Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Sie haben ein kleines Reihenhaus. Vor der Tür steht eine Bank.

Auf dieser Bank sitzen sie gerne im Sommer, nach Feierabend, bei einem Gläschen Wein und grüßen die Nachbarn. Manchmal schauen sie nur, wer kommt und geht. Manchmal hält einer der Vorbeigehenden für einen Schwatz an.

Als sie eines Abends nach Hause kommen, ist die Bank fort. Sie wundern sich ein bisschen, machen sich aber keine großen Sorgen. Denn sie verstehen sich gut mit den Nachbarn, und vielleicht hat sich jemand die Bank ausgeliehen. Vielleicht kamen irgendwo mehr Gäste als geplant und man brauchte beim Grillfest ein zusätzliches Sitzmöbel. Das kann vorkommen, sie kennen sich ja alle gut in der Nachbarschaft. Deshalb ist das kein Problem.

Einen Tag später ist die Bank wieder da. Es liegt ein Umschlag darauf, darin eine Karte mit den Worten: „Tut uns leid für die spontane Leih-Aktion! Es war wirklich dringend. Wir hoffen, die Tickets machen es wieder gut!“ Anbei zwei Eintrittskarten für ein Spiel von Borussia Dortmund. Die beiden freuen sich riesig. Er ist großer BVB-Fan, hat einen Aufkleber am Auto und eine Flagge im Garten.

Am betreffenden Tag fahren sie ins Stadion. Es ist ein gelungenes Spiel, der BVB gewinnt. Die beiden sind glücklich.

Als sie nach Hause kommen, ist ihr Haus aufgebrochen und leer geräumt.

Ich glaube, ich bin jetzt das Mannschaftsmaskottchen.

Der Trainer hat es nicht so direkt gesagt. Er nickt mir immer nur andächtig zu, es ist ein Du-weißt-schon-Nicken, ein wohlwollend-mildtätiges Kopfneigen, das man auch Seniorenheimbewohnern zuteil werden lässt, die 1920 im olympischen Tauziehen eine Bronzemedaille geholt haben.

Ich denke, ich bin das Mannschaftsmaskottchen, denn ich bin flauschig und gut für die Moral. Ich darf die Ansprache vor dem Spiel halten, wenn wir einen Kreis bilden und gebeugt beisammen stehen. Ich begrüße den Schiedsrichter und die gegnerische Mannschaft, mache die Seitenwahl und sage unser Sprüchlein auf.

Ich kann nicht mehr so viel trainieren wie die Studentinnen; drei- bis fünfmal pro Woche, das ist nicht machbar. Ich muss einen Beruf ausüben und brauche Regeneration: heute acht Kilometer laufen und morgen Schnellkrafttraining in der Halle, das ist wie Schweinebraten zur Vorspeise und als Hauptgang überbackene Gyros-Pizza – irgendwann geht einfach nichts mehr.

Nach der Begrüßung setze ich mich erstmal auf die Bank. Ich werde die meiste Zeit nur in der Abwehr eingesetzt. Ich bin langsam geworden, kann nicht rennen wie die jungen Spielerinnen, die wir Älteren „Quietschies“ nennen und die wie Carrerabahn-Autos den Seitenstreifen auf und ab flitzen. Ich stehe stattdessen im Mittelblock, haue ein paar Gegnerinnen weg und halte meine Mitspielerinnen an, es mir nachzutun. Die Jungen sind manchmal zu zaghaft, lassen sich einschüchtern. Sie rennen auch zu früh raus, spekulieren, wollen den Ball erhaschen, wollen immer laufen. So entstehen Lücken – eine Überzahl, die nicht mehr zu stopfen ist. Ich sorge dafür, dass sie an meiner Seite bleiben, dass wir zusammenhalten.

Die meiste Zeit aber ist mein Job, einfach nur da zu sein und gute Stimmung zu verbreiten. Das ist meine Lieblingsaufgabe.

Das Leben als Alterspräsidentin ist ganz schön gut.

Fieberhaft erwartet, jetzt hier: der Hochzeitsbericht mit Deutschlandachter.

Ruderblätter vor der Kirche

Wir sitzen in der Kirchenbank, als die Rudermannschaft die Kapelle betritt. Katrins Mund steht offen, Jessica fallen die Augen aus den Höhlen, Pia und Sonja schauen sich an. Wir haben nicht zu viel erwartet, nein, wir haben zu wenig erwartet, unsere Vorstellungen reichten für dieses Bild nicht aus. Sie tragen allesamt Anzug, große Anzüge, sehr stattliche Anzüge, sind einsfünfundneunzig und größer, sehr groß. Der Einmarsch der Gladiatoren.

Nach der Trauung, wir warten vor der Kirche, sage ich zu Jessica: „Der da vorne.“ Ich zeige ihr mit meinem Blick einen Ruderer mit blauer Krawatte, Wuschelhaar und Dreitagebart. Pia, die neben uns steht, sagt: „Der sieht aus wie dieser Typ aus ‚Hangover‘.“ – „Bradley Cooper!“

Bradley steht in einer Reihe mit den anderen Jungs und hält sein Ruderblatt in die Höhe. Zu Zehnt bilden sie eine Allee für das Brautpaar, zehn stramme Recken. Wir wischen uns mit dem Handrücken verstohlen Speichel aus dem Mundwinkel. Jessica starrt wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

Im Festsaal sitzen wir am Tisch links vom Brautpaar. Die Ruderer sitzen rechts. Die gesamte Verwandtschaft trennt uns, drei mit Plastikefeu geschmückte Säulen versperren uns den Blick. Das Brautpaar wird sich etwas dabei gedacht haben, wollte sich und uns möglicherweise Peinlichkeiten ersparen; wie werden das trotzdem anprangern.

Der Trainer spielt ungeduldig mit seiner Serviette, er hat Hunger und ist verstört angesichts unseres Enthusiasmus. Gereizt moppert er: „Die Jungs sind alle zwei Meter groß – sind die zu doof zum Basketball, oder was? Die fahren rückwärts, und ein Zwerg sagt ihnen Bescheid, wenn sie im Ziel sind. Da steht ihr doch nicht etwa drauf, oder?“ Wir bleiben unbeeindruckt.

Nach dem Essen zeigen Freunde der Braut Jugendbilder des Hochzeitspaares: die Braut beim Handball, der Bräutigam beim Rudern, beim Jubeln im Deutschlanddress und zu guter Letzt mit den Jungs bei einem Klimmzugwettbewerb, mit nackten Oberkörpern. Wir verlangen an der Theke nach Eiswürfeln.

Gegen 22 Uhr starten wir die „Mission Bradley“. Wir erfahren von der Braut, dass Bradley Stefan heißt und Arzt ist. „Arzt!“, entfährt es unseren Mündern, begleitet von einem schrillen Schrei.

„Wie in einem schlechten Film.“
„Nicht nur schön, auch schlau.“
„McDreamy.“

Sonja sagt nur stumpf: „Ich bin raus“, denn ihr Ex-Freund ist Arzt – seitdem stehen Ärzte auf bei ihr auf der schwarzen Liste, nur Veterinärmediziner haben noch den Hauch einer Chance.

In diesem Moment taucht aus dem Nichts eine brünette Schönheit in einem türkisfarbenen Kleid auf, hakt sich bei Bradley ein, stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn auf die bärtige Wange. Jessicas Augen verengen sich zu Schlitzen, Sonjas Lächeln fällt aus ihrem Gesicht wie eine Wassermelone und zerschellt auf dem Tanzboden des Festlokals.

Wir sind konsterniert, trösten uns mit einer Runde Caipis, werden jedoch bald wieder hoffnungsfroh, als sich die Gesellschaft mehr und mehr an der Bar versammelt. Wir mischen uns unter das Ruderervolk; ich fühle mich wie eine Elfe im Eichenwald: Die Zahl der Männer, die kleiner sind als ich, bewegt sich bei weniger als zehn. Ich möchte mich gerne überall anlehnen und meinen Kopf an die Schultern und Brustmuskeln der umstehenden Männer betten, aber ich wahre die Contenance und sauge Rohrzucker durch meinen Strohhalm.

„Warum haben große Männer eigentlich immer kleine Frauen? Das ist doch Verschwendung“, jammert Sonja neben mir.

Der Abend endet verschwitzt, müde und friedvoll angetrunken, aber ohne die Idee von Verliebtheit. Doch irgendwas muss uns beseelt haben, denn trotz Schlafmangels spielen wir am nächsten Tag wie die Göttinnen und gewinnen unser Spiel mit bislang selten zutage getretener Eleganz.

Am Wochenende bin ich wieder auf einer Hochzeit. Eines der Handballhühner heiratet, und der Hühnerhaufen ist aufgeregt. Nicht nur wegen der Zeremonie.

Als ich das Hochzeitshuhn und ihren Matze vor eineinhalb Jahren das erste Mal besuchte, fiel mir eine Urkunde an ihrer beider Wohnzimmerwand auf. Sie erinnerte mich stark an meine erste Kreismeisterschaft im Handballbezirk Iserlohn-Arnsberg, damals mit der B-Jugend. Deshalb sagte ich: „Oh, wie schön. Ist der Matze auch mal Kreismeister geworden?“

Im gleichen Moment las ich etwas von „Olympic Games“ und sah die schwere, runde Medaille, die an einem flauschigen Band neben dem Schrieb hing und die nichts von Kreismeisterschaft hatte. Gleichzeitig erschien Matze vor meinem geistigen Auge: groß, breitschultrig und insgesamt von einer körperlichen Konstitution, die eher Championgsleague als Bezirksklasse ist.

Es stellte sich heraus, dass der gute Matze gerne den Kanal auf und ab rudert, aber nicht einfach so, als Familienausflug mit einem Liedchen auf den Lippen, sondern dass er mal einer von Neun im Deutschlandachter war und bis anhin ziemlich viel abgeräumt hat: Weltmeistertitel, Olympia, das ganze Programm halt.

Am Samstag ist nun die große Sause: Die Handballerin heiratet den Olympia-Ruderer, und es werden viele hoch dekorierte, vor allem aber sehr stattliche Championsleague-Ruderer zugegen sein, weshalb die Hühner schon seit Wochen raschelig sind. Wir haben der Braut gesagt: Entweder möchten wir Plätze neben den Ruderern, mindestens aber welche mit Blick auf die Ruderer – das werde die Stimmung ungemein heben und partymäßig zu einem guten Gesamtergebnis beitragen.

Ich fühle zarte Nervosität.

Ein Chick in der U-Bahn quasselt ins Telefon:

„… ’sch bin voll fertich, ey, wegen Schule. Wegen mir könnten die nach den Ferien ers’ma so’ne Anlaufphase machen, so zum Warmwerden ers’ma nur drei Stunden am Tach, so von zehn bis eins oder so, damit du nich‘ gleich voll am Rad am Drehen bis‘. Und dann wär‘ gut: sieben Tage Schule am Stück und dann eine Woche frei statt fünf Tage und dann Wochenende und dann nochma‘ fünf Tage. Kommt aufs Selbe raus, aber dann biste nich‘ so im Arsch, Alta, ich schwör dir, ich bin total am Ende, und heute is‘ ers‘ Montach, ich bin vom Wochenende total am Ende. Wenn gestern jetz‘ nich‘ Wochenende gewesen wär‘, sondern Schule, weißtu, sieben Tage Schule halt, dann wär‘ heute frei und ich wär‘ voll gechillt. Auch für später, für’s Arbeiten fänd‘ ich das gut: sieben Tage arbeiten, dann eine Woche frei, verstehe gar nicht, warum das noch keiner eingeführt hat, Alta, so gehste doch kaputt, ey, immer fünf Tage arbeiten, nur zwei Tage frei und dann wieder fünf Tage, Alta, und wenn du irgendwo anne Kasse sitzt, ey, kannste samstags auch noch arbeiten, das ist voll hart. Deswegen, ich sach‘ dir, ich und Kasse, niemals, ey, eher mach‘ ich Tierarzthelferin, da kannste dich dann auch mal verdrücken und Tiere streicheln und so, dann biste nich‘ schon am Montach so total durch.“

Der Lesehund ist wieder da:

Bücher im Juli und August

Ben Aaronovitch. Rivers of London.
Peter ist Polizist in London, hat gerade seine Ausbildung durchlaufen. Er wird Inspektor Nightingale zugeteilt, der eine eigene Abteilung innerhalb der Londoner Polizei bildet: eine magische. Er kümmert sich um Geister, Vampire und andere sonderbare Gestalten, die sich untereinander bekriegen – unter anderem den Themsegöttern. Der Schreibstil ist humvorvoll, aber die Story verworren. So richtig konnte ich mich auch mit den Charakteren nicht anfreunden. Deshalb habe ich das Buch irgendwann weggelegt.

Gianrico Carofiglio. Ad occhi chiusi (In freiem Fall).
Der zweite Fall von Anwalt Guido Guerreri – und der schwächste der ansonsten guten Reihe. Seine Klientin Martina Fumai will ihren gewalttägigen Ex-Freund vor Gericht, und nur Guerreri traut sich, dem bekannten Mann aus Bari die Stirn zu bieten. Das Buch beschäftigt sich mehr mit Guerreris Innenleben als mit dem Fall und ist deshalb etwas langatmig. Insgesamt ist die Reihe aber sehr zu empfehlen.

Linda Castillo. Die Zahlen der Toten.
Kate Burkholder ist eine ehemalige Amish und Polizeichefin in Ohio. Sie muss den Mörder einer jungen Frau finden, die eines Tages im Schnee auf einem Feld liegt – mit eine eingeritzten römischen Zahl. Natürlich läuft alle auf einen Serienmörder hinauf. Die Geschichte ist spannend erzählt und hat genau die richtige Anzahl interessanter Charaktere. Ich habe das Buch verschlungen, auch wenn am Ende ziemlich klar ist, wer der Mörder ist. Egal: gute Unterhaltung.

Herman Koch. Sommerhaus mit Swimmingpool.
Hausarzt Marc Schlosser verachtet seine Patienten. Er ist berechnend und arrogant, oberflächlich und eigennützig – und aktuell unter Verdacht, einen Kunstfehler begangen zu haben. Das Buch erzählt die Geschichte dieses Kunstfehlers, führt ins Sommerhaus eines Patienten, in dem Schlosser mit seiner Familie Urlaub macht – und in menschliche Abgründe. Herman Koch beobachtet sehr fein und schreibt mit viel Intensität. Mehr verrate ich nicht.

Pierre M. Krause. Hier kann man gut sitzen.
Fernsehmoderator Krause zieht aufs Land in den Schwarzwald und erzählt, was er dort erlebt. Launige Geschichten, leider mit zu wenig Lokalkolorit. Denn was er erlebt, kenne ich genauso aus dem Sauerland.

Mein Körper ist ein wunderlicher Ort.

Seit zwei Jahren habe ich auf der linken Hand einen Altersfleck. Ich finde ihn, ehrlich gesagt, ziemlich hübsch, denn er schaut aus wie eine dicke Sommersprosse. Überhaupt finde ich Altersflecken schön, genauso wie ich Sommersprossen schön finde, weshalb ich einigermaßen glücklich bin, dass ich seit ein paar Jahren auf der Nase und auf dem Jochbein welche kriege, ein ganz paar.

Was ich allerdings auch habe, sind drei Haare am Kinn:

  1. |
  2. |
  3. |

Sie wachsen allerdings nicht gleichzeitig, sondern nacheinander: Haar A wächst, Haar A wird gezupft, dann wäscht B, B wird gezupft, dann C, dann wieder A. Es besteht also ständig die Gefahr, dass ein Haar rausstakst, wo keins hingehört, was optisch nicht von Belang ist, denn die Haare sind blond. Aber dieses Gefühl! Wenn ich das Hexenhaar erst einmal mit der Fingerspitze entdeckt habe, kann ich nicht mehr von ihm lassen.

Sie kennen das vielleicht aus der Pubertät. Es ist wie diese Pickelsache. Sie merken, wie der Pickel wächst, wissen aber, dass in diesem Stadium noch nichts zu machen ist. Der Pickel wird praller und praller, Ihre Finger suchen ihn immer und immer wieder, Sie drücken leicht, aber immer noch lässt sich nichts machen. Im schlimmsten Fall endet es so, dass der Pickel sich von selbst zurückbildet, es nichts zu drücken gibt, Ihre Hände unbefriedigt bleiben, Sie keine Erleichterung verspüren dürfen.

Mit dem Haar ist es so: Morgens vor dem Spiegel prüfe ich immer kurz, ob in meinem Gesicht alles in Ordnung ist – dass die Augenbrauen nicht über Nacht zugewuchert sind und dass ich mir beim Frühstück keinen Milchbart angesoffen habe. Sie wissen ja: Ich neige zu einer ausgeprägten Bridget-Jones-Haftigkeit, erst vergangene Woche ist mir beim Mittagessen eine Nudel in meine Tomatensoße geklatscht, natürlich an einem Tag, an dem ich – Tollpatsch-Grundgesetz §1 – eine weiße Bluse trug. Ich gucke also vorsichtshalber auch aufs Kinn, damit dort nicht ausgerechnet heute Haar B wächst.

Wenn ich bei der Inspektion feststelle: alles in bester Ordnung, kein Nutella im Mundwinkel und keine Zahnpasta am Kinn, keine Haare an ungewöhnlichen Orten, kein Sand mehr im Auge, kein Popel im Nasenloch – dann gehe ich zur U-Bahn. Und auf diesen 300 Metern, Sie werden es nicht glauben – auf diesen 300 Metern von meiner Haustür bis zur U-Bahn, zwischen meinem Sofa, dem Ghettolemmi und der Trinkhalle  wächst Haar B! Ich habe dafür keine Erklärung. Aber es passiert immer wieder.

Bird of Sorrow

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=hfxokBEN260&w=480&h=270]

[gefunden bei Frau Reindke]

Even if a day feels too long
You feel like you can wait another one
You’re slowly givin‘ up on everything
Love is gonna find you again

Love is gonna find you, you better be ready then

You been kneelin‘ in the dark for far too long
You’ve been waitin‘ for that spark, but it hasn’t come
Well I’m callin‘ to you, please, get off the floor
Love is gonna find us again
Love is gonna find us, we gotta be ready then

[Hook]
Tethered to a bird of sorrow
A voice that’s buried in the hollow
You’ve given over to self-deceivin‘
Your prostrate bowed would not be leavin‘
You’ve squandered more than you could borrow
You’ve bet your joys on all tomorrows
For the hope of some returnin‘
While everything around just burnin‘

Come on, we gotta get out, get out of this mess we made
And still for all our talk, we’re both so afraid
Well will we leave this up to chance, like we do everything?
A good heart will find you again
A good heart will find you, just be ready then

[Hook]

But I’m not leavin‘ you yet
I’m not leavin‘ you yet
I’m not leavin‘
I’m not leavin‘, yeah, yeah
I’m not leavin‘
I’m not leavin‘, yeah, yeah
I’m hangin‘ on
I’m hangin‘ on
What’s gonna come?
I’m hangin‘ on now
Hangin‘ on (x6)
With the faith full
I’m with the faith full
I’m hangin‘ on
What’s gonna come?
What’s gonna come?
Hangin‘ on
Hangin‘ on
The faith full
The faith full

Ich sitze beim Friseur für Strähnchen.

Neben mir sitzen eine Dauerwelle und einmal Ansatz färben. Beide sind Mitte vierzig, ein bisschen verlebt; Ansatzfärben hat schon graue Haare, das sieht man deutlich, die müssen weg. Die Dauerwelle riecht aus allen Poren nach Zigarettenqualm, ihre Haut ist ganz fahl. Die Friseurinnen ondulieren, drehen Wickler, rühren Farbe, matschen sie auf den Kopf.

Dauerwelle und Ansatzfärben kennen sich aus der Nachbarschaft, das geht aus ihrem Gespräch hervor. Sie unterhalten sich über Menschen, die sie kennen, weil sie sie öfters treffen oder vom Fenster aus sehen. Nää, was ist die fett geworden, und die Dingens, die wirft ihr Altglas immer sonntags ein, unverschämt, die Leute haben keine Manieren mehr, früher hätten wir uns das nicht getraut. Das geht so eine ganze Weile, auch Haustiere bleiben nicht verschont, die kacken nämlich überall hin oder machen so ein lautes Gekreische, da kann man sich mittags nicht mal ’ne Stunde hinlegen, wir sind doch hier nicht bei den Hottentotten!

A propos Hottentotten, sagt die Dauerwelle, hast du gehört, was neulich in der Zeitung stand? Das Asylbewerberheim platzt aus allen Nähten. Und jetzt sollen die auch noch genauso viel kriegen wie Hartz-Vier-Empfänger, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. Und wem nehmen die es dafür weg? Uns, dem einfachen Bürger.

Ansatzfärben nickt. Die Friseurin hat aufgehört, an ihrem Kopf herumzumachen. Die Farbe muss nun einwirken. Ja, sagt Ansatzfärben, das sind sowieso zu viele, die nach Deutschland kommen. Also nicht, dass sie ausländerfeindlich ist, sonst wäre sie ja nicht mit einem Türken verheiratet, aber sogar ihr Mann findet, dass es langsam ein bisschen viel wird – und wenn der das schon sagt!

Ein paar müssen wir schon aufnehmen, wiegelt die Dauerwelle ab. Es gibt ja wirklich einiges Elend auf der Welt, aber die Leute können auch woandershin fliehen, wo mehr Platz ist. Nach Amerika zum Beispiel, dort ist nicht alles dicht an dicht so wie hier.

Ansatzfärben ergänzt, dass diese Asylanten, also, die denken auch, dass uns hier gebratene Hühner in den Mund fliegen. Dabei haben wir auch unsere Probleme.

Ich sage: Wenn ich kurz stören dürfte? Die Asylbewerberzahlen gehen nachweislich seit Jahren zurück, und für einen syrischen Flüchtling ist Deutschland halt ein bisschen näher als die USA. Wenn einem grad die Familie weggebombt wurde, hat man vielleicht nicht so die Kraft, in einem Holzboot über den Atlantik zu rudern.

Die beiden drehen sich in ihren Sitzen zu mir um und sehen mich an, als hätte ich ihnen soeben die Handtaschen geklaut und wedelte nun mit ihren Geldbörsen, bevor ich lachend wegliefe. Die Dauerwelle entgegnet: Bis in die USA vielleicht nicht, aber doch bitteschön bis nach Frankreich. Sie ahnen ja gar nicht, was ich schon mit diesen Ausländern erlebt habe! Seit drei Monaten leben Rumänen bei uns im Haus. Seitdem kommt kein Paket mehr an, obwohl es nachweislich ausgeliefert wurde. Tja, was meinen Sie denn, wo diese ganzen Pakete wohl sind?

Haben Sie schonmal bei DHL nachgefragt?, antworte ich. Dort gibt es die Möglichkeit der Sendungsverfolgung. Damit können Sie sehen, wer das Paket angenommen hat. Dafür muss der Empfänger schließlich unterschreiben.

Ach!, ruft die Dauerwelle und winkt ab. Das ist doch immer das Gleiche, die unterschreiben einfach mit einem falschen Namen. Das kennt man doch.

Haben Sie das denn von der Post überprüfen lassen?, bohre ich nach, aber Ansatzfärben geht nicht darauf ein, sondern erzählt vom Schmutz im Hausflur und kommt dann von Hölzken über Stöcksken irgendwie auf ihren Ex-Mann, und das Ausländerthema ist durch.

Im vergangenen Herbst habe ich das erste Mal die ZDF-Doku über die Huber-Brüder gesehen.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=rvBmvto3ErY&w=480&h=270]

Sie ist online verfügbar. Danach habe ich sie zunächst wieder vergessen – bis ich sie vor etwa einer Woche erneut entdeckt habe. Seitdem habe ich mir zahlreiche Videos der Brüder angesehen: aus Faszination angesichts der sportlichen Leistung, weil das beeindruckende Typen sind und vielleicht auch wegen der hübschen Unterarme.

2006 waren sie im Yosemite-Nationalpark, um einen Rekord im Speed-Klettern aufzustellen: 1000 Höhenmeter an einer überhängenden Wand in 2 Stunden 48 Minuten. Regisseur und Drehbuch-Autor Pepe Danquart hat sie begleitet. Rausgekommen ist der Film „Am Limit„:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=2BADglRe8hg&w=480&h=270]

Die anderthalbstündige Doku ist bei Youtube online. Sie zeigt nicht so viele Kletterszenen wie der ZDF-Film; es geht mehr um die Philosophie des Kletterns, wie es die Brüder pflegen, um die Konkurrenz zwischen den beiden – und um Angst. Wenn Sie sich das Ganze anschauen möchten, empfehle ich, zur Einführung erst den ZDF-Film zu gucken. Das macht die Sache verständlicher.

Der Jüngere, Alexander, klettert übrigens auch ohne Sicherung „free solo“:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=i-1UryJm5yg&w=480&h=270]

In einem Film (Youtube, 52 Minuten) über seine „Free Solo“-Touren – der zwischen den Zeilen vor allem ein Portrait über ihn als Mensch ist – erklärt er die Beweggründe. Ich bin mit mir selbst noch nicht überein gekommen, ob ich das faszinierend oder hirnverbrannt finde. Denn alles kontrollieren zu können, ist natürlich ein Trugschluss.

Wie dem auch sei: Alles drei sind faszinierende Filme, in denen es nur vordergründig ums Klettern geht. Es geht um Persönlichkeit, Leidenschaft, Liebe, Angst, Enttäuschungen, Durchhaltewillen – und vieles mehr, was das Leben ausmacht.



In diesem Kaffeehaus werden anonym Daten verarbeitet. Indem Sie auf „Ja, ich bin einverstanden“ klicken, bestätigen Sie, dass Sie mit dem Datenschutz dieser Website glücklich sind. Dieser Hinweis kommt dann nicht mehr wieder. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen