Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Unterschiedliche Ideen von Verantwortung und ein Triathlon in Hamburg

14. 7. 2026 Keine Kommentare Aus der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Verantwortung | In der vergangenen Woche habe ich einen interessanten Vortrag gehört. Das Rheingold-Institut hat eine Auftragsstudie vorgestellt. Es hat untersucht, was verschiedene Altersgruppen unter Verantwortung verstehen und ob jüngere Menschen weniger gerne Verantwortung übernehmen, beispielsweise in Führungspositionen. Das habe ich mitgenommen:

  • Junge Menschen erleben wenig gesellschaftliche Stabilität: Ihr bisheriges Leben ist geprägt von aufeinander folgenden wirtschaftlichen und geopolitischen Krisen. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, nichts bewirken zu können. Unternehmen füllen diese Stabilitäts- und Wirksamkeitslücke: Die Arbeit gibt Struktur, man kann sich als wirkungsvoll erleben.
  • Die Generationen blicken defizitorientiert aufeinander: Jugendliche und junge Erwachsene erleben Menschen ab 40 als erschöpfte Dauer-Manager, emotional instabil, unnahbar und ständig unter Druck. Sie sehen die Älteren zwar als leistungsstark und verlässlich, aber gleichzeitig als hart, hierarchisch und wenig flexibel.
  • Die Älteren nehmen sich selbst als letzte Generation wahr, die Verantwortung trägt und vermissen Anerkennung. Sie erleben Jüngere zwar als reflektiert, aber auch als unverbindlich und anspruchsvoll.
  • Dieses Generationenbashing ist Spiegel einer mangelnden Fehlerkultur in unserer Gesellschaft. Es schiebt Schuld zu anstatt gemeinsame Werte und Ziele zu stärken.
  • Ältere und Jüngere haben ein unterschiedliches Verständnis von Verantwortung: Ü40er und Ü50er verbinden Verantwortung damit, hart zu arbeiten, Macht zu erlangen, das Steuer zu übernehmen und geradlinig Ziele zu erreichen. Jüngere verstehen Verantwortung als das Gestalten von Gemeinschaft und Dialog, das Geben und Erleben von Strukturen und das Eingebundensein in eine wirkungsvolle Aufgabe. Jüngere wollen Verantwortung übernehmen, aber die bestehenden Bilder von Führung und Verantwortung – Macht, Status und über andere zu bestimmen – sind nicht attraktiv für sie.

Aus meiner Sicht entsteht hier eine Herausforderung: Denn natürlich beinhaltet Führung immer, Ziele zu setzen. Unternehmen wollen Produkte und Dienstleistungen verkaufen. Diese müssen entwickelt werden – und auch effizient hergestellt beziehungsweise erbracht werden, sonst ist man nicht wettbewerbsfähig. Führung bringt auch immer Konflikt mit sich: Organisationen sind voller Zielkonflikte – Wirtschaftlichkeit beißt sich mit der besten fachlichen Lösung, die Interessen des Controllings mit denen des Projekts und so weiter. Und da sind wir noch gar nicht beim Zwischenmenschlichen.

Ich denke, es ist wichtig, zukünftog stärker beides in einem Führungsbild zu vereinen: Ziele setzen und sie gemeinschaftlich erreichen. Diskutieren und um die beste Lösung ringen – und dennoch klare Verantwortlichkeiten haben. Hierarchie einsetzen, um Komplexität zu reduzieren. Macht haben und sie zum Gestalten nutzen. Klare Strukturen und Gemeinschaft schließen sich nicht aus, genauso wie Macht und Dialog sich nicht ausschließen. Wenn Unternehmen jüngere Menschen für Führung begeistern wollen, müssen sie eine gute Balance finden und Ausprobieren ermöglichen.


Proud Supporter | Ich war erneut beim Triathlon in Hamburg und habe mittelalte Männer angefeuert.

Rucksack mit einem Aufkleber "Proud Supporter"

Diesmal lief Herr Stoer keinen Ironman, sondern tat sich mit dem Reiseleiter und einem weiteren Herrn zusammen. Gemeinsam absolvierten sie eine Staffel. Jeder musste nur eine Disziplin machen und das auch nicht so lang wie vor zwei Jahren: Statt 3,6 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem Marathon sind sie nicht einmal halb so weit geschwommen, nur 40 Kilometer Fahrrad gefahren und zehn Kilometer gelaufen. Das geht auch mit mittlerer körperlicher Ausstattung. Quasi vom Sofa aus. Und die Veranstaltung ist deutlich kürzer.

Ganz viele Fahrräder, aufgehängt an Metallstangen und mit Startnummern versehen, am Jungfernstieg. Läufer laufen ins Bild. Im Hintergrund Fahnen und Ballons.

Es war kurzzeitig in der Diskussion, dass ich schwimme, aber dann erübrigte sich doch noch einen Kumpel, und ich konnte an Land bleiben. Rückblickend denke ich: Wäre ich mal geschwommen – das wäre weniger anstrengend gewesen als das Anfeuern. Man latscht nämlich ganz schön weit umher in dem Bemühen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und Dinge wie: „Super!“ und „Weiter so!“ zu rufen, um dann festzustellen, dass es gar nicht der Reiseleiter war, der vorbeifuhr, sondern jemand völlig Unbekanntes, der nur ähnliche Kleidung trug.

Binnenalster. Es schwimmen Leute mit farbigen Badekappen darin. Ein Mensch in einem Kajak sorgt für Sicherheit.

Zwölf Kilometer zeigte mir meine App hinterher an, ich lief mir eine Blase in meiner Sandale. Immerhin gab es nach dem Zieleinlauf Frozen Yoghurt mit Cookie Dough. Das war gut.

Der Reiseleiter hat nun eine Medaille, auf deren Band steht: I am unstoppable. Dazu ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Finisher – World Triathlon Championship Series Hamburg 2026„, obwohl er weniger geradelt ist als auf jeder unserer Dänemark-Etappen und die anderen zwei Disziplinen andere Leute für ihn erledigt haben.* Im Fitnessstudio werden demnächst ein paar Männer anerkennend nicken, wenn er seine Rückenübungen macht.


Gelesen | Heiko hat die Toten Hosen im Olympiapark gesehen und hat eine besondere Art der Balkonbewässerung.

Gelesen | Markus macht Urlaub, baut eine Holzbank und begegnet einem Mann mit einem baumelnden Penis.

Gelesen | Karen urlaubt auch und wandert in der Westtatra.

Gelesen | Carsten erzählt von seiner Woche und Erlebnissen rund um die gesperrte Bonner Rheinbrücke.

Gelesen | Thomas schreibt etwas zu blühenden Landschaften und dem Ostdeutschsein.


Schweine | Das Asylschwein und seine Groupies.

Ein schwarz-weißes, langhaariges Meerschwein steht auf der Wiese schaut in die Kamera. Neben und hinter ihm grasen zwei braune Schweine.

*Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass er zwar nur 40 Kilometer, aber einen 30er-Schnitt fuhr. Also 40 Kilometer in 1 Stunde 15, noch dazu mit einem Platten auf dem letzten Kilometer – das ist ganz schön schnell. Das T-Shirt ist also mehr als verdient und ich bin selbstverständlich angemessen stolz.

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