Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Montag, 5. März

5. 03. 2018  •  15 Kommentare

Ein Tag in Nebel und Dauerregen.

Es gibt etwas, das ich schon vor dieser Reise gut konnte: die Dinge auf mich zukommen lassen und das Beste daraus machen. Und doch gibt es dabei immer noch etwas zu lernen. Zum Beispiel heute, an einem Tag, der mich lehrt, dass man sich noch so viel vornehmen kann – wenn es dauerregnet, sind die Pläne alle für den Eimer.

Statt also nach Orvieto oder Viterbo zu fahren, statt auf der anderen Seite des Sees etruskische Wege und Tuffsteinstädte zu erkunden, statt ins Tal zu wandern und ein Eis zu essen, blieb ich auf meinem Felsen. Ich habe also nicht viel erlebt und eigentlich auch nicht viel zu berichten. Trotzdem möchte ich Ihnen erzählen von dem, was so wenig passiert ist.

Als Erstes suchte ich heute die Touristeninformation auf, denn sie ist gleich bei mir um die Ecke auf der Piazza Vittorio Emmanuele, dem Platz, der das Herz der Stadt ist, und der Platz, auf den man immer auf wundersame Weise zurückkommt, wenn man durch die Straßen wandert.

Hinter einer Theke saß eine kleine, in eine Winterjacke gewickelte Frau, die sofort aufsprang, als ich die Tür öffnete.

„Hallo! Schön, dass Sie das sind! Sie möchten Montefiascone entdecken!“, sagte sie. Es war kein Fragezeichen hinter dem letzten Satz, und es wäre auch nicht möglich gewesen zu widersprechen, denn mit einer schwungvollen Geste holte sie einen kopierten Plan der Stadt hervor, begann, mit dem Kuli darauf herumzumalen und erzählte mir, was ich schon wusste.

„Waren Sie schon oben auf dem Felsen? Sie können die Papstresidenz besichtigen“, sagte sie.
„Hat sie nicht montags zu?“, fragte ich. Montags hat vieles in Italien geschlossen. Außerdem stand es auf dem Schild am Tor der Burg.
„Schon. Aber manchmal auch nicht. Heute zum Beispiel. Also, glaube ich. Warten Sie. Ich rufe mal an.“

Doch von den Päpsten ging niemand ran. Sie gab mir noch eine Karte mit Wanderwegen mit, und ich fragte sie, ob sie mir auch etwas über Orvieto sagen könne, das ganz in der Nähe ist. Man kann praktisch rüberspucken.

„Nein, also, Orvieto, das ist Umbrien, wir sind hier in Lazio. Über Umbrien kann ich Ihnen nichts sagen.“

Das ist ja wie im Ruhrgebiet, dachte ich. Jeder macht Seins.

Bevor ich nachsah, ob bei der Papstresidenz nicht doch jemand zu Hause war, ging ich einkaufen. Mir gelingt es so langsam, mich dem italienischen Tagesrhythmus anzupassen, zwischen 13 und 16 Uhr also weitgehend passiv zu sein oder zumindest keine Erledigung machen zu wollen. Das vereinfacht das Leben erheblich. Denn ich konnte den kleinen Laden in der Altstadt nutzen, ein Tante-Emma-Laden in einem dieser historischen Häuser mit den dicken Mauern – und wie sich herausstellte: eine Wundertüte.

Auf geschätzten achtzig, dem Fels abgerungenen Quadratmetern gibt es alles, und wenn ich „alles“ sage, meine ich: alles. Obst, Joghurt und Backwaren, eine Käse- und eine Wursttheke, Shampoo, Waschmittel, Strumpfhosen, Sicherheitsnadeln, Blumensamen, Notizhefte, die guten Fischer-Dübel, Gummistiefel, Eimer, Töpfe, WD 40,  eine Sammlung Alkoholika, Zwirne und Garne, Unterhosen, ein Regal mit bestimmt 20 Sorten Kaffee, Schnürsenkel, SD-Karten, Teppichmesser, Schaufeln, Schuhcreme, Klopapier, Tierfutter, Spielzeugautos und noch ungefähr 700 Produkte mehr. Die Bude ist vollgestopft bis unters Dach.

Laden von innen

Ich kaufte, was ich brauchte, außerdem ein Zwei-Meter-Lighting-USB-Kabel, brachte alles nach Hause und ging zur Papstresidenz, um nachzusehen, ob sie nicht doch geöffnet hat, obwohl Montag war.

Tatsächlich: In einem in den Fels gehauenen Kämmerchen neben dem Eingangstor saßen zwei Männer, einer mit einem Glasauge, einer ohne. Der ohne sprang sofort auf, als ich mich näherte, nahm eine soldatische Haltung an und sagte: „Ein biglietto, ja? Studentin!“

Adulti“, sagte ich, Erwachsene. Denn ich wollte die Kommune, wenn um diese Jahreszeit schon ein Tourist da war, nicht um zwei Euro bringen.

Der mit dem Glasauge riss ein Ticket von seinem Block ab, gab es mir und sagte: „Für alles. Du kannst auf den Turm und ins Architekturmuseum und dir alles in Ruhe angucken. Lass dir Zeit, wir sind hier.“

Es regnete noch immer in Strömen. Ich stieg auf die Turmruine der Residenz. „Nur sechs Leute auf einmal“, steht unten auf einem Schild, und als ich oben, in luftiger Höhe auf der Plattform stand, wusste ich, warum es nicht gut ist, hier zu Siebt zu stehen und sich zu drängeln.

Rocca dei Papi: Aussicht (Panorama)

Die Papstburg ist mehr als 1000 Jahre alt, der Turm liegt 600 Metern über dem Meeresspiegel und man kann jeden heranreitenden Feind auf zwanzig Kilometer sehen – wenn es nicht gerade regnet oder neblig ist. Im Hauptgebäude fanden Empfänge und Gelage statt; dort wohnten Päpste und Bischöfe. Es gibt eine Zisterne, die tief in den Fels geht.

Im Museo dell’Architettura di Antonio di Sangallo erklären sie, wie selbsttragende und nicht selbsttragende Kuppeln gebaut werden, und es ist auch sonst ganz interessant.

Kuppelbau im Modell

„Ich bin dann jetzt weg“, rief ich beim Rausgehen den beiden Männern zu, und sie winkten mir hinterher.

Ich ging durch die Gassen zum Dom Santa Margherita mit seiner großen Kuppel. Es soll angeblich die drittgrößte Kuppel Italiens sein. Ich habe dafür keine Belege gefunden. Aber sie ist auf jeden Fall groß.

Bemalte Kuppel von Santa Margherita

„Gehen Sie auch in die Krypta“, hatte die Frau in der Touristeninformation gesagt.

Eine Krypta ist ja immer unten, also suchte ich in der Kirche eine Treppe, die hinabführte. Ich ging einmal im Kreis die Wände entlang. Es gab aber keine Treppe und auch keine Tür, die zu einer Treppe führen könnte. Mich beschlich der Verdacht, dass es einen Geheimgang gebe, einen, der sich öffnete, wenn man einen Stein in der Wand drückt. Hier ist alles möglich.

Ich sah allerdings nichts, ging hinaus, stieg am Gebäude hinab und fand: die Krypta. Logisch, wo hier doch alles in den Fels gebaut ist, ist auch das untere Teil der Kirche am Berg gebaut. Ich hob den Riegel der schweren Tür an, öffnete sie vorsichtig und sah das:

Krypta: Gemauerte Bögen mit wenig Licht, dazwischen ein Sarkophag

Das Licht war schummrig, draußen heulte der Wind ums Gebäude. Mit einem Schlag fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Mamma mia, was hab’ ich mich erschreckt!

Ich ging auf das Ding in der Mitte zu, beugte mich hinunter, sah hinein und – Heiliger Bimmbamm!

Einbalsamierter Körper im Sarkophag

Eine Leiche.

Die Tür klapperte. Kerzenlicht flackerte. Ein Luftzug im Nacken.
Das. War. Gruselig.

Ich machte mich vom Acker.

Draußen traf ich auf etwas, das mir half, mich von meinem Grusel zu erholen: das Keksparadies von Montefiascone. Eine Bäckerei, deren Tradition bis ins Jahr 1925 zurückgeht, mit einem Laden voller Plätzchen. Kekse mit Vanille und mit Schokolade, mit Mandarinengeschmack und mit Rosinen, Kekse aus Wein, kleine Kekse und große Kekse. Ich kaufte einen Rucksack voll ein.

Kleine Bäckerei an steiler Straße

Endlich kam auch mal der Regenschutz für meinen Rucksack zum Einsatz. Damit bloß die Kekse trocken bleiben! Wenn die Daheimgebliebenen Glück haben, bleibt etwas übrig.

Ich ging noch ein Stück die Straße hinunter zu San Flaviano. Spätgotische Hauptfassade, es gibt eine Oberkirche und eine Unterkirche, das heißt: Man geht rein, und steht in der Kirche. Dann geht man eine Treppe hinauf und steht in einer weiteren Kirche. Alles aus dem 11. Jahrhundert, genauer aus dem Jahr 1032. Also wirklich alt. Sieht auch so aus.

San Flaviano, sehr alte Steinfassade

 

San Flaviano von innen

*

Vor dem Stadttor, dem Tor zur Altstadt, gibt es einen Platz, einen sehr kleinen. Auf ihm trifft sich der Verkehr, der den Berg herauf aus den Nachbardörfern im Westen, Osten und Süden kommt, und der Verkehr, der aus der Altstadt von Montefiascone herunter kommt. Es gibt also vier Zufahrten, eine aus jeder Himmelsrichtung, und sage und schreibe sechs Abfahrten, nämlich die vier Zufahrten plus zwei Sträßchen, die neben dem Stadttor abgehen. Manchmal werden auch die beiden Abfahrten zu Zufahrten, denn sie sind zwar Einbahnstraßen, aber  was solls. Dann hat dieser winzige Platz sechs Zu- und Abfahrten.

Der Platz ist so klein, dass es keinen Kreisverkehr gibt. Es gibt auch keine Ampel oder sonst etwas, das den Verkehr regelt. Mittags um Eins, wenn alle nach Hause wollen, ist vor dem Stadttor Verstopfung. Die Leute kommen aus allen sechs Straßen auf den Platz gefahren und treffen sich in der Mitte. Erst, wenn jeder sein Auto ein Stück zurechtgeruckelt hat, einmal vor und zur Seite gefahren ist, kann eines der Auto irgendwo abiegen, und der Stopfen löst sich auf, als hätte jemand Abflussfrei reingekippt.

*

Daheim recherchierte ich, wer die Leiche ist: Es ist Santa Lucia Filippini, also die Heilige Lucia, und es sind wirklich ihre unverwesten Gebeine. Die Eckdaten: geboren 1672, gestorben 1732 an Brustkrebs. Sie gründete einen Orden und mehrere Schulen.

Den Rest des Tages verbringe ich damit, mich mit meiner Weiterbildung zu befassen. Ich sitze vor dem Ofen, lese über die Psychologie der Konflikte und über Grundlagen mediativer Verfahren.

*

Inzwischen weiß ich, wie es nach dem Aufenthalt in Montefiascone weitergeht. Am Samstag werde ich auf die andere Seite des Stiefels wechseln – in einen Ort in den Abruzzen, von dem aus ich zum Meer und in die Berge fahren kann. Er heißt Capelle Sul Tavo, hat 4.000 Einwohner und liegt in der Nähe von Pescara.

Landkarte

Dafür, dass ich heute eigentlich nichts erlebt habe, habe ich ganz schön viel aufgeschrieben.

Sonntag, 4. März

4. 03. 2018  •  6 Kommentare

Heute erwachte ich, Sonne schien durch die Vorhänge und meine Residenz hatte eine Aussicht.

Panoramabild: Blick über das Tal und den See

Der Bolsenasee ist vulkanischen Ursprung. Irgendwann gab’s hier mal vier Vulkane, einen in Latera, einen in Montefiascone, einen in Capodimonte und einen in Bolsena – außerdem mindestens 94 weitere Krater. Das war hier sozusagen die Vorhölle. Der See bildete sich unterirdischen Magmakammern, die einstürzten. Die Caldera füllte sich mit Wasser.

Der See ist einer der saubersten in Europa. Man kann unter Wasser angeblich zehn Meter weit sehen.

Hier wird sanfter Tourismus betrieben: Schon in den 1990er haben die Behörden verboten, das Ufer weiter zu bebauen. Es gibt viel Agrotourismus. In der Umgebung sind historische Stätten – na klar: die Nähe zu Rom.

Nach dem Frühstück stapfte ich los, um die Stadt ohne Nebel zu erkunden. Wie gestern machte ich mich erst auf zum Rocca dei Papi, dem Felsen der Päpste ganz oben auf dem Hügel – und sah zum ersten Mal die große Kuppen von Santa Margherita.

Rocca dei Pai: Kirche Santa Margherita

Danach ging ich auf der anderen Seite wieder runter und durch die Gassen.

Montefiascone: Durchgang mit Blick ins Tal

Es war mächtig was los in der Stadt: Wahlsonntag. Ich wohne in der Nähe des Rathauses, wo die Leute wählten. Dort und auf jedem Platz standen sie und redeten.

In den Gassen und um die Altstadt herum war ordentlich Verkehr. Die Kioske und Cafés hatten geöffnet, es gab einen Stand mit Trockenfrüchten. In den Kirchen war Messe.

Montefiascone, rechts die Stadt auf dem Hügel mit großer Kirchenkuppel, links das Tal

Ich entdeckte ein Schild, in dem Wanderwege eingezeichnet waren. Sie führten alle um See, und ich stand direkt am Beginn eines der Wege. Also stapfte ich ein Stück bergab. Ich hatte ja nichts anderes vor.

Weg durch eine Felsgasse

Ich ging und ging – durch Schilf und Wald, vorbei an Weinbergen und Olivenhainen. Es war warm. Erst legte ich den Schal, dann die Jacke ab. Es war nicht nur mein erster Tag in Italien ohne Pudelmütze. Es war auch direkt mein erster Tag ohne Jacke.

Irgendwann war ich unten am Fuß des Hügels – und mein Dorf oben auf dem Berg.

Mein Berg von unten

Zum See wären es noch gut und gerne vier Kilometer durch die Ebene gewesen. Darauf hatte ich keine Lust. Also ging ich wieder hoch.

Als ich wieder oben war, begann es zu regnen. Ich befeuerte meinen Ofen, holte mir eine Decke, nahm mir ein Buch und legte mich aufs Sofa. Ich las und machte ein sonnelino, ein Nickerchen. Dann war es auch schon Abend. Ein perfekter Sonntag.

Samstag, 3. März

3. 03. 2018  •  3 Kommentare

Ein Tag in Nebel und Regen.

Heute Morgen erwachte ich, und es prasselte aufs Dach. Das Dach sieht aus dem Bett so aus. Das war das erste, was ich heute morgen sah:

Holzsparren, Ziegelsteine

Das Haus hier ist von 1200, und seither war da offenbar kein Dachdecker mehr dran. Obwohl es keine Dämmung gibt, ist es erstaunlich warm. Relativ gesehen.

Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich: nichts.

Dach mit dickem Nebel

Ich wohne in der historischen Altstadt von Montefiascone auf einem Hügel. Eigentlich habe ich eine Aussicht. Schätze ich. Also: Man weiß es nicht. Gestern Abend, bei meiner Ankunft, war es ja auch dunkel.

So sieht das Haus von außen aus – es ist die erste Tür rechts:

Haus in der Altstadt: Alte Steine, Holztür

So sieht es von innen aus – das Wohnzimmer:

Wohnzimmer

Die Säcke im Kamin sind Holzpellets für den Pelletofen rechts. Er heizt das Haus – beziehungsweise das Untergeschoss. Im Obergeschoss gibt es keine Heizung. Im Schlafzimmer ist es daher frisch. Das finde ich aber nicht schlimm. Ich schlafe bei 16 Grad sehr gut. Einzig das Bad könnte wärmer sein.

In Quattro Castella war das Bad warm, aber das Duschwasser kalt. Hier in Montefiascone ist das Bad kalt, aber das Duschwasser warm. Nun denn.

Die Treppe ins Obergeschoss:

Steintreppe ins Obergeschoss

Mittags hörte es auf zu regnen. Ich beschloss, den Ort zu erkunden und einen Supermarkt zu suchen. Mir fehlten Brot und Milch, außerdem Toilettenpapier, Batterien und irgendwas, das ich in den nächsten zwei Tagen kochen könnte. 

Montefiascone liegt 95 Kilometer nordwestlich von Rom und ist ein Titularbistum. Die Stadt stammt aus dem 9. Jahrhundert und gehörte lange zum Kirchenstaat. Im 12. und 13. Jahundert gab es hier einen Papstsitz, den Rocca dei Papi, den Felsen der Päpste, den man heute noch besichtigen kann.

Dort gibt es einen Garten, vom dem aus man einen Rundumblick in die Umgebung hat. Theoretisch.

Garten der Päpste: Bäume im Scherenschnitt vor Nebel

Es war ein bisschen knifflig, sich zu orientieren. Denn ich konnte zwar in die Straßen hineinsehen, aber nicht wieder hinaus – wegen des Nebels. Die Orientierung an Landmarken, Aussichtspunkten und großen Gebäuden fehlte.

Denn die großen Gebäude, etwa die Kirchen Santa Margherita oder San Flaviano konnte ich auch nicht sehen. Die Fassaden sind zu hoch, und der Nebel war zu dick – sie waren nur Schatten. So streifte ich ziellos durch die Gassen und genoss einfach die gespentische Szenerie.

Montefiascone, Gasse im Nebel


Montefiascone, Platz im Nebel

Es gibt hier – gefühlt – genauso so viele Kirchen wie Einwohner. Ständig bimmelt irgendwo eine Glocke.

Es war übrigens tatsächlich so menschenleer, ich habe nicht an irgendwelchen Leuten vorbeifotografiert. Es gab einfach keine Leute. Ich bin in der Altstadt vielleicht zehn Menschen begegnet, davon acht auf dem Platz, wo die Tabaccheria ist. Es war aber auch kurz nach dem Mittag. Da ist eh nie etwas los, und ich glaube, dass bei diesem Wetter einfach niemand auf die Straße geht.

Montefiascone, Gasse mit Lampe im Nebel

Die Luft war wie Dampfsauna bei zehn Grad. Sie war unglaublich feucht, meine Nase lief und lief. Das war bestimmt gut für die Atemwege.

Es duftete allerdings auch sehr gut. Ich kann den Frühling riechen. Und es fühlte sich nach der Kälte der Emilia Romagna sehr warm an.

Montefiascone, Häuser mit Büschen im Nebel

Danach machte ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt. Die Supermärkte liegen außerhalb der alten Stadtmauern, den Hügel hinunter.

Ich hatte keine Lust, mein Auto zu nutzen. Das wäre auch übertrieben umständlich gewesen: Vom Parkplatz in der Altstadt raus, einmal um die Altstadt, den Berg hinunter und dann wieder zurück. Da konnte ich auch zu Fuß gehen.

So pittoresk das auch alles ist: Der Rückweg war beschwerlich. So sah’s auf der Hälfte des Weges aus, als ich mich umgeblickt habe:

Montefiascone, Straße

Stellen Sie sich zu dem Bild vor: Zehn Kilo Getränke im Rucksack, weitere fünf Kilo Einkäufe am Arm und ein sanfter Regen, der in den Nacken läuft. Nachdem ich das Stadttor durchschritten hatte, dann nochmal das:

Montefiascone, durch das Stadttor

Wo das Bild zu Ende ist, ist der Aufstieg leider noch nicht zu Ende. Mit dem Herz-Kreislauf-Training war ich danach also durch.

Zur Belohnung gab’s Kaffee – mit frisch gekaufter Milch:

Moka-Kanne und Milch auf dem Gasherd

Die Milch im Topf passt genau in die Elefantentasse. Wie praktisch.

Ich schmiss den Pelletofen an. Der Rest ist Sofa.

Mittwoch, 28. Februar

28. 02. 2018  •  14 Kommentare

Ausnahmezustand in der Emilia Romagna! Der Bürgermeister hat Recht behalten.

Als ich heute Morgen aufstand, kamen nur drei Tropfen Wasser aus dem Hahn; dann war Ende. Leitungen zugefroren! Ich frühstückte und schluffte aus meinem Scheunenappartment zu S ins Haupthaus hinüber.

Porca miseria!“, fluchte er. „Wie kann das sein? Hier im Haus haben wir Wasser. Und du nicht?“

Er dachte kurz nach. Dann sagte er: „Ich weiß, woran es liegt. Das Wasser kommt aus dem Brunnen und geht zuerst bei uns ins Haus und dann zu dir. Das Rohr, in dem das Wasser in dein Haus geht, liegt nah an der Oberfläche. Wir müssen es aufwärmen.“ Er ging zum Küchenschrank und begann, in der Schublade zu kramen. Unter Verwünschungen schob er Dinge nach links und rechts. Dann reckte er mit einer triumphalen Geste den Arm in die Luft. In der Hand: ein Crème-brûllée-Brenner.

„Das wird helfen!“, meinte er und drückte auf den Anzünder. Doch: nichts.
„Ich mache nicht oft Crème brûllée. Möchtest du eigentlich einen caffè? Ich mache uns erstmal einen caffè. Und guck nicht so skeptisch.“

Nach dem Kaffee, mit aufgefülltem Brenner und einer Rohrzange stapften wir nach draußen. S beugte sich über die steinerne Abdeckung an der Seite des Hauses und zog daran. Wieder: nichts.

Porca miseria! Der Deckel ist zugefroren!“ Wir kamen nicht einmal an die Leitung.

Er hockte sich neben das Viereck und bearbeitete die Kanten mit dem Crème-Brûllée-Brenner. Doch es half nichts: Der Deckel blieb fest. „Wir müssen ein Feuer machen“, sagte er.

Wir sammelten Laub und Äste und stapelten sie auf den Deckel. S ging in die Scheune und holte alte Obstkisten. Mit dem Brenner zündete er alles an. „Das ist schön warm“, sagte er. „Das wird helfen.“

Feuer auf Steinen

Nach drei verbrannten Obstkisten: Heureka! Der Deckel ging auf. S schippte das schwelende Laub ins Loch, direkt unter das Rohr. Wir warteten etwas. Dann ging ich ins Haus und öffnete den Hahn. Yay!

„Es läuft wieder!“, rief ich durchs Fenster nach draußen.
„Ich war mal Pfadfinder!“ rief S zurück.

*

Am Mittag fuhr ich in die Berge zum Castello di Rossena. Die Sonne schien; ich wollte in die Natur. Dieses Mal nahm ich nicht den direkten Weg in die Berge, sondern fuhr durchs Enzatal. Die Enza ist ein Nebenfluss des Po.

Enza, im Hintergrund verschneite Berge

Dass das Castello di Rossena geschlossen sein würde, wusste ich. Nichtsdestotrotz wollte ich hin, um hinauf zu steigen und hinunter zu schauen.  Ich parkte das Auto am Fuß der Burg und machte mich auf den Weg hinauf.

Rossena: Weg hinauf zu Burg

Der Schnee war tief – tiefer als unten in Quattro Castella. Er ging mir bis zur Wade und war mal bretthart gefroren, mal nicht, mal blieb ich darauf stehen, mal sank ich ein, mal nur bis zum Knöchel, mal bis zur Mitte des Unterschenkels. Doch es war immer noch besser als die schmale Rinne, die jemand freigestreut hatte: Sie war vereist.

Rossena: Aussicht von der Burg in die Berge und ins Tal

Nachdem ich das Panorama bewundert hatte, stapfte ich wieder hinunter. Der Tiefschnee machte es wunderbar einfach.

Unten ging ich ein Stück die Straße entlang und folgte einem Weg, der auf die Felder und in den Wald führte.

Rossenna, Eiszapfen an einem Holzhaus

Rossena: Ausicht auf die Burg und die Berge

Überall waren Spuren von Wild:

Rossena: Spuren von Rehen im Schnee

Auch in Quattro Castella haben wir Rehe. Die Spuren sind auf dem ganzen Hof und gehen unter meinem Schlafzimmerfenster entlang. Tagsüber sehe ich die Tiere  in der Ferne auf dem Feld.

Nachdem ich den Hügel umrundet hatte, machte ich Rast und setzte mich auf eine Schranke. Ich saß eine ganze Weile dort; so lange, wie man braucht, um ein Zitronenbonbon langsam zu lutschen.

Rossena: Aussicht von der Schrank aus

Ich schaute in die Berge und ins Tal, und es war still. Der Wind wehte Schnee von den Bäumen. Vögel durchkreuzten den Himmel. Ich atmete und schaute und irgendwann schloss ich die Augen. Erst habe ich an vieles gedacht. Dann habe ich an nichts mehr gedacht. Es war sehr schön.

Als ich die Augen wieder öffnete, war die Welt erst blau; dann war es, als wäre die voller Seifenblasen; dann wurde sie wieder klar.

Rossena: Panorama im Schnee mit Schranke

Es war kalt geworden. Der Himmel hatte sich zugezogen. Ich ging zurück zum Auto.

Auf dem Rückweg nach Quattro Castella hatte ich noch einmal einen Blick auf Canossa, über die Schneeberge an der Straße hinweg:

Blick über die Schneeberge an der Straße hinweg auf den Hügel mit der Canossa-Ruine

*

#DerKleineWissenschaftler. Ich bin einem Phänomen auf der Spur: der Milchhaut. Wenn ich daheim in Deutschland Milch für meinen Kaffee koche, gibt es keine Haut. Koche ich hier Milch, gibt es sofort welche. Ich mache das in beiden Fällen mit einem Topf auf dem Herd. Folgende Variablen habe ich für die Untersuchung dieses Phänomens als relevant identifiziert: Fettgehalt der Milch, Vorbehandlung der Milch, maximale Erhitzungstemperatur, Erhitzungsgeschwindigkeit.

Die Variable „Fettgehalt der Milch“ konnte ich schnell als nicht maßgeblich ausschließen, indem ich einmal Vollmilch und einmal Magermilch gekauft und erhitzt habe. Kein Unterschied. Die Variable „Maximale Erhitzungstemperatur“ macht auch keinen Unterschied. Die Haut bildet sich zuverlässig, egal wie warm die Milch wird.

Nach einer Lektüre tippe ich entweder auf eine geringere Vorbehandlung der italienischen im Vergleich zur deutschen Milch oder auf eine schnellere Erhitzung auf dem Gasherd. Daheim habe ich Induktion, das geht schnell. Möglicherweise entwickelt aber der Gasherd in noch kürzerer Zeit eine noch größere Hitze, so dass sich eher Haut bildet. Chemiker, die zu dieser Fragestellung etwas beitragen können, sind herzlich willkommen.

*

Angesehen: Automated Vehicles can’t save cities – darüber, wie Städte gestaltet sein sollten, damit möglichst viele Menschen sich möglichst effizient in ihnen bewegen können. Spoiler: Das Auto trägt nicht viel dazu bei.

Gelesen: Volk und Vertreter – darüber, wie bestimmte Bevölkerungsgruppen im Bundestag vertreten sind.

Gelesen: Ordnung muss sein über die Geschichte der Normen.

Dienstag, 27. Februar

27. 02. 2018  •  5 Kommentare

Den Morgen daheim verbracht. Mails gecheckt und geschrieben, die nächste Unterkunft gebucht. Ich folge der Empfehlung von S und reise am kommenden Freitag in die Nähe von Orvieto: an das Ufer des Bolsenasees nach Montefiascone.

Zur besseren Übersicht eine Karte (#serviceblog):

Landkarte mit eingezeichneten Zielen

Aktuell bin ich das obere Quadrat zwischen Parma und Modena. Am Freitag geht’s nach Süden zum zweiten Kästchen, nördlich von Rom. Ich reise übrigens nicht in große Städte.

Heute Nachmittag war ich in Reggio nell’Emilia. Da lag der Hund begraben.

Reggio Emilia

Es ist wirklich saukalt. Wer konnte, folgte den Empfehlungen des Bürgermeisters und blieb zu Hause. Wer musste, zog den Schal bis über die Nase und huschte geduckt durch die Stadt. Die Straßen waren leer, die Geschäfte waren leer, niemand hatte Lust auf irgendwas.

Reggio, Marktplatz: leer

Mit Pudelmütze und in meiner Schneezauber-Winterjacke war mir zwar obenrum warm, trotzdem war ich hinterher durchgefroren. Die Kälte kroch von den Beinen hoch.

Ich bin durch die Straßen und die Geschäfte gestreift und habe Bücher und Duftzeugs gekauft. Denn M hat hier in den Schränken toll riechende Plättchen liegen. Die wollte ich auch haben. Es gibt hier ganze Abteilungen voller Schrank- und Raumdüfte. Großartig.

Einkäufe: Bücher und Orphea-Duft

Wo wir grad beim Einkaufen sind – so sehen die Schaufenster der Metzger aus:

Schaufenfenster mit ganzen Parmaschinken

Entdeckung aus dem Supermarkt: Kinder Cards. Mit einem cuore cremoso al latte e cacao, einem Cremeherz aus Milch und Kakao. Es ist noch besser, als es sich anhört, vor allem, weil die Plättchen so dünn und zerbrechlich sind und das Herz wirklich super ist.

Kinder Cards: Verpackung

Zweite Entdeckung aus dem Supermarkt: Limonensirup. Bodendeckend ins Glas, Mineralwasser drauf. Gut.

Flasche "Sciroppo di Limone"

Abends den örtlichen Pizzabäcker ausprobiert. Margherita gibt’s dort für drei Euro, Pizza Crudo mit Parmaschinken für sechs Euro. Ich habe eine Pizza Crudo genommen, regionale Produkte unterstützen und so. Gute Wahl.

Samstag, 24. Februar

24. 02. 2018  •  2 Kommentare

Eigentlich wollte ich heute Morgen nur einkaufen fahren.

Ich setzte mich also in mein Auto und fuhr nach Quattro Castella. Das ist der nächste Ort in zwei Kilometern Entfernung. Doch als ich dort war, verpasste ich den Supermarkt.  Der Supermarkt ist wirklich klein und steht hinter dem ersten und dem zweiten Kreisverkehr unter Bäumen. Man sieht ihn auf den ersten Blick nicht, denn er ist praktisch nur ein normales Haus.

Ich fuhr also vorbei und weiter den Berg hinauf. Ich wusste, dass ich falsch war, aber es war auch schön, denn die Häuser wurden schnell weniger, und ich hatte einen Blick über das Tal. Also fuhr ich einfach noch weiter den Berg hinauf – die Forrestgumpigkeit, Sie wissen schon. Die Landschaft wurde noch schöner. Ich beschloss, dass ich auch später noch einkaufen kann, und entschied, jetzt erstmal dorthin zu wollen, wo der Weg hinführt. Die Landschaft weitete sich; es gab großartige Blicke über das Tal. Ich fuhr weiter und weiter, überholte zwei Radfahrer, die bergan trainierten, und als der Blick besonders schön war, hielt ich an. Das war hier:

Emilia Romagna, Berge, Schnee und Nebel im Tal

Danach fuhr ich noch ein bisschen weiter, weil: Der Weg war ja noch nicht zu Ende. So erreichte ich Canossa.

Burg von Canossa

„Der Gang nach Canossa“, das kennt man als geflügeltes Wort, und ich habe hinterher nachgeschaut, warum man das sagt: weil nämlich König Heinrich IV. im 11. Jahrhundert zu Papst Gregor wollte, um vom Kirchenbann befreit zu werden. Wenn man von der Kirche gebannt ist, darf man keine Sakramente empfangen, also nicht heiraten, nicht zur Beichte und keine Kommunion. Das ist nicht nur schlecht fürs Seelenheil, sondern war damals auch schlecht fürs Business.

Heinrich und Gregor trafen auf der Burg Canossa aufeinander, die damals Mathilde von Tuszien gehörte. Heinrich war es sehr ernst mit der Entbannung; er harrte mehrere Tage lang vor der Burg im Büßerhemd aus. Deshalb sagt man heute „Gang nach Canossa“, wenn man sich erniedrigt, um jemanden um etwas zu bitten.

Damals war Januar, und vielleicht lag so viel Schnee wie heute. Das stelle ich mir sehr unangenehm vor.

Canossa

Gestern sagte ich, es lägen rund 20 Zentimeter Schnee. Das war, glaube ich, etwas untertrieben, denn hier zum Vergleich meine Hand:

Schnee mit Hand

Ich hielt unterhalb der Burg, wo ein alter Mann Schnee schippte. Ein gutes Auto hätte ich da, sagte er, als ich ausstieg. Er habe auch eins von der Sorte, nur ein kleineres Modell, das sei ganz wunderbar. Woher ich denn käme? Ah, aus Deutschland – ob ich denn dann auch Winterreifen drauf hätte? Natürlich, sagte ich.

Er schippte und sagte, heute sei die Burg geschlossen. Zu viel Schnee auf der Straße und zu viel Schnee auf den Ästen, das falle alles runter und den Leuten auf den Kopf. Außerdem wisse niemand, wohin mit dem ganzen Schnee in der Burgruine, deshalb könne man die nicht begehen und deshalb sei zu. Ich könne aber gerne hinaufgehen, schaden tät’s nix, nur die Burg selbst, die sei halt geschlossen.

Ich ging also hinauf auf den Schneehaufen zu, den der Schneetreckerfahrer dort hingeschoben hatte, lehnte mich dagegen und guckte in die Landschaft.

Canossa

Dann bog ich rechts ab und ging zum Hof. Dort blieb ich wieder eine Weile stehen und sah ins Tal. Neben mir klatschte Schnee von den Bäumen, dick und nass. Ein beständiges Fallen und Rieseln. Sonst war es sehr still.

Canossa

Als ich zurück zu meinem Auto kam, schippte der alte Mann immer noch. Er sagte, Dienstag oder Mittwoch sei vielleicht wieder geöffnet, so genauso wisse das niemand. Es solle ja diese Eiseskälte kommen, die noch mehr Schnee bringe.

Dann kam der Schneetreckerfahrer und stieg aus, es gab ein großes Hallo, die beiden umarmnten sich und begannen zu schwatzen. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg zurück.

Auf dem Rückweg kaufte ich dann ein: Brot und Milch, Salat und was man halt so braucht. Gelernt: Hier muss man nicht nur die Äpfel und die Bananen und die Tomaten, sondern auch die Salatköpfe abwiegen.

In Quattro Castella hielt ich dann nochmal kurz an. Eingekauft hatte ich zwar schon, aber ich wollte wenigstens den nächstgelegenen Ort einmal gesehen habe. Außerdem, so steht es im Hausprospekt meiner Unterkunft, gebe es ein gutes Obstgeschäft und einen guten Bäcker, eine gute Pizzeria und gutes Eis. Das wollte ich alles erkunden, damit ich es, wenn Not am Mann ist, wenn zum Beispiel ein Pizzanotstand oder ein Eisnotstand eintritt, schnell finde.

Allerdings musste ich feststellen: Zwischen 13 und 16 Uhr ist in Quattro Castella Siesta.

Quattro Castella

Total tote Hose, alle Geschäfte haben geschlossen, und wenn du um diese Zeit auf dem Parkplatz an der Via I. Lenin parkst, hält die Oma, die gegenüber ihr Kissen aus dem Fenster schüttelt, inne und guckt dir hinterher, wie du durch den Ort gehst, denn fürs Durch-den-Ort-Gehen gibt es um diese Zeit keine Erklärung, nicht heute, nicht an einem anderen Tag, nicht mittags um Zwei. Da hilft auch kein freundliches Buongiorno, damit man auf seinem Gang weniger wunderlich wirkt.

Im Radio ist das beherrschende Thema übrigens das Wetter. Bis zu minus 30 Grad in den Bergen, Schnee im Norden, Regen im Süden. Für Quattro Castella steht für morgen eine Wolke mit drei dicken Schneeflocken in der Wettervorhersage, dazu Windchill mit gefühlten minus acht Grad.

So schaut’s direkt vor meiner Haustür aus – links das Haus, sonst Weinreben:

Quattro Castella: La Barquessa, Panoramabild

Hier geht’s rein:

Quattro Castella: La Barquessa, Zufahrt

Das ist das kleine Appartment in der Scheune. Am Vogelhäuschen ist immer große Party:

Quattro Castella: La Barquessa, Appartment in der Scheune

Wenn es morgen ungemütlich ist, bleibe ich einfach im Bett und ziehe die Decke bis zur Nase, schaue Filme aus der DVD-Sammlung und den Vögeln zu, wie sie Sonnenblumenkerne knacken.

Freitag, 23. Februar

23. 02. 2018  •  21 Kommentare

550 Kilometer geradeaus gefahren. Allerdings – Überraschung – nicht nach Norden, zurück nach Dortmund. Sondern weiter in den Süden.

Ich bin in Italien, in der Emilia Romagna. Hier sitze ich grad:

La Barquessa: Wohnzimmer

Es ist ein Geschenk an mich selbst. Denn im kommenden Monat werde ich 40 Jahre alt, und das Schönste, was man einem Menschen – und auch sich selbst – schenken kann, sind Zeit und Erlebnisse.

Weil das Leben kurz ist, weil es in der Gegenwart stattfindet und nicht in der Zukunft, weil es genau diese Dinge sind, auf die ich im Alter glücklich zurückblicken werde, weil ich im vergangenen Jahr viel gearbeitet habe, weil wenn nicht jetzt, wann dann, schenke ich mir zu meinem 40. Geburtstag: den März. Ich werde den nächsten Monat in Italien verbringen, reisen, Projekte vorbereiten, mich über die Fernuni Hagen weiterbilden, Ideen entwickeln und Kraft schöpfen.

Begleiten Sie mich. Ich werde weiterhin jeden Tag bloggen und freue mich über Tipps. Ich starte hier zwischen Parma und Emilia Romagna. Das Appartment ist für eine Woche gebucht. Und dann: Mal schauen.

Ich bin übrigens ganz normal erreichbar. Per Mail, per WhatsApp, Threema und auch über meine Festnetznummern. Sie leiten aufs Handy weiter.

*

Heute morgen startete ich in München beziehungsweise: Murmansk. Kälte, Eis, Schnee. Ich schleppte meinen ganzen Kram ins Auto: ein mittlerer Koffer mit Wintersachen beziehungsweise Allwettersachen, ein kleiner Koffer mit Frühjahrs- und Sommerkleidung, ein Korb mit Arbeits- und Studienkram, ein Korb mit Schuhen. Nicht übermäßig viel für vier bis fünf Wochen, aber eben auch nicht so wenig. Von minus 10 bis plus 20 Grad kann hier im März alles passieren – und wird es wahrscheinlich auch, wenn ich die Wettervorhersagen anschaue.

Durch Deutschland und Österreich war es kalt und diesig. Über dem Brenner kam die Sonne durch.

Brenner mit Schnee und Sonne

Das Panorama war großartig. Gipfel, Sonne und Schnee. Dank Tempolimit von 110 und wenig Verkehr hatte ich Gelegenheit zu genießen. Ich machte mir Musik an und fuhr mit Freude durch diese wunderbare Landschaft.

In Bozen fuhr ich runter: Die Hälfte der Strecke, es war Mittag, ich hatte Zeit.

Bozen: Waltherplatz

Ich stieg aus dem Auto und: Frühling! Verrückt. Die Sonne war warm, die Leute saßen draußen, tranken Kaffee und Wein und ach – es war unglaublich.

Bozen, Marktstände

Als ich das Foto machte, lernte ich K und F kennen. Wo ich herkomme, fragten sie; was ich hier mache. K, ein Herr im mitteloberen Alter, wollte mich kurzerhand heiraten. Ich sei dann seine vierte Frau, aber das solle nichts heißen, die ersten drei seien halt Pech gewesen, wir müssten auch nicht sofort die Ehe eingehen, wir könnten auch erstmal mit dem Multivan bis nach Bari fahren und wieder zurück. Wir einigten uns zunächst auf einen gemeinsamen Prosecco.

F hat ein Hotel in der Gegend. K und F waren gestern zum Jubiläum beim Vögele: 25 Jahren, es ging bis in die Nacht. Mit ihm nach Bari, das solle ich mir wirklich überlegen; warum ich überhaupt im März reise – der Mai sei doch viel wärmer. Ich erzählte von meinem Geburtstag und dem geschenkten Monat, doch K ließ sich nicht abbringen. Ich versicherte ihm, dass ich über das Projekt Multivan nachdenken werde. F sagte, ich solle doch auf dem Rückweg zumindest in seinem Hotel vorbeischauen, dort sei es wirklich schön, ein Anruf ein paar Tage vorher genüge. Er sagte mir den Namen und gab mir die Nummer. Mal schauen: vielleicht tatsächlich.

Tisch mit drei Gläsern

Wir trennten uns, ich kaufte mir noch zwei Bällchen Eis, bummelte durch die Gassen und kehrte dann zum Auto zurück.

Südlich vom Gardasee wurde das Wetter zusehends schlechter und die Temperatur sank: Von zehn Grad auf sechs Grad und dann alle zehn Kilometer um weitere 0,5 Grad, bis es erst zu schneeregnen und dann zu schneien begann.

Gegen 17 Uhr fuhr ich von der Autostrada ab, und es war tiefer Winter. Ich durchquerte auf den folgenden 30 Kilometern so viele Kreisverkehre wie im ganzen Jahr 2017 nicht. Gegen 17:30 Uhr erreichte ich La Barquessa, mein Quartier für die nächsten sieben Tage, und als ich die Fahrertür öffnete, schob ich damit den Schnee beiseite – so hoch liegt er hier.

Qui è?“, rief es aus der Küche des Bauernhauses.
Sono io, Vanessa„, rief ich zurück.
Vanessa, benvenuto!“ Komm in die Küche, trink Mocca mit uns. Wie war die Fahrt? Ist es kalt in Deutschland? Was ein langer Weg! Die Torfrau A hat dich angemeldet – wie wunderbar. Wann ist sie eigentlich zuletzt hier gewesen? Und wie oft? Was sie tue, verfolge man auf Facebook, aber was sie dort schreibe, das wisse man natürlich nicht. Ob ich mal kurz übersetzen könne? Sie sei aber noch mit Björn zusammen, oder?

So saßen wir in der Küche, der Tisch in der Mitte des großen Raums, vor uns Mokatassen und Birnen und Biscotti. 

Bevor ich das kleine Appartment in der Scheune bezog, setzten wir gemeinsam das Auto um. Einer fuhr, einer schob, denn nichts bewegte sich, so hoch steckte es im Schnee. Nun steht es in der Scheune, ich habe ausgeladen und mich eingerichtet. An wegfahren war nicht mehr zu denken. So gab es nur ein kleines Abendessen mit Resten aus München.

Jetzt Tagesausklang mit McDreamy. Italienischgewöhnung mit Untertiteln.

Italiano con Greys, mit Untertiteln

Montag, 19. Februar

19. 02. 2018  •  6 Kommentare

Relaxday. Nicht viele Worte heute. Dafür Bilder aus der Partnachklamm, Garmisch-Partenkirchen.

Vereiste Partnachklamm

Vereiste Partnachklamm

Vereiste Partnachklamm

Vereiste Partnachklamm

Vereiste Partnachklamm

Vereiste Partnachklamm

Vereiste Partnachklamm

Nach dem Weg durch die Klamm bin ich im Olympiahaus eingekehrt. Dort war es schön warm. Ich war nämlich ziemlich durchgefrostet. Außerdem gab es Käsekuchen und Milchkaffee. Das war super.

Ich setzte mich so, wie alle saßen: mit dem Blick zum Fernseher. Man will ja das Gesamtbild nicht stören.

Gaststube mit leerem Kaffeeglas, in der Fernse ein Fernseher mit Skispringen

Im Fernsehen lief: Olympia. Ausgerechnet Skispringen. Denn, Blick nach rechts aus dem Fenster:

Olympiaschanze, davor Fensterdeko

Die Deutschen gewannen Silber. Freude in der Gaststube! Fachsimpelei. Ein Prosit auf die Olympioniken.

Später sprangen draußen noch einige Nachwuchskids von der Schanze links. Das war schön zu beobachten.

Im Anschluss fuhr ich weiter nach Bad Heilbrunn, Bekannte besuchen. Sie betreiben das Hotel zum Zauberkabinett, ein sehr hübsches kleines Hotel in einer wirklich schönen Gegend. Ich war dort schon viele Male. Man kann wandern, schwimmen, winterrodeln und sommerrodeln, es gibt Bergbahnen, Bauernhöfe, Spazierwege und Seen – also alles, was man so braucht. Prima für Familien, auch das Hotel.

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Im Appartment neben mir ist ein Pärchen eingezogen. Gestern abend haben sie erstmal umgeräumt. Also: Ich dachte, sie räumen um. Irgendwann waren sie fertig mit umräumen. Später gefiel es ihnen aber nicht mehr und sie räumten erneut um.

Neben dem Hang zum Umräumen haben sie einen Hang, Stühle über Fliesen zu schieben. Die Schieberei macht ein ziemlich lautes, unangenehmes Geräusch. Es ist mir ein Rätsel, warum man so oft Stühle schieben muss und nicht einfach stillsitzen kann, aber nun denn, machste nix.

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Jetzt noch ein bisschen Gravity auf ZDF.

Die Zeit zwischen den Jahren

30. 12. 2017  •  16 Kommentare

Nach Norden reisen. Entschleunigen. Die Sonne mitnehmen. Frische Luft tanken. Das Meer sehen. Umhergehen. Hörbuch hören. Oder den Möwen zu. Den Wind spüren. Regen.

Schillig Strand

Einkehren und einen Kaffee trinken. Käsekuchen. Rote Wangen. Mützenverstrubbeltes Haar.

Wenn es dämmert: nach Hause kommen. Aufwärmen, mich und eine Milch. Schwarzwaldklinik gucken, sechs Folgen hintereinander.

Udo mit Christa, Christa mit Klaus. Udo mit Katharina, Klaus mit Maria, Christa mit Vollmers, Udo mit Claudia, bis Claudia an Leukämie stirbt. Dann Udo mit Elke. Klaus wieder mit Christa. Evelyn Hamann mit dem Seewolf, Kindermädchen Carola mit dem Postboten. Udo ist ständig oben ohne, wenn man von der Brustbehaarung absieht: beim Sonnen, beim Schwimmen, beim Wasserski fahren, im Krankenbett mit Schulterverletzung; da kann man natürlich kein Hemd tragen. Die Synchronstimme von Marty McFly wird eingeliefert: Lähmung! Oberschwester Hildegard bricht sich ein Bein. Professor Brinkmann in jeder Folge bedeutungsschwanger. „Gegen den Tod können wir nicht anoperieren.“ Ehrfürchtiges Nicken.

Ich bin hier zu Gast; ich sitte ein Haus und im weiteren Verlauf auch einen Hund. Der Hund – er wundert sich, dass ich hier bin, aber seine Leute nicht. Ich sage ihm: Sie kommen bald. Er geht zur Tür, gucken. Kommt zurück. Sieht mich an, mit einem Was-hast-du-mit-ihnen-gemacht?-Blick. Runzelt die Stirn. Seufzt. Mit Futter und Kraulen mchen wir uns bekannt. In der Nacht kommt er vorbei und leckt meine Hand. Ich wache davon auf und schlafe darüber ein.

Wir gehen spazieren. Brötchen holen. Durchs Dorf. Und die Allee entlang.

Büppel: Allee aus Eichenbäumen

Wir gehen zum Shetland-Pony: dicker Bauch, kurze Beine; es erinnert mich an jemanden, ich komm‘ nicht drauf. Oder doch: Ich komme drauf, schreibe es hier aber besser nicht.

Shetlandpony

Ich fahre einkaufen – für Silvester: Mehl, Hefe, Grieß und Dinge für auf die Pizza. Es gibt hier famila. In meiner Heimatstadt im Sauerland gab es in den 80ern auch einen famila. Kindheitserinnerungen. Es gibt hier viel Gold, Marken wie „Küstengold“ und „Goldmarie“. Die Straßen heißen nach Bürgermeistern: Bürgermeister Heidenreich, Bürgermeister Osterloh. Es müssen verdiente Leute gewesen sein.

Der Hund mag mich am meisten, wenn ich mir ein Brot schmiere.

 

Wind rüttelt an den Fenstern. Die Seeluft, sie macht mich fertig, jedesmal. Zähne putzen. Bett. Podcast an. Den Timer auf 15 Minuten. Ich erlebe nicht mehr, wie der Ton ausgeht.

Bemerknisse zu einem Urlaub auf einer Insel

10. 11. 2017  •  12 Kommentare

1 Ein Orkan auf einer Insel ist ein besonderer Orkan. Wenn die Gischt wie Schnee über die Promenade weht, wenn der Wind das Wasser auf den Strand drückt, wenn die Möwen trudeln und die Menschen schwanken, prickelt es im Gesicht und im Herzen.

Norderney: Orkan Herwart wirbelt Gischtflocken auf

2 Es gibt immer einen guten Grund, Milchreis zu essen. Allerdings gibt es auch immer einen Grund, statt Milchreis zu essen über den Strand zu laufen, um nach ausreichend Umherlauferei festzustellen, dass es jetzt zu spät für Milchreis ist und das Abendessen naht.

Norderney: Orkan Herwart weht Gischt an den Strand

3 Die Weiße Düne ist nicht weißer als andere Dünen.

4 Seeluft in Kombination mit ausgedehnten Spaziergängen ist nicht nur eine Garantie für tiefen, sondern auch für frühen Nachtschlaf. Gerüchteweise gelingt es einigen Menschen, auf Norderney Kneipen zu besuchen und gesellig zu sein. Ich habe das versucht, habe eine Lokalität aufgesucht und einen Cocktail bestellt. Fast wäre ich über dem Glas eingenickt. Mit letzter Kraft konnte ich mich ins Ferienbett schleppen, wo ich anschließend traumlos zehn Stunden durchschlief.

Norderney : Panoramablick am Strand

5 Muschelsammeln geht immer. Wenn man dort hingeht, wo wenig Leute sind, findet man außerdem ganz viele große, heile Muscheln, die man mit nach Hause nehmen kann, wo sie zuerst in der Küche herumliegen, dann in den Garten wandern und dort von Eichhörnchen durcheinandergebracht werden.

Norderney: Strand im Sonnenuntergang vor dem Regen

6 Wenn man auf dem Deich steht, während es regnet, steht man auf dem Deich, während es regnet. Keine Pointe. Wenn der Wind dabei den Regen waagerecht gegen die Beine treibt, bleibt immerhin eine Körperseite trocken.

Norderney: Auf dem Deich vor dem Regen

8 Voraussetzung zur Eröffnung einer Fahrradvermietung ist eine hingebungsvoll ausgelebte Griesgrämigkeit mit leichtem Hang zum Menschenhass.

9 Wenn man dann Fahrrad fährt und es eigentlich bergab geht, wenn man aber trotzdem treten muss, um nicht umzufallen, hat man wohl Gegenwind.

10 Aussichtsdüne. Auch so eine Erfindung, die ganz gut ist. Fast so gut wie Frieseneis.

Norderney: Panoramablick von der Aussichtsdüne



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