Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Lebenslage«

Ein Rant über die Servicewüste

25. 06. 2013  •  65 Kommentare

Vielleicht ist es nur eine unschöne Häufung.

Zufall, dass das alles innerhalb einer Woche passiert. Jedenfalls: Was ich zurzeit mit Dienstleistern und im Einzelhandel erlebe, nervt gewaltig.

Der Schuster

Beginnen wir beim Schuster. Ich bringe Schuhe hin. Die Sohle ist abgelaufen.

Schuster: „Und was meinen Sie, soll ich damit machen?“
„Einen neuen Absatz.“
„Die Schuhe sind ja ganz nass.“
„Es regnet. Es sind ein paar Tropfen in den Beutel gefallen.“
„Das sagen Sie! Die haben Sie bestimmt grad noch getragen!“
„Äh – nein.“
„Bis wann sollen sie denn fertig sein?“
„Bis wann schaffen Sie es denn?“
„Vor dem Wochenende wird das nichts mehr. Die Schuhe müssen ja nun auch erstmal trocknen.“
„Dann hole ich sie gerne Montag ab.“
„Mittwoch. Ich habe auch noch andere Sachen zu tun. Und das nächste Mal bringen Sie die Schuhe, wenn sie trocken sind.“

In dem Moment habe ich mir die Schuhe genommen und habe den Laden verlassen.

Das Hotel

Vor einem Monat war ich dienstlich unterwegs. Auf der Hotelrechnung steht das falsche Datum. Darum kann ich meine Reisekosten nicht abrechnen. Seit drei Wochen versuche ich nun, eine korrigierte Rechnung zu erhalten. Ich erkläre es Mitarbeiter A. Der versteht das Problem nicht, es sei doch eine Rechnungstellung erfolgt. Ich sage: Ja, aber falsches Datum. Er sagt: Na und? Wo ist das Problem? Ich sage: Die Finanzbuchhaltung ist das Problem. Irgendwann versteht er es. Aber es passiert nichts. Nach einer Woche melde ich mich wieder. Der Vorgang ist gänzlich unbekannt. Ich schicke den alten Schriftverkehr zu. Mitarbeiter B versteht das Problem nicht, es sei doch eine Rechnungstellung erfolgt. Ich rufe an und erkläre es. Gut, sagt der Mitarbeiter – er werde eine korrigierte Rechnung ausstellen. Es passiert: nichts. Wir stehen weiter in Kontakt. Mir fehlen mehrere hundert Euro auf dem Konto.

Die Haushaltshilfe

Schon länger nutze ich die Dienste von Haushaltshilfen. Ich beschäftige sie legal, über Unternehmen, die entsprechende Dienstleistungen für Privathaushalte anbieten. Seit jeher gibt es Schwierigkeiten. Mal kommt die Haushaltshilfe, wann sie möchte. Zwar ist Donnerstag ausgemacht, aber wenn ich abends nach Hause komme, war sie nicht da. Stattdessen kommt sie am Montag drauf, ohne Ankündigung. Oder am Freitag. Einmal laufe ich grad nackig in der Wohnung herum. Upps! Ich sage ihr, dass ich Zuverlässigkeit schätze. Keine Chance. Also nächstes Unternehmen. Die ersten Male ist immer alles schön. Dann bemerke ich, dass die Reinigungskraft sich offenbar nicht gerne bückt. Und deshalb nicht wischt. Ich spreche es an: Es klappt zwei Wochen. Aber sie putzt nun nicht mehr über Augenhöhe. Deshalb: dicker Staub auf Regalen. Ich spreche es an: Es klappt zwei Wochen. Als ich einmal eher heim komme, bemerke ich, dass sie drei Stunden abrechnet, aber nur zwei Stunden da ist. Darauf angesprochen: Ausflüchte. Also nächstes Unternehmen. So geht es immer weiter. Ich bin genervt.

Der Einzelhandel

Es ist 19.45 Uhr abends, ein Bekleidungsgeschäft. Ich möchte die Kleidung bis zum nächsten Morgen zurücklegen lassen. Ich verspreche, dass ich die Sachen direkt zur Ladenöffnung abhole. Falls nicht, können sie direkt zurück in den Verkauf.

Ich stehe am Servicepoint. Als erstes werde ich zurechtgewiesen, dass ich für diese Angelegenheit hier gänzlich falsch sei – was ich an einem ServicePoint durchaus überraschend finde. Überdies werde ich informiert, dass man nur in äußerst seltenen Fällen etwas zurücklege, es gebe schließlich auch andere Kunden, die die Ware kaufen wollten. Es ist inzwischen 19.50 Uhr, zehn Minuten vor Ladenschluss. Ich möchte für 210 Euro einkaufen. Ich entgegne, dass es ja doch eher unwahrscheinlich sei, dass in den nächsten zehn Minuten jemand komme, der genau diese fünf Teile in genau meiner Größe kaufen wolle. Die Verkäuferin antwortet pampig: „Ich meine ja nur. Eigentlich machen wir sowas nicht.“ Sie wolle nun in meinem Fall mal eine Ausnahme machen. Aber wirklich nur ausnahmsweise, denn, wie gesagt, der Servicepoint sei dafür gar nicht zuständig und normalerweise lege man auch nichts zurück. Ich habe das Gefühl, hier ist eine Schallplatte gesprungen oder ich habe Eier in den Ohren, bedanke mich aber höflich für das Entgegenkommen.

Nächster Tag, 10 Uhr. Ich stehe wie verabredet am Servicepoint in der Abteilung.

„Guten Morgen, Nessy mein Name. Ihre Kollegin hat gestern Abend ausnahmsweise einen Rock, ein Kleid und drei Oberteile für mich zurückgelegt.“
„Sowas machen wir hier nicht.“
„Ich weiß, aber gestern Abend hat die Kollegin eine Ausnahme gemacht.“
„Das ist aber nicht üblich.“
„Könnten Sie trotzdem mal schauen, ob die Sachen hier irgendwo sind?“

Es geht noch eine Weile so weiter. Am Ende darf ich die Kleidung dann kaufen und bin sehr dankbar.

Die Postfiliale

Zu guter Letzt hat die Postfiliale im Stadtteil ihre Öffnungszeiten von 18.30 Uhr auf 18 Uhr verkürzt. Was heißt, dass ich abends keine Pakete mehr abholen kann, ohne eine Stunde eher Feierabend zu machen. Stattdessen muss ich sie morgens vor der Arbeit abholen und darf sie dann den ganzen Tag rumschleppen. Was bei aktuell vier Paketen total super ist. Und jetzt sagen Sie nicht: Dann nutzen Sie doch eine Packstation! Tue ich ja schon. Aber nicht alle Absender tun das. Omma geht das schonmal durch. Oder die Sendung mit den Dokumenten ist minimal zu groß für den Briefkasten. Konnte der Kollege nicht ahnen.

Ich bin genervt. Wahnsinnig genervt. Wenn aktuell nur ein Unternehmen kommt, das kompetenten Service bietet, liege ich ihm zu Füßen.

(So, jetzt habe ich mich abreagiert. Vielen Dank fürs Zuhören.)

Das Drei-Monats-Experiment

8. 04. 2013  •  36 Kommentare

Ein Beitrag Ihres Service-Blogs.

Was bisher geschah:

Anfang Januar ereilte mich, als Spätfolge einer Waschmaschinen-Aktion, ein Bandscheibenvorfall, der sich fürderhin als Bildungsbandscheibe entpuppte und die unschöne Begleiterscheinung des Tennisball– (formally known as Piriformis-) Syndroms mit sich brachte.

Zustand nach 3 Monaten:

Gestern: das erste Mal joggen. Mit Wärmehose, die ihrem Namen alle Ehre macht – die Suppe lief aus den Beinen wieder raus. Aber Hauptsache, Hintern und Rücken haben es kuschelig. 45 Minuten ohne Pause, allerdings in ausgesprochen gemächlichem Tempo. Trotzdem:  Ich hatte es quälender erwartet.

Vor zwei Wochen bin ich ins Handballtraining eingestiegen. Vorsichtig, vielleicht 40 Prozent. Etwas laufen, etwas werfen. Immer gucken, dass nichts kaputt geht.

Seit drei Wochen mache ich dynamische Kräftigungsübungen: SitUps und so’n Zeug. Innendrin bin ich inzwischen Heidi Klum. Von außen leider weiterhin Cindy aus Marzahn. Letzte Woche habe ich ein Youtube-Video „Pilates mit dem Teraband“ nachgeturnt. Brauchte an den zwei Tagen danach einen Radlader, der mich im Bett wendete. Seit Abklingen des Muskelkaters stehe ich allerdings kurz vorm Sixpack (innerlich).

Zeitplan für Nachahmer:

  • nach 2 Wochen: Schmerzmittel reduziert
  • nach 2 Wochen: wieder arbeiten
  • nach 3 Wochen: Piriformis tritt auf den Plan.
  • Woche 3-6: Die nächtliche Hölle beginnt. Dehnen bis zum Anschlag.
  • nach 7 Wochen: Schmerzmittel auch nachts abgesetzt
  • nach 8 Wochen: Entdeckung von Keltican forte
  • nach 8 Wochen: erstes Laufen in der Halle
  • nach 9 Wochen: keine Gefühlsstörungen mehr
  • nach 9 Wochen: die ersten dynamischen Kräftigungsübungen
  • nach 11 Wochen: das erste leichte Handballtraining
  • nach 13 Wochen: das erste Mal wieder joggen

 

Die drei schönsten Momente:

  1. nach der Krankengymnastik.
  2. das erste Mal problemlos Socken anziehen.
  3. das erste Mal joggen – und sich danach super fühlen.

 

Pro-Tipps für Nachahmer:

  • In den ersten zwei Wochen können Sie nichts tun. Leiden Sie still vor sich hin.
  • Nehmen Sie Schmerzmittel. Dafür wurde das Zeug erfunden.
  • Lassen Sie sich keine Operation aufschwatzen.
  • Gehen Sie spazieren, das ist gut für den Rücken. Aber nicht zu viel, das ist schlecht für den Hintern.
  • Kaufen Sie sich fürs Sitzen ein Gelkissen und benutzen Sie es auch.
  • Turnen Sie, so oft und so gut es geht. Dehnen, dehnen, dehnen.
  • Verzagen Sie nicht. Alles wird gut.

 

Aufzug. Krankenhaus.

8. 03. 2013  •  35 Kommentare

Aus der Halle geht ein Aufzug zur Station.

Wir steigen ein: eine Frau mit Pflaster auf dem Auge, ein Mann mit Pflaster am Hals, ein weiterer ohne alles, aber mit einer flauschigen, grauen Jogginghose, die wie das Maul eines Mantarochens einen sehr dicken Bauch umspannt  – und ich. Ich drücke die Vier, die beiden Pflaster die Fünf, der Flauschjogger nichts. Die Türen gehen zu. Er drückt die Eins.

Erster Stock. Die Aufzugtür öffnet sich mit einem metallischen Reiben.
„Ist das die Eins?“, fragt Flauschjogger.
„Ja“, sage ich.
„Dann muss ich hier nicht hin.“
Tür zu.

Er drückt die Zwei. Ruckelruckel. Tür auf.
„Ist das die Zwei?“
„Das ist die Zwei.“
„Hier muss ich auch nicht hin.“
Tür zu.

Er drückt die Drei. Fahrt. Tür auf.
„Drei?“
„Ja-ha!“, sage ich.
Die beiden Pflaster sagen nichts. Mit leerem Blick starren sie an die gegenüberliegende Aufzugwand.
„Hier muss ich nicht hin.“
„Wo müssen Sie denn hin?“
Tür zu.
„Muss ich gucken.“ Er will die Vier drücken. Doch sie leuchtet bereits.
„Is‘ ja schon“, sagt er.
„Is‘ schon“, sage ich.

Tür auf. Flauschjogger guckt. Und guckt. Macht einen Schritt vor. Guckt.
„Hier isses“, sagt er. Er steht jetzt in der Lichtschranke.
Die Pflaster starren weiterhin, sind völlig sediert.
„Dann steigen Sie doch aus“, sage ich ermunternd.
„Weiß nicht.“
Ich muss hier aber aussteigen“, sage ich, denn er verstopft die Tür.
Pflaster Eins atmet vernehmlich ein und aus.
„Hier muss ich hin“, sagt Flauschjogger. Er ist noch nicht alt, vielleicht Mitte vierzig, sein T-Shirt ist trockentuchartig rot-weiß-kariert, seine Unterlippe dicker als die Oberlippe. Wir fahren jetzt seit fünf Minuten Aufzug, neben mir stehen zwei untote Bepflasterte, vor mir bildet eine unschlüssige Nicki-Hose in 4XL einen Propfen in der Fahrstuhltür. Ein Mann in einem Rollstuhl schiebt sich in Zeitlupe über das Foyer von Station Vier, indem er seine Füße voreinander setzt wie Dreispringer Jonathan Edwards in Super Slow Motion. Trübes Sonnenlicht bricht sich Bann durch eine ungeputzte Panorama-Scheibe, vor der aneinander montierte Stühle stehen.

„Was ist nun?“, frage ich. „Rein oder raus?“
Der Dreispringer ist vor einem Cola-Automaten angelangt. Flauschjogger geht einen Schritt vor, aber nicht so weit, dass ich an ihm vorbeikomme. Er bleibt erneut stehen, blickt links, blickt rechts, sagt: „Nä, hier is‘ dat nich'“, dreht sich wieder um, doch er ist nun aus der Lichtschrank heraus, in diesem Moment schließt sich die Fahrstuhltür. Ich versuche noch, ein Bein in die Tür zu werfen, habe beide Hände voll, aber ich krieg’s nicht hin, treffe nicht richtig oder wie auch immer, jedenfalls geht die Tür zu.

„Weg isser“, sagt das Halspflaster.
Die Frau mit dem Augenpflaster lacht mit geschlossenem Mund, lautlos, nur ihre Schultern hüpfen auf und ab. Ihr verbleibendes Auge ist weit aufgerissen. Sie ist ein Zyklop.

Die Tür geht auf. Fünfter Stock, wir steigen aus. Als ich die Treppe hinunterkomme, ist Flauschjogger weg. Jonathan Edwards sitzt vor dem Cola-Automaten und wirft Geld in den Schlitz. Eine Wolke hat die Sonne verdunkelt. Lineoleumboden schimmert im Zwielicht.

„Wo ist er?“, frage ich.
„Wer?“, fragt Jonathan.
„Der Mann, der eben hier ausgestiegen ist.“
„Hier ist keiner ausgestiegen.“
Bong Klong – eine Colaflasche fällt aus dem Automaten.

Krankenhaus, Station vier. Es ist 14.03 Uhr an einem Donnerstagnachmittag.

Die Monica-Seles-Therapie

20. 02. 2013  •  28 Kommentare

Die Bildungsbandscheibe wird sieben. Sie ist nun ein i-Dötzchen und wird eingeschult – in die Rückenschule. Herzlichen Glückwunsch, kleine Bandscheibe.

Was ich aber eigentlich erzählen möchte: Piriformis, der Freund der kleinen Bandscheibe, macht sich so langsam vom Acker. Darüber bin ich sehr froh, denn Nacht für Nacht hat seine verkrampfte Anwesenheit mich um den Schlaf gebracht. Weil das hier ein Serviceblog ist, erzähle ich gerne, wie ich den Lorbass gezüchtigt habe. Ich nenne es die „Monica-Seles-Therapie“. Das Prinzip: einen Tennisball nehmen und stöhnen.

Kaufen Sie sich einen Tennisball (gerne auch zehn, dann haben Sie neun in Reserve, Ihr Sportfachgeschäft denkt in dieser Sache mit) und positionieren Sie ihn so, dass Sie sich mit der Pobacke drauflegen können und der Ball Ihnen in Ihren Piriformis-Muskel drückt. Wälzen Sie sich gegebenenfalls so lange, bis Sie die richtige Stelle gefunden und den Triggerpunkt erwischt haben. Keine falsche Scham: Ihre Nachbarn interessiert das sehr, sie beobachten Sie gerne durch Ihr erleuchhtetes Wohnzimmerfenster.

Der Tennisball in Ihrem Gesäß ist anfangs ausgesprochen schmerzhaft. Sie werden sich wimmernd winden, Monica-mäßig stöhnen und versucht sein, den Ball unter Ihrem Hintern hervor zu reißen und in Ihren Fernseher zu werfen – aber wenn Sie durchhalten, verspreche ich Ihnen: Es hilft.

Seit vier Nächten schlafe ich durch – nur unterbrochen von einem kurzen Aufwachen, bei dem ich aber nicht einmal mehr aufstehen muss. Natürlich gibt es Nachteile: Das nächtliche Bildungsprogramm entgeht mir nun. Aber ganz ehrlich, die Erfahrung haben wir doch alle schon gemacht: Manchmal ist es sowieso besser, ein bisschen dumm zu sein.

Und noch einen Aal dazu!

18. 02. 2013  •  51 Kommentare

Aus bekannten Gründen besuche ich dieser Tage öfter Arztpraxen: Hausarzt, Orthopäde, Physiotherapie, hinzu kommen die Vorsorgebesuche, die ich im Dezember verpennt habe.

Es mag an der für meine Verhältnisse unüblichen Häufigkeit liegen, mit der ich aktuell dem medizinischen Betrieb unterworfen bin, aber was, bitte, ist da los? Das geht ja zu wie auf einem Basar!

Sie haben Rücken? Da haben wir Physiotherapie und Akkupunktur, das zahlt die Kasse, aber ich kann Ihnen auch Wärmelampe und Stoßwellen anbieten, das müssen Sie zwar extra zahlen, aber mal ehrlich – ohne geht es praktisch nicht.

Krebsvorsorge? Wegen des Ergebnisses melden wir uns, aber in der Zwischenzeit haben Sie vielleicht schonmal vom Sono-Check oder der Dünnschichtzytologie gehört? Sie wollen doch keinen Tumor kriegen, oder? Kostet nur 20 Euro.

Haben Sie Ihren Impfausweis dabei? Wir sollten dringend ihren Status checken. Ach – Sie sind gegen alles geimpft? Und wie sieht’s mit Grippe aus? Wollen Sie nicht? Wieso das denn? Aber Hepatitis zum Beispiel – das ist ganz wichtig, wenn man viel reist.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=vobt4PMRRYs&w=480&h=360]

Heute hat mir mein Zahnarzt zum sechsten Mal eine Zahnreinigung angeboten, nachdem ich sie einmal in Anspruch genommen und danach fünfmal abgelehnt habe.

Zahnarzt: Ich sehe hier im Computer, dass Sie keine Zahnreinigung möchten. Sind Sie sich da sicher?
Ich: Ja.
Zahnarzt: (mitleidsvoller Blick) Haben Sie denn keine Zahnzusatzversicherung? Die meisten Zusatzversicherungen zahlen Zahnreinigung.
Ich: Ich weiß. Ich habe so eine.
Zahnarzt: Ach! Und wieso möchten Sie dann keine Zahnrreinigung?
Ich: Weil die letzte Zahnreinigung, die ich bei Ihnen hatte, nur 20 Minuten gedauert, 90 Euro gekostet hat und ein einziger Meridol-Werbeblock war.

Der Zahnarzt blickt bemüht zerknirscht. Offenbar hat ihm das noch niemand so gesagt.

Zahnarzt: Also … uhm … eigentlich dauert sowas bei uns länger …
Ich: Eigentlich bin ich ja auch nur zur Kontrolle hier.

Fürs nächste Mal klebe ich mir einen Sticker aufs Lätzchen, auf dem steht: „Kein Payback, keine Stempelkarte, keine IGeL-Leistung.“

Die Bildungsbandscheibe wird fünf

7. 02. 2013  •  36 Kommentare

Herzlichen Glückwunsch, lieber Bandscheibenvorfall!
Heute wirst du fünf Wochen alt.

//*singt leise

Heute kann es regnen,
stürmen oder schneien,
denn du strahlst ja selber
aus bis in mein Bein.
Heut ist dein Geburtstag,
darum grummel ich
wärst du nicht geboren
wär ich beweglich

Wie blöd, dass du geboren bist,
ich hätte dich sonst nicht vermisst.
Wir blöd, dass wir beisammen sind,
schere dich schnell fort, Geburtstagskind!

Liebe Bildungsbandscheibe, Deine Geburt war sehr schmerzvoll. Vier lange Tage lag ich in den Wehen, bis sich eine zaghafte Erleichterung einstellte. Die Freude nach der Niederkunft blieb deshalb bislang aus. Aber lass uns nicht darüber schweigen: Postpartale Depressionen kommen in den besten Familien vor.

Derzeit arbeiten wir beide voller Zuversicht an unserem Zusammenleben. Wir wollen uns lieben lernen, Gefühle füreinander entwickeln. Täglich beturne ich dich zärtlich. Am liebsten magst du es, wenn ich dich spazieren führe. Dann schläfst du ein und bist für mehrere Stunden still. Inzwischen hast du es sogar gern, wenn es schneller voran geht. Seit vergangener Woche sind wir schon viermal gejoggt. Heißa, das macht Spaß, nicht wahr?

Auch wenn sich unsere Beziehung seit deiner Ankunft deutlich entspannt hat, leidest du bisweilen unter Koliken, gerade nachts. Aber hey: Jede Bandscheibe kann schlafen lernen. Das kriegen wir Zwei schon in den Griff.

Ich freue mich, dass Du in dem kleinen Piriformis einen Freund gefunden hast. Über den renitenten Racker müssen wir allerdings noch einmal reden. Ich habe das Gefühl, dass dir der Umgang mit ihm nicht gut tut.

Zu deinem fünften Geburtstag schenke ich dir ein neues Rezept voller Krankengymnastik. Faszien kneten, Triggerpunkte drücken, Popo dehnen – das ist wie Pekip, nur schöner.

Viel Spaß damit, liebe Bildungsbandscheibe – und alles Gute!

Meine guten Wünsche
haben ihren Grund:
ich werde nun ganz schnell
glücklich und gesund.
Dich fortgehn zu sehen,
ist was mir gefällt,
Tränen gibt es schon
genug auf dieser Welt.

//*geht summend ab

Das Akupunktur-Massaker

4. 02. 2013  •  42 Kommentare

„Oh mein Gott!“, sagt die Arzthelferin, blickt mich mit weit aufgerissenen Augen an und schlägt die Hände vor den Mund. „Wie sehen Sie denn aus!“

Gute Frage, wie sehe ich aus!? Ich fasse mir mit der flachen Hand ins Gesicht und blicke auf meine Handfläche. Blut. Überall Blut.

„Ich hole schnell was“, sagt sie und rauscht davon. Mich dünkt, sie ist leicht panisch.

Ein dicker, roter Tropfen fällt von meinem Kinn und breitet sich behäbig auf dem Stoff der Behandlungsliege aus. Ich halte die Hand unters Gesicht. Es tropft und tropft.

Die Arzthelferin kehrt zurück. „Als hätte Ihnen jemand den Schädel gespalten“, sagt sie und drückt mir einen Tupfer aufs Haar. Mit einem Lappen wischt sie mir übers Gesicht, eifrig wie ein Fensterputzlehrling. „Was hat der Doktor bloß mit Ihnen gemacht?“

Es nennt sich Akupunktur.

Sie hält inne, tritt einen Schritt zurück, wiegt den Kopf von links nach rechts und betrachtet mich mit vorgerecktem Kinn. „Naja“, sagt sie. Noch einmal zückt sie den Lappen und rubbelt meine Wange. „Vielleicht gehen Sie besser auf unsere Patiententoilette und machen das selbst. Bevor Sie wieder auf die Straße treten, meine ich. Obwohl – es ist ja bald Karneval.“

Ich ziehe mir meine Schuhe an und gehe aufs Gästeklo. Im Spiegel läuft ein Splatter-Movie: Auf meiner Wange klebt krustiges, dunkel geronnenes Blut, die Haare in der Stirn sind rot verfilzt.

Da sage noch einer, mein Qi fließe nicht.

Bildungsbandscheibe

22. 01. 2013  •  39 Kommentare

Kurz vorweg: Fred lebt.

Sportlich bleibt mir aktuell nur eine Betätigung: durch die Gegend latschen. Dabei habe ich die wenigsten Schmerzen.

Das gleicht angesichts der Witterungsbedingungen einer Expedition – bei wadentiefem Neuschnee und wildem Gestöber in Parks und Wäldern. Der Kauf von Schneeschuhen und Steighilfen steht unmittelbar bevor.

 

115 Kilometer Bandscheibenlatschen

Das Gelatsche der ersten 14 Tage nach Bandscheibe.

 

Das Latschen bringt zwei Dinge mit sich: Bildung und kuriose Begegnungen.

So neigte ich zu Beginn der Latscherei dazu, mich alle 500 Meter über einen zur Verfügung stehenden Zaun oder ein Geländer zu hängen, um meine zusammengematschten Wirbel zu dehnen und der Bandscheibe Luft zu verschaffen – das reduziert die Schmerzen und ist überdies eine Anweisung der Physiotherpeutin.

Nun mutet es für den unbedarften Zuschauer natürlich etwas seltsam an, wenn eine vor ihm gehende Dame sich plötzlich über ein Geländer wirft und hinabbaumeln lässt. Der erste kam sogleich zu mir gelaufen, das Telefonino mit der gewählten 112 in der Hand.

Seit diesem Erlebnis sehe ich mich immer erst um, bevor ich mich irgendwo dehne –  und hänge mich nur über, wenn niemand in der Nähe ist. Nichtsdestotrotz kommt es vor, dass gerade in dem Moment, in dem ich mich vorbeuge, ein Typ um die Ecke biegt.

Typ: Suchste wat?
Ich (mit rotem Kopf, vornüber hängend): Hä?
Typ: Is‘ hier wat vergraben oder so?
Ich: Wieso das?
Typ: Na, du hast dich grad so verstohlen umgekuckt und jetzt hängste da und kuks‘ inne Erde.
Ich: Ach so, nee, ich dehne nur meinen Rücken. Hab‘ da gesundheitliche Probleme.
Typ: Also kein Schatz oder irgendwie Beute oder so.
Ich: Nee.
Typ: Schade.

Während des ganzen Gelatsches höre ich Hörbücher, Podcasts, Zeug. Empfehlen kann ich besonders, nach 25-stündigem Test:

Ich weiß nun total viel über Krankenhauskeime, Ernährungsberatung in den USA, Kurfürst Friedrich III.,  die Raumfähre Columbia, den Physiker Edward Teller – ach, ich kann es gar nicht alles aufzählen.

Meine Bandscheibe ist eine Bildungsbandscheibe.



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