Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Weil das hier ein Service-Blog ist und weil ich weiß, dass einige meiner geschätzten Gäste keinen Twitter-Account haben, hier mal einige Papst-Tweets vom Tage, damit Sie auf dem Laufenden sind.

Ich habe vom Papst-Rücktritt übrigens als Erstes auf Twitter erfahren. Und weil ein Italienisch-Studium auch mal zu etwas gut sein muss, habe ich heute mit einiger Freude auch italienische Tweets verfolgt. Deshalb am Ende ein paar Beiträge aus dem Land, das heute noch viel inbrünstiger getwittert hat.

https://twitter.com/HenryKlinger/status/300929566065713152

https://twitter.com/oOtrinityOo/status/300932081989599232

https://twitter.com/hoch21/status/300969343435538432

https://twitter.com/JohnniDanger/status/300926732213567488

https://twitter.com/nouveaubeton/status/300923699417214976

https://twitter.com/silvereisen/status/300940757278277632

Ein paar Tweets aus dem gelobten Land:

Um es mit Trap zu sagen: „Ich habe fertig.“

Der Papst tritt zurück. Ein weiteres Opfer des Cyber-Mobbings.

https://twitter.com/DazedPlatypus/status/300942208121589760

Mein Großmutter fürchtet, dass der Papst-Rücktritt ein kommunistisches Komplott sei. Echt jetzt!

Nach Twitter hat der Papst sich jetzt bei LinkedIn registriert.

https://twitter.com/EugCipolla/status/300989912998633472

Sie haben den neuen Papst: Silvio I.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Bandscheibenvorfall!
Heute wirst du fünf Wochen alt.

//*singt leise

Heute kann es regnen,
stürmen oder schneien,
denn du strahlst ja selber
aus bis in mein Bein.
Heut ist dein Geburtstag,
darum grummel ich
wärst du nicht geboren
wär ich beweglich

Wie blöd, dass du geboren bist,
ich hätte dich sonst nicht vermisst.
Wir blöd, dass wir beisammen sind,
schere dich schnell fort, Geburtstagskind!

Liebe Bildungsbandscheibe, Deine Geburt war sehr schmerzvoll. Vier lange Tage lag ich in den Wehen, bis sich eine zaghafte Erleichterung einstellte. Die Freude nach der Niederkunft blieb deshalb bislang aus. Aber lass uns nicht darüber schweigen: Postpartale Depressionen kommen in den besten Familien vor.

Derzeit arbeiten wir beide voller Zuversicht an unserem Zusammenleben. Wir wollen uns lieben lernen, Gefühle füreinander entwickeln. Täglich beturne ich dich zärtlich. Am liebsten magst du es, wenn ich dich spazieren führe. Dann schläfst du ein und bist für mehrere Stunden still. Inzwischen hast du es sogar gern, wenn es schneller voran geht. Seit vergangener Woche sind wir schon viermal gejoggt. Heißa, das macht Spaß, nicht wahr?

Auch wenn sich unsere Beziehung seit deiner Ankunft deutlich entspannt hat, leidest du bisweilen unter Koliken, gerade nachts. Aber hey: Jede Bandscheibe kann schlafen lernen. Das kriegen wir Zwei schon in den Griff.

Ich freue mich, dass Du in dem kleinen Piriformis einen Freund gefunden hast. Über den renitenten Racker müssen wir allerdings noch einmal reden. Ich habe das Gefühl, dass dir der Umgang mit ihm nicht gut tut.

Zu deinem fünften Geburtstag schenke ich dir ein neues Rezept voller Krankengymnastik. Faszien kneten, Triggerpunkte drücken, Popo dehnen – das ist wie Pekip, nur schöner.

Viel Spaß damit, liebe Bildungsbandscheibe – und alles Gute!

Meine guten Wünsche
haben ihren Grund:
ich werde nun ganz schnell
glücklich und gesund.
Dich fortgehn zu sehen,
ist was mir gefällt,
Tränen gibt es schon
genug auf dieser Welt.

//*geht summend ab

Frau Schavan ist ihren Doktortitel los.

Diesem Beitrag möchte ich vorausschicken: Wenn ihre Dissertation akademischen Qualitätsansprüchen nicht genügt und auch nie genügt hat, ist das einer Bildungsministerin unwürdig. Es liegt mir fern, schlampiges wissenschaftliches Arbeiten zu verteidigen. Trotzdem möchte ich ein paar Dinge zu bedenken geben.

Als ich Anfang vergangenen Jahres beim Guttenplag die Arbeit von Karl Theodor zu Guttenberg ansah, musste ich schallend lachen. Ich habe zu dem Zeitpunkt noch selbst an meiner Dissertation gearbeitet, und was Herr zu Guttenberg da fabriziert hatte – nun ja, jeder Zweitsemesterstudent konnte erkennen, dass keine Nachlässigkeit dahintersteckt. Offensichtlicher und umfänglicher kann man eine Täuschungsabsicht wohl nicht dokumentieren.

Auch bei Frau Schavan habe ich mir die Dokumentation (pdf) der Plag-Leute angeschaut. Der Fall ist anders gelagert als bei zu Guttenberg. Die, sagen wir mal, Ungenauigkeiten sind bei weitem nicht so dreist, nicht so eklatant, auch wenn sie, endend beim unvollständigen Literaturverzeichnis, letztendlich zur Aberkennung des Titels geführt haben.

Wer heute an einer Dissertation arbeitet, hat zahlreiche elektronische Möglichkeiten, seine Literatur und seine Gedanken zu verwalten. Trotzdem sind mir in meiner eigenen Arbeit Fehler unterlaufen. So steht im Text an einer Stelle die Quelle „Müller 2010“, im Literaturverzeichnis aber „Müller 2011“. Das sollte nicht passieren, kann eigentlich bei korrekter Anwendung von Literaturverwaltungssoftware auch nicht passieren. Aber irgendwann während der mehrjährigen Arbeit an diesem 250-seitigen Dokument es ist passiert. Mein Doktorvater hat es bemerkt und mich dafür abgewatscht – und meine Korrekturleser gleich mit. Richtig so.

Was ich aber damit sagen will: Ich halte es für praktisch unmöglich, Fehler komplett zu vermeiden. Ich möchte deshalb nicht wissen, welche Unsauberkeiten selbst dem redlichsten Doktoranden 1979 durchgegangen sind, als noch mit Zettelkästen und Schreibmaschine gearbeitet wurde.

Nochmal: Ich möchte damit mitnichten Plagiatoren verteidigen, auch nach mehreren Jahrzehnten sind. Ich möchte lediglich einordnen.

Meine Dissertation ging durch eine Plagiatssoftware. Das ist Standard; die Abgabe in gebundener wie auch in elektronischer Form ist obligatorisch. Bei Frau Schavan war es das damals nicht; die Plagiatsfeststellung war und ist ungleich schwieriger.

Umso mehr verblüfft es mich, dass sich jemand die Dissertation dieser Frau vornimmt, einer langjährigen Politikerin, die nunmehr 57 Jahre alt ist und deren Arbeit vor 33 Jahren entstanden ist. Solch eine Arbeit zu prüfen, 35, 40, 50 Jahre alte Literatur zu beschaffen, jede Fußnote zu vergleichen und zusätzlich all jene Textstellen zu kontrollieren, die keine Fußnote haben – das ist ein Vollzeitjob. Für Wochen. Wer macht sowas? Und warum? Cui bono?

Meine Einschätzung zu Herrn Guttenberg war seinerzeit: Jeder, der täuschen möchte und es auch tut, stellt sich, selbst wenn ich ihm wohlwollend an Debilität grenzende Blödheit unterstelle, nicht so dumm an wie Herr zu Guttenberg. Solch ein plumpes Kopieren fabriziert man nicht selbst.

Und ein Plagiatsjäger, der sich ohne Verdachtsmoment die Mühe macht, eine 33 Jahre alte Dissertation herauszukramen (ausgerechnet diese!) und sie bis ins Detail zu prüfen, macht das nicht als Freizeitvergnügen. Er macht es auch nicht aus einem übermäßigen Gerechtigkeitsempfinden heraus – sondern weil es einen Zweck hat. Für ihn oder für Dritte.

Hätte Annette Schavan übrigens vor 33 Jahren einen Menschen getötet, wäre der Totschlag seit drei Jahren verjährt.

„Oh mein Gott!“, sagt die Arzthelferin, blickt mich mit weit aufgerissenen Augen an und schlägt die Hände vor den Mund. „Wie sehen Sie denn aus!“

Gute Frage, wie sehe ich aus!? Ich fasse mir mit der flachen Hand ins Gesicht und blicke auf meine Handfläche. Blut. Überall Blut.

„Ich hole schnell was“, sagt sie und rauscht davon. Mich dünkt, sie ist leicht panisch.

Ein dicker, roter Tropfen fällt von meinem Kinn und breitet sich behäbig auf dem Stoff der Behandlungsliege aus. Ich halte die Hand unters Gesicht. Es tropft und tropft.

Die Arzthelferin kehrt zurück. „Als hätte Ihnen jemand den Schädel gespalten“, sagt sie und drückt mir einen Tupfer aufs Haar. Mit einem Lappen wischt sie mir übers Gesicht, eifrig wie ein Fensterputzlehrling. „Was hat der Doktor bloß mit Ihnen gemacht?“

Es nennt sich Akupunktur.

Sie hält inne, tritt einen Schritt zurück, wiegt den Kopf von links nach rechts und betrachtet mich mit vorgerecktem Kinn. „Naja“, sagt sie. Noch einmal zückt sie den Lappen und rubbelt meine Wange. „Vielleicht gehen Sie besser auf unsere Patiententoilette und machen das selbst. Bevor Sie wieder auf die Straße treten, meine ich. Obwohl – es ist ja bald Karneval.“

Ich ziehe mir meine Schuhe an und gehe aufs Gästeklo. Im Spiegel läuft ein Splatter-Movie: Auf meiner Wange klebt krustiges, dunkel geronnenes Blut, die Haare in der Stirn sind rot verfilzt.

Da sage noch einer, mein Qi fließe nicht.

Ein paar Sachen zum Woanderslesen und -hören:

Der Kinderdoc bei Radio Fritz
So also hört er sich an, der Kinderdoc. Ich komme auch in dem Interview vor. Circa ab Minute 44:35.

Dass das Interview ausgerechnet mit den Google-Suchanfragen eröffnet wird, finde ich übrigens ausgesprochen verfehlt.

Lampiongarten: Geschichte eines einwöchigen Twitterentzugs
„Wenn man auf Facebook die Leute zu hassen beginnt, mit denen man zur Schule gegangen ist, dann verliebt man sich auf Twitter in völlig Fremde, so besagt einer der meistzitierten Tweets. Ich habe diese Fremden vorerst abgeschaltet.“

Ganz netter Erfahrungsbericht, auch wenn ich kein Problem damit hätte, ohne Twitter zu leben. Habe ich mir im Urlaub schon mehrfach bewiesen. Es ist überaus erstaunlich, wie wenig man wirklich verpasst, wenn man zwei Wochen offline ist, egal ob partiell oder komplett.

Der Sachspendenmarkt bei kinderarmut.de
Ein Link, den ich vor Weihnachten über Twitter bekommen habe. Ich weiß leider nicht mehr, von wem. Hier können sich Leute melden, die eine Sachspende oder Lebensmittel benötigen. Ihre Bedürftigkeit wird überprüft, Spender melden sich und schicken den Inserenten, was sie brauchen. Habe ich gemacht. Kann ich empfehlen.

Marco Maurer auf Zeit Online: Ich Arbeiterkind
„Jetzt stehen wir im Schulsekretariat. Vanessa, Wolfgang, ich – und die Direktorin, nennen wir sie Margarete Bäumler, eine energische Frau Anfang sechzig. Sie sagt, sie könne unseren Besuch nicht gutheißen. Wir sollten den Schülerinnen keine Flausen in den Kopf setzen. Abitur? Studium? »Wir sind eine Schule, die für die Lehre ausbildet, das war schon immer so«, sagt Frau Bäumler. Und dann sagt sie fast denselben Satz, den meine Mama vor 20 Jahren von Herrn Proksch zu hören bekam: »Alles andere ist nichts für sie.«
»Sie«, das sind ihre Schülerinnen.“

Marco Mauro über seinen Weg zum Abitur, zum Studium und zur Zeit. Ich erkenne mich in vielem wieder, auch wenn ich eine geradlinigere Schullaufbahn hatte.

Super Bunny
„Mein Mann, der größte Karnevalist in der Familie, ist dabei unübertroffen in seiner Kreativität der Kostümwahl. Auch dieses Jahr verneige ich mich ehrfürchtig:“

In der Tat preiswürdig.

Michael Bohnert
„Als Fechter- oder Boxerstellung wird eine für Brandtodesfälle typische Körperhaltung bezeichnet, die aus der hitzebedingten Schrumpfung der Sehnen und der Muskeln resultiert. Wenn diese auf Temperaturen von mehr als 60 °C erhitzt werden, kommt es zur Eiweißdenaturierung, welche mit einer Verkürzung der Muskelfasern und der Sehnen einhergeht. An der isolierten Sehne kann eine Verkürzung von bis zu 60 % auftreten.“

Immer wieder interessante Ausführungen von Michael Bohnert, Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Würzburg.

Wie der Staat unbequeme Steuerfahnder kaltstellt
„Einst brachte Wehner dem Staat Millionensummen ein, indem er hinterzogenes Steuergeld aufspürte. Heute arbeitet er in Fulda als Fahrlehrer. Wie konnte es in einem Rechtsstaat so weit kommen? Wer das begreifen will, muss sich mit der Geschichte der einst schlagkräftigsten Steuerfahndung Deutschlands befassen, die am Finanzplatz Frankfurt illegale Geldströme entdecken und Steuerhinterziehung in den Banken verfolgen sollte.“

Wenn sie stimmt, wie sie dort aufgeschrieben wurde, ist das eine unfassbare Geschichte.

Herzdamengeschichten: Der Erikativ und mein Liebesleben
„Die schon legendäre Disney-Übersetzerin Erika Fuchs (1906 bis 2005) prägte diese besondere Verbform im Deutschen maßgeblich. Eine Form, bei der das Wort, welches die Handlung beschreibt, auf den Stamm verkürzt wird: “kreisch”.“

Der Eintrag ist schon ein paar Tage alt, aber er hat eine gewisse Inkubationszeit. Lesen Sie ihn einfach. Dann wissen Sie schon.

https://twitter.com/Mackielsky/status/284343919356022784

https://twitter.com/Larenzow/status/286417428433469440

https://twitter.com/Muermel/status/286925949675659264

https://twitter.com/_spyri_/status/286937054154199040

https://twitter.com/vierfach/status/287085225656328192

https://twitter.com/Goganzeli/status/287163196069003264

https://twitter.com/Buddenbohm/status/287624553788747778

https://twitter.com/HappySchnitzel/status/288775704626216960

https://twitter.com/ellebil/status/288915849069330432

https://twitter.com/ohaimareiki/status/289794708757176320

https://twitter.com/SpeedleDum/status/290763474244616192

https://twitter.com/isabo_/status/291876947435339778

https://twitter.com/SpeedleDum/status/292648923909214208

https://twitter.com/zirkuspony/status/293354191106228224

https://twitter.com/vanlynden/status/294065297541955584

https://twitter.com/denniswilms/status/294161246306054144

https://twitter.com/Mackielsky/status/295216918208598017

https://twitter.com/KaeptnEmo/status/296338330721857536

Und zu guter Letzt ein Tweet für alle kleinwüchsigen, passionierten Badewannenschwimmer, damit Sie endlich verstehen, warum in Gottes Namen ich keine Badeperlen, Badekugeln oder Schaumölbäder brauche:

Die Sammlung gibt’s wie immer bei Frau Anne.

Ich steige in ein Taxi. Der Taxifahrer ist in meinem Alter, ein korpulenter Mann mit dichtem, dunklem Bart und großen, fast schwarzen Augen.

„Zum Krankenhaus bitte“, sage ich.

Er stellt den Taxameter ein und fährt los. „Hastu kranken Freund?“, fragt er, dann legt er los:  „‚Schab auch immer nachts Husten. Der hört gar nisch‘ auf. Hab isch schon seit Wochen. Aber liegt vielleischt daran, dass isch immer bis sechs abends arbeite. Dann ess‘ isch und gehe ins Bett, aber boah! Wenn isch huste, kommt das wieder hoch. Bis hier!“ Er deutet mit der Handkante an seinen Hals. „‚Schab mir schon gedacht, vielleischt soll isch abends weniger essen. Weißtu, meine Frau kocht voll gut.“

Öhm.
„Vielleicht besser nur ein Süppchen?“, sage ich.

„Hastu vielleischt rescht. Hastu Kinder?“

Ich verneine.

„’sch werde Vatta. In einem Monat.“ Er schweigt, streckt unmerklich den Brustkorb vor und sieht mich von der Seite an.

„Herzlichen Glückwunsch!“, sage ich. „Junge oder Mädchen?“

„Junge. Aber weißtu was? ‚Sch hätt‘ gern ’n Mädschen gehabt. Escht jetz‘. Weißtu, in meine Kultur … meine Kumpels haben mir auf die Schulter geklopft und gesagt, Stammhalter und so, Glückwunsch und so. Aber weißtu, Mädschen ist irgendwie, da fühl‘ isch voll viel im Herzen. Weißtu, weil: Mädschen beschützt man mehr.“

„Wenn das Kind erstmal da ist, ist bestimmt egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Und den Jungen beschützt du dann auch ganz doll.“

„Ist bestimmt so. Weißtu, ist sowieso ein ganz besonderes Kind, weil: Meine Frau hatte vorher zwei Fehlgeburten. Immer in zehnter Woche. War isch voll traurisch, und meine Frau war noch trauriger, natürlisch. Hat viel geweint.“ Wir stehen an einer Ampel. „Im Dezember hat sie vier Wochen im Krankenhaus gelegen. War sooooo weit auf, der Muttermund -„, er hält seine Hände melonenbreit auseinander – „deshalb musste sie im Krankenhaus liegen, weil: Sonst flutscht das Kind da raus, weißtu.“

Die Ampel wird grün. Wir fahren weiter.

„War ein escht schlimmer Monat. Weißtu, meine Mutter hat immer viel Wert auf Essen gelegt – früher, als isch noch ein Junge war. Hat immer warm gekocht, jeden Tag. Und isch bin so froh, weil: Meine Frau ist wie meine Mutter. Kocht auch immer warm, jeden Tag. Aber im Dezember, das war schlimm. Ein Monat ohne Essen. Konnte isch kein Fast Food mehr sehen.“

„Dann musst du halt selbst kochen“, sage ich.

„Kann isch doch nisch, Alta!“ Er erschrickt. „Oh, ’schuldigung, wollt‘ isch nisch ‚Alta‘ sagen.“

„Kein Ding. Es gibt Kochbücher. Da steht drin, wie kochen geht.“

„Jaaaaa“, er zieht verschämt die breiten Schultern hoch und grinst verschmitzt. „Weiß isch, weißtu, aber bin isch zu faul. Oh mann, isch freu misch so auf meine Kind. Isch freu misch ja jetzt schon, jeden Tag nach Hause zu kommen, aber dann – Wahnsinn, alta. Zehn Euro zwanzisch.“

Wir sind am Krankenhaus. Ich bezahle und wünsche ihm alles Gute für seine Frau. Er winkt beim Wegfahren. Ich fühle voll viel im Herzen.

Zum Thema #aufschrei wurde schon viel gesagt.

Ich möchte das nicht alles wiederholen. Wer mag, kann beispielsweise bei Frau Journelle, Frau Anne, Frau Nuf, Frau Kiki, oder Frau Antje nachlesen. Auch die Kaltmamsell hat etwas geschrieben. Am meisten kann ich mich mit ihrem Beitrag und dem von Frau Serotonic identifizieren.

Was am erstaunlichsten an dieser ganzen Sache ist, ist, dass offensichtlich jede Frau mindestens fünf Begebenheiten erzählen kann. So natürlich auch ich.

Ich möchte an dieser Stelle nicht in die Tiefe gehen, denn mit den meisten Begegnungen, insbesondere denen der vergangenen fünf Jahre, halte ich mich nicht lange auf. Ich bin inzwischen selbstbewusst genug, um mir davon nichts anzunehmen, auch wenn der vertraute Griff eines unvertrauten Herrn bei mir jedesmal Abscheu auslöst, egal ob er an die Taille, ans Gesäß oder nur an den Arm geht. Das jüngste Ereignis war vor wenigen Monaten, als ich in der Innenstadt stand, auf jemanden wartete und eine männliche Stimme mir mit warmem Atem von hinten ins Ohr raunte: „So schöne feste Schenkel. Zwischen denen möchte ich liegen.“ Ich ging wortlos fort, einfach geradeaus, ohne mich zu ihm umzudrehen. Ich habe noch nicht einmal sein Gesicht gesehen.

Zwei Begegnungen werde ich niemals vergesse. Ich hatte sie als junges Mädchen. Einmal befand ich mich im Freibad. Ich tauchte und konnte sehen, wie ein Mann im Nichtschwimmerbereich des Beckens stand, sein Glied hing aus der Badehose, und er rieb es. Ich konnte das seinerzeit nicht einordnen, fand es nur abstoßend und erzählte es meiner Mutter. Sie war sich sicher, ich hätte es mir nur eingebildet.

Die zweite Begegnung fand statt, als ich schon ein Teenager war, 15 oder 16 Jahre alt. Meine Mutter hatte mich einkaufen geschickt, es war ein sonniger Sommertag, ein Auto mit einem Mann hielt neben mir.

„Kann ich dich etwas fragen?“, sagte er. „Ich suche etwas.“

Ich ging zu ihm, denn es kam öfters vor, dass Leute nach dem Weg fragten, ich dachte mir nichts dabei. Auch er fragte mich nach dem Weg – zum Puff.

Ich wusste, wo der Puff war, ich war schließlich alt genug, außerdem gab es in diesem kleinen Ort im Sauerland nur einen einzigen Puff – den kannte jeder. Dennoch war ich für einen kurzen Moment perplex: So eine direkte Frage, wer rechnet denn damit? Ich schaute mir den Mann an, und als mein Blick auf den Sitz wanderte, sah ich, dass er nur eine Shorts trug, eine sehr kurze Shorts. Sein Penis hing aus der Hose auf seinen rechten Oberschenkel. Er war mit einem Gefrierbeutel umhüllt, und der Mann musste bereits mehrmals hinein ejakuliert haben, denn der durchsichtige Beutel war verschmiert und voll mit Sperma.

Ich erklärte ihm schnell den Weg zum Puff. Einmal wenden, die Straße runter, dann rechts, und nach 500 Metern sind Sie da. Bitteschön.

„Wenn du magst, kannst du mitkommen“, sagte er und grinste.

Ich lief fort. Ich habe niemandem davon erzählt.

Zwei Damen in der U-Bahn. Ich steige mitten im Gespräch ein.

(…)
„Im Urlaub bin ich in Spanien.“
„Wie kommste denn dahin?“
„Mit dem Auto.“
„Ja, aber, wie kommste dahin?“
„Hä?“
„Erdkunde war echt nie mein Ding.“
„Durch Frankreich.“
„Ach so.“
„Bist du dumm, odda watt?“
“ ‚Schab doch abgebrochen. Hab ich dir doch schomma erzählt.“
„Schule, odda watt?“
„Nache Neunten. Weil, ich bin da einfach nich‘ mehr hingegangen. Wurde auch gemobbt und so. Und dann hat meine Mutter gesacht: Dat bringt ja allet so nix mehr. Die zehn Pflichtschuljahre waren ja auch voll.“
„Und wieso machse getz Erzieherin?“
„Weil, wird gebraucht, hat die vom Amt gesacht. Wat has‘ du eigentlich vorher gemacht?“
„Industriekauffrau. Abba hab‘ ich nich‘ zu Ende gemacht, die Lehre. Bei der Prüfung war ich damals ja schwanger und ich war auch so aufgeregt, da bin ich durchgefallen und nich‘ mehr hingegangen. Abba getz, wo ich 30 bin und mein Sohn außem gröbsten raus is‘, dachte ich, da starte ich nomma durch.“
„Erzieherinnen werden gesucht.“
„Dat hamwa schon allet richtich gemacht.“



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