Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

„2 Kilo in 5 Tagen“ ruft es aus der BILD der FRAU.

Das kann ich besser, dachte ich mir. Und entschied mich kurzerhand für eine „5 Kilo in 2 Tagen“-Diät.

Magen-Darm-Leckereien

Wie das geht? Geben Sie einfach alles von sich, was in Ihnen ist. Gehen Sie dabei keine Kompromisse ein. Nutzen Sie alle Ihnen zur Verfügung stehenden Körperöffnungen und ziehen Sie die Sache gnadenlos durch.

Falls Ihnen zwischendurch Gedanken kommen wie „Wer hat das alles in mich hineingetan?“ – das waren Sie selbst. Ich weiß, diese Erkenntnis ist bitter, aber da sehen Sie einmal, wie viel Sie bislang gefuttert haben. Falls Sie sich außerdem fragen: „Bin ich von innen größer als von außen?“ Ja, sind Sie. Allein Ihr Darm ist sechs Meter lang, also mehr als dreimal so lang wie Sie, also passt auch mehr als dreimal so viel in Sie hinein, wie Sie zunächst vermuten würden.

Den Nachteil der „5 Kilo in 2 Tagen“-Diät möchte ich Ihnen allerdings nicht verschweigen: Ihnen wird dabei ein klein wenig übel sein. Nutzen Sie diese Nebenwirkung und machen Sie sie zu Ihrem Vorteil! Wenn Sie grad nicht im Bad sind, schauen Sie fern und ergötzen Sie sich dabei an den Werbeblöcken. Als jemand, der gerade nicht diätet, ahnen Sie gar nicht, wie viel dort gekocht, gebraten und gedünstet wird. Tauchen Sie in diese Wunderwelt der Nahrung ein, auch wenn Ihnen davon noch übler wird: Intensives Reklamegucken unterstützt Ihre Diät nachhaltig.

Hat alles, von dem Sie ahnten, und zusätzlich alles, von dem Sie nicht ahnten, Ihren Körper verlassen, beginnen Sie mit der Aufbauphase. Besuchen Sie dazu einen Supermarkt und kaufen Sie sich Banane, Salzstangen und Cola. Aber Vorsicht: Ein Supermarkt ist wie ein Werbeblock, nur intensiver. Überall werden Sie Futter erblicken, farblose Wurst, nackte Hähnchen, schleimiger Pudding. Es kann passieren, dass Ihnen kurzerhand wieder übel wird. Da müssen Sie durch! Noch gibt es keine Geschäfte, die nur Bananen, Salzstangen und Desinfektionsmittel verkaufen. Nehmen Sie diese Herausforderung an!

Wenn Sie wieder zu Hause sind, machen Sie es sich schön und zermatschen Sie sich liebevoll eine Banane. Sie sind es sich wert.

Früher
Wilde, atemlose Gelage in Kellern und Garagen. Bierbänke und Bowle-Töpfe. Ghettoblaster, Klammerblues und Barfußschwoof. Whiskey-Cola aus der Flasche. Zu essen: Chips in Tüten. Gefummel, Geknutsche. Mit Zungen innerhalb, außerhalb und zwischen Mündern. Und der Gedanke an Sex, allgegenwärtig. Hormone, die man mit den Händen fangen kann. Noch vor Mitternacht: die Bullen. Kotze und Kippen im Vorgarten. Man plant: die Weltrevolution. Außerdem: Drama, mindestens eins, mit Tränen groß wie Kinderhände und vollkommenem Verlust des Lebenssinns. Am nächsten Tag: nachkriegsähnlicher Zustand. Verluste beim Mobiliär. In uneinsehbaren Ecken: Menschen mit Bewussteinsstörung. Aufräumen mit Gartenschlauch und Dampfreiniger.

Zwischendurch
Die Räume nun: gemietet. Zapfanlage, Papiertischdecken und Alu-Aschenbecher. Mitbring-Buffet und Warmhalteplatten – man kann von richtigem Essen sprechen. Für die Raucher draußen: ein Faltpavillon. Die Eltern: nicht mehr peinlich und deshalb eingeladen. Saufen ist ja auch nicht mehr verboten. Es gibt sogar Menschen, die Wasser trinken. Ansonsten: Pärchen, nichts als Pärchen. Und ein paar übrig Gebliebene. Musikanlage mit Lichteffekten. Menschen in unserem Alter, die Foxtrott tanzen. Am nächsten Tag: besenrein bis 12 Uhr. Man schafft es pünktlich.

Heute
Brunch. Tomaten-Mozzarella-Platte und Wurst mit Gesicht. Auch die Großeltern sind da. Schauplatz: Reihenhaus. Die Männer: direkt nach dem Brötchen raus auf die Terrasse, Bauschäden begutachten, Bier trinken, im Matsch stehen. Denn: Die Bepflanzung wird erst im Frühjahr gemacht. Die Frauen: im Haus. Unterhaltungen über Kinder und Handwerker. Nach Stunden: die Männer betrunken, die Frauen müde, die Kinder völlig durch. Trotzdem: Der Letzte geht erst um 20 Uhr. Die Gastgeber: am Ende ihrer Kräfte. Aber sie haben zwischendurch schonmal die Spülmaschine laufen lassen. Zum Glück.

Später
Vermutlich wie zwischendurch. Oder doch nicht?

Neue Entwicklungen im Milchbrötchenproblem.

Nachdem mein Eckbäcker in 2010 nur alle zwei Tage Milchbrötchen (Micken) verkaufte, brach er über die Weihnachtsfeiertage mit seinem Backrhythmus. Zwischen dem 20. Dezember und dem 5. Januar befanden sich nur sehr unregelmäßig Micken in der Auslage; zwischen dem 27. Dezember und dem 2. Januar sogar überhaupt keine.

Das hatte zur Folge, dass ich, die ich ohnehin eine unsichere Bindung zu meinem Mickenbäcker habe, ein nachhaltiges Mickenabstinenztrauma (MAT) entwickelte. Klassische Symptome eines MAT sind die vermehrte Aufnahme postweihnachtlichen Kleingebäcks, orale Aggression gegen Knusperhäuschen und stereotypes Auf-und-Ablaufen vor dem Bäckereischaufenster.

In den vergangenen Tagen kehrte kurzzeitig Verlässlichkeit zurück. Gestern allerdings die erneute Enttäuschung: Keine Micken trotz Mickentag. Ich tröstete mich mit einer Marmeladenstulle und hoffte auf heute:

Nessy: Keine Micken heute?
Mickenfachfrau: Erst morgen wieder.
Nessy: Gibt es nicht mehr alle zwei Tage Micken?
Mickenfrau: Doch, doch, aber gestern waren sie so schnell weg.
Nessy: [schweigt betroffen]
Mickenfrau: Soll ich Ihnen morgen welche zurücklegen?
Nessy: Jaaaaaaaaa, bitte.

Kurzzeitig ist also eine Lösung gefunden.

Ich denke so: „Mensch, ist das kalt am Bein.“

Es ist ein Morgen, wie Morgende sind, die schläfrig beginnen, aber in fordernde Tage münden. Der Wecker murmelt, ich drücke ihn aus. Nochmal ins Kissen kuscheln. Neun Minuten Schlummertaste.

Uff. Neues Murmeln. WDR5 Morgenecho. Wir werden alle sterben, auch die, die keine Eier essen. Ich drücke die Taste.

Murmelmurmel. O-ha. Portugal, ein Euro fressendes, neues Griechenland. Schlimm. Taste. Der Schlaf heute: wohlig wie Kakao mit Sahne.

Endlich! Gute Nachrichten: In der Schweiz sind die Schienen beheizt. Toll.
Blick zur Uhr.

Mist.
Mist, Mist, Mist.
Ich werfe die Decke fort.

Rein ins Bad.
Pinkeln.
Duschen.
Deo.
Zopf.
Zähne.

Alle guten Hosen sind ungebügelt, also rein in die alte, aber glatte.
Schnell einen ACE-Saft.
Jacke und Weste.
Fahrrad raus. Rauf. Radeln.

Erst die zwei Kilometer lange Gerade. Dann den Berg hoch. An der Berufschule vorbei, dann der Betriebshof, der Fußballplatz, auf die große Kreuzung zu. Ich denke so: „Mensch, ist das kalt am Bein.“ Und greife mir hinten an den Oberschenkel.

Oh. Uih.

Ich halte an, auf einem Rollsplit-panierten Randstreifen vor einer roten Ampel, drehe den Rumpf und schaue meinen Rücken hinunter. In der Jeans: ein Riss, die komplette Pofalte entlang, vom Schritt bis zur Außenseite des Schenkels.

Ein Golf3 hält neben mir. Die Seitenscheibe summt  herunter.  „Dein Hintern ist nackt“, sagt ein  Typ mit dicker Nase, „ich dachte, ich sag’s dir besser.“ Die Seitenscheibe summt wieder hoch. Bridget Jones, wie sie die Feuerwehrstange hinunterrutscht. Ich überlege, ob mein Slip okay ist.

Ich fahre fünf Kilometer zurück nach Hause, der Po ein rotwangiger Apfel. Ich verschiebe meinen ersten Termin, ziehe mir eine neue Hose an und steige vorsichtig, ganz vorsichtig, langsam, mit engem Schritt, zurück auf den Fahrradsattel. Mein Hand hält Wache am Schenkel.

Doch die Welt ist in Ordnung. Der restliche Tag wird super.

Wer überlegt, eine Familie zu gründen, sollte dieser Tage einen Ausflug machen.

„Leon, nicht den Menschen mit dem Wagen in die Beine fahren.“
„Lea-Sophie, nicht auf das Regal klettern. Das kippt. Nicht auf das … Ich hab’s dir doch gesagt!“

Es ist Knut. Bäumchen raus, Schnäppchen rein. Da kann man nach Feierabend kurz mal zu IKEA fahren, ein paar Kleinigkeiten kaufen, Köttbullar essen. Das gefällt auch den Kindern.

„Pia, nimm bitte die Gabel.“
„Nicht mit dem Ketchup an Mamas Hose, Fritz. Nicht mit dem … Fritz!!“

Manchmal gibt es das Kind noch nicht. Nur in der Frau. Sie watschelt dann durch die Gänge, rotwangig und mit dem hormonumwölktem Blick der Nestbauerin, ergreift Kinderbettchen, Kinderkommödchen und Kinderstühlchen und ruft: „Schau mal! Ist das nicht süß? Das ist doch süß, oder nicht?“ Sie schaut sich zum Erzeuger um, der sich mit blauer Tüte über der Schulter hinter ihr herschiebt und nickt. Ab und an bläst er, Anspannung ausatmend, seine Backen auf. Zweimal trifft man ihn noch wieder: vor der Toilette am Restaurant und vor der Toilette am Ein- und Ausgang.

Dort, hinter der Kasse, sind Mutti und Vati am Ende fix und alle. Er schiebt den Wagen mit den Kartons, Vasen und Teelichtern; lehnt sich gegen das Gewicht der Möbel, bugsiert sie mit leichter Rechtsauslage zur Drehtür, bleich im Gesicht, ein dünner Schweißfilm bedeckt seine Stirn. Sie folgt ihm, die Brauen zur Nasenwurzel gezogen, die Lippen zu einem Schlitz gepresst. Im rechten Arm hält sie eine Grünpflanze, in der linken Hand den Jackenärmel von Finn-Luca, der garstig, mit vorgeschobenem Kinn, zum Hot-Dog-Stand schaut. Wortlos gehen sie hinaus, Vater hievt die Möbel in den SUV.

„Ich habe dir gesagt, dass es nicht reinpasst.“ (Sie)
„Natürlich passt das. Ich muss es nur mal drehen.“ (Er)

Sie schnallt den übermüdeten, dem Hot Dog nachtrauernden Finn an.

„Möchtest du nicht mal das Kind beruhigen?“ (Er)
„Wenn du es besser kannst, mach es doch selbst.“ (Sie)

Die Türen werden ein bisschen fester zugeschlagen als nötig. Dann geht es ab nach Hause. Beide freuen sich auf morgen Abend, wenn sie alles aufbauen und es sich schön machen.

„So ist das halt: Mal biste der Hund, mal biste der Baum.“
Sagte zuletzt ein Arbeitskollege, achselzuckend.

Seit heute ist es gewiss: Das Leben wiederholt sich tatsächlich in spiegelverkehrten Szenen. Im Beruf. In der Liebe.
Und im Nettoghetto mit dem Thema „Wirsing„.

Am Gemüsestand.
Typ: Is dat Wirsing? 
Nessy: Nee, das ist Chinakohl.
Typ: Und das?
Nessy: Das ist Lollo bionda. Nimm den hier. [deutet auf Wirsing]
Typ: Jau. Danke.

In der Kassenschlange.
Typ: Du arbeitest gar nicht hier?
Nessy: Nee.
Typ: Machste aber gut.
Nessy: Deshalb ja.

Alle Crosstrainer sind besetzt.

Es ist Sonntag, der erste wache Moment nach dem Neujahrskoma und offizieller Beginn guter Vorsätze. Ich betrete die Trainingsfläche und sehe sofort, wer zum ersten Mal hier ist.

Die Männer, in der Mitte leicht untersetzt, sind oftmals nicht einmal dick, aber auf eine Weise nicht trainiert, dass ihre Schultern herabhängen und ihre dünnen, weißen Beine wie brüchige Äste aus abgetragenen Shorts staken. Sie werfen sich mit ungestümem Elan auf die Laufbänder, stellen Programme wie „Cross Hill“ oder „Himmalaya“ ein, rennen los und schnaufen sich schweißdurchtränkt durch eine schmerzhafte halbe Stunde.  Andere wiederum, diejenigen, die den Nanga Parbat bereits bestiegen haben, sitzen gebeugt, ihr Baumwollshirt ein nasser Lappen, in den Kraftmaschinen und stemmem unter vernehmlichem Ächzen tonnenschwere Scheiben.

Frauen betreten nur zu Zweit die Trainingsfläche, angetan mit Yogahosen aus dem Tchibokatalog und auch sonst ausstaffiert mit allem, was notwendig ist: Fitnessschuhe, Schweißbänder und Klimashirts mit Stützfunktion. Zunächst bewundern sie sich gegenseitig, dann die Trainingsfläche, die vielen Fernseher, den ganzen saubergefeudelten Sportkosmos, der Körper- und Wohlgefühl atmet. Ein wenig stehen sie herum, als warteten sie, dass der Sportsgeist sie schwängere. Dann nehmen sie sich einen der Stepper vor, studieren das Display, drücken Knöpfe, beratschlagen sich, drücken weitere Knöpfe und legen los, vorsichtig, sie möchten nichts kaputtmachen, nicht an der Maschine und nicht an sich selbst. Mit der Verve der Hellgelben Erdhummel, ein wenig taumelnd, aber grundsätzlich fröhlich, hüpfen sie durch das Programm, unterhalten sich angeregt und kichern über den Herrn unter dem Eurosport-Fernseher, der schweißspritzend und armrudernd die letzten Meter der Rupalwand hinaufrennt.

Beim Hinausgehen sehe ich ihn an der Theke sitzen, einen Eiweißshake in der zitternden Hand. „… in einer halben Stunde …“, sagt er in sein Handy, „ja … nein, war super … nö, nö, nicht so anstrengend … ja … ja … für mich nicht so viele Kartoffeln …“

Die Damen sind noch in der Sauna.

Zuletzt gelesen in 2010:

Kluun. Mitten ins Gesicht
Ein Mann begleitet seine Frau durch die Krebskrankheit – bis zum Tod. Erst denke ich: Himmel, was ein pubertäres Arschloch. Am Ende habe ich geheult. Das emotional stärkste Buch des Jahres 2010.

Tom Rachmann. Die Unperfekten
Die Geschichte vom Niedergang einer internationalen Zeitung in Rom. Ein Sammlung kleiner Erzählungen über den Korrespondenten, den Nachruf-Schreiber, die Chefredakteurin, den Verleger – und eine Handvoll weiterer Akteure. Dicht, menschlich, eindringlich, überraschend, desillusionierend. Das eindeutig beste Buch des Jahres 2010.

Robert Seethaler. Die weiteren Aussichten
Ein Mann, sein Fisch und seine Mutter. Dann tritt Hilde in sein Leben. Eines der schlechtesten Bücher des Jahres 2010: Eine Geschichte, die nicht trägt, und ein Erzählstil, der nicht über Hauptsätze hinauskommt.

Vorsätze für das I. Quartal 2011:

Falcones, Franzen, Palma und endlich mal der Kehlmann

Aktuelles Projekt:

Roger Willemsen: Die Enden der Welt

Auf dem Nachtschrank

„Ich dachte damals auch, wenn man reise, bis man irgendwo einmal das Ende der Welt berührt zu haben glaubt, dann erreicht man vielleicht auch einen neuen, andersartigen Zustand des Ankommens. (…) Könnte es nicht sein, dass nicht die Reisenden sich bewegen, sondern dass vielmehr die Welt unter ihren Füßen Fahrt aufnimmt, und sie sich gleich bleiben?“

Dieses Buch lese ich mit einem Bleistift in der Hand, denn es ist ein poetisches Werk voller Sätze, die ich gerne anstreichen möchte. Eigentlich ist mir Roger Willemsen niemals groß aufgefallen, nicht positiv, nicht negativ, es gibt ihn einfach und er macht sein Ding. Während ich jedoch dieses Buch lese, hege ich den Wunsch, die Reisen gemeinsam mit ihm unternommen zu haben, so passioniert, aber auch so gelassen berichtet er von seinen Enden der Welt.

Weil es so gut zum Jahreswechsel passt, ein zweites Zitat:

„Während ich ihn beobachte, die Augen ohne Reflex, die bewegungsarme Mimik und Gestik, das verhuschte Lächeln, das sich in seinem Gesicht verläuft und irgendwo versickert, denke ich:
Alle Fragen haben es zur Antwort gleich weit.“

Einen guten Start ins neue Jahr.



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