und ihren Mann zu besuchen. Vor einigen Monaten sind sie in die Nähe von Aurich gezogen; schon Jahre zuvor haben sie dort ein Haus erworben und es als Zweitwohnsitz genutzt. Nun wohnen sie richtig dort.
Ich checkte die Bahnverbindung und stellte fest, dass es ein kostengünstiger Ausflug mit dem Deutschlandticket ist: Mit dem Zug nach Münster, von dort nach Emden und von dort mit dem Fahrrad weiter nach Aurich. Das geht ruckzuck. Ich erwärmte den Reiseleiter für die Idee, und so sattelten wir am Samstagmorgen die Räder und machten uns auf nach Ostfriesland.
Es wäre auch bestimmt eine entspannte Fahrt gewesen – an einem anderen Tag. Es hatte jedoch am Vortag gewittert, Teile des Münsterlandes waren abgesoffen oder umgeknickt, die Bahnstrecke um Rheine war nur eingleisig befahrbar, hier und dort hingen Oberleitungen herab und lagen Bäume auf den Schienen. Die Bahn, das muss man ihr zugute halten, bot auf, was sie hatte, und informierte, wo sie konnte. Doch es wurde schnell klar: Das wird für alle ein spannender Tag.
Wir verabschiedeten uns von Fahrplänen, kauften uns ein zusätzliches Stützbrötchen, setzten uns in einen Zug und zuckelten damit nach Ostfriesland, mit etlichen ungeplanten Halten und 90 Minuten Verspätung. Der Zug endete außerplanmäßig in Leer statt in Emden, eine missliche Angelegenheit. Aber wir hatten ja Fahrräder und ausreichend Proviant dabei – und so entschieden wir uns kurzerhand, von dort aus ans Ziel zu radeln.
Pause, dank Zusatzbrötchen und Keksvorräten:

Kurz vor dem Ziel nahmen wir noch ein Radler und ein Eis zu tun. Beides half, die zusätzlichen Kilometer zu verkraften und auf dem letzten Streckenabschnitt nochmal Schwung aufzunehmen. Am Ende waren es dann auch nur 50 Kilometer.
In Aurich mussten wir auch nicht hungern: Wir bekamen die Vorzüge eines Pizzaofens vorgeführt. Wir testeten die Resultate eingehend und waren rundheraus angetan. Große Knusprigkeit!

Zwischen zwei Bissen befand der Reiseleiter, dass wir, wenn wir schonmal in Ostfriesland seien, doch auch das Meer sehen müssten. Er schlug vor, am nächsten Tag statt nach Leer nach Norddeich zu radeln, einmal die Füße ins Wasser zu halten und dann von Norddeich aus nach Hause zu fahren. Ich wand ein, dass das Meer möglicherweise nicht da sein werde, wenn wir es besuchen kämen. Wir checkten den Tidenkalender und siehe da: Flut am Mittag.
Am nächsten Vormittag radelten wir also gen Norddeich.
Auf dem Weg hielten wir in Hage-Berum, dem Ort, in dem ich über viele Jahre zahlreiche Oster-, Herbst- oder Sommerferien verbracht hatte, mal als Familienkur mit Wassertreten und Inhalationen, mal ohne. Was war es für eine Sensation, wenn wir ins Restaurant Krone gingen, es Pommes gab, und wir aus dem Restaurant heraus ins Hallenbad gucken konnten! Das Verrückte: Es sah alles noch aus wie 1986.

Die Farben, die Gebäude – original Kindheit.
Wir fuhren zu dem Ferienhaus, das wir immer bewohnt hatten. Auch hier war noch alles wie in den 80ern: der Anker vor der Tür, der Briefkasten, die Rhododendronbüsche. Sogar die Bistrogardinen in den Fenstern! Ich roch das Haus: eine Mischung aus Mehl und Haferflocken, die schon lange in den Schränken lagern, mitgebrachtem Nordseesand, alten Polstern und aufgebrauchtem Duftstein.

Auf dem weiteren Weg sinnierte ich, wie zufrieden ich damals war. Es waren wirklich immer tolle Ferien. Bis in mein Erwachsenenleben hinein habe ich keine weiten Reisen gemacht. Mallorca, Kanaren oder Türkei lagen völlig fern. USA, Asien oder Kreuzfahrten sowieso. Ein paarmal fuhren wir statt an die Nordsee mit dem Auto an die Adria – eine Weltreise für mich als Kind, mit Geldwechsel und Grenzübertritten. Sehr aufregend!
Der Reiseleiter und ich radelten weiter nach Norddeich. Das Meer war verabredungsgemäß anwesend. Wir stellten unsere Füße ins Wasser: 19 Grad – Badetemperatur! Allerdings hatten wir keine Badesachen mit.

Die Rückfahrt gestaltete sich ebenso improvisiert wie die Hinfahrt – und zudem sehr gesellig. Der Zug endete diesmal nicht außerplanmäßig in Leer, sondern in Rheine. Dort wieder Unwetter. Der Nachfolgezug stand mit offenen Türen am Bahnsteig, Bäche liefen vom Dach in den Waggon, gemeinsam mit anderen harrten wir stehend aus, zusammengekuschelt und regenumflossen, einen Sitzplatz gab es nicht mehr. Irgendwann waren wir zu Hause, sogar gar nicht mal so spät.
Heute habe ich Muskelkater. Nicht vom Fahrradfahren, sondern vom Fahrrad-die-Treppen-in-den-Bahnhöfen-rauf-und-runter-Tragen. Vor den Fahrstühlen standen nämlich an jedem Bahnhof sehr viele Urlauber mit schrankgroßen Koffern – in Warteschlangen, die länger waren als die Umsteigezeit. Fünfzehn Kilo Fahrrad plus acht Kilo Gepäck mal drei Umstiege plus Gleiswechsel, das ist besser als Gym.
Insgesamt ein Vergnügen, das ich möglicherweise wiederholen werde. Dann allerdings an einem Wochenende ohne Gewitter, dafür mit Zugfahrplan.
Serviceblog Bahnfahren | Dies ist ja ein Serviceblog. Deshalb schreibe ich hier kurz auf, wie man ein deutschlandweites Fahrradticket zum deutschlandweiten Deutschlandticket dazubucht – das habe ich nämlich am Wochenende herausgefunden: DB-Navigator-App, dort „Regionale Angebote“ auswählen, dann „Deutschlandweite Angebote“ wählen – und die Logik hinter dieser Usability ignorieren. Es werden nun zwei Tickets angezeigt, darunter das Fahrradticket für 7,50 Euro, mit dem man sein Fahrrad über Bundeslandgrenzen hinweg im Regionalverkehr mitnehmen kann.
Weil wir gerade bei Ergänzungen zum Deutschlandticket sind: Im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr schätze ich das Zusatzticket für 4,60 Euro. Es berechtigt zweitklassige Deutschlandticket-Besitzer’innen wie mich für das einmalige Einsitzen in der 1. Klasse – fantastisch, wenn es laut, voll und turbulent ist. Ich habe das Produkt „Seelenfrieden für Viersechzig“ getauft.
Serviceblog Radeln | Auf den 90 Kilometern durch Ostfriesland habe ich etwas Neues ausprobiert: Deumavan-Schutzsalbe. Denn auch wenn ich radreiseerfahren bin, habe ich trotzdem Schmerzen beim stundenlangen Sitzen auf dem Sattel. Die Salbe half, dünn aufgetragen, gut: Ich hatte deutlich weniger Irritationen. Möge diese Information segensreich für andere Radlerinnen sein.
Freude | Die Fahrrstellplätze im RE15, der uns von Münster bis nach Leer fuhr, waren übrigens super. Metallbügel mit Anschnallgurten. Man kann bis zu fünf Fahrräder voreinander stellen; das war dann auf der Rückreise der Fall. Es gibt keine Konkurrenz mit Menschen, die sich auf den sonst üblichen Klappsitzen niederlassen. Gerne mehr davon.

Schweine | Die Schweine waren fremdversorgt, quasi Essen auf Rädern, und genossen ihr freies Wochenende.










































































































