Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Goldene Zeiten! Die Ereignisse überschlagen sich! Am Wochenende ist Party im Zack! Und ich weiß aus sicherer Quelle, dass N. kommt!

Woher ist das weiß? Ha! Sag ich nicht! Könnte ja sein, dass es nicht stimmt. Also abwarten. Ich will mich nicht zu früh freuen.

Vorsichtshalber habe ich aber schonmal meinen Kleiderschrank durchgeguckt. Kann ja sein, dass er wirklich kommt. Folgende Probleme habe ich festgestellt:

  1. Ich bin zu fett.
  2. Ich bin zu fett.
  3. Ich bin zu fett.

Heute = Donnerstag.
Fete = Samstag.

Wenn ich bis Samstag nichts mehr esse, kann ich ein Kilo abnehmen. Vielleicht zwei. Mit Baucheinziehen vier. Zwar nur optisch, aber egal. Ich muss unbedingt hot sein!

Gut, dass Mama und Papa nicht da sind. Dann kann ich mir Mamas Lippenstift nehmen, ohne dass sie meckert.

Gestern habe ich Sandra angerufen wegen der Montagssache.

Sie will mit! Sehr gut, dann muss ich nicht alleine hin. Dann sieht es auch nicht gleich so aus, als wolle ich etwas von N. Im Moment habe ich – die Wahrheit, ich schwöre! – ein neutrales Verhältnis zu ihm.

P.S.: Ich habe mir eine Gesichtsmaske gemacht. Hoffentlich hilft’s was. Bin etwas pickelig im Moment.

Hervorragende Nachrichten!

Ich habe einen Gemeindebrief bekommen! 30 Jahre Sankt Severin! Der Clou: Da stehen auch Gruppen drin, CVJM und so und – jetzt kommt’s – die Montagssportgruppe geleitet von … N.! Schwerpunkt: Kraftsport.Montags also, 20 bis 22 Uhr in der Realschule. Ein Hoffnungsschimmer? Ich weiß es nicht. Fest steht: Ich wollte schon immer mal Bodybuilding machen. Soll auch gut sein für die Figur. In dieser Angelegenheit geht es mir – und das ist die volle Wahrheit – nicht nur um N.! Mit netten Leuten einmal in der Woche ein bisschen Gewichte heben? Das wäre doch mal nicht schlecht. Wirklich!

Am Freitag fahren Mama und Papa übrigens in den Urlaub, und ich bin alleine zu Hause. Ich kann also unbemerkt zum Montagssport gehen. Muss ja nicht jeder mitkriegen, dass ich plötzlich Gewichtheben mache.

Gestern Pur-Abend bei Tanja.

Auch irgendwie eine scheiß Band, aber was soll’s. Wegen Tanja mussten wir außerdem „Verbotene Liebe“ gucken. Dann noch ein Pur-Video. Gott, sind diese Teenager-Abende schrecklich. Hoffentlich wird mein Leben aufregender, wenn ich älter bin.Vielleicht denke ich nur noch an N., weil ich es von mir erwarte Ich hätte ihn vielleicht schon vergessen, wenn ich mich nicht so an den N.-Gedanken gewöhnt hätte. Das wäre nicht schlecht. Dann könnte ich ihn nämlich einfach vergessen. (Kann man das kapieren? Manchmal verstehe ich mich selbst nicht.) Keine Antwort übrigens auf meine Geburtstagskarte. Ob das ein Zeichen ist, dass er nichts mit mir zu tun haben will?

Ich meine, ich sehe ihn ja nicht als Sexobjekt an, als einen Freund, nur um einen Freund zu haben. Die absolut große Frage ist: Denkt er noch an mich? Kennt er mich überhaupt noch? Nach einem dreiviertel Jahr! Vielleicht hat er sich die Karte auch an den Hut gesteckt.

Morgen Nachhilfe geben bei Kim. Was aus der Frau werden soll, weiß ich auch nicht. 14, voll pubertär, von Schule keine Ahnung und einen Intellekt wie Hartmut Engler.

Ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht.

Ich nehme mir vor, wieder eine Diät zu machen. An meinem Bauch stapeln sich die Rollen. Ich will nur schlank und hübsch sein. Dünn, dünn, dünn. Oh mann, hoffentliche kriege ich das hin.

Und mit N.? Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, vor sechs Monate auf der Fete, hat er mich ignoriert. Oh, N. – bist du das Bild, das ich von dir habe? Oder bist du der Ignorant von der Fete? Du musst nicht das Erste sein, aber sei bitte nicht das Zweite!

Morgen zwei Doppelstunden Chemie und Englisch. Das ist der Tod. Die Langeweile wird so schlimm, dein Herzschlag verlangsamt sich und du fällst in ein Koma. Vor einer Woche habe ich mal meinen Ruhepuls gemessen. Erst 64, dann 52! Morgen werde ich sicher sterben.

[Das ganze Teenie-Tagebuch]
Tja, N. – eben habe ich eine Doppelseite mit seinem Namen vollgeschrieben. Nein, natürlich nützt das nix. Und natürlich ist er mir dadurch nicht näher. Absolut nicht.

Ach, N. – du toller, gut aussehender, tiefgründiger, charakterstarker N., der absolut zu mir steht und alles von mir weiß. Aber ist er so? Egal. Ich würde ihn bis aufs Letzte lieben, egal, wie er ist.

Ich weiß noch nicht einmal, wie er mittlerweile aussieht. Es ist irgendwie scheiße. Wenn ich in der Stadt bin, hoffe ich, ihn zu treffen. Viele Leute sind in der Stadt, alle Leute sind in der Stadt. Man trifft jeden, vor allem die, die man nicht treffen will. Nur N. treffe ich nie. Wenn ich ihn träfe, hätte ich auch Angst. Irgendwie albern.

Manchmal, im ersten Augenblick – unglaublich! – verwechsel ich jemanden mit ihm. Dann läuft es mir kalt den Rücken runter und sofort schießt mir durch den Kopf: Was soll ich jetzt sagen?

Das ist ein wahnsinniges Problem. Irgendwie genauso, wie es in der Bravo steht.

[Das ganze Teenie-Tagebuch]
Letzte Nacht habe ich beschlossen, N. zum 19. Geburtstag eine Karte zu schicken. Ganz unvoreingenommen. Erstmal nur so. Wenn er sich nicht meldet, ist es schade, aber eben nicht zu ändern. Dann passiert einfach nichts. Ein Zustand wie das letzte Dreivierteljahr. Aber wenn er sich meldet und sich für die Karte bedankt – umso besser. Ich kann also nichts verlieren. Ich wünsche mich aber schonmal, dass mir etwas Gescheites einfällt, das ich sage, wenn er anruft.

Ich habe heute Alexandra „Barbie“ Nolte im Bus getroffen. Die hat jetzt einen Freund. Sie wohnt auch schon bei ihm. Wahrscheinlich hat sie auch schon mit ihm geschlafen. Dabei ist sie eher Skipper als Barbie. Hat ja noch nicht mal Brüste, sondern nur lange Haare und reitet auf einem Pferd.

So, das war’s für heute. Gedanke an N. – gute Nacht.

[Das ganze Teenie-Tagebuch]
Dieser N.! Bin ich bescheuert, frage ich mich? Sieben Monate ist es her, und ich heule ihm immer noch nach! Mein Gott, ja, ich bin verliebt, aber dieses Gejammere ist nun absoluter Quatsch! Seit vier Monaten habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Und jetzt das: Frank Krüger geht mit Julia Vogel. Schweige-Julia. Julia „Sprich mich nicht an“ Vogel. Sandra und Christian haben sie verkuppelt. Die Geschichte:

Frank steht auf Julia. Julia weiß es nicht, und wenn, hätte sie sowieso nichts gesagt. Und nach langem Hickhack hat Frank bei ihr angerufen. Treffen bei Sandra am Sonntag. Video gesehen. Julia „Faß mich nicht an“ Vogel und er nebeneinander. Sandra zu ihrem Traumchristian: „Ach Christian, mach doch mal das Licht aus, es blendet so schrecklich! Tut schon in den Augen weh!“ Und dann haben Julia „Ich bin so prüde, daß es blitzt“ Vogel und Frank sich an die Hand genommen. Später sollen sie sich sogar geküsst haben. Niemand weiß Genaues. War ja dunkel!

Und ich? Ich werde noch im Kloster enden.
Morgen wieder Bandprobe. Da lasse ich es krachen.

*Nachdem ich heute in alten Tagebüchern geblättert
und mich gut amüsiert habe, gibt’s jetzt eine neue Rubrik.
Das kann ich Euch nicht vorenthalten.
Sie war tot, ausgesprochen tot. Blass, wächsern und sehr regungslos. Ihre Hände gefaltet, oder nein – mehr ineinander verknotet. Das haben sie nicht gut hingekriegt.

Am Hals dunkle Flecken. Das Kostüm lila mit einer Brosche. Die Haare gebürstet. Fast hätte ich sie nicht erkannt, so steif, wie sie dalag. Lebend hat sie immer gelacht, war munter, pumperlrund und hatte etwas von einem Apfelbäumchen – fest verwurzelt, an der Rinde ein bisschen knorrig, aber doch immer fröhlich, mit wiegendem Schritt und geröteten Bäckchen.

Der Moment, in dem sie den Sarg zu Grabe lassen, ist ja immer der schlimmste. In diesen zehn Sekunden manifestiert sich die Endgültigkeit des Verlusts. Deshalb ist es auch dieser Augenblick, in dem der Oberinspektor alle Contenance verliert, das verstohlene Schnäuzen sein lässt und zu weinen beginnt. Einsamer kann ein Mensch nicht sein als dieser alte Mann, der im strömenden Regen seiner Frau eine letzte Blume auf den Sarg wirft.

„‚Vatta‘, hat meine Tochter am Dienstach zu mir gesacht‘, ‚getz musse dir aber ma wat weißes Hemd kaufen für die Beerdigung vonne Mutti'“, erzählt er beim Kaffeetrinken nach der Beisetzung. „Da bin ich im Kaufhof und hab mir wat weißes Hemd gekauft. Aber guckense ma, Frau Nessy,“ – er zieht den Arm aus dem schwarzen Jacket – „hab ich wat für’n Sommer erwischt. War dann doch wat kalt am Grabb!“ Er lacht und gibt mir einen freundschaftlichen Stupser. Seine trüben Augen schimmern wässrig.

Drei Tage nach dem Tod seiner Frau, sagt er, habe er zum ersten Mal gekocht: Bratkartoffeln. „Hab ich meine Tochter angerufen und gefracht, wat ich da machen muss. Und ich muss sagen: Hab ich gut gemacht. War nur’n bissken wat wenig. Dat hatte meine Frau besser raus mit mein‘ Appetit.“

Als ich mich für heute von ihm verabschiede und noch einmal herzliches Beileid wünsche, zwinkert er mir zu. „War ich doch die Tage immer inne Totenhalle und hab mit meine Frau wat Zwiesprache gehalten. Hab se gefracht, wie et da oben aussieht im Himmel. Und wissense was, Frau Nessy? Sie hat mir nich geantwortet, auch nache fünfte Frage nich. Aber dat is wie inne letzten 40 Jahre auch: Ich kann ihr einfach nich böse sein.“

Wir müssen jetzt ein bisschen auf ihn achtgeben.

Ich blättere in der Bibliothek, lese Dieses und Jenes. Darunter Max Frisch, der im April 1946 in sein Tagebuch schreibt:

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei.“
– und bemerke eine Parallele zu Peter Høeg, der „Fräulein Smilla“ sagen lässt:

„In der Großstadt lernt man, die Umwelt mit einem besonderen Blick zu betrachten. Mit einem fokussierenden, punktweise herausgreifenden Blick. Wenn man eine Wüste oder eine Eisfläche überschauen will, sieht man anders. Man lässt die Einzelheiten um der Gesamtheit willen aus dem Fokus herausgleiten. Ein solcher Blick sieht eine andere Wirklichkeit. Betrachtet man dagegen auf diese Weise ein Gesicht, beginnt es, sich in eine ständig verändernde Serie von Masken auszulösen.“
Den Menschen, den wir lieben – und damit meine ich denjenigen, der ein Reserviert-Schild in unserem Herzen hat -, konnten wir nur lieben lernen, weil wir es vollbracht haben, uns aus unserer Verliebtheit – der innigen Detailverliebtheit – herauszulösen. Wir haben es geschafft, unseren Blick von den Einzelheiten abzuwenden, von seinen Augen, seinem Mund, seinem Humor, von seiner Eigenart, ernste Dinge anzusprechen oder auf unernste zu reagieren. Es gab einen Moment, in dem wir ein Stück zurückgetreten sind; in dem die kleinen Mosaiksteine seines Wesens sich zu einem Bild formten, das wir mit Abstand – und nur mit Abstand wahrnehmen können.

Weshalb uns wiederum die Kleinigkeiten entgleiten. Sollten wir einmal den Liebsten beschreiben müssen – wo fingen wir an?

Treten wir zu diesem Zwecke wieder an ihn heran wie an ein großes Bild in einer Museumshalle, so nah, dass die verschlafene Aufseherin uns von ihrem harten Holzstuhl aus zur Ordnung ruft, und lassen wir unseren Blick von links nach rechts nach oben nach unten schweifen, sehen wir nur eine sich ständig verändernde Auswahl kleinster Pinselstriche, von denen wir nicht wissen, wo wir beginnen sollen, sie zu beschreiben. Denn sie scheinen allesamt ungeordnet und wirr in ihrer Einzelbetrachtung.

Wenn wir aber einen Schritt zurücktreten, sehen wir nur noch die Summe der Pinselstriche, nicht aber die einzelnen Streiche. Was wir wahrnehmen, ist das Bild, ist der Geliebte in seiner Gesamtheit. Wenn wir nun aber beginnen, nach Worten zu suchen, das Kunstwerk zu beschreiben, seine Charakterzüge zu erklären, ist es nur seine Wirkung, für die wir eine erschöpfende Darstellung finden – nicht aber für das Gemälde selbst.



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