RUHRGEBIET. (nessy) Es waren dramatische Szenen, die sich heute im Ruhrgebiet abspielten: Über Stunden lag der Tomatenbusch Thorsten Zwo unentdeckt auf dem Balkon, umgeworfen vom Wind und ohne Hoffnung auf Rettung. Das Unglück fördert Missgunst und Häme zutage – ausgerechnet in der romantisierten Pflanzenwelt.

Glück im Unglück: Tomatenbusch Thorsten Zwo ist am Mittwoch umgekippt. Schlimmer
als die körperlichen Verletzungen sind allerdings die seelischen. (Foto: privat)
Sie ahnt nichts Böses, als sie nach Hause kommt, hat frisches Obst eingekauft, möchte sich noch ein Mahl zubereiten. Ein normaler Feierabend, so scheint es. Doch dann Entsetzen bei Frau Nessy (34): Mitbewohner Thorsten Zwo (5 Monate), Tomatenbusch und Hausgenosse, liegt verletzt auf dem Balkon, vom Sockel geweht von einem garstigen Wind. Wie lange er dort ausharren musste – niemand weiß es. Thorsten Zwo steht noch unter Schock, will und kann sich zu Fragen nicht äußern. Fest steht nur: Ihm geht es den Umständen entsprechend gut.
„Ich bin sofort hingelaufen, habe erste Hilfe geleistet“, erzählt Frau Nessy, die auch eine Stunde nach der Rettungsaktion noch sichtlich bewegt ist. Das Schlimmste, sagt sie, sei nicht Thorstens Zustand gewesen, „der war okay, das habe ich gleich gesehen“. Vielmehr hätten die Reaktionen der anderen Pflanzen sie erschüttert. „Besonders Eddie hat vom Leder gezogen, das ging gar nicht.“
Eddie E. (4 Monate) ist die Erdbeerpflanze im Topf neben Thorsten Zwo, ein kompakter, flach gewachsener Busch mit zahlreichen Früchten. „Er hat gemeint, es geschehe Thorsten recht“, gibt Frau Nessy die Worte des Rosengewächses wieder. „Wer so hoch hinaus wolle, käme halt irgendwann zu Fall.“
Eddie E. bestreitet die Vorwürfe nicht. „Der Dicke macht sich hier breit wie Obelix. Wer so schnell wächst wie Thorsten, der muss auch mal einen Dämpfer kriegen“, stänkert er gegen das Gemüse.
Konkurrenz zwischen Obst und Gemüse ist nicht selten. Das weiß Theo Albrecht, Brombeerbusch mit Erfahrung und Nachbar von Eddie E. und Thorsten Zwo. Er hat Rivalität bereits in der Aufzuchtstation erlebt. „Klar guckt man zu den anderen Stecklingen, um zu sehen: Wie weit sind die? Wo stehe ich grad?“ Besonders zwischen den süßen, aber oft zickigen Erdbeeren und eher bodenständigen Gemüsesorten sei der Argwohn groß. Wer im Hintertreffen sei, bei dem komme schnell Neid auf. „Aber nicht so, dass man dem anderen Böses wünscht. Es ist eher ein gesunder Konkurrenzkampf“, relativiert Albrecht.
Ein normaler Wettbewerb unter Pflanzen also? Frau Nessy ist skeptisch: „Ich werde die Drei in den nächsten Tagen genau beobachten. Wenn es gar nicht geht, muss ich sie auseinander setzen.“
Was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl.





comments