Das Glühwein-Paradoxon
Da stehen sie nun wieder an den Buden, klebrige Tassen in der Hand, Bommelmützen auf dem Kopf und saufen Glühwein.
Eigentlich mag niemand Glühwein. Oder hat man jemals zu Hause auf dem Sofa gesessen und gesagt: „Jetzt’n Glühwein?“ Nein, hat man nicht, will man auch nicht. Glühwein ist fies, so richtig fies, Glühwein rollt die Zehennägel auf, selbst türkische Sirupklumpen sind ein feines Stück Obst gegen die abartige Süße von Glühwein.
Trotzdem trinken ihn alle, es gibt keine Ausrede, außer man muss noch Auto fahren, aber „Komm! Einer geht!“, einer muss gehen, „für den Geschmack“. Doch gerade für den Geschmack möchte man ja eben nicht. Weil aber alle eigentlich nicht wollen und Glühwein nur trinken, weil sie auf dem Weihnachtsmarkt stehen, weil das dort so muss, weil auch „Last Christmas“ und „Jingle Bells“ müssen, obwohl es allen aus den Ohren blutet – weil also alle leiden, darf sich niemand verweigern. Außer für einen Lumumba. Es ist ein sozialistisches Gewürzwein-Kollektiv, wir sind gleichgeschaltete Glühwein-Genossen, niemand darf es besser haben als der andere.
Ist die Tasse leer, geht einer vor, steht fünfzehn Minuten an, holt neue Tassen mit neuem Glühwein. Ohne die Pfandmarken einzulösen, von deren Wert man Kleinwagen kaufen kann. Glühwein dreifuffzich, drei Euro Pfand auf die Tasse, macht siebenfuffzich pro Becher. Wer am Ende die Tassen zurückbringt, ist niemals der, der auch die Pfandmarken hat, wer hatte die überhaupt jemals? Ach, der Thomas, der ist aber schon weg. Tanja und Tina stecken ihre Motivtassen sowieso in die Handtasche, wo sie als klebriger Keramik-Magnet vier verlorene Haargummis wiederfinden.
So ist der Glühwein also doch für etwas gut. Man hat am Ende eine Tasse, hässlich wie Nacht, die man nutzen kann, um Öl abzulassen und Schrauben zu verwahren. Und man hat vier neue Haargummis.