An einem Wochenende Ballett, am anderen das Gegenteil:
Dortmund, Südtribüne.
Wohlmeinende Menschen hatten mir im Vorfeld Ratschläge gegeben, wie ich den Besuch auf der Süd unbeschadet überstehe. Ich solle mir vorab Bier über den Kopf kippen, denn ich müsse nach der Herde riechen, da seien Fans penibel wie Rehkitzmütter. Zwischendurch „den Mittelfinger nutzen! Das unstreicht jede Aussage! Auch ohne Anlass!“ Wenn mich während des Spiels etwas gelbes Nasses im Nacken träfe, „bete, dass es kalt ist!“
Dann der Tag der Tage, Samstagnachmittag, 14.30 Uhr. Der U-Bahn entstiegen weiß ich nicht recht, wohin. Ich laufe einfach den prolligsten Kuttenträgern hinterher, schon bin ich richtig. Eingang Südost: Die Stimmung ist freudig, die Flaschensammler sind gut im Geschäft, fünf Kerle pinkeln einen Fluss Stift’s Pils gegen einen Zaun.
Von vorne ruft jemand: „Hat hier grad einer ’ne Dauerkarte gefunden?“
„Wie heißt du denn?“
„Block 11?“
„Wie du heißt!“
„Block 11!!“
„Du Vollpfosten!“
Erstes Gerangel.
Drinnen habe ich Block 84 gebucht, oben unterm Dach, die Ultras sind links unter mir und singen sich warm. „Die Südtribüne bebt dazu // der Gegner weggeputzt im Nu!“ Dann die Mannschaftsaufstellung.
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Nach drei Minuten fällt das erste Tor, olé, olé, nach vier Minuten das zweite, der Ausgleich. Ich verpasse es, weil ich in der Gegend rumgucke, wer rechnet schließlich mit sowas. Hinter mir steht ein halsloser Gnom in schwarz-gelbem Nachthemd, eine Plauze wie ein Medizinball, das Bier fest an die Brust gepresst. Bei jeder Ballberührung bellt er heiser und hitlerhaft „Schön!“, mit kurzem Ö – das ist sein höchstes Lob, wozu mehr Worte. Kuba im Sechzehner. „Schön!“ Lewandowski zum 2:1. „Schön!“ Vorarbeit Blaszczykowski, „Schön!“, Götze zum 3:1. „Schön!“
Sein Nachbarn lässt hingegen kein gutes Haar an allem. „Da läuft meine Schwiegermutter ja schneller“, krakeelt er. Die Dame muss mindestens 110 sein, denn er ist weit über 60. „Keiner geht mit! Da muss ma‘ einer mitgehen!“ Er wedelt mit seiner Krücke. „Verdorri noch eins!“ Die Reihe vor ihm duckt sich. Aber sonst: „Schön!“
Vor mir wippt die einzige Frau weit und breit – von mir abgesehen – auf ihren Fußspitzen, und ich muss mich ein bisschen für sie schämen, denn sie sieht heute ein anderes Spiel als der Rest der Tribüne. Mit schriller Kopfstimme ruft sie zufallsgetrieben: „Huch!“, „Ach!“ und „Oh nein!“, man weiß nicht, was sie dazu bewegt, das Geschehen auf dem Platz kann es nicht sein. „Schön!“
Nach dem Spiel gibt es eine „Bratwurst Rote Erde“, dazu ein Bier. Ich treffe Bunke aus der Herrenmannschaft. Er organisiert eine Kanne Kronen und noch eine. Ich bin bald ziemlich betrunken, aber was soll’s. Bunkes Tante ist heute zum ersten Mal im Stadion. Sie kommt aus Unna und muss wieder weg, muss beim Abendessen daheim sein, das hat sie ihrem Gatten versprochen.
„… und ich fahre dann zur Landgrafenstraße?“
„Markgrafenstraße, Tante Monika, nicht verwechseln.“
„Alles klar, also in die U-Bahn und dann Landgrafenstraße.“
„Markgrafenstraße!“
„Sag ich doch.“
Wir haben nichts mehr von ihr gehört.
Wir hängen noch ein bisschen rum, bis uns zu kalt wird, dann mache ich mich auf den Heimweg. „Schön!“











