Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Nachtbaustelle

21. 11. 2010  •  36 Kommentare

Nightlife in Böblingen.
Was ein contradictio in adiecto ist, war mein Plan für Freitagabend.

Immer, wenn ich den Einmannblogger besuche, enden unsere Abende gesellig. Auch diesmal hatten wir vor, uns beherzt, mindestens bis zu einem soliden Schwindel, zu betrinken. Allerdings verfügt Böblingen, und das hätte ich von einem schwäbischen Städtle, in dem man Gässle und Wirtschäftla erwartet, nicht gedacht, über den strukturalistischen Charme von Wuppertal – jedoch ohne Schwebebahn (und die Schwebebahn macht ungefähr 90 Prozent des Wuppertaler Charmes aus). Es wurde trotzdem spät. Gegen 3 Uhr, vielleicht war es auch 4, rutschte ich auf mein Schlafsofa im Kinderzimmer des Einmannbuben.

Der Einmannbub ist ein Wicht von drei Jahren, der entgegen seiner ausgeprägten Schmächtigkeit eine Karriere als Bauarbeiter mit Zweitqualifikation Feuerwehrhauptmann anstrebt. Er bereitet sich durch eine grundständige Ausbildung an Duplo-Bausteinen und Plastikkränen auf seinen Berufswunsch vor – und arbeitet, daran gibt es seit diesem Wochenende keine Zweifel mehr, auch mental seine Lektionen durch.

Denn wie ich unter meinem Federbett in den Schlaf glitt, der Kopf schwer, die Augen müde, erschallte aus dem Bettchen am anderen Ende des Zimmers ein zartes, wenngleich unerschrockenes: „Vorwärts Männer, wir müssen graben!“ Ich richtete mich auf und blinzelte ins Dunkel. Dort: nichts. Kein Rascheln, keine Bewegung. Nur die leblosen Schemen einer Schlafstätte. Aber dann: Brummgeräusche! Und die Ermahnung: „Achtung, die Blumen!“

Doch es war zu spät. Auf der Traumbaustelle wurden bereits die Rabatte durchpflügt. Der Vorarbeiter erwies sich jedoch als Mann der Tat: “ So kann das nicht bleiben. Ich telefoniere sofort mit der Gärtnerei. Aber psssst … die Nessy schläft.“

Ganz großes Kino! Ich setzte mich auf. Im Kinderbett weiterhin kein Anzeichen von Aktivität: nur ein Häuflein Mensch in einem weißen Schlafsack. „Eingraben!“ befahl der Schlafsack sogleich, ohne äußerliche Regung. „Aber psssst, die Nessy schläft!“

Damit war das Hörspiel nicht zu Ende: Der Bauarbeiter sang noch „Ringel Ringel Reihe“ und zählte nach getaner Arbeit seine Finger durch – leise, denn „psssst, die Nessy schläft!“ Die Nessy schlief irgendwann wirklich – und war am nächsten Morgen, als die Tagesbaustelle eröffnete, ziemlich übermüdet. Der Mann aus dem Nachbarbett erinnerte sich hingegen an nichts.

Rudelsaufen auf dem Weihnachtsmarkt

28. 10. 2010  •  41 Kommentare

Ende Oktober. Seit vier Wochen esse ich Lebkuchen.
Kollegen planen die Weihnachtsfeier. Mutter fragt erstmalig nach dem Wunschzettel. Die Handballhühner fordern einen gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuch.

Weihnachtsmarkt, der größte Dezember-Horror. Sie kennen das?

Es ist minus 5 Grad. Ein schneidender Wind pfeift durch die Budengassen. Von der Frittenbude zieht eine ranzige Dampfwolke heran. Deine Füße sind Eis. Deine Hände sind Eis. Lautsprecher pressen Weihnachtsschlager hervor. Der Tannenbaum – Deutschlands größter (das sagen sie alle) und per Schwerlast hergeschafft (aus der Partnerstadt aus Nordkarelien) – schlottert mit den Zweigen.

Vor der Glühweinbude stehst du zehn Minuten an. Jonglierst dann an jeder Hand drei Becher zur Gruppe. Heißes Zeug läuft über deine klammen Finger. Nach der ersten Tasse ist dein Mund ein klebriger Pelz. Du willst Wasser. Gibt’s aber nicht.

Stattdessen eine neue Runde Glühwein. Deine Zunge verdoppelt ihre Größe. Die Frittenbude dreht ihre Lautsprecher auf. Die Glühweinbude hält dagegen. Du würdest dich gerne unterhalten. Verstehst deinen Gegenüber aber nicht: Die interferierenden Weihnachtsschlager verhindern jegliche Wahrnehmung.  Die Wollmütze tut ihr Übriges. Macht nichts: noch ein Glühwein.

Der Erste setzt sich einen Haarreif mit Elchgeweih auf. Der Zweite eine blinkende Nikolausmütze. Der Dritte holt eine vierte Runde Glühwein. Jemand hat die CD mit den Weihnachtsschlagern von Neuem gestartet. Deine Füße sind nun tot. Du fragst dich, wie lange es dauert, zu Zuckerrohr zu erstarren.

Du musst mal pinkeln. Gehst zum Klowagen. Pellst dich unter Fäkaldämpfen aus deiner Skiunterwäsche. Dein Unterleib ist so kalt, dass der warme Urin beim Austreten schmerzt. Am Waschbecken dann: keine Seife. Deine Hände sind ein Klebeklumpen.

Als du wieder draußen bist, setzt leichter Regen ein. Kleine Eisstücke prickeln in deinem Gesicht. Der Gruppe gelüstet es jetzt nach Herzhaftem, am besten Prager Schinken. Nur zehn Leute vor uns. Dafür Olaf Henning statt „Last Christmas“. Die Gruppe überbrückt die Zeit, indem sie das Lasso rausholt. Die Stimmung erreicht den Höhepunkt.

Nach dem Prager Schinken erste Ausfälle. Das Elchgeweih muss kotzen. Du bist betroffen und hoffst auf ein baldiges Ende der Geselligkeit. Das Elchgeweih geht nach Hause. Aber der Rest will noch in die Kneipe für ein paar Sahnecocktails.

Du verabschiedest dich. Die plötzliche Wärme würde dich umhauen. Deine Wangen würden glühen. Deine Augenlider wären schwer wie Gullideckel. Du schaffst es grad noch heim. Dort schläfst du, rotwangig und fußkalt, auf dem Sofa ein.

Das hättest du auch gleich haben können. Ohne Weihnachtsmarkt.
Aber es muss ja sein.

Störungen im Betriebsablauf

2. 02. 2010  •  Keine Kommentare
Bist Du erstmal im Harz, lässt er dich so schnell nicht wieder fort.

Am Gleis sind es minus 10 Grad, vielleicht minus 15. Wie Pfähle stehen die Menschen im Schnee und starren auf die Schienen. Atemwolken steigen auf. Die Minuten vergehen.

Dröhnend und knirschend zieht eine Diesellok drei Waggons vor deine Füße. In der Bahn: Hitze, Langlauffreunde, Wehrdienstleistende und eine Gesellschaft spaßwillliger Hausfrauen. Ich steige zu. Ein Seesack stürzt sich aus der Kofferablage auf mich herab. Der Zug fährt an. Ich plumpse neben einen Burschen in Flecktarn.

Ringelheim. Die Gruppe likörschwangerer Hausfrauen liest sich aus dem „Männerhasserbuch“ vor. „Warum ist ein Mann nur einssechzig wert?“ Wildes Gackern. Der Zug bebt. Ich sehe aus dem Fenster. Der Schnee bedeckt, was noch bleibt vom Restlicht des Tages. Die Sonne senkt sich hinter den Horizont.

Baddeckenstedt. „Wie lange muss ein Mann kochen?“ Die Frauen kreischen und reichen kleine Feiglinge herum. Der Wehrdienstleistende neben mir scharrt mit den Kampfstiefeln. Er liest ein Buch mit einer silbernen Axt auf dem Einband. Ich erwarte Böses.

Derneburg. Die einsetzende Dunkelheit verschweigt dem Reisenden, ob er noch im Diesseits fährt oder durch ein schwarzes Loch hindurch in eine andere Galaxie gelangt ist. Die Männerhasserinnen und ich – Vertreter des Planeten Erde auf dem Weg zu Centaurus A.

Groß Düngen. Themenwechsel von Männern zu Bohnen, marginal, wie sich zeigt: anschwitzen oder nicht, pfeffrig oder laff? Die Langläufer erheben sich knisternd, verpackt wie Geschenke in ihren Thermohosen und wattierten Jacken, und holen ihre Skier aus den Ablagen. Nur knapp entgehe ich meiner Erdolchung. Wir nähern uns also dem Ziel.

Die Diesellok zieht mich, die Skiläufer und die Hausfrauen ins Licht. Nicht Centaurus A, kein Quasar, sondern Hannover. Endlich. Eine halbe Stunde Aufenthalt ist vorgesehen. Zeit für eine Brezel und ein Wasser, dann hinein in den ICE gen Süden. Doch es kommt anders.

Weiße Schrift auf blauem Grund zeigt 30 Minuten Verspätung an. Der Wind auf dem Gleis macht kalte Ohren, kriecht die Beine hinauf und frostet dein Gemüt. Raucher drängeln sich zusammen. Auf einem Servicewägelchen schunkeln als heiß gekennzeichnete Kaltgetränke. Die Menge schweigt.

Dann: „Aufgrund von Störungen im Betriebsablauf verzögert sich die Einfahrt des ICE acht – vier – sechs nach Trier um weitere 20 Minuten.“ Erboste, zornerfüllte Münder speien hässliche Worte über den Bahnsteig. Gewalt gegen das Servicewägelchen bricht aus. Dann Gemurmel. Schicksalsergebene Ruhe. Du kommst nicht heraus aus der Gegend, sie hält dich fest.

Nach 30 Minuten Aufenthalt und 50 Minuten Verspätung: Der ICE, der dich fortbringt. Erwartungsfrohes Füßescharren auf dem Bahnsteig. Neben mir harren zwei Bayern auf Einstieg. „Näkste Mal kimma mit’m Radl.“ – „Da samma schneller.“ – „Und kälter is a net!“

Wir betreten den Waggon und fahren fort aus dem Harz.
Es geht also doch.



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