Eins muss ich zur Erklärung vorwegschicken: Wir sind viele.
Meine Großmutter hatte neun Geschwister, die sich allesamt in solider Anzahl vermehrt haben. Ich habe also eine unzählbare Menge an Basen und Vettern, Großtanten und Großcousins – und um die Unübersichtlichkeit zu vervollständigen, geht es mit den Generationen auch noch drunter und drüber. Denn als meine Großmutter zur Welt kam, war sie bereits Tante – ihre älteste Schwester hatte schon ein Kind.
Das alles müssen Sie wissen, um sich eine Beerdigung im Kreise meiner Familie vorzustellen.
Vergangene Woche sagte meine Großtante zu sich und ihren Kindern: Es sei alles erledigt, sie könne jetzt sterben. Sie wartete, bis alle weg waren, dann schlief sie ein. Zwei Tage später wäre sie 97 Jahre alt geworden.
Meine Großtante war in vielerlei Hinsicht besonders. Als sie vor einigen Monaten das erste Mal in ihrem Leben in eine Klinik musste und man sie aufforderte, das Gebiss rauszunehmen und ihren Hausarzt zu nennen, hielt man sie für verstockt und dement – in Wirklichkeit aber hatte sie gar kein Gebiss und auch einen Hausarzt besaß sie nicht. Sie war einfach immer gesund gewesen: im Mund und überall sonst auch.
Zusätzlich zu ihrer legendären Gesundheit verfügte sie über eine spektakuläre Fähigkeit: Sie konnte Stubenfliegen mit der hohlen Hand fangen, egal ob sie auf dem Tisch saßen, an der Wand hingen oder durchs Zimmer flogen. Sie hatte dafür verschiedene Techniken entwickelt, die sie ansatzlos aus dem Handgelenk verwirklichte. Hatte sie eine Fliege erwischt, lauschten wir Kinder gebannt an ihrer Faust, in der es surrte und summte. Dann ließ sie die Fliege frei, um sie erneut zu fangen. Es war fabelhaft.
Wir hatten sie außerdem lieb, weil sie sich immer bekleckerte. Ihr Sohn pflegte zu sagen, er werde bald ein Bettlaken mit sich führen, durch das sie ihren Kopf stecken müsse, damit nicht so viel Wäsche anfalle. Einmal schaffte sie es, sich einen ganzen Nachmittag lang nicht zu bekleckern – kein Kaffee tropfte auf die Bluse, kein Ärmel blieb in der Sahne hängen. Doch beim Abendessen geschah es: Ihr Enkel zerdrückte eine Kartoffel in der Soße, die Kartoffel flutschte unter der Gabel hinfort mitten auf des Großtantes Rock – was ein Spaß!
Heute also haben wir sie beerdigt. Die Familie war beisammen, die Cousins und Cousinen und Großcousins und Großcousinen und Enkel und Urenkel und noch mehr Leute, die mich zwar beim Namen nannten, deren Gesicht ich jedoch nicht erinnerte, kamen ins Dorf. Wir weinten und lachten, aßen Schnittchen und Teilchen, und der Urenkel klopfte nochmal am Sarg an, um zu hören, ob die Omama auch wirklich tot ist. Natürlich erzählten wir uns vom Kleckern und vom Fliegenfangen, von ihrem Obstgarten und ihrem Wunsch, immer draußen zu sein an der frischen Luft. So kommen wir immer nur zusammen, wenn einer stirbt.
Das nächste Mal wird allerdings anders. Meine Großtante war die letzte ihrer Generation; nun sind als nächstes unsere Eltern und Tanten dran.
Das macht ein bisschen Angst.

