Eine Lesung | Ich beginne mittendrin, im Boxring.

Dort saß ich am Samstagabend im Münchener Boxwerk; zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einem Ring, noch dazu in einem echten Ring der Olympischen Spiele 1972. Die Boxhalle war filmreif, eine formidable Kulisse: Jahrzehnte alte Ledersäcke hingen von den Decken, Portraits von Boxlegenden an den Wänden, davor standen metallene Waagen. Es roch nach Konzentration und Gummimatten, nach Anstrengung und Faustkampf.

Die Initiatorin hatte uns vorab mit Butterbrez‘n und Lebkuchen versorgt. Wir, die Lesenden, hatten uns umgekleidet und hätten uns auch gerne schon leicht betrunken, sahen jedoch davon ab.
Ich trug einen Trainingsanzug in Dunkelblau, Polyester mit Jersey, der Retro-Klassiker von Hummel, dazu rosa Tennissocken und lachsfarbene Adiletten. Die Kaltmamsell hatte sich für Ringelleggings mit Badekappe entschieden, Herr Mequito ließ zu Beginn seines Auftritt sein Hemd von den Schultern gleiten und entblößte ein Feinripp-Unterhemd mit Goldkette, dazwischen die Direktorin in Business Casual. Frau Klugscheißer führte als Ringrichterin durch die Veranstaltung, mit Marlene-Hose, weißer Bluse und Fliege. Ich beschreibe das so ausführlich, denn es gibt keine Fotos vom Ereignis. Das ist vollständig verrückt, wenn man bedenkt, dass rund 140 Menschen mit Wischtelefonen um uns herum saßen, die allesamt dazu neigen, sogar ihr Essen zu fotografieren und es ins Internet zu stellen. Doch es war der Code of Conduct des Abends: kein Streaming, keine Mitschnitte, keine Fotos – eine reine Live-Veranstaltung im Hier und Jetzt. Alle hielten sich daran. Lediglich Frau Herzbruch, die in der ersten Reihe am Ring saß, dokumentierte fürs persönliche Erinnerungsalbum der Lesenden. „Ich bin wahnsinnig schlecht im Fotografieren“, sagte sie – allerdings erst hinterher, und ich denke, dass ich ihr nicht zu nahe trete, wenn ich schreibe, dass sie reinen Herzens die Wahrheit sagte.
Bevor wir in den Ring stiegen (und auch danach), erhielten wir Geschenke – wie wunderbar! Ich hatte nicht damit gerechnet.

Die Kekse habe ich bereits aufgegesssen; falls Sie eine Anregung für die Weihnachtsbäckerei benötigen, möchte ich Ihnen insbesondere die Brownie-Cookies ans Herz legen – die Schenkerin teilte das Rezept.
Zurück zur Lesung selbst: Markus erzählte die furiose Geschichte einer Südtiroler Brautentführung. Die Kaltmamsell erzählte vom Passivsport und von ihrer spanischen Familie. Die Direktorin Novemberregen vermochte es, Kampfkunst mit Orchideen zu verknüpfen. Ich las den Parship-Klassiker und einen weiteren, exklusiven Lesungstext. Er wird noch den Weg hier ins Kännchencafé finden.
Danach war alles sehr wuselig. Wir verlustierten uns noch im Boxwerk, verlegten danach ins nahe gelegende Wirtshaus, jemand organisierte uns Brez’n und Obatzda. Irgendwann war Schließstunde und wir wurden hinausgeworfen. Findige Menschen riefen drei Uber, ich geriet in eine pornös anmutende Karaoke-Bar und zahlte Puff-Preise für eine Cola, während der harte Kern, angeführt von Frau Herzbruch und der Direktorin, aus voller Kehle sang. Das war mir dann doch zu viel, ich dachte an das großartige Bett, das auf mich wartete, und verabschiedete mich dorthin.
Mein herzlicher Dank geht an die Initiatorin, an Nick Trachte vom Boxwerk (hier ein sehenswerter, kleiner Film), an die Dame am Klavier, an die Mitlesenden und an das grandiose Publikum, das einhundert, dreihundert, sogar siebenhundert Kilometer anreiste.
Bett und Freibad | Ich durfte bei der Kaltmamsell und Herrn Rau übernachten, zwei hervorragende Gastgeber. Es war reine Willensstärke, das ich mit zur Lesung kam, denn das Bett, das die Kaltmamsell mir überließ, war überragend gemütlich: breit und hart und weich, mit duftender Bettwäsche und Blick auf Baumkronen; ich hätte das ganze Wochenende darin verbringen können.
Am Mittag vor dem Lesungsabend fuhr die Kaltmamsell mit mir ins Dantebad, Münchens Warmfreibad. Sie schwimmt wie ich gerne 3.000 Meter; es war eine wunderbare Gelegenheit, noch einmal ins Freibad zu kommen. Wir kleideten uns um, huschten durch die kalte Oktoberluft ins Becken und zogen 60 Bahnen. Blätter trieben im Wasser. Es war recht voll und ich stellte inmitten der Kraulenden fest, dass ich gar nicht so langsam bin: Bis auf drei Schwimmende, die mich überholten, überholte ich alle; das war erstaunlich. Dabei ging es mir während des Schwumms gar nicht mal so gut: Zwei Tage zuvor hatte ich mir eine Doppelimpfung Grippe und Corona abgeholt, in jeden Arm eine. Die Impfarme wurden mit jeder Bahn schwerer.
Nach dem Schwimmen chillten wir im Sprudelbecken. Wieder daheim gab es eine Käsesemmel. Perfekt!
Ich fragte, wie das Freibad beheizt würde und vermutete, mit Industrieabwärme. Nein, nein – die Stadtwerken beheizen es mit Gas und Kohle, also einfach mit Geld. München, ey.
Das Wochenende woanders | Die Kaltmamsell erzählt erst von ihrem Freitag, ein Arbeitstag für sie und mein Anreisetag („Die Bloglesung braut sich zusammen“), dann davon, wie wir im Dante-Bad schwimmen waren und anschließend im Boxring lasen: „Schlaglichter auf die Bloglesung“.
Die Organisatorin und Initiatorin rollt das Geschehen ebenfalls in zwei Beiträgen auf (eins, zwei) und berichtet von ihrer Aufgeregtheit.
Frau Direktorin Novemberregen und Frau Herzbruch haben auf dem Rückweg verabredet, wieder täglich zu bloggen („Sofort, unverzüglich“) und haben sich Strafen auferlegt, sollte dies nicht erfolgen. Frau Herzbruchs Schilderung („Je oller, je doller“) möchte ich durch die Aussage ergänzen: Ich habe das Parkhaus gesehen, in dem sie sich fast festfuhr. Frau Herzbruch schilderte mir, wo zum Zeitpunkt der Geschichte Autos wild parkten, und möchte bekräftigen, dass sie eine unmenschliche Rangierleistung vollbracht hat.
Markus Mequito erzählt von seiner Anreise, von den schönen Zähnen der Direktorin (in der Tat), von der Redefreude Frau Herzbruchs (ja), und er sagt, dass ich lustig sei. Er lässt auch die Karaoke-Abende nicht aus: „München. Was bisher geschah.“ Leider haben wir uns gar nicht so viel unterhalten können – hier haben wir Nachholbedarf.
Herr Rau, der Gatte der Kaltmamsell, hat seinem Bericht eine wunderbare Überschrift gegeben: You don‘t understand, I‘m like, with the band.
Der Stadtneurotiker kam aus Schwabing zur Lesung und berichtet davon, und auch Loosy erzählt von ihren Eindrücken.
Schweine | Vor meiner Abreise:

Kommentare
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….so entstehen Mythen und Legenden …allen Berichten zufolge,die ich bisher gelesen habe,muss es großartig gewesen sein.
Gab es schon Überlegungen das als Lesetour fortzusetzen ?
Mein Mann hielt sich auch nicht ganz an die Regel von „keine Fotos“ und hat ein paar von den Akteuren im Ring gemacht. Da er sie nicht veröffentlicht, werden sie auch nirgends auftauchen. Doch falls Interesse besteht, kann ich gerne einen Downloadlink zur Verfügung stellen.
Danke für den wunderschönen Abend und die Texte. Als introvertiertes Fangirl bin ich nach der Lesung gegangen. Mein Soziale-Interaktionen-Akku war erschöpft. Ich habe mit Bewunderung gelesen, wie lange alle noch durchgehalten haben.
Liebe Vanessa,
ein Boxring der Olympischen Spiele von 1972, vier Lesende, eine Ringrichterin mit Fliege und kein einziges Foto, das ist die schönste Versuchsanordnung, von der ich in diesem Herbst gelesen habe. Ihr habt jede Aufzeichnung verboten, und was ist passiert? Hinterher haben sich alle an den Schreibtisch gesetzt und das Protokoll selbst geschrieben. Deine Linkliste am Ende liest sich wie ein Pressespiegel, acht weitere Menschen berichten über denselben Abend, jeder aus einer anderen Ecke des Rings. Kein verwackeltes Handyvideo hätte die rosa Tennissocken zu lachsfarbenen Adiletten so liebevoll eingefangen wie Dein Satz darüber.
Dass sich rund 140 Menschen mit Wischtelefonen an den Code of Conduct gehalten haben, halte ich übrigens für die eigentliche olympische Leistung des Abends.
Ich bin selbst einer, der lieber schreibt als filmt, warum, liegt hinter meinem Namen bereit. Euer Abend hat mich darin bestärkt, dass ein Ereignis durch Text nicht kleiner wird, sondern größer.
Herzliche Grüße ins Münsterland, die Tarnschweine eingeschlossen
Ron
[…] Vanessa […]
[…] Klugscheisser, zum Ersten, zum ZweitenHerr Rau Vanessa Giese herzbruchKaltmamsellloosy says zum Ersten, zum […]
Neugierig, wie ich bin, habe ich jetzt so ziemlich alles gelesen, was ich über dieses tolle Ereignis finden konnte. Fazit: Ich wäre gern dabei gewesen.