Nachlese | Den nachfolgenden Text las ich im Boxring der Rocky-Lesung.

Zu den Meerschweinen kam ich, weil ich vorher zu einer Familie kam.
Zur Familie kam ich, weil ich einen Mann datete. Der Mann ist klug und freundlich, er kann Fahrräder reparieren und Erdnusscurry kochen. Es war die Zeit zwischen Lockdown Eins und Lockdown Zwei, wir waren beide etwas vereinsamt, trafen uns, und nachdem wir in einer Boulderhalle synchron von der Wand gefallen waren, entschied ich mich, es mit ihm zu versuchen.
Der Mann ist Geograf und plant sehr gerne Reisen, am liebsten Reisen mit dem Fahrrad, weshalb ich seit unserem ersten Date mehrmals mit dem Rad durch Dänemark gefahren bin und diesen April bei fünf Grad und eisigem Wind – ausschließlich Gegenwind – von Lübeck nach Kopenhagen strampelte. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls: Weil er so gerne Reisen plant, heißt er im Kännchenblog und im weiteren Verlauf dieser Geschichte „der Reiseleiter“.
Der Reiseleiter hat drei Kinder. Als wir uns angemessen gut kannten, suchten wir gemeinsam ein Haus, in dem wir zu Fünft wohnen können. Die Kinder sagten: „Wo für Fünf Platz ist, ist auch Platz für ein Haustier.“ Ich hielt diese Argumentation, um mit ihren Worten zu sprechen, für peak delulu – und beschied ihre Forderung abschlägig; der Reiseleiter bog jedoch argumentativ falsch ab, sprach die vage Erlaubnis für ein Haustier aus, und es geschah dasselbe wie beim Dating: Man plant eins und plötzlich ist man zu Fünft.
Ich sagte: „Wenn Haustiere, dann nur draußen und Meerschweine.“ Denn es gab ein Referenzschwein in meinem Leben: Lucien Favre, wohnhaft in Heidelberg und benannt nach dem ehemaligen Trainer von Borussia Dortmund. Lucien, das Schwein, und Lucien, der Trainer, trugen nicht nur ihr Haar gleich; sie verfügten auch über die gleiche Mimik und das gleiche Temperament einer Hirsestange. Lucien, das Meerschwein, war ein Seelenschwein: phlegmatisch, aber mit großem Engagement an der Futterschale.

Ich belas mich gründlich über Meerschweine. Der Reiseleiter und die Kinder kauften drei Tiere, und ich erfuhr bei meiner Lektüre, dass man die Meerschweine essen kann. Man reibt sie mit Salz, Salsa-Soße und einer zerdrückten Knoblauchzehe ein und brät sie eine halbe Stunde von beiden Seiten, am besten über offenem Feuer. Dazu passt Kartoffelstampf mit Erdnüssen. Cuy Chactado – ein traditionelles peruanisches Gericht.
Ich nannte die Tiere Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Die Kinder waren erzürnt.
Wir stellten einen Stall in den Garten und ließen die Tiere ansonsten frei laufen, das war gut fürs Muskelfleisch. Ich bastelte ein Schild für unser Gartentor: „Peru Garden – Südamerikanische Spezialitäten“. Ich durfte es aber nicht aufhängen.
Es stellte sich alsbald heraus, dass Frühstück, Mittag- und Abendessen sehr unterschiedliche Charaktere waren.
Frühstück war ein Rosettenschwein mit vielen Wirbeln im Fell, hängenden Augenlidern und der Farbe und dem Esprit einer Erdnuss; ein Tier, das immer als letztes an die Futterschale kam und das viele Überraschungen in seinem Leben erlebte, weil sein Groschen immer nur pfennigweise fiel. Es war das einzige Schwein, das sich streicheln ließ – weil es versäumte wegzulaufen und es ihm dann auch egal war.
Mittagessen stellte sich rasch als Pionierschwein heraus: Es entdeckte als erstes den Löwenzahn im Garten, kapierte, dass es Erbsenflocken nur aus der Hand gibt und war von Beginn an ein mutiges und furchtloses Entdeckerschwein.
Anders Abendessen. Das Panikschwein bekam nach seinem Einzug erstmal eine Stressglatze. Wir brachten es zum Tierarzt, bezahlten siebzig Euro, und mussten es dreimal in der Woche einfangen und mit einer Tinktur betupfen, bis ihm wieder Fell auf dem Kopf wuchs. Sobald sich etwas in seiner Umgebung bewegte, rannte es weg, manchmal auch gegen den Stall – ich glaube, es sah schlecht. Es war dann auch das erste Schwein, das starb.
Als Abendessen starb – entsprechend seinem Charakter sehr dramatisch, es zuckte an einem Sonntagabend während des Tatorts zwei Stunden lang auf meinem Bauch und bäumte sich, da lief schon Caren Miosga, noch einmal furios auf, ehe es erschlaffte und tot war -, als es also starb, hatten wir ein Problem:
Das Herz von Meerschweinen schlägt bis zu 280-mal in der Minute (in Ruhe). Sie fressen täglich bis zu fünfzehn Prozent ihres Körpergewichts. Sie kacken bis zu hundert Mal am Tag. Und sie erreichen eine Körpertemperatur von fast 40 Grad (im gesunden Zustand). Mit anderen Worten: Die Tiere sind ein Biomasseheizwerk. Deshalb können sie selbst bei minus zehn Grad draußen wohnen. Aber: Dafür braucht es eine kritische Menge Schwein. Die Tiere müssen mindestens zu Dritt sein und intensiv kuscheln. Sonst frieren sie und werden krank.
Der Reiseleiter und die Kinder zogen los. Statt mit einem Schwein kamen sie mit zwei Schweinen zurück – zwei kleine Einzelschweine, die gemeinsam das Volumen und damit die Wärmeentwicklung eines Großschweins hatten. Physikalisch also eine korrekte Antwort auf die Aufgabenstellung. Wir steckten die beiden Tiere zu Frühstück und Mittagessen und nannten sie Müsli und Marianne.
Meerschweine, Sie merken das an dieser Stelle, sind das Perpetuum Mobile unter den Haustieren: Als Herdentiere dürfen sie nicht alleine gehalten werden, in der Kälte auch nicht nur zu Zweit – sobald also eins vor seinen Schöpfer tritt, braucht es ein neues. It ain’t over ‚til it’s over.
Nun hatten wir also vier Schweine.
Als wir die Anfrage bekamen, ein weiteres Schwein aufzunehmen – ein sechs Jahre altes, kürzlich verwitwetes, einsames Tier – sagten wir sofort zu. Es war November, Raureif lag auf der Wiese, und es war ein kräftiges, langhaariges, großvolumiges Schwein. Das würde uns etwas Puffer verschaffen.
Die Herkunftsfamilie brachte es mit Kind und Kegel. Tränen des Abschieds flossen. Ich fragte, wie das Schwein zur Witwe wurde. Die Frau sah mich an, sah ihre Kinder an, sagte: „Geht doch mal auf dem Feld spielen“, beugte sich zu mir und flüsterte: „Weißt du, wir haben ja auch einen Hund.“
Sie habe es gar nicht mitgekriegt, das Schwein habe nicht einmal mehr quieken können. Der Hund sei sehr stolz gewesen. Sie habe sofort ein Loch gegraben und das Schwein eingelassen – es war in keinem guten Zustand mehr.
So kam ich also zu einem Mann, drei Kindern und fünf Meerschweinen.
Schweine | Eine Reise durch die Jahre.

















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