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Tourblog #4 Lübeck – Kopenhagen: Die dänische Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen

25. 4. 2026 2 Kommentare Aus der Kategorie »Expeditionen«

Prolog | Am Abend vor unserer Abreise sagte ich zum Reiseleiter: „Morgen fahren wir nicht nur 800 Kilometer nach Hause. Wir reisen 30 Jahre in der Zeit zurück.“

Damit meinte ich nicht die Digitalisierung in Dänemark. Vielmehr meine ich damit die Art, wie Dänen und insbesondere die Kopenhagener Zusammenleben gestalten.


Das Design | Wenn man Dänemarks und Kopenhagens Idee von Stadtplanung verstehen will, kommt man nicht an Jan Gehl vorbei. Foto aus dem im Danish Architecture Center:

Im Vordergrund Notizbücher Jan Gehls mit Fotos und Notizen, im Hintergrund ein Foto von ihm und ein Fernseher, auf dem ein Film läuft.

Als der 79-Jährige seinerzeit Architektur studierte, zeigten ihm seine Professoren Fotos mit Gebäuden. Um die Fotos zu machen, sind sie um 5 Uhr aufgestanden, damit keine Menschen auf den Bildern zu sehen waren. Gehl sagt, er habe im Studium gelernt, Skulpturen zu erschaffen, keine Gebäude für Menschen. Dann heiratete er eine Psychologin, „a big crossing point in my life“. Seither, sagt er, studiere er Architektur neu, seit 40 Jahren.

Das erzählt er in seiner Standardvorlesung, die zum Beispiel als Annual Lecture 2018 Mistra Urban Futures zu sehen ist, Video ab Minute 8:30. Oder im Podcast The Developer.

Gehl begann, Menschen zu beobachten. Er fuhr nach Italien und führte in den Altstädten akkurat Buch darüber, was in den Straßen, Gassen und auf den Plätzen geschah. Er schrieb auf, wie sich Menschen verhalten. Er bereiste andere Länder, andere Städte. Ihm wurde klar, dass die Architektur bislang einem Irrtum unterlegen war: Sie maß, wie viele Menschen wo gehen und fahren – um dann Straßen und Häuser zu gestalten. Dabei sei nicht wichtig, wo sie sich bewegen, sondern wo sie stehenbleiben, in Kontakt kommen, miteinander sprechen. So entstand Gehls Verständnis von Stadtplanung.

A good city is like a good party — people stay longer than really necessary because they are enjoying themselves.

Er beschäftigte sich mit menschlichen Dimensionen, mit Augenhöhen, Sichtachsen, wie weit wir gucken und laufen können, bei welchen Geschwindigkeiten wir noch was wahrnehmen können, welche Strecken wir wählen, warum wir lieber am Rand sitzen als in der Mitte, bis zu welcher Entfernung wir Mimik lesen können und vieles mehr.

Gehl kam zu dem Schluss, das der Mensch alles tut, um Energie zu sparen. Wenn wir uns entscheiden, wie wir eine Strecke zurücklegen, dann ist es immer eine Effizienzentscheidung. Also, sagte er sich, müssen Städte so gestaltet sein, dass sie effizient und bequem sind – nicht für ein Auto, sondern für den Menschen, für den menschlichen Körper und den menschlichen Geist.

Das Ergebnis ist eine Stadtplanung, die Plätze und Räume priorisiert, auf denen Menschen zusammenkommen und sich sicher fühlen, eine Planung, die am menschlichen Körper ausgerichtet ist, die Aktivität fördert und Gesundheit erhält. Er entwickelte eine demokratische Stadtplanung, die wiederum Demokratie fördert.

It emphasizes that we shall walk more, we shall meet each other more. That’s good for health, that’s good for safety, that’s good for social inclusion, that’s good for democracy. Don’t sit in your private little house and look out of little little windows. Come out in our wonderful outdoor spaces and enjoy the spaces with your wonderful fellow citizens.

Filmempfehlung: The Human Scale, verfügbar auf youtube. Leseempfehlung: Städte für Menschen. Außerdem ein Interview beim Deutschlandfunk.


Wege und Plätze | Der Reiseleiter und ich sind in den vergangenen Jahren mehr als tausend Kilometer mit dem Fahrrad durch Dänemark gefahren. Diese Mobilitätsform hat zwar den Nachteil, dass einem immer irgendwas weh tut und man sich fortwährend mit Keksen befüllen muss. Sie hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Man erkennt hervorragend Muster und Zusammenhänge, Verbindungen zwischen Menschen und Geographie, zwischen Städten und Stadtteilen, sich wiederholende Strukturen und die Prioritäten, die sich durchs Land ziehen. Diese Prioritäten finden in Kopenhagen ihren kummulierten Höhepunkt: Allerorten geht es darum, Gemeinschaft zu stärken. Der öffentliche Raum gehört dem Menschen, nicht Autos, nicht der Wertschöpfung, sondern dem Wohlbefinden der Däninnen und Dänen. Der Mensch wird willkommen geheißen: mit Bänken und Blumen, Schatten spendenden Bäumen, Spielgeräten, Wasser, Schaukeln und Rutschen – auch für Erwachsene -, mit Ruheliegen, Picknickmöglichkeiten, öffentlichen Toiletten, breiten Wegen und Beleuchtung.

Sollten Sie einmal in Kopenhagen sein, organisieren Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie durch die Stadt. Sie werden erkennen, wie alles auf magische Weise verbunden ist, wie Wege sich öffnen und fügen, wie es fließt und wie verschiedene Orte und unterschiedliche Stadtteile sich zu einem verwobenen Ganzen zusammenfügen, das ohne Motor, nur mit menschlicher Körperkraft erfahrbar ist. Es existieren viele Plätze, die im Einzelnen unscheinbar wirken, die in ihrer Fülle und in ihrer Verbindung jedoch ein Netz bilden, das nicht nur für den funktionalen Teil des Erwachsenendaseins, sondern fürs Zusammenleben aller Altersgruppen sicher und praktikabel ist.

Kopenhagen hat weniger Spielplätze als deutsche Städte mit vergleichbarer Fläche. Es braucht auch nicht so viele, weil die Stadt selbst kinderfreundlich ist, weil sie Plätze hat, die zum Spielen, Rennen und Verstecken einladen. Eingezäunte Spielplätze helfen nicht, wenn die Stadt außerhalb des Zauns feindlich ist.

Dass Kinder Teil der Stadt sind, zeigt sich auch am Israels Plads, einem großen Platz, der umringt ist von Schulen (Foto des Reiseleiters aus dem vergangenen Juni):

Panoramaaufnahme eines PLatzes, viel Beton, ein paar Bäume, viele Kinder, Bänke, Stufen, eine Art Skatepark.

Der Platz ist der Pausenplatz aller Schulen und gleichzeitig ein öffentlicher Ort. Kinder mischen sich mit Menschen, die einkaufen, mit Senioren, die sich ausruhen, mit Mittagspäuslern, die Smørrebrød essen. Keine Haftungsfrage, keine Angst: ein Schulhof, nicht eingezäunt? Der Platz ist übrigens auch Teil der städtischen Klimaanpassung. Er ist ein Regenrückhaltebecken, das tiefer liegt als die Umgebung: Regnet es zu viel, läuft er voll.


Gebäude für alle | Wir radelten zu den Nørrebrohallen. Ein Treffpunkt, eine Bibliothek, Sporthallen – alles öffentlich, alles steht für alle zur Verfügug.

Es gibt mehrere ähnliche Orte in Kopenhagen. Über die Seite bookbyen.dk („Buch die Stadt“) kann jeder sich einen Platz, einen Raum buchen. Ein Badmintonkort kostet beispielsweise 98 Kronen pro Stunde, das sind etwa 13 Euro. Als wir dort waren, war massig los: Die Leute kamen aus den Sporthallen, gingen hinein, trafen sich im Café, saßen einfach nur auf Bänken, besuchten die öffentliche Toilette, den Bücherschrank oder waren alleine oder mit Kind in der Bücherei. In der Eingangshalle standen locker 25 Kinderwagen. Es gibt einen Kochclub und andere Interessenskreise, außerdem Snakkeklubber für diverse Sprachen, in denen man seine Sprachkenntnisse vertiefen und sprechen üben kann – auch in Dänisch für alle Zugewanderten.

Wir hielten uns dort eineinhalb Stunden auf, lasen, aßen etwas. Ich nahm ein Buch aus dem Bücherschrank mit, einen Krimi, mein erstes Buch, das ich auf Dänisch lese. Mit etwas Anstrengung verstehe ich gut; mein Vokabelschatz erweitert sich um Wörter wie „Tatort“, „Ertrinkungstod“, „Zeugenaussage“ – mein Dänischlehrer wird irritiert sein. Das Schöne an dem Ort: Wir fühlten uns willkommen, obwohl wir nur Gäste waren. Ein Ort der unkomplizierten Freundlichkeit.

Die Bibliothek in den Nørrebrohallen war ein warmer, wuseliger, kreativer Ort. Den Sorte Diamant, Der Schwarze Diamant, die Dänische Nationalbibliothek, ist deutlich minimalistischer und vor allem dem Studium gewidmet.

Die Einganngshalle, fotografiert aus dem höchsten Stockwerk: geschwungene Seitenwände, die wie Wellen anmuten, Blick aufs Wasser, Holz.

Eine tolle Architektur.

Im Museum für Architektur und Design gab es übrigens eine Rutsche vom obersten Stockwerk ins Erdgeschoss – ausdrücklich auch für Erwachsene (mehr dazu, mit Bild). Ein wilder Ritt. Ich sah mein Leben an mir vorbeiziehen.

Vanessa sitzt im Eingang einer Röhrenrutsche und sieht sich zum Fotografen um. Überschrift "Fast Track".

Rutschen-Architekt Carsten Höller:

Why are slides not used in architecture to complement stairs, elevators and escalators? They are fast, safe and energy-savvy – and they produce a sensation in the user that has been described as a kind of voluptuous panic upon an otherwise lucid mind, somewhere between delight and madness.

Das kann ich so bestätigen.


Epilog | „Aber in Deutschland ist doch nicht alles schlecht! – „30 Jahren hintendran – so kannst du das doch nicht sagen!“

In unserem Land sind Städte und Orte so gestaltet, dass sie funktionieren; dass sie effizient und vorschriftsgemäß sind. Dummerweise verhält sich der Mensch nicht normgerecht, sondern folgt seiner Intuition. In Dänemark passt sich die Stadt dem Menschen an, schafft Zugehörigkeit. In Deutschland muss sich der Mensch an die Stadt anpassen, steht der Individualismus über dem Gemeinsinn. Dieser Unterschied wirkt so fundamental, dass wir in Deutschland, selbst wenn alle Kommunen plötzlich Geld im Überfluss hätten, nur mehr von dem bekämen, was wir bereits haben: normtreu gestaltete Orte.

Bis wir diesen gedanklichen Sprung gemacht haben, werden Jahrzehnte vergehen.


Die Etappen | Auf der nächsten Etappe erzähle ich von der dänischen Entscheidung, konsequent für Wohlbefinden zu sorgen. Das Tourblog:

Kommentare

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  1. Irene sagt:

    Das macht mich neugierig auf Dänemark und Kopenhagen, kommt auf die Liste möglicher Radreiseziele – ab nächstem Jahr bin ich pensioniert, dann liegt auch An- und Abreise per Bahn durch ganz Deutschland drin ohne Panik, ob man rechtzeitig zum Arbeitsbeginn wieder daheim sein wird…
    Ich widerspreche übrigens bei der Einschätzung der radelnden Fortbewegung: man muss sich nicht ständig mit Keksen befüllen. Es gehen auch Döner (in Deutschland sind Dönerbuden DIE Rettung, wenn man zwischen 14 und 17 Uhr etwas konsumieren möchte und keine Eisdiele in Sichtweite ist) und Spaghettieis. Und im Norden Fischbrötchen :-)

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