Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

An einem Wochenende Ballett, am anderen das Gegenteil:
Dortmund, Südtribüne.

Westfalenstadion, Südtribüne

Wohlmeinende Menschen hatten mir im Vorfeld Ratschläge gegeben, wie ich den Besuch auf der Süd unbeschadet überstehe. Ich solle mir vorab Bier über den Kopf kippen, denn ich müsse nach der Herde riechen, da seien Fans penibel wie Rehkitzmütter. Zwischendurch „den Mittelfinger nutzen! Das unstreicht jede Aussage! Auch ohne Anlass!“ Wenn mich während des Spiels etwas gelbes Nasses im Nacken träfe, „bete, dass es kalt ist!“

Dann der Tag der Tage, Samstagnachmittag, 14.30 Uhr. Der U-Bahn entstiegen weiß ich nicht recht, wohin. Ich laufe einfach den prolligsten Kuttenträgern hinterher, schon bin ich richtig. Eingang Südost: Die Stimmung ist freudig, die Flaschensammler sind gut im Geschäft, fünf Kerle pinkeln einen Fluss Stift’s Pils gegen einen Zaun.

Von vorne ruft jemand: „Hat hier grad einer ’ne Dauerkarte gefunden?“
„Wie heißt du denn?“
„Block 11?“
„Wie du heißt!“
„Block 11!!“
„Du Vollpfosten!“
Erstes Gerangel.

Drinnen habe ich Block 84 gebucht, oben unterm Dach, die Ultras sind links unter mir und singen sich warm. „Die Südtribüne bebt dazu // der Gegner weggeputzt im Nu!“ Dann die Mannschaftsaufstellung.

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Nach drei Minuten fällt das erste Tor, olé, olé, nach vier Minuten das zweite, der Ausgleich. Ich verpasse es, weil ich in der Gegend rumgucke, wer rechnet schließlich mit sowas. Hinter mir steht ein halsloser Gnom in schwarz-gelbem Nachthemd, eine Plauze wie ein Medizinball, das Bier fest an die Brust gepresst. Bei jeder Ballberührung bellt er heiser und hitlerhaft „Schön!“, mit kurzem Ö – das ist sein höchstes Lob, wozu mehr Worte. Kuba im Sechzehner. „Schön!“ Lewandowski zum 2:1. „Schön!“ Vorarbeit Blaszczykowski, „Schön!“,  Götze zum 3:1. „Schön!“

Sein Nachbarn lässt hingegen kein gutes Haar an allem. „Da läuft meine Schwiegermutter ja schneller“, krakeelt er. Die Dame muss mindestens 110 sein, denn er ist weit über 60. „Keiner geht mit! Da muss ma‘ einer mitgehen!“ Er wedelt mit seiner Krücke. „Verdorri noch eins!“ Die Reihe vor ihm duckt sich. Aber sonst: „Schön!“

Vor mir wippt die einzige Frau weit und breit – von mir abgesehen – auf ihren Fußspitzen, und ich muss mich ein bisschen für sie schämen, denn sie sieht heute ein anderes Spiel als der Rest der Tribüne. Mit schriller Kopfstimme ruft sie zufallsgetrieben: „Huch!“, „Ach!“ und „Oh nein!“, man weiß nicht, was sie dazu bewegt, das Geschehen auf dem Platz kann es nicht sein. „Schön!“

Nach dem Spiel gibt es eine „Bratwurst Rote Erde“, dazu ein Bier. Ich treffe Bunke aus der Herrenmannschaft. Er organisiert eine Kanne Kronen und noch eine. Ich bin bald ziemlich betrunken, aber was soll’s. Bunkes Tante ist heute zum ersten Mal im Stadion. Sie kommt aus Unna und muss wieder weg, muss beim Abendessen daheim sein, das hat sie ihrem Gatten versprochen.
„… und ich fahre dann zur Landgrafenstraße?“
„Markgrafenstraße, Tante Monika, nicht verwechseln.“
„Alles klar, also in die U-Bahn und dann Landgrafenstraße.“
„Markgrafenstraße!“
„Sag ich doch.“
Wir haben nichts mehr von ihr gehört.

Wir hängen noch ein bisschen rum, bis uns zu kalt wird, dann mache ich mich auf den Heimweg. „Schön!“

Es begann alles in Hamburg.

Herr Buddenbohm schrieb über Hamburg, natürlich über Sankt Georg, worüber auch sonst, dort wohnt er schließlich. Danach hat er andere Leute dazu gebracht, über einen Hamburger Stadtteil zu schreiben. Frau  Anne findet, das sollte nicht auf Hamburg beschränkt sein; das schaffen wir für das Rubrgebiet auch. Ich schließe mich ihr an und schreibe über die Essener Weststadt. Wer mitmachen will, ob als Gastblogger oder auf seinem eigenen Blog, der melde sich bitte bei Frau Anne – sie sammelt das ein.

Die Weststadt, ein Niemandsland

Gebäude. Geäst. Essen-West.

Die Weststadt ist ein Niemandsland.

Eingekeilt zwischen einer der freudlosesten Universitäten des Landes und Deutschlands einzigem Innenstadt-Ikea auf der einen Seite, einer Bahntrasse, der Autobahnauffahrt nach Mülheim und dem Gebäude-Koloss des größten deutschen Regionalzeitungsverlags auf der anderen Seite ist sie selbst: nichts. Nicht Frohnhausen und nicht Holsterhausen, nicht Innenstadt und schon gar nicht Rüttenscheid, kein Stadtteil im eigentlichen Sinne, alles grenzt nur an. Die Essener Weststadt ist eine Ansammlung von Brachflächen, Elektronikmärkten und Möbelhäusern, kleinen Gewerbetreibenden und, ach ja, da war doch noch was, dem Collosseum, der ehemaligen Kruppschen Werkstadthalle, die bis 2010 monumentale Musicalstätte war und die man jetzt mieten kann. Zwischen all dem gibt es ein paar Wohnhäuser und zwischen all dem habe ich fünf Jahre meines Lebens gelebt.

Als ich hinzog, sagte die Torfrau, dass viele ihrer Kunden von dort wech kämen. Sie arbeitet in einem Kinderheim, einer Inobhutnahmestelle, dort, wo die Kinder zuerst stranden, wenn es in der Familie nicht mehr geht. Tatsächlich zog mir gegenüber bald die Ketchup-Familie ein, Stammgäste des Kännchen-Cafés kennen sie noch, eine Mutter mit ihren vier Kindern, der Vatta im Knast, so wusste es der Oberinspektor zu berichten. Drei Straßen weiter befindet sich auch heute noch die Essener Suchthhilfe, ausgerechnet in der Hoffnungsstraße.

Trotz aller Gegenargumente habe ich gerne dort gewohnt, denn die Weststadt ist zwar nichts, sie ist aber nah bei, nah an der Innenstadt, nah am Hauptbahnhof und nah an Rüttenscheid, diesem Prenzlauer Berg Essens – nun ja, so ungefähr. Nachts hörte ich von der einen Seite das Feuewerk, das die Musicalbesucher verabschiedete. In all den Jahren habe ich es nie gesehen, immer nur das Knallen und Knistern der Feuerwerkskörper gehört, ein Autohaus versperrte den Blick. Auf der anderen Seite erklang die Bahntrasse zum Hauptbahnhof, das Rattern und Klappern von Waggons in der Nacht, das Hupen von Lokomotiven, schwere Güterzüge. Dazu das unterschwellige Rauschen der A40, dieser Schlagader, die im Ruhrgebiet alles am Leben erhält und sich, chronisch verstopft, seit Jahrzehnten vorm Infarkt befindet. Es waren fast poetische Geräusche, leise hallend und vom Mond beschienen, die Geräusche einer Großstadt, der ehemaligen Schwerindustriestadt, Stadt der Konzernzentralen.

Essen-West, verschneit

Eine Enklave.

Ich lebte also im Niemandsland, aber wir haben auf uns achtgegeben, der Unterinspektor, der Mann mit dem kleinen, weißen Hund, der papierdünne Opa und ich – und alle gemeinsam haben wir nach dem Oberinspektor gesehen, der nach dem Tod seiner Frau zu vergehen drohte wie eine welke Tulpe; und nach der Ketchup-Familie, damit den Jungen nichts Böses widerfuhr, etwas, das ich der Torfrau hätte erzählen müssen, so dass die Ketchupkinder in ihre Obhut kommen. In der Weststadt lebte auch Angela, eine Frau mit Tetraspastik, deren Rollstuhl einen kleinen Elektromotor hatte, dessen Batterie immer nur für den Hinweg ausreichte. Ich traf sie stets, aus der Innenstadt kommend, auf der Alfred-Herrhausen-Brücke, ihre Hände drückten gegen die Räder, zitterten vor Anstrengung. „Die Batterie ist alle, nie reicht die Batterie“, sagte sie jedesmal, und ich schob sie nach Hause. Nicht ein Mal erkannte sie mich bei diesen zahlreichen  Begegnungen wieder, und so stellten wir uns stets von Neuem vor, während ich sie in ihre winzige Wohnung fuhr.

Irgendwann wurde neben den City-Ikea, in den ich für Teelichter immer zu Fuß ging, ein Shoppingtempel gebaut – mit 70.000 Quadratmetern eines der größten innerstädtischen Einkaufzentren Europas, etwas, das sonst nur auf der grünen Wiese entsteht. Aber Essen hat keine freien Wiesen, Essen ist voll, deshalb wurde erst etwas abgerissen und dann dieses riesige Rund, ein Ufo mit bunten Lichtkugeln, mitten in die Stadt gesetzt – mit Kraft, Lärm und Gewalt, so geht’s im Ruhrgebiet, auch wenn Stahl und Kohle nicht mehr hier zu Hause sind.

Mit dem Einkaufszentrum gab es plötzlich einen Bäcker in meiner Nähe – nicht nur einen, sondern gleich mehrere, wie das in einem Einkaufsparadies so ist, und ich konnte Samstagsmorgens dort hingehen und Brötchen holen. Wenn ich dann mit wirrem Haar und in Schlumperhose zwischen all den angestrengten Shoppingwütigen stand, war ich ganz Weststadt: irgendwie unsichtbar, irgendwie nicht schön, aber trotzdem da.

Neben das Ufo und die ehemalige Krupphalle Collosseum, auf das Areal eines Güterbahnhofs, wird seit meinem Fortzug eine neue Stadt gebaut. Die Planer nennen sie die „grüne Mitte Essens„, ein kleines Venedig mit Kanälen und teuren Eigentumswohnungen, ein Universitätsviertel, in dem keine Studenten wohnen werden. Das Niemandsland wird Hippsterland.

Als ich vor einigen Monaten wieder einmal in Essen war, ging ich auch durch die Weststadt – und habe natürlich den Oberinspektor getroffen. Es geht ihm gut.  Er war zuletzt sogar in Italien im Urlaub, ohne seine Frau, mit einer Busgesellschaft, das sei sehr traurig gewesen, aber auch schön. Er habe seine Lebensliebe im Herzen mitgenommen, sagte er, so sei es fast gewesen wie zu Zweit.

[Ergänzung von Elizabeth]

Das Patenkind tanzt alsbald Ballett.

Genau genommen tanzt die Patentochter das ganze Jahr über Ballett, aber dieser Tage findet eine große Aufführung statt: Ihr Ballettstudio gibt den „Nussknacker“, und sie wird auf der Bühne stehen.

Es ist nicht das erste Mal für sie. Seit Jahren schon führt das Ballettstudio in der Weihnachtszeit den Nussknacker auf – das Stück bietet ausreichend Rollen für ganze Horden von Kindern, die Kleinen tanzen die Mäuse und die Zinnsoldaten, die Großen sind Mascha, der Mäusekönig und Drosselbart. Wer als Maus anfängt, macht später den arabischen Tanz und ist am Ende eine Schneeflocke. Oder tanzt die Hauptrolle.

Für die Zuschauer ist das Prozedere über die Jahre freilich etwas ermüdend, denn wie gesagt: Es wird jeden November das gleiche Stück aufgeführt. Das Herzenskind hat zwar stets eine andere Rolle, jedesmal eine wichtigere Rolle; angefangen hat es als Maus, es trug eine Mausemaske und war von den anderen Bühnen-Mäusen nur vage zu unterscheiden (die kundige Patentanten hatte gleichwohl kein Problem); zuletzt hat es gar Spitze getanzt, aber es lässt sich nicht leugnen, dass auch bei der fünften und sechsten Darbietung der Nussknacker der Nussknacker bleibt – ein Stück, das in seiner gesamten Länge durchaus zweieinhalb Stunden einnimmt, der Saal ist dunkel, zwei schmackhafte Stücke Kuchen von Opa Konni machen es sich verdaulich gemütlich im eigenen Innenraum, eine behagliche Schwere senkt sich auf den Körper – Sie können die Problematik vielleicht erahnen.

Als Handballerin ist mir das sportliche Ziel des Balletts überdies zu diffus. Wer am Ende die Partie gewinnt, ist reine Interpretationssache, überhaupt bin ich mehr für aggressiven Vollkontaktsport, das macht auch als Zuschauer mehr Spaß, man kann dasitzen und pöbeln, aufstampfen, gestikulieren, Foulspiel reklamieren und vor sich hin granteln: Es geht zur Sache, nicht nur auf dem Feld. Während der letzten Male Nussknacker war ich versucht aufzuspringen und Dinge zu rufen wie:

„Schritte! Das war ganz klar ein Schrittfehler!“
„Zeitspiel! Die Soldaten wollen doch gar nicht!“
„Das ist Passiv! Passiiiiv!“
„Ey!! Foul! Er hat sie durch die Luft geschleudert!“
„Das ist Rot! ROOOT!!“
„Die dreht sich doch nicht von alleine! Der hat geschubst!“
„Wo ist eigentlich der Schiri? Schiriiii!“

Bis anhin hatte ich mich im Griff, doch ich weiß nicht, wie lange ich die Contenance noch werde wahren können oder ob es dieses Jahr plötzlich aus mir herausbrechen wird, ob ich nicht spontan aufspringe, auf den Fingern pfeife und raumgreifend pöble, allein schon, um ein bisschen Schwung ins akurat gekämmte, wenngleich apathische Auditorium zu bringen. Überhaupt, wo sind eigentlich die Mettbrötchen, gibt’s keinen Fressstand im Foyer? Wieso riecht’s nicht nach Bier und Frikadelle? Warum trage ich als einzige ’nen Jogger?

Aber das Patenkind, das wird natürlich der Matchwinner sein. Falls nicht, dann wurde ihm übel mitgespielt, das steht jetzt schon fest. Schiri, ich weiß, wo dein Auto steht.

Bücher Oktober 2012:

Bücher Oktober 2012 (Bücherstapel mit Hund)

Nicolas Barreau: Das Lächeln der Frauen.
Ein Frauen-Kitsch-Roman der übelsten Sorte: flache Handlung, flache Charaktere, flacher Schreibstil. Der Inhalt in Kürze: Frau entdeckt ein Buch, in dem sie vorkommt. Ist verzückt. Will den Autor treffen und lieben. Trifft stattdessen auf seinen Lektor, der allerdings in Wahrheit der Autor ist. Ab Seite 20 dachte ich: „Alta, hast du keine Eier in der Hose, oder was? Sag ihr doch einfach, was los ist!“ Ich musste aber bis Seite 320 warten. Dazwischen: Geblubber.

Alex Capus. Léon und Louise.
Die Geschichte einer Jugendliebe, die verloren geht, sich wieder findet, nicht sein darf, sich wieder verliert, sich wieder findet. Kein besonders tiefgründiger Roman, aber durch und durch nett, gut zu lesen, nicht anspruchsvoll, aber dennoch schön geschrieben. Ich habe das Buch in einem Tag am Pool gelesen. Rundum prima.

Chad Harbach. Die Kunst des Feldspiels. 
Ein Buch über Baseball, übers Erwachsenwerden, übers Versagen, übers Zu-sich-Stehen, irgendwie über alles, nun ja, vielleicht nicht alles, aber immerhin vieles, was das Menschsein ausmacht. Ein großer Roman, perfekt komponiert, mit ausreichend Nähe und Distanz zu den Figuren. Er verknüpft das Leben von fünf Personen: Henry, dem jungen Baseballspieler, seinem Zimmergenossen Owen („Ich bin dein schwuler Mulattenmitbewohner“), Henrys Mentor Mike, dem College-Rektor Affenlight und dessen Tochter Pella. Absolut lesenswert.

Haruki Murakami. Naokos Lächeln.
Toru lernt Naoko kennen, aber Naoko kann keine Nähe zulassen, hat psychische Probleme. Toru lernt auch Midori kennen, die temperamentvolle Studentin, das Gegenteil von Naoko. Und doch zieht ihn alles zu Naoko. Aber auch ein bisschen was zu Midori. Der Roman ist still, aber stimmungsvoll. Die Charaktere bleiben angenehm im Vagen, es gibt viel Raum zur eigenen Interpretation. Das gefällt mir. Die Erzählung gleitet leider ein bisschen ins Pubertär-Pornöse ab. Es fehlt an Tiefe. Aber im Großen und Ganzen ist sie gut, kann man lesen. Ich werde es auf jedenfalls noch ein zweites Mal mit Murakami probieren.

Thomas Pletzinger. Gentlemen. Wir leben am Abgrund.
Absolut spannend: eine Saison mit dem Basketball-Bundesligisten Alba Berlin. Sie ist nicht unbedingt besonders abwechslungsreich, und auch Pletzingers Schreibe reißt nicht vom Hocker, aber etwas an dem Buch hat mich gefesselt. Vielleicht ist es die totale Subjektivität, mit der Pletzinger berichtet, die Nähe, die Authentizität. Vielleicht der einzigartige, intime Einblick in die Mannschaft und in die Mechanismen des Profi-Sports. Wie auch immer: ein gutes Buch.

Siba Shakib. Eskandar.
Die Geschichte des Irans, erzählt an der Geschichte des Lebens von Eskandar, einem Jungen aus einem Dorf im Südiran. Er erlebt die Entdeckung des Erdöls, die erste Ölförderung, die wirtschaftliche Okkupation durch die Briten, Militärputsch, die erzwungene  Säkularisierung des Landes, den Zweiten Weltkrieg, Mossadegh und den Angriff des Irak. Knapp 600 Seiten, nie langweilig erzählt, keine trockene Abhandlung, sondern ein lebendiges Buch, das hilft, Einiges zu verstehen, was Iraner bewegt.

Ich fliege durchaus gerne mit dem Flugzeug.

Wie die Erde beim Starten kleiner wird, wie wir durch die Wolken stoßen, wie wir der Sonne entgegen fliegen, wie wir auf die Erde hinabschauen können und plötzlich alles unbedeutend wird – das ist toll.

Natürlich ist es immer etwas eng im Flieger, besonders für Menschen über einsachtzig und solche, die keine Sitzriesen, sondern Stehriesen sind, also lange Beine haben. So wie ich. In den vergangenen Jahren ging das alles. Ich konnte meine Beine unter den Vordersitz schieben oder unter dem eigenen Sitz zusammenklappen. Der Vordermann konnte sogar noch seine Rückenlehne neigen. Es passte.

Seit meinen vergangenen Flügen deucht mir aber, dass die Sitzreihen immer enger werden. Bei meinen Flügen mit sunexpress und air berlin passte ich – und das ist keine Übertreibung – nicht in den Sitz (bei Germania übrigens schon). Selbst vollkommen aufrecht, mit dem Hintern fest an der Rückenlehne, drückten meine Knie dem Vordermann so sehr ins Kreuz, dass er sich zu mir herumdrehte und wütend darum bat, ich möge mich doch bitte „vernünftig hinsetzen“ und mich „aus seinem Rücken entfernen“. Ich selbst hatte nach kurzer Zeit das Gefühl, als säße ein Elefant auf meinen Kniescheiben.

Ich saß am Gang, also stellte ich das rechte Bein in selbigen und klappte das linke irgendwie darunter – mit dem Ergebnis, dass ein Bein und zwei Füße als Fleisch gewordene Poller den Weg der Saft-Wägelchen blockierten, mein Rücken völlig verdreht war und ich meine Flunken nicht immer binnen Sekundenbruchteilen einfahren konnte, wenn Getränke, pappige Sandwiches, Duty-Free-Zeug oder sonstwas angefahren kamen. Dem Herrn schräg hinter mir ging es genauso, wir bildeten eine natürliche Barriere. Die Flugbegleiterinnen wurden mit zunehmender Flugdauer immer ungehaltener, staksten wie Störche durch unsere herumliegenden Gliedmaßen und rammten uns ihre Wagen in Hacken und Zehen.

Nun bin ich als Bahnfahrerin mit einem geradezu stoischen Gleichmut sowie einer, auf einem sonnigen Gemüt gründeten Besonnenheit gesegnet. Bei derartigen Konstruktionen packt mich jedoch die Wut. Wie kann es bitteschön sein, dass es Fluggesellschaften um des Profits willen erlaubt ist, ihre Maschinen derart mit Sitzreihen vollzupacken, dass es Reisenden nicht mehr möglich ist, das zu tun, was sie bezahlt haben: zu reisen, sitzend. Gibt es für diese Sitzkonstruktion eigentlich eine Norm – und wer hat die gemacht? Zwerg Nase?

Wegen Offline-Urlaubs mit einer kleinen Lücke zwischendrin.

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Es folgt: eine Bildergeschichte.

Die Bilder sind in der Mehrzahl hochkant, was daran liegt, dass sie in Hochkantistan entstanden sind, einer Insel im Atlantik, auf der man praktisch keine Querformate aufnehmen kann, weil sonst oben und unten immer etwas von der Welt fehlt, weil es dort so steil ist.

Bevor ich wusste, wie steil es in Hochkantistan ist, hatte ich die Idee, dort ein bisschen zu wandern, oder nun ja, eher spazieren zu gehen, schön gechillt mit hübschen Ausblicken für Genießer, abends Käse und Schinken, dazu ein Gläschen Wein. Es stellte sich allerdings heraus, dass schon die Wege auf dem Hotelgelände Gewaltmärsche messnerschen Ausmaßes waren – ein paar Prozent Steigung mehr, und ich hätte an der Rezeption nach Klettergeschirr und Karabinern verlangt. Entsprechend waren die geplanten Wanderungen alles andere als geschmeidiges Umherbummeln, sondern ein Herz-Kreislauftraining, das meinen Kardiologen, wenn ich einen besäße, in ein Gefühl tiefsten Wohlgefallens versetzt hätte.

Ein Vorteil hatten die steilen Berge allerdings: Oben angekommen, boten sie großzügige Panoramen.

La Palma - zum Pico Birigoyo

Bisweilen können Sie in Hochkantistan von so weit oben hinunterblicken, dass Sie durch         die Wolken spinksen. Sie fühlen sich dann wie ein dickes, schwitzendes Englein.

Schon nach der ersten Wanderung war klar: Scheiß auf den Wein, die tüchtige Wandersfrau braucht bei derartigen Höhendifferenzen nach ihrer Rückkehr ein kühles Blondes. Als ich also auf dem Pico Benejado stand und in die unter mir liegenden Schluchten blickte, dachte ich vor allem an eins: an Bier.

La Palma - Die Caldera de Taburiente vom Pico Benejado

Die Caldera de Taburiente ist 2000 Meter tief, was wiederum bedeutet, dass man       ziemlich hoch steigen muss, wenn man reingucken will.

Nicht immer blickte ich in Wolken, manchmal waren dort auch Barancos, das sind Fjorde ohne Meer, aber mit schaurigen Urwäldern. In den Barancos wohnen gefährliche Tiere, ähnlich wie Krokodile, nur viel gefährlicher.

Fauna auf La Palma

Urzeitechsen, die jeden Moment zur Bestie werden können.

Es ist noch gar nicht lange her, dass in Hochkantistan ein Vulkan ausgebrochen ist. Deshalb hatte ich, als ich den Vulkan besuchte, ziemlich heiße Füße. Zum Ausgleich war es sehr windig. So war mir obenrum genauso kalt, wie mir untenrum warm war. Im arithmetischen Mittel ergab sich also eine optimale Wohlfühltemperatur.

La Palma - Volcán de San Antonio mit Wander-Elfe

Eine Wander-Elfe auf dem Volcán Teneguía, ausgebrochen 1971.

Auf den Vulkanen wohnen kleine Feen, die vorbeikommenden Wander-Elfen, ohne dass diese es bemerken, Leggins aus Feenstaub anziehen. Das geht besonders gut, wenn sich die Wander-Elfen ihre Beine vorher mit Sonnencreme eingeschmiert haben:

Leggins aus Vulkanstaub

Vulkanstaubleggins verleihen Superkräfte.

Natürlich gab es auch Tage, an denen ich nicht wandern war. An denen wartete ein knallhartes Erholungsprogramm auf mich.

La Palma - Hotelpool

An freien Tagen Schwimmtraining im Hotelpool.

Eine Sache habe ich noch herausgefunden: Spülbürsten werden nicht, wie ich bislang dachte, künstlich hergestellt, sondern wachsen im fernen Hochkantistan an Spülbürstenbäumen, wo sie einmal im Jahr geerntet und nach Europa verschifft werden.

Der palmerische Spülbürstenbaum

Spülbürstenbaum mit Früchten.

Das war’s. Ende der Geschichte.

Kaum bin ich mal ein paar Tage nicht da, passiert das:

Thorstomaten 2012

Thorsten hat im Endspurt nochmal fett Thorstomaten rausgehauen – und das Ende Oktober bei beginnendem Schneefall. Ein Tausendsassa! Übrigens sind es Tomaten der Marke „Klein, aber oho!“: kleiner als Cocktailtomaten, aber mit dem Geschmack von Dreien in Einer. Mit so einer Tomate kann Chuck Norris sogar Dr. Best zerdrücken.

Mehr später.

Ich bin jetzt ein paar Tage nicht im Café – muss wichtige Dinge erledigen. Damit Sie derweil nicht auf dem Trockenen sitzen, hier ein paar Pralinés, mit denen Sie sich die Zeit versüßen können:

Frau Gminggmangg
Ist jüngst drei Monate lang mit Mann, zwei Kindern und einem Campingbus durch Südeuropa gereist. Das können Sie alles nachlesen. Jetzt ist sie wieder da und bloggt – wie zuvor auch – munter aus ihrem Alltag. Lese ich total gerne.

Antje Schrupp.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich je ein feministisches Blog lesen würde – bei einigen Beiträgen wundere ich mich auch tatsächlich, was man alles zu einem Problem aufblasen kann bzw. manches ist mir einfach zu akademisch. Andererseits zeigt mir Frau Schrupp immer wieder neue Sichtweise und gibt Gedankenanstöße. Das schätze ich.

Herr Buddenbohm.
Den kennen Sie bestimmt. Ich schreibe ihn trotzdem nochmal auf. Der Mann hat zwei Söhne und neigt zu norddeutscher Ausgelassenheit. Mehr muss man nicht sagen.

Herr Jojo.
Ich bin großer Jojo-Fan und würde ihn heiraten, wenn er nicht schon Nadini und den Nomster hätte und immer diese komischen Filme gucken würde.

Ikea Hackers.
Machen Sie doch mal was Nettes aus Ihren Ikea-Möbeln.

Graphitti Blog.
Hässliche Grafiken über unsinniges Zeug. Aber lustig. Außerdem stimmt immer alles.

Heute morgen war ich dann doch nicht mehr so frisch.

Meine Füße waren viel weiter unten als sonst, auf Socken musste ich verzichten, und alles, was herunterfiel, war verloren. Natürlich fiel mir sehr viel herunter, erst der Zahnpastadeckel, dann das Haargummi, dann das Küchenmesser.

Ich machte mich also auf den Weg zu Doktor Knack. Doch Doktor Knack, der einzig Wahre, ist mittlerweile in Rente, es gibt jetzt Knack 2.0, der zwar nicht ganz so fesch ist wie Doktor Brinkmann, aber trotzdem recht schnittig – außerdem motiviert und zugetan, als frischer, neuer Praxis-Inhaber. Er legte mich auf eine Liege, es machte *knack, *knack, *knack, *knack – Domino Day in meinem Rücken. Er riet mir, fürderhin großzügig spazieren zu gehen, das sei gut für die Genesung, außerdem verschrieb er mir Ibu600, das fördere die Heilung und beruhige die gereizte Stelle.

Ich nahm also das Ibu und ging in die Natur, tanzte ein wenig und umarmte ein paar Bäume. Ein prima Trip, wenn man sonst nie Medikamente nimmt.

Nun bin ich wieder daheim und hebe erstmal auf, was mir heute morgen heruntergefallen ist. Das geht nämlich jetzt.



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