Zusammen Eis essen | Wie würde es sein, sich wiederzusehen, während unsere Länder auf unterschiedlichen Seiten stehen? Unsere letzte Begegnung ist neun Jahre her, dazwischen eine Pandemie, ein Kriegsbeginn und mehr als zwei Meter, die ihre Söhne, alle zusammen, in dieser Zeit gewachsen sind.
Und doch ist es, als wären wir uns vergangene Woche zuletzt begegnet, meine russische Freundin und ich. Nahtlos knüpften wir an das Leben des anderen an, als wir uns am Wochenende in den Niederlanden trafen, nahmen die Gespräche aus 2017 auf, dem Jahr, in dem wir uns zuletzt gegenüberstanden.

Wir kennen uns seit 36 Jahren. Seit einem Schüleraustausch 1992, als Moskau ins Sauerland kam, auf Initiative eines Lehrers, vielleicht auch einer Lehrerin – so genau weiß ich es nicht mehr. Wir gingen gemeinsam zur Schule, besichtigten Burg Altena, wanderten und fuhren Fahrrad. „Die Butterbrote in Deutschland“, sagt meine Freundin heute, „sie waren so lecker. Es waren köstliche Brote, die deine Mutter mir mit in die Schule gab, knusprig und dick bestrichen.“
Ein Jahr später flog ich nach Moskau. Unsere Abreise verzögerte sich um drei Tage. Der Grund: Putsch gegen Jelzin, Ausschreitungen, Häuserkampf, hundertdreißig Tote, der Brand des Weißen Hauses. Unsere Schullleitung, eine Nonne, telefonierte mit den Russen und ließ sich berichten, wie die Lage war. Ach, sagte man in Moskau, es sei etwas unruhig, aber es gebe keinen Grund zur Besorgnis. Die Stadt sei groß, die Kinder seien keine Putschisten, außerdem habe man alles für die Ankunft vorbereitet, Tänze und Lieder geprobt, wir könnten ganz unbeschwert sein. Also stiegen wir, die Schüler und Schülerinnen, ein Lehrer, zwei Eltern und eine Nonne, in die Aeroflot-Maschine und flogen nach Moskau.
„Wie war es für dich, nach Moskau zu kommen?“, fragte meine Freundin, als wir über das Damals sprachen, „wir hatten doch nichts, nicht einmal Lebensmittel, und keine so köstlichen, knusprigen Brote.“ Ich war fasziniert von der Stadt, von der Metro, den prunkvollen Stationen und der Geschwindigkeit der Züge. Ehrfürchtig stand ich auf dem Roten Platz und erkundete, wie sechs Jahre zuvor wohl Matthias Rust dort gelandet war. Ich betrachtete den bröckelnden Lenin in seinem Mausoleum, sah die Schätze im Kreml, erlebte große Herzlichkeit und verspeiste eine erkleckliche Anzahl Blinis.
Ein Jahr später reiste ich erneut nach Russland, diesmal alleine und nur mit einem Brustbeutel um den Hals, ich war 15 und es waren Sommerferien – und danach fuhr ich noch etliche weitere Male. Zweimal waren wir in St. Petersburg, jeweils mit dem Nachtzug, ich sah die Erimitage und Schloss Peterhof, wir flanierten durch weiße Nächte. Als wir älter wurden, heirateten, Berufe ergriffen und sie Kinder bekam, trafen wir uns auf Zypern, in Estland, in Lettland, in Bayern und in Berlin – bis zuletzt eine Seuche die Welt heimsuchte, ihr Land einen Krieg begann und unsere Freundschaft plötzlich unterbrochen war.
Am Wochenende sahen wir uns nun zwischen Amsterdam und dem Meer. Ihr Mann und ihre zwei jüngeren Söhne waren dabei, der Reiseleiter auch, und als wir uns gegenüberstanden, umarmten wir uns erstmal fest.

Wir aßen zusammen, die Männer schwammen im Meer, und wir fuhren nach Leiden. Es war ihre Idee, ins Museum De Lakenhal zu gehen. Sie hat einen Faible für alte Bilder und hatte über Jan Steen gelesen, der vor dreieinhalb Jahrhunderten in Leiden eine Taverne betrieb und gerne mehrdeutige Bilder malte. Ganze Geschichten sind es, die sich in seinen Gemälden wiederfinden: über Laster und Leidenschaft, Liebeskummer, Spiel- und Trunksucht.
Anschließend besuchten wir den Hortus botanicus, den botanischen Garten der Universität Leiden, bestaunten Pflanzen und die unerwartete Größe dieses Refugiums inmitten der Stadt. Carolus Clusius, Präfekt des kaiserlischen Heilkräutergartens, hat ihn einst angelegt – ungefähr 50 Jahre, bevor Steen seine Taverne eröffnete. Clusius, so erfuhr ich, hat die ersten Tulpen nach Europa gebracht und wesentlich zur Verbreitung der Kartoffel beigetragen. Außerdem brachte er, nach viel Stillstand im Mittelalter, wieder Schwung in die Pilzkunde, indem er die erste, umfassende Pilzmonographie der westlichen Welt verfasste. Was man nicht alles lernt, wenn man Blumen und Blätter anguckt!





Als wir den Garten verließen, verlangte die Jugend nach мороженое, maroschnaja. Ich schnappte das Wort auf, es dockte sofort in meinem Herzen an, und wir gönnten uns episch große Eisbecher.
Während wir durch Stadt und Garten streiften, sprachen wir über die Kinder und unsere Eltern, übers Älterwerden, über den Beruf und über das Leben. Wir sprachen darüber, wie das Leben in Moskau heute ist, über Alltag und Sorgen, über die Auswirkungen der Sanktionen und immer, wenn wir den Krieg streiften, sagte jemand нет, nein, nicht dieses Thema. Doch es war nicht zu umgehen. Der große und der mittlere Sohn sind im wehrfähigen Alter; die Armee streckt ihre Hände nach ihnen aus. Sie müssen bald Wehrdienst leisten, zwar nur ein Jahr und nur auf heimischem Boden, so sagt der Staat zumindest, aber niemand weiß, was er mit den jungen Männern vorhat, wenn sie erst einmal seine Uniform tragen.

Wir saßen in der Sonne an einer Gracht, neben mir ein 16-Jähriger, schlaksig und hoch aufgeschossen. Er trainiert viel, am liebsten draußen, laufen und Calisthenics, auch bei Schnee und Sturm. Er ist ein zurückhaltender Mensch mit einem filigranen Gesicht, in seinen Augen Neugier und Freundlichkeit, auf seinem Kopf wilde Locken. Er ist ein guter Zuhörer, stellt viele Fragen und hat Pläne für seine Zukunft. Am liebsten möchte er im Ausland studieren. Er spricht fließend Englisch und lernt Deutsch, mit dem Goethe-Institut und Duolingo.
Wir betrachteten die Boote, die an uns vorbeizogen, Möwen und Tauben umflatterten uns. Er habe Schwierigkeiten in der Schule gehabt, erzählte er, das System sei streng und er habe sich nicht gut aufgehoben gefühlt. Aber nun habe er etwas gefunden, das ihn interessiere: Er programmiert und designt. Seitdem gehe es ihm besser. Eine Freundin habe er jetzt auch, seine erste. „Vermisst du sie?“, fragte ich. Er nickte. An seinem Rucksack hing eine gehäkelte Frucht; seine Freundin habe sie ihm mit auf die Reise gegeben, damit er sie immer bei sich habe. Als er sagte, dass er zur Armee müsse, vielleicht sogar sehr bald, stand Furcht in seinen Augen.

Wir umarmten uns lange, als wir auseinander gingen, die Jungen, meine Freundin und ich. Jetzt, nachdem alles wie früher war, konnten wir uns erzählen, wie wir uns vor dem Treffen gesorgt hatten; wie wir uns gefragt hatten, ob wir noch die sind, die wir einst waren; ob wir unsere Freundschaft in der Vergangenheit zurücklassen oder mit in die Zukunft nehmen.
Wir gingen erfüllt und zugleich sorgenvoll auseinander, denn wer weiß, wann wir uns wiedersehen, in welcher Zeit, in was für einem Zustand der Welt. Diesmal wird es nicht wieder neun Jahre dauern, den Verhältnissen zum Trotz. Das haben wir uns versprochen. Weil man regelmäßig zusammen Eis essen sollte, ungeachtet der Umstände.
Gehört | Die Lange Nacht im Deutschlandfunk: Radfahren – Pedale, ein Lenker und das reicht. Kurzweilig.
Gelesen | Eine Frage, die ich mir seit Längerem stelle – immer dann, wenn ich durch eine weitere dieser neuen, Minecraft-ähnlichen Klötzchensiedlungen fahre: Why don’t we have nicer buildings? Die Antwort: Schöne Architektur erhöht den Wert des Gebäudes selbst wie auch seiner Nachbarschaft. Der Investor profitiert aber nur zum Teil von seinem Invest – der Rest des Gewinns wird vergemeinschaftet.
Schweine | Abendlicher Schnadegang.

Kommentare
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Was für ein schöner Text über eine wundervolle Freundschaft!
Vielen Dank dafür und herzliche Grüße aus dem heißen Süddeutschland,
Ulrike.
Lasst uns wenigstens unsere Freunde behalten. Ein sehr liebevoller Text. Danke. Und dem Sohn, der sich jetzt gefunden hat, wünsche ich, dass er seine Träume erfüllen kann.