Frei | Montag – ein freier Tag in Karlsruhe. Nach dem Wochenende in München hatte ich etwas Sozialkater. Ich fühlte mich – bei aller Freude am Ereignis – übermenscht. Überdies war ich verspannt – in den Schultern, im Nacken, im Körper – und matt. Möglicherweise eine Folge der langen Autofahrt mit Frau Herzbruch und der Direktorin Novemberregen, die mich mit nach Frankfurt nahmen und dort in den Zug nach Karlsruhe setzten – zeitlich und geographisch ein unsinniges Vorgehen, menschlich das absolut richtige. Möglicherweise war meine verspannte Mattheit auch noch Nachwirkung des Impfarm-Schwumms mit Frau Kaltmamsell. Oder eine Kombination aus allem.
Ich recherchierte, dass das Sonnenbad in Karlsruhe, ein beheiztes Freibad, noch geöffnet hat, und fragte mich, ob schwimmen helfen würde. Ich würde es herausfinden.
Das Wasser war deutlich weicher und weniger griffig als im Münchener Dantebad. Ich lag darauf wie in Watte, schwamm für die Entspannung und versuchte, den Kopf, wenn ich nicht gerade atmete, hängen zu lassen und die Schultern zu entspannen. Es war mitten am Tag, drei breite Bahnen waren hübsch geleint, und es waren nur wenige Rentnerinnen und Rentner im Becken. Nach 25 Bahnen kam ich in einen ruhigen Flow und genoss es sehr.
Ich schwamm 4.000 Meter. Danach war alles viel lockerer als vorher. Glückliches, schwimmbrillenzerknautsches Post-Schwumm-Gesicht:

Frühstück | Vor dem Besuch im Sonnenbad war ich in einem Frühstückslokal. Es bietet nur Brunch und Frühstück, den ganzen Tag bis 17 Uhr. „Die können das!“, dachte ich, und so war es auch. Ich aß eine Kniffte mit Burrata, geschmurgeltem Pfirsich und Thymian. Der Kaffee war auch sehr gut.

Broterwerb | In Karlsruhe war ich, weil ich einen Kundentermin hatte. Ich habe einem Kunden geholfen, ein neues Gratifikationssystem einzuführen. Eines, bei dem die Mitarbeitenden Kolleginnen und Kollegen für eine Leistungsprämie empfehlen – etwa, weil sie sich besonders kollegial und unterstützend verhalten, weil sie immer ansprechbar sind, weil sie neue Aufgaben übernommen und sich besonders gut und schnell eingearbeitet haben oder weil sie aus anderen Gründen besonders viel zum Unternehmens- und Teamerfolg beitragen.
Das neue System läuft – nach einem Probelauf zum Ausprobieren, in dem parallel noch die alterhergebrachte, hierarchische Bewertung durch den Vorgesetzten griff – nun im zweiten Jahr. Ich moderiere als neutrale Person die Sitzungen des paritätisch besetzten Komitees, das die Empfehlungen sichtet; das machen auch Mitarbeitende. Gemeinsam schauen wir auch immer, ob man etwas am Vorgehen verbessern kann.
Lesungsnachlese | Auf Reisen lernt man ja immer etwas. So lernte ich im bayerischen Wirtshaus, was ein Schnittbier ist. Nämlich sowas wie auf dem nachfolgenden Foto, traditionell als letztes Bier getrunken, wenn eigentlich keins mehr in den Körper passt (und wenn man regional bedingt keine kleinen Gläser hat):

Das Wirtshaus hatte außerdem ein eigenes Angebot für Wegbier. Im Ruhrgebiet wird solch ein Bier ja traditionell an Trinkhallen erworben.

Im Zug | Ich fuhr mit dem Zug von Haltern nach München, von Frankfurt nach Karlsruhe und Karlsruhe nach Haltern. Schlaglichter:
Eine Frau stieg ein, an der Hand ein Kind von rund vier Jahren, mit der anderen schob sie einen Kinderwagen, darin ein zweites Kind im Lauflernalter. Auf dem Rücken trug sie einen großen Rucksack. Kind Eins war sehr aufgeregt, Zug zu fahren, es fragte alle möglichen Fragen und hüpfte unentwegt. Kind Zwei war gnatschig, wand sich in seinem Kinderwagen, es war um die Mittagszeit. Die Frau hielt ihre Nerven so gerade beisammen, schob sich, das Hüpfkind und den Kinderwagen durch den engen Gang zu ihrem Platz, blieb hier und da hängen, der Zug fuhr an. Sie verstaute gerade Gepäck, Kinder und Jacken, der Kinderwagen stand noch herum, als ein Geschäftsmann aufstand. „Bin gleich fertig“, fuhr sie ihn an, die Stimme schrill und unter Spannung. Der Mann antwortet in warmem Ton: „Ich möchte nicht durch, ich möchte ihnen helfen. Was kann ich tun?“ Sie richtete sich auf, die Anspannung fiel aus ihrem Gesicht, es sah aus, als breche sie gleich in Tränen aus. Ein Lächeln kroch auf ihr Gesicht. „Sie können den Kinderwagen zusammenklappen“, sagte sie, und der Mann tat es mit großem Geschick.
Ungefähr hundert Kilometer später entdeckte mein Vordermann unter seinem Sitz eine Kreditkarte, American Express. „Ist das Ihre?“, fragte er mich. Ich verneinte. Er legte sie auf den Sitz des Vordermannes, der gerade austrat. Aber auch dem gehörte sie nicht. Gemeinsam beratschlagten die beiden, was sie tun könnten. Sie riefen American Express an, die Antwort war aber offenbar unbefriedigend. Sie googelten den Namen des Besitzers, die Nummer von Kartensperrservices, telefonierten noch ein weiteres Mal. Rund eine halbe Stunde lang beratschlagte man sich immer wieder. Schließlich einigten sie sich auf das weitere Vorgehen – ich verstand nicht, auf was. Jedenfalls machte keiner der beiden den Eindruck, mit der Karte einkaufen gehen zu wollen.
Wir fuhren ein Stück weiter und ordentlich Verspätung ein. Kind Eins ging auf Erkundungstour und blieb neben einer Frau stehen, die strickte. Lange schaute es zu, sein Gesicht rückte immer näher an die Nadeln. Schließlich fragte es:
„Hallo! Was machst du da?“
„Ich stricke.“
„Wo fährst du hin?“
„Ins Allgäu.“
„Ich fahre nach Hause.“
„Ich fahre auch nach Hause.“
„Dann sind wir Freunde!“
Auf meiner Rückfahrt saß eine Frau vor mir, die zwanzig Minuten lang Videos schaute, die zeigten, wie man die perfekte Bratensoße macht. Zwiebeln wurden abgeseit, Mehl wurde geschwitzt, Rotwein reduziert. Meine Lust auf Bratensoße stieg enorm. Die Frau war klein und hatte langes, lockiges, braunes Haar – eine wahre Mähne. Als sie aufstand und sich zur Ablage hinauf reckte, sah ich: Sie hatte auch einen Vollbart. Es war ein Mann. Der Mann öffnete einen Koffer, zog ein monströses Federbett heraus, breitete es auf seinem Sitz aus und wickelte sich darin ein. Dann schaute er weiter Bratensoßevideos.

Vorschlagsliste | Nichts Neues in der Themen-Vorschlagsliste. Feel free!
Gelesen | Eleanor Oliphant is completely fine von Gail Honeyman. Liebevolles Portrait eines verschrobenen und traumatisierten Menschen, der zwischen Bürojob und ritualisierter Freizeit pendelt, begleitet von Wodka. Dann geht Eleanor auf ein Konzert, verknallt sich, findet so etwas wie einen Freund, und ihr geregeltes Leben gewinnt unerwartet an Aufregung. Gerne gelesen, besonders wegen des liebenden Blickes auf die Protagonistin.
Gelesen | Wann ist ein Team im Takt? [€] Eine gute Zusammenfassung darüber, was gute Teamarbeit ausmacht.
Gelesen | Laufen und Ringen. Herr Buddenbohm über joggende Menschen an der Alster – nicht die sportlich-dynamischen, sondern die versehrten.
Schweine | Schweine beim Laubknuspern.

Kommentare
4 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓
„übermenscht“ erlaube ich mir mit Verzückung ins Repertoire zu übernehmen und sonst wünschte ich mich ebenso beheizte Freibäder, wobei das hiesige Wasser wohl äußerst griffig, geradezu kantig wäre.
Ein ganzjährig beheiztes Freibad, ja, das wäre sehr, sehr toll. Aber unrealistisch. Dennoch toll.
Unglaublich. Ich habe Sie am Montag Nachmittag im Sonnenbad getroffen! Ich kam grad aus dem Becken, etwas schlotternd, Sie wollten grad rein und lächelten mir zu. Und ich dachte noch: Die sieht der Vanessa ja ziemlich ähnlich. Ich hätte Ihnen gerne persönlich gesagt, dass ich Ihren Blog schon seit Jahren regelmäßig begeistert lese!
Ach menno! Da muss ich wegen eines Auswärtstermins einmal meinen Montagsschwumm auf Dienstag verlegen, und dann verpasse ich Sie im Sonnenbad!
Ich hatte schon überlegt, Ihnen den Tipp zu geben ob der gelegentlichen Besuche in Karlsruhe – umso besser, dass sie es selbst entdeckt haben. Ganzjährig ist das Vergnügen leider nicht, am Samstag ist Schluss für dieses Jahr