Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Zypernurlaub, Teil II: Sprachkenntnisse.

Um vor meinem Besuch bei meiner Freundin und ihren Kindern ein wenig Russisch zu lernen, habe ich mir ein Lehrbuch „Russisch für Anfänger“ gekauft.

Bereits in Lektion 1 erfuhr ich wichtige Dinge, zum Beispiel die russischen Wörter für „Huhn“ (ку́рица) und „Kralle“ (ко́готь). Wie praktisch, dachte ich, wäre ich zum Beispiel Geflügelzüchterin. Im zypriotisch-russischen Alltag stellte sich jedoch rasch heraus, dass Hühnerkrallen von keinerlei Belang sind. Um genau zu sein, habe ich während meines Urlaubs kein einziges Huhn gesehen, bei dessen Anblick ich mich mit dem Ausruf: „Oh, schau! Ein Huhn! Mit Kralle!“ hätte profilieren können.

Desgleichen lernte ich Sätze wie: „Ich bin ins Schleudern geraten“ und „Der Rauch steigt steil zum Himmel empor“. Beide Sätze habe ich trotz bemühter Suche nach passenden Gelegenheiten nicht zur Anwendung bringen können. (Das Wort „Feuer“ wurde in den Lektionen nicht durchgenommen. Im Falle eines Brandes hätte ich also gesagt: „Bitte verzeihen Sie, bei der Kralle meines Huhns, Rauch steigt steil zum Himmel empor! Dawei! Dawei!“).

Mein Russisch-Studium erwies sich bei Ankunft in Zypern also als wenig hilfreich. Zum Glück ist einer der Buben erst drei Jahre alt und kommentierte auf jeder Autofahrt alles, was er vor dem Fenster sah – oder fragte, was dieses und jenes sei. Dank dieses Umstandes konnte ich gemeinsam mit ihm den Spracherwerb vollziehen – wie praktisch. Und noch dazu so verbindend. Allerdings interessierte sich der Kleine vor allem für motorisierte Fahrzeuge, so dass ich nun verhandlungssicher automobiles Vokabular beherrsche, konkret die Wörter für Mofa, Motorrad, Auto, Laster, Anhänger, Quad, Trike und Buggie. Überdies kenne ich mich bestens im Segment „Baumaschinen“ aus (Bagger = экскава́тор, „Exkawator“). 

Ich komme nun zum Punkt meiner Rede: Es braucht dringend ein Wörterbuch für den Umgang mit Kindern, das in den ersten Kapiteln keine Höflichkeitsfloskeln, Verwandtschaftsbeziehungen oder Unfallhergänge durchnimmt, sondern sich den wichtigen Themen widmet. Titelvorschlag fürs Russische: „Paschli! Paschli! Basis-Russisch für Kinderfreunde“.

Den Grundwortschatz möchte ich Ihnen hier im Serviceblog schon einmal anbieten:

Grundbedürfnisse

  • Eiscreme (maróschnaja)
  • Schokolade (schokolad)
  • Durst (schaschda)
  • Hunger (gálad)
  • müde (ustál)

Bonussatz: Snatschála sup, satjem maroschnaja. – Erst die Suppe, dann gibt’s Eis.

Die Frage „Schto djelaesch?“ (Was machst du da?) sollte man verstehen und passend mit der Beschreibung gähnend langweiliger Tätigkeiten antworten können:

  • Ich lese. (Ja tschitáju.)
  • Ich ruhe mich aus. (Ja átwuichaju.)
  • Ich schlafe. (Ja spischtschu.)
  • Paltschasá, patjóm igrájem. – Eine halbe Stunde noch, danach spielen wir.

Wichtige Vokabeln sind überdies:

  • Hund (cabáka)
  • Katze (kaschka)
  • Käfer (dschuk)
  • groß (balschój)
  • klein (málinko)

Ausrufe und Befehle

  • Guck mal! (Smatrí!)
  • Schnell, hopp, hopp. (Dawei! Dawei!)
  • Du bleibst sitzen! (Sidjusch!)
  • Achtung! Aufpassen! (Astaroschnja!)

Im Herumkommandieren von Kindern ist das Russische sehr vielfältig. Das erkennt man schnell, wenn man mit russischen Eltern zusammen ist. Ein detaillierte Auflistung würde an dieser Stelle allerdings den Rahmen sprengen, außerdem ist man ja Gast, da hält man sich zurück. Mitlesenden Eltern seien nur zwei Vokabeln ans Herz gelegt, die ihnen, ins Deutsche übernommen, bei ihren eigenen Kindern zu mehr Durchsetzungsvermögen verhelfen können.

Vokabel 1: Paschlí! – Dieses kleine Wort gibt die Aussage „Los jetzt, vorwärts, beeil dich, nicht herumtrödeln!“ in nur zwei Silben wider. Im Feldwebelton vorgetragen, zeigt es erfreuliche Wirkung. Hilfreich ist auch Vokabel 2: Díssuda! – Es bedeutet: Du kommst jetzt sofort und ohne Umwege hierher, aber zack, zack! Die Betonung liegt auf der ersten Silbe, auf dem scharfen S in der Mitte können Sie, wenn Ihnen danach ist, einen kurzen Moment verweilen. Es spricht sich am besten aus, wenn man die Augenbrauen zur Nasenwurzel zieht und die Augen leicht zukneift.

Der Bekanntschaft zu russischen Kindern steht nun also nichts mehr im Wege. Ich wünsche Ihnen schöne Begegnungen!

Weißer Strand, hellblaues Wasser, ein paar müde dümpelnde Boote und dazwischen: ich, liegend. Mit Sand zwischen den Zehen und einer leichten Brise auf dem Körper.

Damit sind die Vormittage der vergangenen Woche ausreichend beschrieben.*

Makronissos Beach

Kein Farbfilter. Es sah dort tatsächlich so aus.

Oder nein: Manchmal habe ich Frisbee gespielt – Wasserfrisbee, das darin bestand, den Frisbeering fortzuwerfen und um die Wette hinterherzuschwimmen. Manchmal habe ich auch eine Sandburg gebaut, mit Wassergraben und einem Turm für Pavel, Chief of Intelligence Service, der die Botschaften feindlicher Piraten entschlüsselt, um Alarm zu geben, wenn ein Angriff auf die Burg des Zaren droht. Manchmal bin ich auch geschwommen, so richtig meine ich, jeden Tag bis raus zur Boje und wieder zurück. Dort hinten gab es wilde, gefährliche Wellen; die Perspektive des Fotos verbirgt das in geradezu lächerlicher Art und Weise.

Einmal sind wir nach Nordzypern gereist. Die Grenze zwischen Zypern Süd und Nord ist netter, als die zwischen Deutschland Ost und West es war, allein schon wegen der Geranien vor den Grenzhäuschen. Neben den Geranien sitzen eine Handvoll dicker Griechen, die Beine hoch, und winken einem wohlwollend beim Vorbeifahren zu. Die Türken ein Häuschen weiter möchten den Pass sehen und stellen ein Visum aus, das nicht mehr ist als ein Zettelchen mit Stempel, das man allerdings nicht verlieren darf, sonst kommt man nicht wieder raus.

Hinter dem Grenzhäuschen erstreckt sich zunächst viel Prärie, man könnte meinen, man sei im Mittleren Westen. Ich habe jeden Moment damit gerechnet, ein Cowboy presche in wildem Galopp heran, hebe mich auf sein Pferd und reite mit mir zum Strand. Stattdessen aber überholte uns nur ein rasendes Müllauto.

Nordzypern: goldgelbes Feld vor Bergen

In der Prärie von Nordzypern.

In den Bergen: ein Schloss, halb Kloster, halb Burg, mit drei in den Stein gebauten Etagen. St. Hilarion soll sogar Walt Disney inspiriert haben. Man mag es ihm nicht verdenken.

St. Hilarion

St. Hilarion, erste Etage

Wenn man dann oben ist – was einige Zeit in Anspruch nimmt – hat man einen ausgezeichneten Blick auf die Nordküste. Auf halber Strecke befindet sich ein Café, das wir, weil: erst die Arbeit, dann das Vergnügen, zunächst links liegen gelassen haben – was dazu führte, dass wir auf dem Gipfel kalte Limonadengläser vor unseren Augen schweben sahen. Anwesende sechsjährige Jungen halluzinierten überdies Eiscreme und verfielen in ein dissonantes Quengeln.

St. Hilarion

Um von dort hinunterzuschauen, muss man bedauerlicherweise heraufsteigen.

Den Visumzettel habe ich nicht verbummelt, was ich mir selbst hoch anrechne. Eine türkische Grenzbeamtin meinte auf dem Rückweg und bei Einsicht in meinen Reisepass: Oh mei, wie blond ich sei und wie groß und wie deutsch, quasi wie Heidi Klum. Daraufhin erfanden wir den Ausdruck „preparing Heidi“, den wir fürderhin benutzten, wenn ich zum Frischmachen ins Bad musste: „Wait a minute, I gotta prepare Heidi!“

Heidi (background) and groupie (front).

Heidi (background) und Groupie (front).

Heidi hatte, sonst wäre sie nicht Heidi, auch im Urlaub Fototermine – in Klöstern. Der kleine Junge mit dem großen Eiswunsch hat es mithilfe geheimer Superkräften geschafft, auf jedem Foto aufzutauchen.

Frau Nessy im Kloster von Agia Napa

Suchbild: Wer den kleinen Jungen findet, bekommt eine Waffel.

Anwesend war außerdem: ein Baum. Vor diesem Baum, wie auch auf Felsen, an Küsten und vor malerischen Kirchen, ließen sich Unmengen von Hochzeitspaaren ablichten. Ja, wirklich: Unmengen. Ich habe in einer Woche mindestens und nicht übertrieben zwanzig gesehen. Zypern scheint ein Ort der Liebe zu sein.

Baum im Kloster von Agia Napa

Dicker, alter Baum. In diesem Fall ohne Hochzeitspaar.

Zu essen gab es auch etwas: Meeze, die Tapas-Variante der Griechen. Wenn Sie die Gelegenheit haben, derlei zu bestellen, nutzen Sie sie: Die Sachen sind ausgesprochen köstlich und schmecken dank Fleischbällchen auch Kindern. Wobei ich ergänzen muss, dass Dreijährige nicht nur die Fleischbällchen, sondern auch den Halloumi geradezu mähdrescherartig wegfraßen.

Meeze

Meeze: wie Tapas, nur auf griechisch.

Fazit: Zypern ist super. Fahren Sie hin. Im nächsten Kapitel lesen Sie: Russisch lernen von und für Drei- bis Sechsjährige.

[*Service-Info: Ich war in Zypern zu Gast bei einer russischen Freundin und ihren zwei Söhnen.]

Phoenixsee, Dortmund:

Phoenixsee Dortmund im Gegenlicht

Hier stand bis 2007 die Herrmannshütte, ein Stahlwerk. Chinesen haben es ab- und in China wieder aufgebaut. 2006 begannen die Aushubarbeiten für den See, 2010 wurde er geflutet.

Ich bin gerne hier. Vielleicht, weil der See und ich gemeinsam nach Dortmund gezogen sind, es in meinem Innern seinerzeit genauso wüst aussah wie in seinem und inzwischen die Sonne über unser beider Köpfen scheint.

Am Donnerstag war ich beim WDR zu Gast. Sabine Brandi hat mich zu „Da gewöhnze dich dran“ interviewt – und zum Ruhrgebiet, zu den Menschen dort, zum Strukturwandel, zum Umhergehen und dazu, wie viel Realität und wie viel Fiktion im Buch steckt.

Das Gespräch kann man bei WDR 5: „Neugier genügt“ nachhören.

Achtung! Spoiler-Alarm bei 05:50! Wer nicht wissen möchte, was Herr Schmidtchen im Buch erlebt, sollte bei 05:45 aufhören und bei 05:58 wieder einsteigen.

Auf einmal ist er da.

Sitzt vor einem kleinen Fernseher im Hausmeister-Kabuff der Sporthalle. Ab und an kommt er während des Trainings heraus, geht, die Arme hinterm Rücken verschränkt, an der Seitenlinie auf und ab oder setzt sich auf eine Kiste, die Beine breit, die Arme aufgestützt. Von seinem Hals baumelt eine Silberkette.

Als ich verletzt bin, rückt er ein Stück auf Seite und ich setze mich neben ihn.
„Watt hasse?“, fragt er.
„Bänderriss“, sage ich.
„Kannze nich mitmachen?“
„Nee.“
Er zeigt mit der Hand aufs Spielfeld, wo die Hühner grad Tempogegenstöße laufen. „Wat isn dat fürn kleiner Flitzer da? Die macht alle rein.“
„Das ist Rosi“, sage ich.
„Die kann wat, odda?“
„Ja, die kann was.“
„Dat seh ich gleich. Ich hab keine Ahnung, abba da habbichn Auge für. Ich bin übrigens der Wolfgang.“

Irgendwann bringt Wolfgang uns Erdbeeren mit. „Hab ich im Gatten gepflückt, für euch Mädels.“
Die Männer, die in der anderen Hallenhälfte trainieren, kriegen Frikadellen. „Tu ich euch wat Gutes, woll“, sagt er.

Als der Verlag sagt, sie möchten gerne, dass ich zusammen mit jemandem, der nach Ruhrgebiet aussieht, auf dem Buchcover bin, denke ich sofort an ihn. Beim nächsten Training setze ich mich wieder neben ihn auf die Kiste und frage ihn, ob er Lust hat.
„Wat mussichn da machen?“
„Nur gut aussehen“, sage ich.
„Muss ich mir da wat Schniekes anziehn?“
„Nee, ganz normal.“
„Und dann komm ich aufs Buch.“
„Genau.“
„Musse auch reinschreiben, dat ich Singel bin.“ Er sagt „Singel“, mit weichem S.
„Das schreibe ich später in mein Blog“, sage ich.
„Auch gut.“

Als wir vorm Kiosk stehen, ist schnell klar: Wolfgang ist perfekt. Er kann posen wie ein Star und legt jeden Gesichtsaufdruck auf, den der Fotograf haben möchte. Seine Spezialität: flirty gucken.

„Und jetzt guck mal die Nessy an! Verliebt! Genau!“, sagt Thorsten, der Fotograf. Er ruft es ein bisschen, so wie die Fotografen das im Fernsehen machen.
Wolfgang schmiegt sich an mich und schmachtet mich an.
„Und jetzt das Gleiche zu mir, in die Kamera!“, ruft der Fotograf.
„Die Frau Doktor, die riecht so gut“, sagt Wolfgang und legt mir den Arm um die Taille.
„Trotzdem! Hier, jetzt!“, sagt der Fotograf.
Wolfgang und ich gucken in die Kamera.

Heute, fast ein Jahr später, ruft er mich an. In der Herrenmannschaft ist er inzwischen Ehren-Betreuer, mit eigenem Trikot und festem Platz auf der Bank. Er sei ja jetzt länger nicht in Dortmund gewesen, sagt er. Aber als er heute zum Bäcker ging, habe jemand ihn angesprochen: „Du stehst in Aplerbeck im Buchladen!“, habe die Frau gesagt. Er erzählt es mehrmals, weil er sehr stolz ist. „Dat ich sogga auffe Straße erkannt werde!“, sagt er. „Getz werd ich noch berühmt!“

In Zukunft, meint er, will er nicht mehr mit dem Auto zum Bäcker fahren. Sondern nur noch zu Fuß gehen. Damit die Leute noch mehr Gelegenheit haben, ihn zu erkennen.

Vielen Dank für die Gastgeschenk-Tipps!

Ich habe mich nun entschieden für: Dinosaurier-Figuren von Schleich, einen Frisbee-Ring, den großen Traktor von Lego Duplo, ein Kinderfernglas, eine Kindertaschenlampe mit normalem Licht und mit Projektionen aus der Sendung mit der Maus und ein Tattoo-Set mit Piraten und Totenköpfen. Das lässt sich alles gut transportieren und macht bestimmt viel Spaß.

Einiges andere habe ich mir auf den Wunschzettel gesetzt, zum Beispiel Cross-Boule – für spätere Geschenke. Es kommen ja immer Geburtstage und andere Gelegenheiten.

Der älteste Sohn, so habe ich erfahren, wird nicht da sein. Der Arme ist schulpflichtig und muss in Moskau büffeln. Ich werde ihm ein BVB-Trikot einpacken, das er dann später erhält.



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