Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Was Sie woanders nicht verpassen dürfen:

Meister der Inszenierung“ über Menschen, die krankhaft lügen (via: Anne Schüßler). Ein unglaublich guter Text. Unbedingt bis zum Ende lesen.

Es gibt viele Gründe, warum Kinder weinen. „Reasons my son is crying“ vermittelt einen Eindruck. Ich kann mir vorstellen, dass Eltern kleiner Trotzköpfe dieses Blog sehr beruhigend finden. Auch für Eltern: Die Ikea Hackers zeigen, wie man aus Hockern ein Laufrad baut. Das Nido-Magazin zeigt, wie man essbare Regenwürmer herstellt, die nur ein bisschen fies aussehen. Für Menschen, die erst Eltern werden: die Geburt von Zwillingen in Steißlage. Alles ganz harmonisch, wie man sieht.

Eine Bilderserie zeigt, wie der Himmel aussähe, wenn alle Planeten so nah an der Erde wären wie der Mond (via Anke Gröner). Eine andere Bilderserie zeigt die Nester von Webervögeln an Telegraphenmasten.

Eine schöne Anleitung zum Leben im Studentenwohnheim.

Haley Morris-Cafiero ist Professorin für Fotografie in Memphis und ein bisschen dick. Für die Fotoserie „Wait Watchers“  hat sie eine Kamera an einem öffentlichen Ort aufgebaut und sich in einem Abstand dazu hingesetzt oder hingestellt. Die Kamera machte in zeitliche Abständen Fotos – von Haley und von den Blicken, die sie erhält. Bei der Süddeutschen wird das Thema diskutiert – die meisten Kommentatoren finden die Blicke nicht schlimm oder meinen, das Starren liege nicht daran, dass Haley dick ist.

Zu guter Letzt das Serviceblog:

  • Die Fernsehsuche bietet einen Überblick über alle Sendungen in den Mediatheken der privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.
  • Jedes Buch hat ein Lesebändchen verdient (via @isabo_).
  • Für Freiberufler, Kreative und Handwerker: eine Anleitung, wann man kostenlos arbeiten sollte.

Zehn Minuten vor Abfahrt versammeln sie sich am Gleis:

ein alter Mann mit Schweizer Wappen auf einer Basecap, eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher mit dicken Rucksäcken, ein älteres Pärchen, noch eine amerikanische Jugendgruppe und zwei Bier trinkende Polen mit voll beladenen Fahrrädern.

Ich habe mir einen Jutebeutel mit Waschzeug gepackt und liege damit im Trend. Alle älteren Herrschaften haben einen bei sich. Ich merke schnell: Nachtzugfahrer sind Profi-Bahnfahrer.

Ich denke: Bitte lass es nicht die betrunkenen Polen sein.

Ich habe Vierer-Abteil gebucht, für 80 Euro von Berlin in die Schweiz. Auch das ältere Pärchen wäre okay, obwohl bei den Zweien bestimmt nur nur er schnarcht. Es ist 22 Uhr, fühlt sich aber früher an.

Der Zug fährt ein. Ich steige eine, komme zu meinem Abteil. Sechs Pritschen, blau, auf Vieren jeweils ein Kissen und eine Wolldecke. Der Platz zwischen den Liegen ist eng. Ich schiebe meinen Koffer direkt unter meinen Platz und setze mich. Sonst wird es eng.

Ein Pärchen kommt herein. „Oje“, sagt sie. Und: „Das tut mir jetzt leid für dich.“

Ich denke: „Was ist los? Pseudokrupp? Eitrige Wunden?“

Sie zeigt auf ihr Baby. „Wir hatten gehofft, dass wir niemanden stören müssen.“

Seltsam. Diese Tendenz, dass sich Eltern immer schon im Vorhinein für ihre Kinder entschuldigen. Ich sage: „Ach, erstmal abwarten. Ich habe gute Erfahrung mit Babys auf Reisen.“ Habe ich wirklich. Auf einem Nachtflug aus den USA nach Deutschland wurde mir, in einer Reihe mit mehr Sitzabstand, ein Platz neben einer Mutter mit Kind angeboten. Ebenfalls entschuldigend. Es war ein entspannter Flug.

Die Kleine heißt Julia. Ich schätze sie auf sieben oder acht Monate. Sie winkt ihren Großeltern, patscht mit den Händchen gegen das Glas des Abteilfensters, sieht mich dann an, lacht und winkt auch mir. Ich winke zurück.

Der Vater des Kindes verstaut Koffer und Taschen. Er ist Schweizer, sie Deutsche, erzählen sie. Der Zug fährt ab. Wir machen es uns wohnlich. Die Mutter stillt das Kind. Sie fahren nach Zürich. Ich erzähle, dass ich in Berlin auf einer Internetkonferenz war und nach Bern fahre.

„Ah, du arbeitest in Bern!“, sagt er.

Soweit ist es nun schon, dass die Schweizer denken, dass Deutsche per se in der Schweiz arbeiten, sobald sie allein reisen.

„Nein, sage ich. Ich besuche Freunde.“

„Gleich gibt es eine Viertelstunde Geschrei“, sagt er und deutet auf das Kind. „Aber danach ist erstmal Ruhe.“

Wir unterhalten uns, dann wiegt der Zug Julia in den Schlaf, geräuschlos. Wir gehen nacheinander Zähne putzen und legen uns ebenfalls hin. Der Zug ist nun irgendwo zwischen Berlin und Halle. Er wiegt leicht von links nach rechts, wenn er das Gleis wechselt. Ich lege mich hin, lehne mich mit dem Rücken an die Wand, werde geschuckert. Julia liegt auf dem Boden in einer Baby-Trage und schmatzt leise. Manchmal quietscht der Waggon leicht.

Als wir in Halle stehen bleiben, bin ich noch wach, doch dann muss ich eingeschlafen sein, denn die Zugteilung in Erfurt kriege ich nicht mit. Ab und an wache ich auf, werde leicht geschüttelt, schlafe wieder ein. Irgendwann höre ich Julia schreien. Das erste, milchige Licht  wabert schon durch die Vorhänge. Später sehe ich sie neben ihrer Mutter liegen. Auf der obersten Liege brummt leise ihr Vater. Sonst ist es still im Zug, die ganze Nacht schon. Die Polen schnarchen anderswo, die jungen Amerikaner sind wohl auch erschöpft.

Kurz nach Freiburg klopft es an der Tür.

„Guten Morgen!“, sagt eine fröhliche Bahnbedienstete mit schwyzerdütschem Einschlag. Sie wolle mich wecken, ich könne aber noch liegen bleiben, der Zug habe 30 Minuten Verspätung.

Basel Badischer Bahnhof. Dann Basel. Ich verabschiede mich von Julia und ihren Eltern. Der Anschlusszug fährt direkt am Gleis gegenüber ein.

Bevor ich mich dem Thema „Nachtzug“ widme, einige Eindrücke, wo ich überhaupt hingefahren bin.

Ich kam also mit dem Zug an. Wenn man mit dem Zug in die Schweiz reist, kommt man nicht umhin zu glauben, man befinde sich, höchstselbst in einer Modelleisenbahn sitzend, im Miniatur-Wunderland. Die kleinen Häuschen! Die Wiesen! Die Hügel! Hach, wie schön. Und alles so sauber.

Mein Reiseziel Bern bemühte sich fürderhin sehr, diesen Eindruck auch nach Ankunft zu bewahren. Schauen Sie nur:

Miniatur-Wunderland Bern

Blick von einer Terrasse hinunter. Es gibt unglaublich viele Terrassen in Bern.
Kaum biegt man um die Ecke, steht man schon wieder auf einer.

Und hier, gucken Sie mal:

Aussicht in Bern (mit Fenster)

Blick von einer … nee, diesmal war’s, glaube ich, eine Brücke.

Vokabeln, die einem in diesem Zusammenhang einfallen und die im Stillen einen Blogbeitrag formulieren, sind: pittoresk, heimelig, malerisch, liebreizend, putzig, eigene Ergänzungen erwünscht.

Stadtgasse in Bern mit Laub

Die Altstadt. Die Straße runter kommen Sie zu einer (tada!) Terrasse, von der aus Sie auf die Aare (Fluss dort) gucken können.

Neben kleinen Häuschen kann man auch andere Dinge entdecken: Kunst zum Zweimalhingucken zum Beispiel.

Haus in Bern mit Malerei

Maler stehen vor einem Haus. Oder Gemalte?

Wie ich so durch die Gassen streifte, ging mir auf, warum so viele Menschen in die Schweiz ziehen und von der Lebensqualität dort schwärmen. Was die Anzucht von Gemüse betrifft, geht da sicher Einiges.

Haus in Bern

Auch in der Schweiz ist Platz zum Züchten von Thorstingern.

Aber das ist es nicht allein. Bern, obgleich eine recht vertikale Stadt, ist so fahrradfreundlich – da träumt selbst ein Münsteraner. Hinz und Kunz ist mit dem Fahrrad unterwegs, niemand hupt, und es gibt an jeder Ecke Fahrradparkplätze. Vor Häusern sind sie sogar überdacht. In Deutschland dagegen überdacht man die Mülltonnen.

Fahrradparkplatz in Bern

Ich dachte, ich guck‘ nicht richtig: Fahrradparkplatz in Bern

Darüber hinaus sind die Freibäder kostenlos. Es ist nicht einmal ein Zaun drumherum. Man stapft einfach auf die Wiese, schon ist man drin. Und auch der Tierpark ist kostenlos. Man kann zwar auch gegen Geld hineingehen. Ein Großteil der Gehege ist aber einfach am Spazierweg der Aare gelegen, so dass man Ziegen, Biber und Pelikane auch so sehen kann.

Das hier allerdings ist nicht der Tierpark, sondern nur eine Stadttaube. Aber eine mit Märklin-Eisenbahnbrücke im Hintergrund.

Berner Taube

Auf Terrasse flanierende Berner Stadttaube vor pittoresker Kulisse.

Was auf den Bildern fehlt, ist die Schokolade. Die war aber zu schnell weg, als dass ich sie hätte fotografieren können.

So klappt’s auch mit dem Bahnfahren:

  1. Es erscheint Ihnen auf den ersten Blick erstaunlich, aber es gibt tatsächlich eine Menge Leute, die Bahn fahren. Und das, obwohl dieses Land so kommode Automobile baut. Die Tatsache, dass es Mitreisende gibt, bringt einige Unannehmlichkeiten mit sich. Zum Beispiel, dass es am Bahnsteig voll ist. Oder dass Menschen, bevor Sie, lieber Laienbahnfahrer, einsteigen können, erst aussteigen wollen. Und dass viele der Sitzplätze besetzt sind. Deshalb:
  2. Es besteht die Möglichkeit, Plätze zu reservieren. Das kostet vier Euro. Es ist unerfreulich, dass eine Reservierung Geld kostet, aber die Tatsache, dass es das tut und dass es noch dazu nicht preiswert ist, suggeriert, dass eine gewisse Nachfrage nach diesem Feature besteht.
  3. Wenn Sie einen Platz reserviert haben, bekommen Sie von der Deutschen Bahn einen Zettel, auf dem der Waggon und die Platznummer stehen. Auf dem Bahnsteig gibt es ein passendes Poster, auf dem zu sehen ist, wo der Waggon mit Ihrer Nummer halten wird. Das ist toll! Denn dann müssen Sie nicht Ihren Koffer, entgegen der Laufrichtung der restlichen Menschheit, durch fünf Wagen ziehen, ehe Sie Ihren Platz erreichen.
  4. Sollten Sie es mal verpasst haben, einen Platz zu reservieren und sich deshalb einfach den erstbesten nehmen, hilft es – gerade vor größeren Bahnhöfen, von denen man annehmen kann, dass dort Leute zusteigen – ein bisschen auf dem Sprung zu sein. Keine Sorge, nichts Schlimmes. Breiten Sie einfach nicht den Inhalt Ihrer großzügigen Tupperware-Schublade auf Ihrem Platz aus, samt Dressing-Shaker und Salat-Chef. Pro-Tipp: Über Ihrem Platz steht, ab wann ein anderer Mensch ihn reserviert hat. Und damit auch, wann Sie Ihre Prima-Klima-Brotbox einpacken müssen.
  5. Steht ein Mensch mit Reservierung an Ihrem Platz, ist das natürlich ärgerlich, keine Frage. Da kann man auch mal unwirsch werden, die freche Jugend verfluchen, darauf verweisen, dass man (a) zuerst zugestiegen ist, (b) nur noch eineinhalb Stunden fahren muss, (c) gerade isst oder (d) beliebige andere Begründung. Machen Sie Ihrem Ärger Luft! Hauptsache, Sie stehen auf.
  6. A propos Essen: Gekochte Eier sind toll. Das Eigelb rausnehmen, Maggi reinträufeln und reinbeißen – ja, das schmeckt. Dazu eine leckere Frikadelle und ein Mettbrötchen mit Zwiebeln – es gibt nichts Schöneres. Für Sie. Nicht für die anderen. Ich weiß, es scheint zunächst nicht denkbar, aber eine vierstündige Fahrt lässt sich durchaus mit einer Flasche Wasser und einer Laugenbrezel überbrücken. Nehmen Sie die Herausforderung an und versuchen Sie es mal.
  7. Thema Gepäck. Gepäck ist lästig, schwer, unhandlich und nimmt Platz weg. Besonders im Gang. Deshalb gibt es über den Sitzen die Möglichkeit, Gepäck zu lagern. Zwischen den Sitzen auch. Am Ende des Waggons. Und oft auch in der Mitte des Waggons. Ich gebe zu, manchmal reicht der Platz nicht. Dann müssen wir alle improvisieren. Aber mit Ihrem shetlandponygroßen Hartschalenkoffer den Gang zuzukorken, ist keine Lösung, glauben Sie mir.
  8. Überhaupt: shetlandponygroße Koffer. Es bietet sich an, statt eines Gepäckstücks, auf dem man  reiten kann, zwei zu wählen, die ein wenig handlicher sind. Und notfalls unter den Sitz passen. Sich auch leichter tragen lassen. Die man nicht herumwuchten muss. Nur so als Idee.
  9. Ja, die Toiletten. Eklig, nicht wahr? Dieser Trichter, der sich saugend und schnaufend nach unten öffnet, nachdem Sie verrichtet haben. Dazu dieses Ruckeln und Schunkeln des Zuges! Da kann man als Mann ja gar nicht treffen! – Sie kommen selbst drauf, oder?
  10. Eigentlich wären wir jetzt fast am Ziel, wenn nur diese leidige Verspätung nicht wäre. Ankunft: 15:08 Uhr in Berlin – so steht es auf dem Fahrplan. Nun ist es schon 15:11 Uhr, und wir fahren erst durch Charlottenburg. Dazu zwei Gedanken. Der erste: Wenn  Sie nicht schon seit Wolfsburg mit Jacke und Schal im Gang stünden, weil Sie Berlin-Ostbahnhof aussteigen müssen, kämen Ihnen diese zwei Minuten nicht so arg lang vor. Zweiter Gedanke: Planen Sie, wenn Sie mit dem Auto fahren, dass Sie um 11:48 Uhr in Dortmund losfahren und um 15:08 Uhr ankommen werden? Vielleicht sollten wir es manchmal nicht ganz so genau nehmen. Dann stimmt auch das Karma.

Nächste Lektionen: umgekehrte Wagenreihung, Verhalten in großen Gruppen und Nachtzug fahren. Oder nein: Zum Nachtzug erzähle ich lieber eine Geschichte.

Dortmund – Berlin – Bern – Dortmund.

Aus dem Ruhrgebiet nach Berlin gefahren. Dort die re:publica besucht, Menschen aus dem Internet getroffen und mit Herrn Snaefell zu Abend gegessen. Vorträge besucht, Leuten gelauscht und wieder zu Abend gegessen, diesmal mit Frau Claudine, Frau Monika und Herrn Christian.

Dann in den Nachtzug gestiegen und in die Schweiz gefahren.

Dort den Koffer ausgepackt, die Sonne rausgelassen und durch ein Miniatur-Wunderland lustgewandelt. Frau Gminggmangg, Frau Änni und Herrn jpr gegrüßt. Bären besucht, Schokolade gekauft, Fahrrad-Parkplätze bewundert.

Bern mit Aare

Bern mit Aare

Es gibt natürlich noch viel mehr zu erzählen. Das tue ich später, wenn ich aus dem Schoko-Koma erwacht bin.

Berlin hat viel zu bieten. Zum Beispiel die re:publica. Aber reden wir lieber über die wichtigen Dinge: über Gemüse-Kebap.

In der Nähe meines Hotels, nur die Straße runter, gibt es den besten Gemüse-Kebap Berlins. Sagt man. Mustafas hat für seinen Gemüse-Kebap ein rechteckiges Wägelchen, in das drei Leute reinpassen, von denen zwei Kebap herrichten und einer das Geld zählt.

Direkt gegenüber von Mustafas Wägelchen befinden sich ein Hostel, der „Verein für Lebenskunst“ und „Kim’s Karaoke“, außerdem ein Spätkauf, was alles in allem für eine gesunde Kirmes-Atmosphäre sorgt. Die Schlange bei Mustafa ist außerordentlich lang, war es, als ich am Sonntag in Berlin ankam und war es, als ich mich gestern Abend anstellte. Zehn Meter vielleicht – aber ich denke: So einen Kebap zu bauen, das ist ja nun kein Kunstwerk, das geht einem professionellen Kebap-Bauer mit Sicherheit schnell von der Hand.

Vor mir stehen drei Russen, die sich impulsiv auf Russisch unterhalten. Sie gehören ins Hostel, denn als der kleinste von den dreien am Ende dran ist, bestellt er sechs Kebap, während die anderen zwei sich schon auf die Zimmer verabschiedet haben. Überhaupt bestellt kaum einer nur einen Kebap, was die Zeit in der Schlange deutlich verlängert.

Mustafas Jungs haben währenddessen die Ruhe weg. Sie basteln Kebaps, zählen zwischendurch aber auch immer mal das eingenommene Geld. Man muss ja schließlich schauen, wo man steht, ob man nun bald das Dach runterklappen kann oder ob man noch eine Weile schaffen muss.

Hinter mir wartet ein Touri-Pärchen. Sie stellt sich eingehend die Frage, was der Unterschied zwischen Döner, Kebap und Dürum ist, warum sich in dem Wägelchen ein Fleischspieß dreht, wo doch „Gemüse-Kebap“ vorne drauf steht und fragt mich schließlich: „Du hast hier schonmal Kebap gegessen, oder?“

Ich sehe also aus, als würde ich in Kreuzberg öfter Gemüse-Kebap essen, was bedeutet, dass ich aussehe, als käme ich von hier und nicht vom Land. In Berlin komme ich mir immer fürchterlich landeierig vor, auch wenn das Ruhrgebiet nun wirklich kein Dorf ist. Es ist mir aber so, als laufe ich in unsichtbaren Gummistiefeln durch die Stadt, an denen noch Stroh klebt. Ich kann da einfach nicht aus meiner sauerländischen Haut raus.

Ich verneine, sage, ich käme nicht von hier. Ihr Gemütszustand steigert sich ins Verzweifelte.

In der Zwischenzeit kommen zwei asiatische Mädels aus dem Gebäude gegenüber. Vielleicht gehören sie zu Kim’s Karaoke, jedenfalls müssen sie sich nicht am Ende der Schlange anstellen, das unverändert weit hinten ist, auch jetzt noch, um 22.30 Uhr, sondern fädeln sich noch vor dem Russen ein, von dessen sechs Kebap drei fertig sind. Aber nun sind erstmal die Asiatinnen dran, deren schwarzes Haar vorne eingedrehte Löckchen hat, die sanft wippen.

Nach 30 Minuten bestelle ich einen Gemüse-Dürüm, lecker mit gebratenen Paprika, Zucchini und Kartoffeln, allen drei Soßen, auch scharf, Salat und Käse.

Das Ding ist wirklich unglaublich lecker. Eine Spitzenidee, gebratenes Gemüse dort reinzupacken. Es ist echt köstlich. Aber 30 Minuten warten ist dann doch etwas übertrieben. Morgen Abend gibt es deshalb etwas anderes.

Lieblingstweets 04/2013:

https://twitter.com/Einstueckkaese/status/319463925936689152

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https://twitter.com/silvestah/status/329237590689583104

Alle Twitterlieblinge wie immer bei Frau Anne.

In letzter Zeit gehe ich immer morgens ins Fitti.

Morgens, das heißt von acht bis halb zehn, bevor ich – wie man hier im Ruhrgebiet sagt – in den Puff muss. Also auf Schicht.

Wenn ich um 8 Uhr ankomme, sind die Freaks, die Pumper, die um 6.30 Uhr schon an der Fitti-Tür scharren wie Rentner vor der Arztpraxis, bereits fertig und stehen breitbeinig an der Theke, wo sie ein schäkerndes Schwätzchen mit der Empfangsdame halten. Sie kann zu dieser Uhrzeit kaum aus den Augen schauen, nickt aber immerhin teilnahmsvoll und schüttelt ihnen mit lethargischer Lässigkeit einen Eiweißdrink. Kleine, unsichtbare Testosteronbläschen entweichen währenddessen mit einem lautlosen Plopp den palavernden Pumper-Körpern; man möchte sie mit der Hand erhaschen wie Pustefix.*

Meinen frühen Sport-Einsatz beginne ich immer auf dem Crosstrainer, das kann ich kurz nach dem Aufstehen so gerade koordinieren, und schaue dabei Morgenmagazin. Zunächst schalte ich, des guten Willens wegen, zum Morgenmagazin auf ARD und ZDF, aber spätestens, wenn der erste Politiker interviewt wird, schweift mein Blick auf den Nachbarbildschirm zu SAT1, denn dort ist es ein bisschen interessanter, schon das Studio-Dekor ist  bunter, außerdem ist die Hoeneß-Sache irgendwie durch, nur für Patrick Döring nicht. Auf SAT1 widmet sich hingegen endlich einmal ein Journalist der Garderobe von Willem, Prinz von Oranien; ein Thema, das in der aktuellen Krönungsberichterstattung viel zu kurz kommt.

Montagsmorgens ist immer ein Typ im Fitti, der ausdauernd schnauft, sobald ein Ansatz von Anstrengung einsetzt. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Anfangs dachte ich, ein asthmatischer Riesenschnauzer erlebe neben mir seine letzten Minuten. Da der Gute allerdings nicht nur beim Crosstrainern, sondern selbst beim Dehnen stöhnt, als beackere ihn gerade Thai-Masseurin Sonchai, genannt „Die Walze“, mit einer Intensiv-Akkupressur, ignoriere ich ihn, so gut es geht – was zwar kaum möglich, mit Musik in den Ohren aber einigermaßen gangbar ist, wenn man sich nicht gerade in Reichweite befindet, während er seinen Schweiß abschüttelt.

Manchmal treffe ich morgens Kollegen. Beim ersten Mal habe ich sie gar nicht erkannt. In Sporthose sehen sie plötzlich so anders aus. Als ich sie dann doch zugeordnet hatte, habe ich mich erschreckt, denn – oh Gott! – wer will sich schon, in der Bauchpresse klemmend, über Arbeit unterhalten. Oder gar, verkrampft freundlich, über private Angelegenheiten, das Wetter, das neue Carport, dass der Hibiskus sich gut im Garten macht (wenn nur dieses Läuse-Problem nicht wäre), wie erbaulich die Kinder sind (wenn nur dieses Läuse-Problem nicht wäre), nein danke. Die Kollegen dachten wohl dasselbe, denn wir sind stumm übereingekommen, dass wir uns zunicken und ansonsten so tun, als seien wir Fremde.

Nach dem Training verschwinde ich kurz im Wellness-Bereich. Danach bin ich nicht nur straff und stählern wie ein Einmachgummi, sondern auch eine saunaduftende Blume. Die Kollegen im Puff tun zwar so, als bemerkten sie nichts, erwähnen weder meine außerordentliche Körperspannung noch meinen Wohlgeruch, aber ich denke, es schüchtert sie einfach ein.

So ist das, morgens im Fitti. Sie sollten das auch mal machen. Wenn man erstmal da ist, muss man sich auch gar nicht mehr überwinden.

[*Wer alle Alliterationen auftut, kriegt ein Kännchen Kaffee.]

In meinem zweiten Leben werde ich Plantagenbesitzerin.

Die Thorstinger wuchern zu einem Wald. Die ersten muss ich, sofern Sie kein Spalier haben, mit Schaschlik-Spießen stützen. Sie duften schon betörend nach Tomate. Man könnte meinen, sie wollten mich beeindrucken.

Jeden Tag beugen sie sich zur Sonne, jeden Tag drehe ich sie, stehe ein wenig bei ihnen und schaue mit ihnen zur Entenfamilie hinüber.

Thorstinger-Plantage auf der Fensterbank

In diesem Moment werden außerdem eine Handvoll Tagetes geboren. Sie sind noch nicht mehr als ein stecknadelgroßer Trieb in brauner Erde, aber die Aufzucht lässt sich gut an.

Nur die Erdbeere will nicht recht geraten. Kaum auf der Welt, sieht sie schon erschöpft aus. Oder ist es nur Theo Albrecht, der wie ein Damoklesschwert über ihr schwebt und ihn mit seinen wuchernden Armen einschüchtert? Nachdem ich ihr gestern zugesprochen habe, ist sie wieder ein bisschen beigekommen.

Einsame Erdbeere
Vielleicht hätte ich Gärtnerin werden sollen. Oder Rektorin einer Baumschule.

Manchmal unternehme ich etwas ganz Verrücktes:
Dann mache ich dieses Real Life mit und treffe richtige Menschen.

Dekorierter Frühlingsstammtisch

Am Samstag habe ich sie bekocht und mit ihnen geredet. Mündlich, ohne Twitter. Krasse Sache. Mit dabei: zwei Rezepte aus der Familie und eins aus dem Internet. Serviceblog™:

Vorspeise:
Kalte Tomaten-Nektarinen-Suppe mit Ingwer

Tomaten-Nektarinen-Suppe

Ein scharfes Süppchen nach Rezept von Frau Juliane. Hola, das Gemisch kann was! Da Pfirsiche nicht verfügbar waren, habe ich Nektarinen genommen – was problemlos funktionierte. Die Suppe entfaltet erst ihren richtigen Geschmack, wenn sie kühlschrankkalt ist. Eine wunderbare Alternative zur Wombatsuppe.

Hauptgang (ohne Bild):
Schweinefilet auf Estragon-Mandarinen-Soße an Spätzle mit Salat

Familienrezept, daher keine Mengenangaben:
frisches Estragon
Schweinefilet
Mandarinen aus der Dose
Sahne
Spätzle
Salz, Pfeffer

Das Filet salzen, scharf anbraten, gleichzeitig Estragon hacken und in Alufolie auslegen. Das Filet in die Alufolie geben, mit Estragon bedecken und für 20-25 Minuten bei 80 Grad in den Ofen. Bei der Soße habe ich ein bisschen geschummelt und Fertig-Fond genommen; statt Wasser einen kleinen Teil Mandarinensaft nehmen. Sahne und reichlich Estragon beigeben und abschmecken. Parallel die Spätzle kochen – wer mag, kann die per Hand machen. Das Filet vor dem Servieren pfeffern.

Dazu habe ich Salat serviert:
Blattsalat, Tomaten, Gurke, Paprika und Trauben mit Honig-Senf-Dressing

3TL Senf
1 TL Honig
4 EL weißer Balsamico
2EL Öl
5 EL Wasser

Nachtisch:
Grießpudding traditionell mit Erdbeeren und Schokotopping

Grießpudding

Das Traditionsrezept aus dem Sauerland – mit Eischnee:
1 l Milch
80 g Zucker
1 Pk. Vanillezucker
125g Weichweizengrieß
2 Eiweiß

Die Schnitzelstarre setzte spät, aber heftig ein und dauerte ganze zwölf Stunden.



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