Donnerstag, 14 Uhr | Am Donnerstagmittag bekam ich einen Anruf von einer Schweizer Nummer.
„Wir suchen eine Speakerin zum Thema Change Management.“
„Okay …“
„Für Samstag.“
„Diesen Samstag?“
„Ja.“
„In 40 Stunden?“
„In Zagreb.“
Am anderen Ende der Leitung war European Gymnastics, die Europäische Turnunion. Es stellte sich heraus, dass die Anfrage vollkommen ernsthaft war, wir unterhielten uns, und am Ende des Gesprächs dachte ich: Nun – warum eigentlich nicht?
Siebzehn Stunden später war ich auf den Weg nach Kroatien.
Der Auftrag | In Zagreb finden die Europameisterschaft im Geräteturnen statt. Am Rande der Veranstaltung lud die European Gymnastics Nachwuchskräfte aus nationalen Turnverbänden zu einem Young Leaders Forum ein. Das Programm: ein Blick hinter die Kulissen der Europameisterschaft, Wissen zur Event-Organisation, Teambuilding und ein Workshop zu einem zentralen Thema.
Für den Workshop war die Speakerin abgesprungen. Es sollte um Veränderung in komplexen Strukturen gehen – zwischen Verband und Vereinen, in den Clubs und gemeinsam mit den Ehrenamtlichen. Und darum, Menschen zum Mitwirken zu bewegen. Die Teilnehmenden: siebzehn Menschen aus dreizehn Nationen zwischen 25 und 32 Jahren.
Ich sagte, was ich in der Kürze der Zeit leisten kann: Wissen zu Change Management vermitteln, unabhängig vom Thema Turnen. Alles klar, war die Antwort, abgemacht.
Der Rest vom Donnerstag | Ich verschob meine Termine am Freitag und Samstag, arbeitete weg, was vor dem Wochenende getan werden musste, und vertröstete den Rest auf Montag. Von der KI ließ ich mich zur Situation in Turnverbänden und zu Veränderungsbemühungen briefen. Außerdem rief ich meine Freundin beim ZDF sport an und fragte, ob sie jemanden habe, mit dem ich zum Thema Turnen telefonieren könne. Sie vermittelte mir den Redakteur Andreas Runkel, selbst ehemaliger Leistungsturner, der mir einiges zum Turnen erzählte und die Aufgaben und Herausforderungen schilderte, die Verbände und Vereine aktuell haben. Vielen Dank an Andreas!
European Gymnastics buchte derweil einen Flug für mich, schickte mir Infos zur Anreise und zum Tagesablauf.
Zuletzt bin ich vor sechs Jahren geflogen. Ich musste erstmal herausfinden, wie das aktuell mit dem Fliegen funktioniert: Handgepäck – wie viel, wie groß, wie schwer, was darf rein, wie genau verpackt, wie kriege ich meinen Kontaktlinsenreiniger nach Zagreb? Ich bin ja Bahnfahrerin, da nimmt man einfach mit, was man tragen kann, dazu ein paar Schnittchen und eine Flasche Wasser. Darf man Schnittchen mit in den Flieger nehmen oder werden die konfisziert? Außerdem bin ich noch nie an einem Flughafen umgestiegen.
Ich beschloss, die Sache auf mich zukommen zu lassen, man muss ja nicht immer alles zerdenken, packte meine Tasche und ging ins Bett.
Freitag, 7 Uhr | Am Freitagmorgen fuhr ich nach Düsseldorf und flog über München nach Zagreb.

Es war alles unkompliziert. In München blieb ich am selben Gate und stieg in denselben Flieger, der mich aus Düsseldorf hergeflogen hatte. Sogar dieselben Leute standen wieder da zur Begrüßung – ein Anfänger-Umstieg.
Freitag, 13 Uhr | In Zagreb fühlte ich mich sehr präsidial. Es wurde jemand dafür bezahlt, mich abzuholen und zum Hotel zu fahren. Wie außergewöhnlich! Gemeinsam warteten wir noch auf eine Dänin, die am nächsten Tag an meinem Workshop teilnehmen würde. Welch ein Segen! Ich nutzte die Fahrt zum Hotel und stellte ihr Fragen zu ihrer Rolle im Verband, zu Themen, die sie umtreiben, und zu Veränderungsinitiativen. Ihre Antworten deckten sich mit dem Briefing von Andreas Runkel, nur aus einer anderen Perspektive. Gut.

Im Hotel ging ich erstmal etwas essen, denn ich hatte keine Schnittchen mitgenommen. Es gab ein Buffet für die Athletinnen und alle, die irgendwie mit ihnen zu tun hatten. Als ich mit meinem Teller zwischen den Turnerinnen stand, fühlte ich mich wie King Kong in New York, wie Cindy aus Marzahn im Miniatur Wunderland.
Freitag, 16 Uhr | Noch siebzehn Stunden bis zum Workshop. Es wurde Zeit, etwas vorzubereiten. In meinem Kopf hatten sich Ideen geformt. Ich schrieb sie nieder, suchte Folien zusammen, baute sie um und übersetzte sie ins Englische. Ich überlegte mir, wie ich die Leute beteiligen würde, formulierte Fragen und Aufgaben.
Dann kam eine E-Mail von meiner Auftraggeberin. Sie schrieb mir, dass ich, wenn ich Lust habe, zu den Wettbewerben in die Halle fahren könne, das sei sicher interessant. Es gebe einen Transfer vom Hotel, meine Akkreditierung sei hinterlegt.
Wie spannend! Ich klappte den Laptop zu und fuhr in die Arena.

Gemeinsam mit den Athletinnen wurde ich in die Katakomben der Arena gefahren. Die Turnerinnen verschwanden zum Umziehen in die Kabinen. Ich machte mich auf die Suche nach der Tribüne. Auf meinem Weg durch die Gänge geriet ich kurz vor die Sponsorenwand in der Mixed Zone; ich starrte ins gleißende Licht der Kamera und blinzelte. Doch es war gerade niemand da, der mich zu meiner Leistung auf dem Schwebebalken fragen wollte. Bridget-Jones-Moment.
Ich war noch nie auf einem Turn-Event, schon gar nicht bei einer Europameisterschaft. Als ich mich auf der Tribüne eingerichtet und verstanden hatte, wie es funktioniert – alle turnen gleichzeitig, jede Nation eine Disziplin, danach Wechsel – war ich sehr angetan. Ständig ist etwas los! Großartig.
Freitag, 19 Uhr | Der Bus fuhr mich zurück zum Hotel, wieder mit Athletinnen. Ich machte mich kurz frisch, denn ich war beim Young Leaders Welcome Dinner eingeladen: Abendessen mit den jungen Verantwortlichen in den Verbänden.
Wir aßen Unmengen von Fisch und Risotto, tranken Wasser und Wein. Welch tolle Menschen! Drei Stunden voller Witz, Wärme und Wohlwollen. Junge Leute aus Dänemark und Finnland, aus Italien, Slovenien, Serbien und Kroatien, aus Tschechien und der Slowakei, aus Azerbaidschan und Griechenland, Großbritannien, Irland, und der Türkei. Mit einem Herz fürs eigene Land – und dem Selbstbewusstsein, die nationalen Eigenheiten dem Humor am Tisch zur Verfügung zu stellen. Menschen, die europäisch leben, denken und handeln, klug und neugierig.
Wenn die Atmosphäre an diesem Tisch die Zukunft unseres Kontinents ist, bin ich zutiefst glücklich.

Beseelt ging ich zurück ins Hotelzimmer. Ich machte letzte Vorbereitungen für den folgenden Tag. Um Mitternacht schlief ich erfüllt ein.
Samstag, 9 Uhr | Nach dem Abend wusste ich ziemlich gut, wen ich vor mir hatte, und der Workshop war ein Selbstläufer.
Wir sprachen darüber, was es für Veränderung braucht: im Training und im Übergang vom Profisport zu einem neuen, anderen Leben. Wir sprachen über die Change-Kurve – welche Phasen wir durchmachen, wenn wir mit einem Bruch konfrontiert sind. Ich stellte die generischen Prinzipien der Veränderung nach Rufer vor.

Wir erarbeiteten, wie man Menschen mitnimmt; was sie brauchen, um mit Kopf, Herz und Hand dabei zu sein. Es war intensiv und lebendig, mit vielen Fragen. Ein Geschenk.

Samstag, 14:30 Uhr | Nach dem Workshop wurde ich in einem Auto voller Norwegerinnen und Norweger zum Flughafen gefahren.
Samstag, 21:45 Uhr | Zurück in Düsseldorf, zwei Stunden später im Bett. Was ein wilder Ritt!

Die Empfehlung | Ich konnte nicht herausfinden, wer mich empfohlen hat – wie die „Ich kenne jemanden, der jemanden kennt“-Kette verlief, die mich zu diesem Auftrag brachte. Falls die Person hier mitliest: Ein großer Dank! Winken Sie mir gerne kurz zu.
Schweine, wie immer | Steppenschweine kurz vor der Sonnenfinsternis.

Kommentare
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Toller Bericht! Ich bin wirklich beeindruckt, wie Sie so etwas in so kurzer Zeit und sicherlich auch auf englisch durchziehen konnten, ohne sich vom fremden Setting einschüchtern zu lassen und die Sache dabei sogar richtig genossen haben!
Auf Englisch, ja, aber das war dann irgendwie auch egal, das hat den Braten nicht mehr fett gemacht. Die englischen und irischen Teilnehmer waren auch sehr wohlwollend.
Ein tolles Erlebnis und ein ganz großartiger Bericht. Vielen Dank dafür!
Gerne.
Die Tischgespräche kann ich so aus meiner eigenen multinationalen Firma bestätigen. In so einer Bubble des gegenseitigen Wohlwollens zu sein und sich über Gemeinsamkeiten zu freuen und über Unterschiede zu lachen ist ein Erlebnis, das wirklich jeder mal gemacht haben sollte, wenngleich ich weiß mit wie vielen Privilegien die Teilnahme daran verbunden ist.
Jemand, der das Gefühl kennt und teilt – wunderbar! Und es so viel besser beschreibt, als ich es getan habe.
danke für diesen bericht, ich konnte lachen über den humor und mich sehr freuen über die atmosphäre beim tisch. gäbe es doch bloß mehr solcher internationaler begegnungen.
Ja, das wäre toll. Und es braucht mehr Menschen, die davon erzählen. Damit es sich durch Europa und um die Welt trägt.
Hut ab vor dieser Kurzentschlossenheit!
Ja, ich habe mich irgendwie selbst überholt.
„Wenn die Atmosphäre an diesem Tisch die Zukunft unseres Kontinents ist, bin ich zutiefst glücklich.“ Ein toller Satz, voller Hoffnung.
Und: Jawohl, Hut ab +1
Der Satz beschreibt dennoch nur unzureichend, wie großartig es war.
Liebe Vanessa,
was für ein Husarenritt (okay, nach Zagreb, nicht nach Ungarn)! Klingt fantastisch, und dass Dich Englisch nicht schreckt, weisst Du doch schon seit „unserem“ gemeinsamen Seminar in Wuppertal – sogar spontan konntest Du da umschalten (bin hier inkognito, wegen des Namens)! Und die Coolness zu sagen „ach, gehe ich ins Turnstadium statt an den Folien zu basteln“ und ohne Schnittchen in ein fremdes Land bei so länglicher Reise (potentiell) – herrlich! Wie überhaupt die Umschreibung der ganzen Veranstaltung… zwischen Kichern und Neid sozusagen. Herzliche Grüße!
Dankeschön! Das Englisch schreckte mich tatsächlich am wenigsten. Am größten war die Unsicherheit hinsichtlich der Frage, wen ich vor mir habe und was die Leute brauchen. Es gab einen breiten Strauß, was ich mit den Leuten mache – aber auch bei geringer Vorbereitungszeit habe ich den Anspruch, etwas anzubieten, das für die Leute von Wert ist.
Gleichzeitig lag die Erwartung maximal niedrig – bei der geringen Vorbereitungszeit. Der einzige Druck kam von mir selbst.
Danke fürs Teilhaben lassen.
Ich liebe meine Kita auch sehr, weil wir so ne multikulturelle Bubbel sind, unterschiedlichster Schichten, und wenn es Konflikte gibt, dann hat es nichts mit den Hintergründen zu tun, sondern den jeweiligen Menschen. Das ist fein.
Mir gibt dieser Ort immer ein bisschen Hoffnung, weil wir wirklich super divers sind vom Kind, übers Personal zu den Familien insgesamt. Frieden ist möglich!
[…] Vanessa fliegt spontan nach Zagreb und spricht über Change ManagementStarke Aktion. Ich bewundere die Kurzentschlossenheit, das Selbstbewusstsein und wie tief man im Thema sein muss, um „mal eben so“ mit super wenig Vorbereitungszeit einen Workshop durchführen zu können. […]