Barranco Oscuro
Der Wein, den Inocencio mir schenkt, ist eine Offenbarung. Noch niemals zuvor habe ich einen so leckeren Rotwein getrunken: trocken, fruchtig und sehr voll im Geschmack.
Der Wein stamme aus dem Barranco Oscuro, sagt Innocencio und zuckt mit den Schultern. Ein kleines Weingut sei es, das seine Freunde dort haben, nur ein paar Hektar. Allerdings das höchst gelegene Weinanbaugebiet Europas. Die Luft sei dort sehr gut. Und der Boden. Trotzdem: Der Preis für die Flasche sei nicht hoch. Die Winzerei, sagt er mir und greift sich ans Herz, sei „una pasión, una religión“, verstehst du?
Ich frage ihn, wo ich den Wein kaufen könne. Inocencio wirft seinen Arm geradeaus: dort drüben, hinter dem Berg. Dahinter sei noch ein Berg und noch einer. Dort einmal rechts runter Richtung Meer, so gelange man in das Tal. Dort könne ich kaufen. Er macht eine schlangenhafte Bewegung mit seinem Hand: „Una hora“, eine Stunde über gewundene Straßen, dann sei man da.
Einige Tage später beschließe ich spontan, dort hinzufahren. Der Weg ist tatsächlich sehr ländlich. Hier ist nichts, hier sind nur Olivenbäume – viele Olivenbäume. Später lese ich, ich finde den Link nicht mehr, dass in dieser Gegend 60 Millionen Olivenbäume stehen: eine der Hauptanbauregionen Spaniens.
Das Weingut ist leicht zu finden, denn rundherum ist sonst nichts. Dieses Haus muss es also sein, es besteht kein Zweifel. Ich fahre auf den Hof, Kies knirscht unter den Reifen. Grillen zirpen. Paletten mit Weinflaschen stehen neben Gärtanks. Ein Hund bellt und kommt auch schon angerannt. Groß und schwarz ist er und wedelt mit dem Schwanz. Sein kleiner, weißer Kompanion rennt hinterdrein, will gestreichelt werden. Als Wachhunde sind sie ein Totalausfall.
Ich mache mich auf den Weg übers Gehöft und suche Menschen, den Eingang, eine Klingel. Doch: nichts. Ich beschließe, ein wenig zu warten. In der Sonne ist es warm und angenehm. In der Ferne höre ich einen Trecker. Die beiden Wachhunde finden derweil eine Heuschrecke und knuffen sie. Vielleicht kommt ja bald jemand, der mir Wein verkaufen möchte.
Etwa eine halbe Stunde vergeht. In der Ferne, in den Weinbergen, steht ein Auto. Vielleicht der Winzer? Er klettert in den Rebstöcken herum. Ich könnte hinfahren und ihn fragen.
Ich steige also ins Auto, holpere ein Stück den Wirtschaftsweg hinauf, steige dann aus, gehe zu Fuß. Doch als ich an dem Auto ankomme, ist von dem Winzer keine Spur. Ich gehe ein wenig nach links und nach rechts und beschließe zu warten.
Die Landschaft ist wirklich einzigartig hier: karge Berghänge, leichter Wind im Schatten des schneebedeckten Mulhacén, dem höchsten Berg auf der Iberischen Halbinsel. Plötzlich, auf dem Gehöft: Bewegung. Ich sehe ein Auto, einen Menschen. Er bewegt sich. Soll ich wieder runterfahren? Ich komme mir vor wie bei „Hase und Igel“. Leider bin ich der Hase.
Ich laufe und fahre wieder hinunter zum Weingut. Doch dort: nichts. Wieder: vollkommene Leere und Stille. Das Auto ist fort. Ich warte noch eine halbe Stunde. Dann fahre ich.
Den Wein finde ich später, wie soll es anders sein, nur zwei Kilometer von meiner Berghütte entfernt, in einer kleinen Weinhandlung in Lanjarón.






























