Steilwandkraxelei | Die Wanderung hatte im Wanderführer den Untertitel „Durch die Steilwand von Agulo“, und das Wort „Steilwand“ hätte mich nachdenklich machen müssen. Hat es aber nicht, und so stand ich am Vormittag vor der Wand:

Wandern hat ja durchaus etwas lebenspraktisch Philophisches. Denn wenn man vor so einer Steilwand steht, denkt man zunächst: Das geht nicht. Wie soll ich da hochlaufen? Das kann nicht funktionieren. Und wo soll ich überhaupt anfangen?
Dann geht man los, und man sieht plötzlich einen Weg, der die Wand hinaufführt. Man fängt an, den Weg hinaufzugehen, und stellt fest: Geht doch.

So wie man sich auf den Weg begibt, sieht die Welt plötzlich anders aus. Das, was vorher groß war, ist nun klein, und das, was vorher unerreichbar war, ist nurmehr eine Frage des Durchhaltens. Man sieht Muster und Strukturen, die vorher nicht da waren, die Farben und die Zusammenhänge verändern sich.
Dann geht man höher hinauf, es wird steiler und anstrengender, aber weil man bereits auf dem Weg ist, weiß man: Irgendwie geht’s weiter, bis hierhin habe ich es schließlich auch geschafft.

So kraxelte ich die Steilwand hinauf. Mal war der Weg rechts.

Mal war der Weg links.

Dann war er wieder rechts.

Mal waren Steine aufgestapelt, mal waren es die Felsen, die einen Weg formten, mal waren es kleine Stufen, mal waren es große Schritte, die es brauchte, um hinauf zu kommen.
Zwischendurch begegnete ich Aoenium. Aoenium wächst ab 500 Metern. Da wusste ich: 300 Meter bin ich schon hinaufgekraxelt.
Die Perspektive blieb immer die gleiche. Ich kletterte die Wand hinauf wie auf einer Leiter. Nie war ich weiter links oder weiter rechts vorm Dorf. Immer war ich genau darüber.
So ging das knapp zwei Stunden lang. Dann war ich oben.

Es ist schon ziemlich cool, nach so einem Aufstieg oben auf der Wand zu stehen. Ich kann das nur jedem empfehlen. Der Wanderführer sagt, man brauche für dieses Erlebnis „Trittsicherheit und Schwindelfreiheit“. Das kann so formulieren; Höhenangst ist bei dieser Tour nicht hilfreich. Ansonsten kann man es einfach machen.
Kurz nach dem Gipfel der Wand erreichte ich den Mirador de Abrante. Das ist ein Skywalk, eine Aussichtsplattform über dem Abgrund.

Auf dem ersten Bild dieses Beitrags, dem Bild der Wand, sehen Sie den Skywalk in der linken oberen Bildhälfte klein ins Blau hineinragen.
Man kann einfach hineingehen. Die Plattform ist an ein Restaurant angegliedert. Mittags ist dort noch nicht viel los. Auch der Boden des Skywalks ist aus Glas. Das macht es spannend.

Ich fand den Weg die Wand hinauf und auch die Aussicht aus der Wand allerdings spannender. Mag auch an meinem persönlichen Einsatz gelegen haben.
Das Angenehme an Touren dieser Art ist, dass ich keine überflüssigen Kapazitäten für Irgendwas habe. Mein Hirn hat schlichtweg nicht genug Sauerstoff, um sich mit Arbeit, Problemen oder Kummer zu beschäftigen. Es produziert nur Gedanken wie „Uff!“, „Oha!“, „Heidenei!“ oder „Ach Gottchen“, und ist ansonsten auf seine Grundfunktionen reduziert.
Nach dem Mirador de Abrante ging ich weiter. Ziel war das Besucherzentrum des Nationalparks. Auch der weitere Weg führte bergan; bei dieser Tour ging es nur hinauf oder hinab, niemals gerade. Die Landschaft änderte sich zu einem roten Erosionsfeld.

Nach dem Erosionsfeld folgte ein Taleinschnitt mit Terassenfeldern, außerdem etwas Wald.

Dann war ich am Juego de Bolas, dem Zentrum des Nationalparks.
Dort gab es einen Kiosk, in dem eine Frau Getränke und Gofiokekse verkaufte. Gofio ist ein pflanzliches Nahrungsmittel der Altkanarier, wird aus geröstetem Getreide, meist Gerste, gemahlen und mit Ziegenmilch vermischt. Ich kaufte mir einen Keks und eine Cola, und zusammen mit meiner Butterstulle belebte mich beides.
Danach ging es wieder bergab, zurück ins Dorf Agulo.

Wenn man eine Wand hinaufkraxelt, freut man sich ja immer schon darauf, dass es hinterher wieder hinuntergeht. Aber runter ist nicht besser. Denn es geht natürlich genauso steil und genauso viel runter wie rauf – und auch genauso lange. Knie und die Beimmuskulatur gründen während des Abstiegs einen Betriebsrat und denken über Warnstreiks nach.
In Schleifen ging es einen Camino hinunter, zum Glück nicht kraxelig. Über dieses kleine Geschenk war ich glücklich. Irgendwann erreichte ich das Meer und das Dorf.

Ich lief über den Friedhof nach Agulo hinein. Das sieht so aus:

Auf dem Rückweg von Agulo zum Eremitenhäuschen hielt ich mit dem Auto in Vallehermoso, kaufte ein und genehmigte mir das erste Eis des Urlaubs.
Infos zur Tour: Rother Wanderführer Tour 59 oder Wanderführer „Kanarische Inseln – Botanische Wanderungen“ Tour 16 / 9 Kilometer netto, 12,5 Kilometer mit allem Drum und Dran / 700 Höhenmeter / 4 Stunden reine Gehzeit; 5,5 Stunden insgesamt mit Pausen
Inselprofil | Im Besucherzentrum gab es ein Modell der Insel. Ich habe einen schwarzen Punkt gemalt, wo das Eremitenhäuschen ist, in dem ich wohne.






























































