Die Zwei
Sie steigen in die U-Bahn ein und setzen sich: Er neben mich, sie ihm gegenüber. Die Bahn fährt an.
Es ist Dezember. Es ist die Bahn, die mich aus der Innenstadt nach Hause fährt. Menschen mit Tüten sitzen neben Menschen mit Laptoptaschen, stehen im Gang, schauen stummt auf ihre Füße, schunkeln. Im Waggon ist es warm, zu warm für Menschen in Wintermänteln mit Gepäck.
Die beiden beugen sich vor. Sie streichelt seine Wange, über sein Kinn, seinen Hals hinab, hebt die Hand, fährt ihm durch die Haare, schließt die Augen, küsst ihn auf volle Lippen, die nicht zurückküssen. Seine Augen bleiben geöffnet, schauen in den Vierersitz hinter ihr.
Sie lässt von ihm ab, beugt sich zurück, tippt etwas in ihr Handy, sieht wieder auf, spitzt die Lippen, wirft ihm mit Augen und Mund einen Kuss zu. Er lächelt, sagt: „Baby.“ Sie beugt sich wieder vor, schließt die Augen, küsst ihn auf die Lippen. Diesmal erwidert er den Kuss, ohne Genuss. Sie stößt mit ihrer Zunge zu, er zögert, öffnet die Lippen, lässt sie gewähren, blickt ans Waggon-Ende, hinter dem nur noch der Fahrer sitzt. Sie öffnet die Augen. Es sind braune Augen, sehr verliebte Augen. Ihre offenen Haare rutschen über die Schulter ihrer Daunenjacke und fallen ihr ins Gesicht. Sie wirft sie nach hinten, lehnt sich mit dem Schwung ihrer Haare zurück. Die Dame hinter ihr im Sitz schaut sich um. Ihr kitzelt es im Nacken.
Die Menschen, die im Gang stehen, schauen auf die beiden hinab, verfolgen die Choreographie. Es ist unmöglich, die Präsenz der beiden, ihre jugendliches Sein zu ignorieren.
Er sitzt weiterhin mit den Ellbogen auf den Knien und schaut mal sie, mal den Vierer hinter ihr an. Sie blickt in die Runde, grinst, blickt ihn an, blickt wieder in die Runde, beugt sich erneut vor und streichelt mit der freien Hand sein Gesicht. In der anderen hält sie ihr Handy, das Geräusche von sich gibt. Nachrichten kommen, noch eine und noch eine.
Er lässt sich kraulen und sagt: „Nächste müssen wir raus.“
Sie steht auf, zieht ihre Jacke nach unten, bewegt dabei ihre Hüften vor seinem Gesicht, legt ihren Zeigefinger unter sein Kinn, ihre Nägel sind aufwändig mit Glitzer verziert, und zieht ihn daran zu sich nach oben. Sie küsste ihn auf die Lippen, dann hält die Bahn. Die Türen öffnen sich schmatzend, Menschen mit Tüten und Taschen schieben sich hinaus, nur wenige steigen ein, die Türen schließen sich wieder. Mit einem Mal ist es leer.
Die Zwei besteigen die Rolltreppe, sie eine Stufe über ihm. Sie beugt sich zu ihm hinab, küsst ihn, eine Hand in seinem Haar. Die Bahn fährt an. Die beiden entschwinden hinter mir, dann: nur noch Tunnelwand.









