Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Vielleicht liegt’s an der Strecke.

Vorher bin ich Bus gefahren, am Rand der Stadt entlang, da kam es nicht so oft vor. Jetzt fahre ich mit der U-Bahn mitten hinein. Der neue Job liegt in der Innenstadt. Ich nehme immer die Linie in Richtung Hauptbahnhof. Da geht was.

Als ich heute aussteige und zu den Rolltreppen gehe, steht Amy Winehouse in dick vor mir. Mit toupiertem schwarzen Haar, derangiertem Make up und einer riesigen, Baby-Elefanten verschluckenden C&A-Tüte. „Ööööh“, macht sie, als sie auf mich zuläuft. „Entschuldigen Sie, ja?“ Sie hat einen französischem Akzent, und ihre Stimme geht am Satzende merkwürdig nach oben. Als trete man auf eine Maus. „Wie komme isch nach Düsseldorf?“

„Dafür müssen Sie zum Hauptbahnhof“, sage ich.
„Ist ‚ier nischt der  ‚Auptbahn’of?“
„Nein. Hier ist die U-Bahn.“
„Wie komme isch zum ‚Auptbahn’of?“
„Sie steigen dort vorne in die Bahn, die gleich kommt. Eine Station.“
„Eine Station nach Düsseldorf?“
„Nein. Zum Hauptbahnhof. Dort steigen Sie aus und gehen hinauf in den Bahnhof.“

Eine Bahn fährt ein. Die könnte sie nehmen. Sie könnte jede nehmen, denn von hier aus fahren alle den Hauptbahnhof an. Stattdessen fallen ihre Schultern herab und sie blickt mich an wie ein trauriges Kalb.

„Weißt du, isch bin rausgeflogen bei meine Freund. Isch bin obdachlos. ‚Abe nur das ‚ier“, sie hält die C&A-Tüte hoch, „mit alle meine Kleidung. Ist nur eine Mantel und Stiefel drin und ein bisschen Lingerie. Die ‚at er mir geschenkt. Aber ‚at er nischt gekauft. ‚at der geklaut. Bei C&A.  Für misch.“
„Und er hat eine Tüte dazu gekriegt?“
„Er ‚at mir alles geklaut, was isch ‚aben wollte. Er war so eine romantische Typ. Unglaublisch romantische Typ. Aber jetzt ‚at er eine andere. Eine Schlampe. Jetzt klaut er für diese Bitch.“
„Da kommt wieder eine Bahn. Die könntest du nehmen.“
„Isch ‚abe ‚ier gewohnt, drei Monate. Bei meine Freund. ‚abe sonst keine Wohnung. Nur in Leverkusen, eine WG. Dort ist meine Wohnung mit Freunden. Und in Düsseldorf. Wo gehe isch nach Düsseldorf?“
„Du musst zum Hauptbahnhof. Mit der nächsten Bahn. Nächste Station.“
„Dort ist Düsseldorf?“
„Nein, dort ist der Hauptbahnhof. Dort fährt ein! Zug! nach! Düsseldorf!“
„Jetzt verste’e isch.“
Hoffen wir das. „Schön. Guck. Da. Eine Bahn. Die kannst du nehmen.“

Sie guckt mich an, guckt die Bahn an, guckt mich an und rennt los. Ihre C&A-Tasche schlägt ihr gegen die Beine.

Rebacca Gablé. Der dunkle Thron.

"Der dunkle Thron" auf dem Sony Reader
Zuerst zum Inhalt:
Robin of Waringham ist der jüngste Nachkomme des Waringham-Clans. Um ihn herum rankt sich die Geschichte Heinrich VIII. und seiner Tochter Mary Tudor („Bloody Mary“). Der Roman liefert Liebe, Intrige, Historie. Insgesamt leicht und gefällig, nie langweilig. Aber eben auch sehr – oder besser: zu – routiniert: Es hat mir ein bisschen an Liebe zum Detail und zu den Figuren gefehlt.

Zum Elektronik-Dingens:
Am Anfang war es etwas komisch, nur so ein dünnes Ding in der Hand zu haben. Ich hatte das Gefühl: Dort kann doch nicht die komplette Geschichte drin sein!

Was mich störte: Ich kann nicht einfach vor- und zurückblättern, die Geschichte durch die Finger rauschen lassen, schauen, wie weit es noch bis zum nächsten Kapitel oder bis zum zweiten Teil ist und die Entfernung in Fingerdicke messen. Bislang standen Lesezeit und die Lebenszeit der Figuren mit der Dicke des Buches in einem Verhältnis. Das fehlt.

Nichtsdestotrotz: Es ist zweckmäßig. 844 Seiten wiegen nur noch 220 Gramm. Für einen Viel-Unterwegs-Leser wie mich ist das super. Und ich muss mich nicht mehr fragen, was ich nach dem Lesen mit den Büchern mache. Gefällt mir. Sehr.

Vielleicht sollte ich hier eine neue Kategorie eröffnen:
„Das Leben im Vierersitz.“

Denn: Wieder in der U-Bahn. Ein Mädel telefoniert:
„… hatte ich so die Schnauze voll, wat denkt der sich eigentlich? Da bin ich zu ihm hingegangen und hab gesagt: ‚Chef‘, hab ich gesagt, ’so’ne Firma ist wie’n Weihnachtsbaum. Schön und glitzernd und sogar dat Lametta freut sich, dasset dabei sein darf. Aber wenn die Spitze krumm ist, kannste noch so dicke Kugeln dranhängen: Dann is‘ alles für’n Arsch.“ Jetzt kann ich mir’n neuen Job suchen.“

Weil heute Samstag ist, mal was mit Tieren.

Als Sophie und Liberty letztens paddeln gingen, erlebten sie plötzlich das:

[vimeo http://vimeo.com/31158841]

Ich habe zuerst gedacht, das sind Insekten. Sind es nicht. Das sind Vögel, genauer: Stare. Und jetzt: Bildungsblog. Ich habe direkt mal nachgelesen, wie die Stare das machen, weil es mich so fasziniert hat.

Wenn nur ein Vogel die Richtung oder die Geschwindigkeit ändert, tun es alle. Sie fliegen so nah wie möglich beieinander und reagieren auf ihren Nebenmann und seine Luftverwirbelungen. Der Formationsflug schützt vor Feinde und ähnelt in seiner Struktur Lawinen. Mathematisch handelt es sich um ein nichtlineares, dynamisches System – oder mit anderen Worten: Chaos. Mehr weiß man auch nicht. Krasse Sache.

So sieht so ein Star übrigens aus, wenn er nicht Teil einer Lawine ist: Kuksdu. Er kann übrigens nicht nur toll fliegen, sondern auch Handy-Klingeln nachmachen.

[Video von hier]

Ich komme vonne Schicht.

Ich schlendere am Ghettonetto, bei Einszehn und Franco Gelatti entlang. Es ist schon dunkel. Franco steht an der fahrbaren Hähnchenbude, die manchmal auf dem Ghettoparkplatz parkt, und quatscht mit dem Grillmeister. Als ich an ihm vorbeigehe, sagt er: „Eh, du gehst hier öfter. Hab disch schon paarmal gesehn.“

„Ja“, sage ich. „Ich gehe immer hier lang. Zur U-Bahn. Zur Arbeit.“

Er fragt, wo ich arbeite, und ich sage es ihm.

„Kennstu Bernhard?“, fragt er. Ich verneine. „Hat so lange Haare und Schnurr.“ Er hält sich seine zwei Zeigefinger unter die Nase und fährt sich damit über beide Mundwinkel bis zum Kinn. „Eine lange Schnurr. Sieht aus wie Zuhälter. Hat auch da gearbeitet, wo du arbeitest. Aber nur nebenbei, Teilzeit, weil: Er hatte ’n Club, aber is‘ zu unsischer, so mit Selbstständigkeit. Brauchstu auch feste Standbein mit Angestelltsein und so. Kennst du nisch, Bernhard? Ist auch schon tot. 15 Jahre oder so. Aber die totale Legende. Frag mal deine Kollegen. Bernhard, Zuhälter, mit lange Haare und Schnurr. Wissen die bestimmt.“

Ich kann’s mir nicht so recht vorstellen.

Deutschland feiert 50 Jahre Anwerbeabkommen bei der Türkei. Die Leute sprechen über das Zusammenleben von Deutschen und Türken. Ich möchte dazu eine Geschichte erzählen.

Es war mein erster Tag in der Grundschule – der erste richtige Tag nach der Einschulung. Die Tische standen in der Form eines U. Ich saß mit dem Rücken zum Fenster. Ich war schüchtern, weil ich niemanden kannte. Mir gegenüber, am anderen Ende des Raumes, mit einer Uhr aus Bastelkarton im Rücken, saß Nurhan. Ich wusste damals noch nicht, dass sie so heißt. Sie sah mich und lächelte. Sie war auch allein.

In der großen Pause ließ ich sie mit meinem Seil springen. Sie war dick und konnte es nicht gut. Aber es war egal. Wir waren jetzt Freundinnen. Zu Hause fragte ich, ob ich Nurhan einmal einladen dürfe. Meine Mutter fragte: „Nurhan? Was ist das für ein Name? Ist das eine Türkin?“

Ich sagte, ich wisse es nicht. Ich hatte noch nicht darüber nachgedacht. Ich sagte, sie sei meine Freundin in der Schule.

Ein paar Tage später kam Nurhan zu mir. Sie hatte ihre kleine Schwester dabei. Meine Mutter sagte nur: „Das war so nicht abgemacht.“

Die kleine Schwester war ein bisschen ungezogen und hüpfte über unser Sofa. Am Ende des Tages sagte meine Mutter, Nurhan dürfe nicht mehr wiederkommen.

„Auch nicht allein?“ fragte ich.
„Sie kommt sowieso nicht allein. Die bringen immer ihre ganze Familie mit.“

Ein paar Mal war ich noch bei Nurhan spielen. Sie hatte keine Barbies und auch kein Lego, nur eine einzige Puppe. Wir spielten Vater-Mutter-Kind oder malen. In der Wohnung roch es komisch. Es war immer laut, weil Nurhan nicht nur eine Schwester, sondern auch zwei Brüder hatte. Wenn der Vater oder die Mutter sprachen, verstand ich sie nicht. Ich spürte, dass sie sich freuten, dass ich da war. Sie streichelten mir über den Kopf, drückten mich und sagten dann etwas, das sehr weich klang. Aber ich fühlte mich komisch. Ich wusste nicht, ob ich alles richtig machte. Irgendwann ging ich nicht mehr hin.

In der Schule lächelten wir uns weiterhin an, verstohlen wie Verliebte. Wir sprangen Seil, teilten uns Lakritz und beim Völkerballspielen nahm ich sie an die Hand und zog sie übers Spielfeld, weil sie nicht sehr flink war und die anderen sie immer als erstes abwerfen wollten. Am Ende der Grundschule kam Nurhan zur Hauptschule. Sie hatte nicht gut lesen und schreiben gelernt. Ich ging aufs Gymnasium.

Vor ein paar Jahren traf ich Nurhan wieder, in meiner Heimatstadt. Sie hat inzwischen Kinder und einen türkischen Mann. Wir lächelten uns an wie früher und unterhielten uns kurz. Dann gingen wir wieder auseinander.

In meinem näheren Umfeld gibt es eine Sammlung vornehmlich älterer Herrschaften, die immer das Schlimmste erwarten.

Wenn ich erzähle, dass ich mir beim Sport den Rücken verrenkt habe, sagen sie: „Das ist bestimmt ein Bandscheibenvorfall!“ Habe ich Verdauungsbeschwerden, sagen sie: „Hatte Opa Helle auch. Drei Monate hat er noch gelebt. Darmtumor.“ Fahre ich in ein fernes, gefährliches Land – zum Beispiel Frankreich: „Wurde Onkel Udo dort nicht überfallen?“ – „Großtante, das war anders herum. Onkel Udo war es, der Frankreich überfallen hat, damals.“ – „Aber sie haben ihn dabei ganz übel zugerichtet!“

Monate, nein: Jahre später sitzen wir an der Kaffeetafel, und ich erzähle: „Vorgestern hat sich Neumann’s Katrin ’nen Bandscheibenvorfall geholt, als sie sich nach dem Einkaufsnetz bückte.“ Dann kommt dieses Wort. Das Wort, das gleichzeitig Triumph und die Gewissheit, Recht behalten zu haben, ausdrückt. Das eigentlich meint: „Habe ich dir nicht schon vor Jahren gesagt, dass man sich nicht einfach den Rücken verrenkt?!“ Doch statt eines langen Satzes sagen sie nur: „Siehste!“

Dieses „Siehste!“ steht in diesem Moment ohne Zusammenhang da:
„Vorgestern hat sich Neumann’s Katrin ’nen Bandscheibenvorfall geholt.“
„Siehste!“

Denn natürlich erinnere ich nicht mehr an unser Gespräch von vor vier Jahren. Frage ich deshalb verwirrt zurück: „Wieso ’siehste‘?“ –

Oh, oh-oh. In diesem Moment fühlt sich der Siehste-Sager in seiner Überzeugung bestätigt, dass ich mit einer unglaublichen Ignoranz geschlagen bin. Vernehmlich schnauft er. Vorwurfsvoll schaut er mich an. Schließlich fragt er: „Haben wir nicht schon damals, als du dir beim Sport den Rücken verrenkt hast, darüber gesprochen, dass es ein Bandscheibenvorfall war?“

Fragen Sie dann niemals, nie! mals!: „Aber in welchem Zusammenhang steht mein Rücken jetzt mit dem Rücken von …?“ Nicken Sie einfach demütig. Gestehen Sie sich Ihre Uneinsichtigkeit ein. Senken Sie unterwürfig den Blick.

Sehn’se. Geht doch.

In der U-Bahn. Ein Mädel zur Freundin:

„Es ist voll wichtig, dass du nicht auf deinen Vatta hörst. Denn wenn du jetzt lieb bist und gehorchst und so, dann ändert das deinen Geist. Dann wirst du willensschwach, so voll unterwürfig, verstehst du. Dann stehst du hinterher auf diese besitzergreifenden Typen, die dich schlagen und so. Dann macht der dir ’n Kind, haut dir eins in die Fresse und du hockst zu Hause, weil du Hartz Vier hast und voll devot bist. Und das alles nur, weil du immer brav warst. Weil: Das polt dich um im Hirn. Deswegen besser jetzt voll Streit mit den Eltern haben und hinterher glücklich mit ’nem Kerl.“



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