Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Wassergymnastik

23. 05. 2012  •  38 Kommentare

Sie sind fünf Damen. Und sie sind sehr britisch.

Sie sind gepflegt onduliert, tragen zurückhaltende Bademode, tiefer Beinausschnitt, hohes Dekolleté. Ihre Hörgeräte sind dezent. Blümchenmuster stehen ihnen gut. Abends sind sie stets gut gekleidet, nicht überkandidelt, aber dennoch adrett. Die Röcke gehen bis über die Knie. Am Buffet lassen sie einander so lange den Vortritt, bis andere Gäste nervös dazwischengehen und ihnen die Runzelkartoffeln wegessen. Sie erinnern mich an die Calendar Girls. Ich bin eigentlich sicher, dass sie es sind.

Es ist ein heißer Tag, ich liege am Pool und bin dem Dekubitus bislang entgangen, indem ich mich halbstündlich umgelagert habe. Plötzlich steht Stijn, der niederländische Animateur, vor mir und fragt: „Water Fitness?“

Ich denke: „Puuh, nee, lass mal.“ Er sagt: „Water Fitness!“, diesmal mit Ausrufezeichen, und ich denke: „Naja, warum nicht, bevor du dich mit Zinksalbe einreiben musst.“ Wir gehen zum Pool. Er holt den Ghettoblaster raus, schmeißt Dr. Alban rein, und wir lassen uns zu Wasser.

Die Gruppe besteht nur aus Frauen und aus Stijn. Wir hüpfen uns ein bisschen warm. Ich habe mich in die letzte Reihe verdrückt. Der Leistungsdruck macht mich sonst fertig.

Auf einmal fühlt es sich an, als nähere sich ein Krokodil. Ich sehe mich um. Eine der britischen Damen schwimmt in sanften Zügen heran, der graue Schopf treibt wie eine Wattebausch über die Oberfläche, federleicht. Sie lässt sich in die Senkrechte sinken und beginnt, unmerklich mitzuhüpfen. Ich nicke ihr zu. Ich weiß, dass sie Mildred heißt. Sie lächelt verschämt.

„Was tun wir gerade?“, frage sie mich auf englisch, weiterhin hüpfend, und ich sage: „Skipping, just skipping.“ Stijn entdeckt sie und ruft: „Hello! Welcome to Water Fitness!“ Sie lächelt milde, winkt majestätisch aus dem Handgelenk und hüpft so lange, wie Stijn guckt.

Dann ist es soweit, und Stijn holt die Pool-Nudeln vom Beckenrand. Er hält eine der Schaumstoffschlangen in die Höhe und ruft: „Spaghetti!“ Wir glotzen ihn an. Stijn wedelt wild mit der Nudel und ruft wieder, diesmal lauter: „Spaghetti!“ Wir machen pflichtschuldig: „Yeah!“ Stijn ist nicht zufrieden mit uns. „Mögt ihr Water Fitness?“, ruft er. Wir wieder: „Yeah“, diesmal noch weniger enthusiastisch, nur ungefähr fünf-Prozent-begeistert. Mildred singt leise: „Yeah! Yeah! Yeah!“ Ich blicke sie an. Sie grinst und zieht verschämt die Schultern hoch. „Ich hatte Prosecco zum Kuchen“, sagt sie entschuldigend.

Stijn verteilt die Poolnudeln. Mildred greift sich eine in rosa. Stijn stellt sich vorne hin und sagt: „Und nun reiten wir ein bisschen auf der Nudel.“

„Das ist das Schmutzigste, was ich seit meinem achtzigsten Geburtstag getan habe“, sagt Mildred und kichert wie eine Sechzehnjährige. Ich kichere auch.

„Up and down, up and down“, ruft Stijn vorne.

Mildred hält inne, senkt ihren Kopf und blickt mich aus trüben, faltenumrandeten Augen von unten nach oben an. Sie sieht sehr lehrerinnenhaft aus. „Wir sollten ernst sein. Das hier ist Sport.“

„Er macht es jeden Tag“, sage ich. „Immer um 15 Uhr.“ Mildred kichert wieder.

Als Stijn genug gehüpft ist und wir unsere Nudeln wieder abgegeben haben, schwimmt Mildred in Richtung Treppe. „Hee!“, ruft Stijn ihr nach. „Wir sind noch nicht fertig!“ Ohne sich umzusehen, streckt sie eine Hand in die Höhe und winkt. Dann treibt der Wattebausch davon.

Lanzarote

21. 05. 2012  •  35 Kommentare

Sobald ich mich an einem Pool oder einem Strand niederlasse,

setzen sich in meinem Körper kleine Männchen in Bewegung, wandern aus meinem Bauch in meinen Kopf, steigen den Hals hinauf, erklimmen die Treppen zu den Augen und drehen dort an einer Kurbel. Die Kurbel senkt die Lider über meine Augen. Mein Kopf sackt nach hinten. Ich schmatze leise. Und schlafe ein. So habe ich die ersten zwei Tage meines Urlaubs zugebracht.

Am Hotelpool

Rechts: Nessyfüße. Links: Nessyfreundinnenfüße. Weiterhin anwesend: ein schmucker Bademeister (nicht im Bild, aber gut im Gedächtnis).

Dann hatte ich die Männchen im Griff, stundenweise, und habe Kakteen besucht, lange dünne, kleine dicke und große dicke. Das klingt erstmal nicht so interessant, war aber ganz prima.

Jardin de Cactus - Kaktusgarten

Kaktusgarten mit vielen Kakteen, ungefähr 10.000.

Ich habe dort Kakteen entdeckt, in denen ebenso wie in mir kleine Männchen leben. Ich habe die Kakteen sogar ganz leise schmatzen gehört.

Jardin de Cactus - Schluffikaktus

Schluffikaktus (lat. cactus nessy), Opfer der Schlafmännchen.

Neben Kakteen gibt es weitere Pflanzen auf Lanzarote: Palmen. Zum Beispiel in Haría. Dort wachsen sogar so viele, dass die Gegend das „Tal der 1000 Palmen“ heißt. Ich habe nicht nachgezählt, aber es mag wohl stimmen. Am besten sieht das Ganze von oben aus, wenn man vom Mirador del Haría zum Meer schaut.

Haira, Stadt der 10.000 Palmen

Haría im Tal der 1000 Palmen.

Stellen Sie sich zu diesem Bild bitte vor, dass Sie in einem Backofen stehen, Umluft, ein heißer Wind umspielt Ihre Glieder. Sie sind leicht klebrig, haben heute schon drei Liter getrunken, aber nicht einmal pinkeln müssen. Während Sie ins Tal hinabblicken, fühlen Sie, wie Sie eine knusprige Kruste bekommen.

41 Grad

Entscheidend: die Temperaturanzeige unten links.

Aber ich wäre kein Checkerbunny, hätte ich nicht einen Kühlschrank gefunden.

Cueva de los Verdes

Lanzarotes unterirdischer Kühlschrank: die Cueva de los Verdes, 18 Grad.

Der Kühlschrank entstand vor vielen Jahren, selbst an Jesus war noch nicht zu denken. Damals brach ein Vulkan aus, Lava floss ins Meer, kam mit dem kalten Wasser in Berührung, irgendwas explodierte und bumms!, gab’s die Höhle. So ungefähr hat es die Höhlenführerin erklärt, die allerdings nur Spanisch sprach. Deswegen kann es sein, dass auch alles ganz anders war.

Cueva de los Verdes - Höhlensee

Sie ist tatsächlich grün, die Höhle.

Nicht nur in der Höhle war es kühl. Auf Lanzarote lebte ein Mann, der auf der Insel ungefähr alles gestaltet hat, was es Wichtiges zu gestalten gibt: César Manrique. Er hat auch den Kaktusgarten gemacht. Außerdem hatte er ein Haus in Tahíche, was irgendwo bei Teguise ist. Mehr müssen Sie nicht wissen; wenn Sie mal dort sind, werden Sie es finden. Das Haus ist in Lavablasen gebaut, also ebenfalls fast wie eine Höhle.

Lava im Haus von Cesar Manrique

Lava im Haus von César Manrique. Ist kein Baumangel, sondern so gewollt.

Irgendwann musste ich dann doch mal pinkeln, so nach dem vierten getrunkenen Liter. Wir waren gerade auf dem Weg zu einem Kirchlein irgendwo im Nichts und fragten uns, ob es wohl gestattet sei, in der Nähe eines Gotteshauses Wasser zu lassen, mitten in die Natur, ganz ohne Klosett. Die Gelegenheit war günstig, weil niemand zu sehen war. Meine Freundin, Sauerländerin und von daher ehrfürchtig katholisch, hegte Zweifel, war aufgrund ihres Harndrangs jedoch geneigt, beim Austreten an etwas Frommes zu denken – dann sei es wohl in Ordnung.

Als ich den Kirchhof betrat, wurde unsere moralische Debatte allerdings obsolet, denn just in dem Moment, in dem ich das Törchen durchschritt, verschwand nur zehn Meter weiter, kurz vor der weißen Kirchmauer, die den Hof begrenzte, ein Mann hektisch hinter einer Palme. Gleichzeitig richtete sich eine Frau auf, die vor ihm gehockt hatte und blickte mich mit großen Augen an. Ihr Mund formte ein stummes „Oooh“, ob aus Gottesfurcht oder aus Überraschung, werden wir nie erfahren.

Kirchlein im Nirgendwo

Das Kirchlein der Sünde.

Was haben wir noch gesehen? Vulkane und Lava, im Timanfaya-Natinalpark gibt es jede Menge davon. Man fährt mit einem Bus hindurch. Die Fahrt dauert 40 Minuten und ist wie ein Ritt mit der Wilden Maus. Mir war nicht gut danach.

Timanfaya Nationalpark: Vulkangestein und viel Nichts

Timanfaya Nationalpark: die Wilde Maus unter den Naturparks.

Wir waren auch am Strand von Famara und haben dort Surfer gesucht.

Frau Nessy am Strand von Famara

Frau Nessy am Strand von Famara, Surfer suchend.

In meinem nächsten Beitrag erzähle ich Ihnen dann von den Calendar Girls, die mit mir im Hotels wohnten – und wie ich mit Mildred Wassergymnastik gemacht habe.

Zurück daheim

20. 05. 2012  •  44 Kommentare

Wenn Sie erraten, wo ich war – …

Wo war ich?

… erzähle ich Ihnen brühwarm, was ich erlebt habe.

Im Zug

19. 04. 2012  •  59 Kommentare

Gestern bin ich zum ersten Mal 1. Klasse gefahren.

Der ICE ist auch in der 2. Klasse ein bequemer Zug, aber ich wurde eingeladen. Also steige ich ein, wo ich sonst nie einsteige, sondern höchstens rasch hindurchlaufe, wenn ich mal wieder an der falschen Stelle am Bahnsteig stehe. Ich richte mich auf meinem Sitz ein, die Landschaft fliegt vorbei, und ich bemerke schnell, dass die 1. Klasse sich nicht wesentlich von der 2. Klasse unterscheidet, außer dass jede Stunde ein kostenloses Duplo gereicht wird und man Getränke an den Platz bestellen kann.

„Latte Macchiato“, sagt der Mann hinter mir. Die Zugbegleiterin erklärt bedauernd, dass dieser Zug noch nicht mit einer entsprechenden Kaffeemaschine ausgestattet sei. Sie könne Kaffee oder Cappuccino anbieten.

„Was soll das sein, Cappuccino?“, schnauzt der Mann. Die Frau erklärt: Cappuccino sei Kaffee mit Milch.

„Was soll das sein, Cappuccino?“, wiederholt der Mann. Die Ratlosigkeit der Zugbegleiterin angesichts dieser erneuten Frage ist mit Händen zu greifen. „Cappuccino?“, fragt der Mann weiter. „Woraus besteht Cappuccino? Wissen Sie das?“ Offenbar ist das jetzt eine Quizshow.

„Der Kaffee und der Cappuccino sind aus Pulver“, sagt die Zugbegleiterin.

„Pulver also. Und die Milch? Sie wollen mir also erzählen, dass Sie in der Küche ein Spiegelei braten können, aber Milch aufschäumen kriegen Sie nicht hin?“

Ich drehe mich um. Der Mann ist Mitte fünfzig, hat graues Haar und feiste Lippen. Die Zugbegleiterin erklärt, dass wir uns in einem Zug befinden und es nicht alle Möglichkeiten einer Restaurantküche gebe. Sie frage aber gerne einmal nach, ob nicht doch etwas zu machen sei. Etwas Geduld bitte. Gleich wieder da.

Ich denke: Fetter Respekt, Hut ab und so. Sehr professionell. Und schäme mich für meinen Mitreisenden. Kennen Sie das? Sie möchten am liebsten aufspringen und rufen: Wir sind nicht alle so! Echt nicht! Ich bin auf deiner Seite!

Die Zugbegleiterin kommt wieder. Sie könne einen Becher Kaffee und einen weiteren Becher mit aufgeschäumter Milch anbieten. Das könne der Herr dann ineinander kippen.

„Meinetwegen“, sagt er. „Aber in Hannover muss ich aussteigen. Schaffen Sie das? Und die Milch warm, ja, haben Sie das verstanden? Sonst ist alles für die Katz.“

Es seien noch 45 Minuten bis Hannover, antwortet die Zugbegleiterin, selbstverständlich bringe sie die Getränke sofort. Nur fünf Minuten später kommt sie wieder und stellt ihm zwei Becher hin.

„Und wie soll ich das jetzt ineinander kippen? Da müssen Sie mir schon einen dritten Becher bringen!“, sagt der Mann, und das ist spätestens der Moment, in dem ich ausgerastet und hinausgerannt wäre, die Kabinenverkleidung eingetreten und vor Wut auf die Anrichte der mobilen Küche gehauen hätte, dass die Tassen springen. Doch die Zugbegleiterin sagt nur: „Selbstverständlich. Bringe ich Ihnen. Das macht dann 5,20 Euro für die beiden Getränke.“

„Jetzt soll ich auch noch beide bezahlen?“, fragt er, und ich denke: Und 3 Euro Trinkgeld kannst du ihr auch noch geben, dafür dass du so ein Kotzbrocken bist. Aber er lässt sich das Rückgeld abzählen.

Als er in Hannover seinen Platz verlässt, liegt der Boden vor seinem Sitz voll mit FAZ und Süddeutsche. Man könnte meinen, er habe dort renovieren wollen und habe Zeitungen ausgelegt, damit nichts auf den Teppich komme. Die Zugbegleiterin beugt sich hinunter, kriecht unter den Sitz, sammelt alles auf und nimmt es wortlos mit.

Großes Kino im RE1

12. 03. 2012  •  42 Kommentare

Als rege Besucher des Kännchencafés wissen Sie:

Die Chicks und Checker, mit denen ich Busse und Bahnen teile, sind dankbare Lieferanten blogbarer Begebenheiten. Am Wochenende allerdings versammelten sich derart sonderbare Gestalten im Regional-Express 1, dass ich es selbst nicht fassen konnte.

Der RE 1, so viel sei vorausgeschickt, ist die Hauptverkehrsachse des Ruhrgebiets. Er fährt von Aachen nach Paderborn und hält dabei in allen großen Städten des Potts. An Werktagen schmiegen sich ölige Aktentaschenträger in die Achselhöhlen ihrer Nachbarn. Am Wochenende ist der RE1 das Stangentaxi fürs Partyvolk, der Samba-Express nach Köln. Stets ist es warm und lauschig. Mal riecht es nach Puff, mal nach Schnapsbrennerei.

Als ich am vergangenen Freitag einsteige, betreten mit mir den Zug: ein pöbelnder Tippelbruder mit nur einem Arm und eine Gruppe studentischer Sozialflippies mit Dreadlocks. Ein Bahnbediensteter schiebt außerdem einen bärtigen Muslim mit gestrickter Gebetsmütze in den Waggon: Der Mann hat keine Füße und sitzt im Rollstuhl.

Die Türen schließen sich piepend. Die Reise beginnt. Der Pöbler schwingt sich eine fleckige Jutetasche über die armlose Schulter und macht die Sozialflippies an. Sie sollen ihre Bierflaschen hergeben, die NATO bereite Kriege vor, da brauche er Pfandgeld, es könne jederzeit losgehen. Einer der Jungs sagt: „Nimm, Bruder“, und reicht ihm eine leere Flasche.

„Da ist ja gar nichts mehr drin!“, beschwert sich der Einarmige, hält die Pulle mit dem Hals nach unten und lässt einen Rest Bier auf den Boden kleckern. Während er der Plörre nachguckt, fällt sein Blick auf den Muslim, auf dessen nicht vorhandene Füße das Bier tropft.

„Du hast ja gar keine Füße“, stellt er verwundert fest und sagt: „F*ck, ey, du kannst nicht mal moscheemäßig beten. Du bist echt  feist gef*ckt, Alta.“

Der Muslim schaut zu ihm auf, blickt ihn eine Weile an und sagt sehr ruhig: „Dafür kann ich Handstand machen und du nicht.“

Die Schnullerfee

4. 03. 2012  •  28 Kommentare

Die Schnullerfee ist ein geheimnisvolles, unbekanntes Wesen.

Herr Buddenbohm schreibt über sie:

Die Schnullerfee gehört zu den eher seltsamen Gestalten in der modernen Mythenwelt der Kleinkinder. Man weiß nicht, wo sie wohnt, man weiß nicht, wie sie aussieht, man weiß auch nicht, was sie sonst so treibt, wenn sie nicht gerade ihrem Hauptberuf nachgeht. Eigentlich weiß man nicht einmal, ob sie fliegen kann, und verblüffender Weise scheint auch niemand Interesse daran zu haben, es herauszufinden. 

Im Jahr 2007 entdeckte ich während einer Reise zum Nordkap im Stockholmer Freilichtmuseum Skansen das Haus der Schnullerfee:

Das Haus der Schnullerfee in Skanes
In dicken Bündeln hingen die abgelegten und plattgelutschten Schnuller vom Dachfirst des Hauses. Vereinzelte, abgeliebte Exemplare lagen verlassen im Vorgarten. An den umstehenden Bäumen bildeten sie schwere Girlanden.
Schnullergirlanden an Haus der Schnullerfee
Vor dem winzigen, knapp kniehohen Gebäude spielten sich seinerzeit dramatische Szenen ab. Weinende Kinder klammerten sich an ihre Nuckis, warfen sie weinend in den Vorgarten, schlugen wütend auf ihre Eltern ein. Großeltern reichten tröstend Zuckerstangen. Aufgewühlte Mütter klammerten sich mit Mienen der Reue an Stofftiere und Schnuffeltücher. Väter saßen auf Bänken in der Umgebung und unterhielten sich über – keine Ahnung. Wahrscheinlich Fußball. Mitarbeiter der Schnullerfee verkauften für 24 Kronen kalte Limonade an die erhitzte Kundschaft.

Die Schnullerfee selbst habe ich nicht gesichtet. Man munkelte damals, sie leide an Burnout und befände ich auf Kur.

Berlin – Teil 2: Essen

21. 02. 2012  •  29 Kommentare

Mein kulinarischer Berlin-Rückblick:

+++ Freitag +++

Pasternak, Prenzlauer Berg. Russisches Frühstück mit Blini, Sirniki und einem Buchweizensalat: das beste Frühstück des Wochenendes. Stimmungsvolle Atmosphäre mit dunklen Möbeln, karierten Tischdecken, großer Theke und alten Fotos. Sehr zu empfehlen.

Frühstück im Pasternak

Im Uhrzeigersinn, beginnend auf 9 Uhr: Paprika-Schafskäse-Creme, Frischkäse, Buchweizensalat, Marmelade, Obst, Sirniki (Quarkpuffelchen), Vanille-Mandelquark, Blini-Röllchen mit Spinat, in der Mitte Rührei - dazu ein Brotkorb

Misses & Marbles habe ich gestern schon erwähnt. Aufgrund des vorangegangenen Frühstücks konnte ich den Kuchen nicht probieren. Aber er sieht so fantastisch aus, dass man das unbedingt tun sollte.

12 Apostel, S-Bahn-Bögen Friedrichstraße. Atmosphärisches Gewölbe mit großer Theke und offenem Steinofen. Ich hatte eine Pizza Tiroler Art mit Crème Fraiche, Speck und Kirschtomaten. War gut, aber nichts Besonderes. Immer, wenn ein Zug übers Restaurant fährt, klirren die Gläser. Muss man mögen.

+++ Samstag +++

Winterfeldtmarkt. Immer mittwochs und samstags. Großartige Auswahl an türkischen Pasten, mediterranen Gemüsen und frischem, deutschen Brot. Das nächste Mal, wenn ich dort bin, werde ich einkaufen und mein Frühstück im Appartement einnehmen.

Corroboree, Potsdamer Platz. Ein Not-Frühstück im australischen Restaurant, weil der BVG-Streik anderes unerreichbar machte, es schon ein bisschen später und ich unorganisiert war. Es gab Brötchen, Aufschnitt, Marmelade – aber ach, alles so lieblos. Lange Wartezeit, obwohl wenig los war. Wahrscheinlich fand im Raum nebenan gerade der unsichtbare Illuminatenstammtisch statt, und es mussten 30 imaginäre Schnitzelpfannen zubereitet werden.

Beaker’s, Prenzlauer Berg. Ein Rock’n’Roll-Schuppen mit gemütlichem Sofa. Das Publikum war eher alternativ. Ich habe nur einen Minztee getrunken, denn danach ging’s direkt zum Abendessen ins Thien Duc. Wer im Beaker’s frühstückt, kann sich seine Zutaten einzeln zusammenstellen. Konnte ich leider nicht ausprobieren. Kritikpunkt: abgestandene, nach alten Möbeln riechende Luft. Gehört wahrscheinlich zur Gesamtkomposition.

Thien Duc, Prenzlauer Berg. Das beste asiatische Essen, das ich außerhalb Chinas gegessen habe. Hamma. Wahnsinn. Unbedingt hingehen. Ich hatte lauwarme Reisnudeln mit Gemüsen und Frühlingsrollen, als Nachtisch eine gebackene Banane. Das nächste Mal werde ich eine Woche vorher fasten und dann im Thien Duc die Raupe Nimmersatt mimen.

Abendessen im Thien Duc

Reisnudeln mit verschiedenen Gemüsen, darunter warmen Gurken. Außerdem im Bild: Frühlingsrollen und pikante Fischsauce.

+++ Sonntag +++

Tomasa, Friedenau. Italienischer Laden. Außen unscheinbar, innen hell, schön aufgeteilt und mit gemütlichen Frühstückssesseln. Das Frühstück selbst war gut; bei den angebotenen Zusammenstellungen hätte ich mir andere Kombinationen gewünscht, aber das ist wohl meinem individuellen Geschmack geschuldet. Eine solide Sache.

Frühstück im Tomasa

Rührei, Brötchen mit Gazpacho, Frischkäse, Obst, gebackener Camembert mit Preisselbeeren, mediterranes Gemüse - dazu ein Brotkorb

Die Preise waren überall moderat. Liegt wohl an Berlin.

Berlin, Teil 1: Sightseeing

20. 02. 2012  •  42 Kommentare

Drei Tage Berlin.

+++ Tag eins – Freitag +++

Der Freitagmorgen begann bei der zauberhaften Frau Sara von Misses & Marbles, einem kleinen Caféladen im Prenzlauer Berg mit Kuchen, von dem Sie auch eine Nacht später noch träumen.
„Uhmm, eine Frage“, sagte ich, als ich meine Orangina bezahlte. „Kommentieren Sie schonmal bei der lieben Nessy im Blog?“
„Ja“, sagte Frau Sara und guckte verdutzt.
„Dann bin ich die liebe Nessy“, sagte ich und stellte mich vor. Frau Sara lud mich prompt zur Orangina ein.

Am Nachmittag war ich mit Frau Annemarie verabredet. Sie schaut öfters hier im Kännchencafé vorbei, arbeitet in der Verwaltung des Bundestages und darüber hinaus in einem der 22. Ausschüsse. Sie hatte mich nach meinem Beitrag zu einer persönlichen Führung durch die Bundesliegenschaften eingeladen.

Bundeskanzleramt

Blick aus dem Paul-Loebe-Haus auf das Kanzleramt

Wir trafen uns an ihrem Arbeitsplatz im Paul-Loebe-Haus, gingen durch Sitzungssäle, in den Bundestag, ins Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in die Bibliothek, fuhren in gläsernen Aufstühlen hinauf und hinab, liefen über Brücken und durch Katakomben, in die Kantine, auf Balkone – bis hinein in die Sporthalle der Angestellten und Abgeordneten, die es gibt, damit die Damen und Herren sich ertüchtigen und nicht dem Gesundheitssystem auf der Tasche liegen.

Bundeshandballhalle

Bundeshandballhalle im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus

An dem Tag, als sich der zehnte Präsident der Bundesrepublik Deutschland aus dem Amt verabschiedete, befand ich mich also im Band des Bundes. Ich fühlte mich sehr geschichtlich.

Wie das immer im Leben so ist, ist das, was am Rande stattfindet, viel interessanter als das eigentliche Geschehen. So war das Gespräch mit Frau Annemarie noch um einiges erhellender als die Immobilien, die sie mir zeigte. Menschen, die mit Überzeugung tun, was sie tun, beeindrucken mich stets. Die große, unpersönliche Politik wirkt gleich viel anders, wenn sie plötzlich ein Gesicht hat – und eine Stimme, die erzählt. Herzlichen Dank dafür!

Reichstag

Blick aus dem Sitzungssaal der FDP-Fraktion auf den Reichstag

Den schönsten Sitzungssaal hat übrigens die FDP, noch.

+++ Tag zwei – Samstag +++

Am Samstag begab ich mich in die Berliner Unterwelt und stieg in die Zivilschutzanlage am Blochplatz hinab, ein Schutzkeller, in dem 1.300 Menschen für 48 Stunden überleben können – vorausgesetzt, sie drehen schnell genug die Kurbel der Lüftungsanlage. Die Anlage wurde im Zweiten Weltkrieg genutzt und in den 70er Jahren als Atomschutzkeller reaktiviert. Der Atomschutz bestand aus einer neuen Schicht weißer Deckenfarbe – das Übrige war Psychologie und zu nichts nütze.

Schild: "Übrigens sind es immer die anderen, die sterben."

Schild am Ausgang des Luftschutzraums Blochplatz, Berlin-Gesundbrunnen

Unter diesen Umständen halte ich es im Falle eines Atomschlag mit dem Herrn, der uns durch die Unterwelten führte: Wenn es soweit käme, sagte er, nähme er sich eine Flasche Wein, suche sich ein schönes Plätzchen und werde schmerzlos innerhalb von zwei Sekunden verdampfen.

Am Samstagabend Kino in der Kulturbrauerei: „Ziemlich beste Freunde“. Wer den Film noch nicht gesehen hat: Er sei wärmstens empfohlen.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=COiqxqkm-Ow&w=480&h=274]

+++ Tag drei – Sonntag +++

Sonntag ist seit jeher der Tag der Klassik und der Besinnung – kurzum: der Alten Nationalgalerie. Seit ich mit 15 Jahren erstmals Museen mit Malerei besuchte, mag ich die Bilder und die Geschichten dahinter.

Alte Nationalgalerie

Alte Nationalgalerie

Ermitage, Louvre, Museum of Modern Art, Guggenheim Museum, Tretjakov-Galerie – bislang war ich vor allem im Ausland in Museen. Nun also mal deutsche Kunst. Erstaunlich dabei ist, wen man alles nicht kennt: Anton von Werner zum Beispiel. Dabei malt er Bilder, in denen jeder, der mag, viel entdecken kann.

Im Etappenquartier von Paris

Anton von Werner: Im Etappenquartier von Paris, 24. Oktober 1870, gemalt 1894

Ein bisschen erinnern mich diese alten, großen Gemälde an Wimmelbilder: An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen.

Anderes weckt eher heimatliche Assoziationen:

Alte Nationalgalerie - Bild

Das kennt der Ruhri: Abstich bei Hoesch. Oder naja, vielleicht auch nicht. Aber Kunst ist halt das, was der Betrachter in ihr sieht.

Im ersten Stockwerk dann die Überraschung: Auch mir wurde eine Skulptur gewidmet.

Alte Nationalgalerie - Skulptur

Frau Nessy an einem Sonntagmorgen

Wenn Sie sich nun fragen: Das kann doch nicht alles gewesen sein? Was hat sie denn in der Zwischenzeit gemacht? Da bin ich Ihren zahlreichen Restaurantempfehlungen nachgegangen und habe gegessen. Dazu später mehr.

Genächtigt habe ich übrigens hier: Winterfeldt10.

Berlin

16. 01. 2012  •  154 Kommentare

Das Kännchencafé ist bekanntermaßen ein Service-Blog:
nicht fürs Wissen, mehr fürs Leben, aber dennoch.

Nun benötige auch ich einmal Hilfe – und zwar Ihre. Ich suche ein Hotel in Berlin. Etwas Nettes, gerne etwas außergewöhnlich, aber dennoch preiswert und nicht zu weit ab vom Schuss.

Vielleicht können Sie mir außerdem sagen, was ich mir ansehen sollte. Ich war bereits vier- oder fünfmal in Berlin. Die üblichen Sehenswürdigkeiten kenne ich also.

Restauranttipps nehme ich auch gerne entgegen.

Silvester

1. 01. 2012  •  44 Kommentare

Eine Straße im westlichen Ruhrgebiet:
Altbauten, denkmalgeschützt. Stuck. Hohe Decken. Ehrwürdige Fassaden.

Ich bin bei der Torfrau eingeladen. Wir haben Raclette gemacht – die Torfrau, ihr Björn, die Sozialmaja, das Parterrepärchen und ich. Nun geht es gen Mitternacht. Wir schenken Crémant aus und beobachten den Tischwecker. Dann wird es Zwölf. Großes Hallo, frohes neues Jahr, Stößchen, Schuhe an, hinunter auf die Straße.

Zur Portugiesen-Battle.
Der Portugiesen-Battle.
Dem Grund, warum wir hier feiern und nicht woanders.
Wegen der traditionellen Feuerwerksschlacht der Familien de Silva und de Zosa.

Beide wohnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, weitläufig verwandt und mittelbar verschwägert. de Silva lebt in Nummer 7, de Zosa bewohnt hangaufwärts die Nummer 11. Zu Silvester bestehen sie aus einer unübersichtlichen Zahl von Kindern, hinzu kommen Eltern, Großeltern, Brüder, Schwestern, Vettern und Basen in jeglichem Alter.

Familie de Silva ist bereits vor der Tür, uns direkt gegenüber. Sie wird wie jedes Jahr angeführt von einem pummeligen Mittdreißiger mit gegeltem Haupthaar und gestreiftem Hemd. Er ist Besitzer eines ertragreichen Zehn-Quadratmeter-Büdchens 400 Meter stadteinwärts, zu dem er allmorgendlich mit einer tiefergelegten Ludenflunder pendelt. Heute steht er, die Kippe im Pinzettengriff vor die wulstigen Lippen haltend, auf dem Bürgersteig und gibt den Anzünder für die Böllerbatterien.

Familie de Zosa haben wir nicht so gut im Blick. Mit geschätzt zwei Fußballmannschaften hat sie sich vor dem Haus versammelt, so viel können wir von Nummer 4 aus sehen. Schmächtige Jungspunde positionieren sich dort in der Straßenmitte und geben mit Chinakrachern erste Statements ab.

Dann geht es los. De Zosa legt vor, de Silva zieht nach. Oben wie unten gehen Goldregen und Diamatraketen in die Luft. Bodenfontänen und Leuchtwirbel sprühen. Die 100-Schuss-Feuerwerk-Batterie donnert. Black Rain, Blue Diamonds, Coroner  und Fire Combat, Avalon und Babylon. Büdchen-de-Silva  raucht eine Fluppe nach der anderen, hält die glimmende Asche an die Zündschnur, wirft die Rakete in eine bauchige Sangria-Flasche – und sie zischt in den nebligen Neujahrshimmel. Weiter oben lassen die Jünglinge die Raketen direkt aus der Hand steigen, die Hand in den Pulloverärmel gerollt. Die Silva- und Zosa-Frauen drücken sich gegen die Hauswände, ihre Kinder vor den Beinen, die flachen Hände vor den kleinen Oberkörpern verschränkt. Wir stehen da, nippen Sekt und schwenken Wunderkerzen.

Bestimmt 30 Minuten geht es so, dann beginnt Teil Zwei der Battle, das Synchronfegen. Die Männer, die eben noch im Akkord Raketen in die Luft gejagt haben, greifen zum Besen und bieten Ballett. Fegen, ausholen, fegen, ausholen, die Borsten schieben Berge durchweichter Pappe und gesprengter Kartons zusammen. Die Teenies flankieren den Auftritt mit weiteren Krachern.

Es ist 0:55 Uhr, als sich ein de Zosa aus der Gruppe hügelanwärts löst und durch den Rauch der letzten Böller den Hang hinab schreitet, die Hände in den Hosentaschen, als sei er grad vom Pferd gestiegen. Büdchen stellt sich in der Straßenmitte auf und stützt sich breitbeinig auf seinen Besen. Als sie beinahe Nasenspitze an Nasenspitze stehen, bleibt de Zosa stehen. Er und Büdchen blicken sich einige Sekunden reglos in die Augen. Wir befinden uns genau auf Höhe des Duells, verglommene Wunderkerzen in den klammen Händen. Dann wendet de Zosa seinen Blick und fragt uns: „Und? Wer war dieses Jahr besser?“

„Ihr“, sagt die Torfrau. „Ihr“, sagt Björn. „Finde ich auch“, sagt die Sozialmaja. „Yep“, sage ich, „ganz klar.“ Das Parterrepärchen nickt.

De Zosa grinst und blickt Büdchen an. Die beiden sagen nichts und umarmen sich brüderlich. Zeitgleich lösen sich die Frauen von den Hauswänden und lassen ihre Kinder los. Sie laufen auf die Straße, rennen und schreien. Jetzt wird angestoßen, alle miteinander, alle durcheinander.

Wir gehen rein. Denn für uns ist das Schauspiel nun vorbei. Seit heute steht es 1:2 für de Zosa – soweit wir das beurteilen können. Wir sind ja erst seit zwei Jahren dabei.

365 Tage noch bis zur nächsten Schlacht.



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