Die Wärme | Mit der Hitze ist es folgendermaßen: Wenn ich frei habe, also wirklich frei, ganz ohne Verpflichtungen, weder beruflich noch privat, finde ich sie prima. Dann kann ich morgens schwimmen gehen, ein wunderbarer Tagesstart. Danach frühstücke ich ausgiebig. Dann begebe ich mich an die Aufgaben, die anstehen: das aktuelle Buch weglesen, die Gemüsebeete kontrollieren, den Schweinen beim Nichtstun zusehen, eine leichte Mahlzeit zubereiten.
Wenn ich allerdings Verpflichtungen habe, ist mir die Hitze äußerst unangenehm, allzuvorderst wenn ich irgendwie gekleidet sein muss, gesellschaftlich kompatibel und zum Kontext passend. Dann wird mein Gehirn puddingweich, ich fühle Schwere und möchte unverzüglich ins Freibdad.
Ziel ist es also weiterhin, Privatière zu werden, um ohne Verpflichtungen in den Tag hinein zu leben. Leider stehen die Chancen dazu gleichbleibend schlecht.
Broterwerb | Solange es mit dem Privatière-Dasein nichts wird, verdiene ich mein Geld freudvoll – zum Beispiel auf dem Ersten Frauentag der Ruhrbahn. Die Gleichstellungsbeauftragte hatte mich engagiert, einen Vormittag zu gestalten, der Frauen stärkt und ihnen Kraft gibt.
Wir haben uns mit Kommunikationsmustern beschäftigt und was man tun kann, wenn man von oben herab behandelt wird. Dazu haben wir geübt, schlagfertig dumme Sprüche zu kontern. Spoiler: Man muss nicht sonderlich kreativ dafür sein.

In den Tagen zuvor durfte ich zwei Kunden aus dem Ingenieurbereich begleiten – bei einem Kunden ging es um gute Kundenbeziehungen im Projekt – gerade dann, wenn es knifflig und man zum Spielverderber wird. Beim anderen Kunden widmeten wir uns internen Fragestellungen. Ich mag die Arbeit mit Ingenieurinnen und Ingenieuren sehr; beide Kunden sind sehr spezialisiert. Was sie fachlich tun, ist faszinierend.
Pintxo-Premiere | Am Wochenende hatten wir Besuch. Ich probierte Neues aus: Pintxos. Diese kleinen Häppchen hatten der Reiseleiter und ich im Baskenland kennengelernt und uns anschließend ein Rezeptbuch zugelegt. Die Rezepte darin sind entweder fleisch- oder fischlastig, was sich für eine vegetarisch-veganen Runde nicht eignet. Also veganisierte ich sie.

Zutaten für zwei Sorten Pintxos:
- Baguettebrot (frisch oder selbst gebacken)
- zwei Paprika, Farbe nach Wahl
- Kirschtomaten
- eine große, süße Zwiebel
- veganer Speck
- vegane Mayonnaise
- Fleischersatz nach Wahl, zum Beispiel Burger Patties oder veganes Steak
- Olivenöl, Salz, Thymian, Koblauch
Paprika sowohl in breite als auch in der schmale Streifen schneiden. Zwiebel aufblättern. Paprika und Zwiebel gemeinsam mit Kirschtomaten auf ein Backblech geben. Reichlich Olivenöl und Meersalz zugeben. Thymianzweige und Knoblauch auf die breiten Paprikastreifen verteilen und alles im Ofen rösten.
Pintxo mit Speck, Zwiebel und Paprika: Auf die Baguettescheibe zunächst Mayo geben. Dann den breiten Paprikastreifen, Zwiebelscheibe, Speck und Kirschtomate drauflegen. Pintxo mit Burger und Paprika: May auf die Baguettescheibe geben. Burger/veganes Steak drauflegen, dünne Paprikastreifen draufgeben.
Das Baguette ist diesmal gut gelungen: knusprige Krume und innen fluffiger als sonst. Ich habe mit hohen Temperaturen und viel Wasserdampf gearbeitet. Werde das fürs nächste Mal noch verbessern.

Notfall | Beim Zubereiten der Pintxos schnitt ich mir episch in den Zeigefinger.
Sollten Sie die Anschaffung eines scharfen Messers erwägen, kann ich Ihnen das Kochmesser Vivo von Villeroy & Boch wärmstens ans Herz legen. Es schneidet anstandslos durch Fingerkuppe und Fingernagel; man spürt nichts, der Nagel knackt nicht einmal beim Durchtrennen, die Schnittkante ist völlig glatt.
Es dauerte eine Weile, bis ich das Ergebnis diese Schnittkunst begutachten konnte; nach dem zweiten Druckverband wurde es dann aber sichtbar. Famos.
Der Freibadschwumm ist erstmal ausgesetzt, bis die Wundheilung ausreichend fortgeschritten ist.
Backofenfahrt | Am Samstag hatte ich die dumme Idee, in der Hitze Fahrrad zu fahren. Solange ich fahre und nicht stehenbleibe, so mein Gedanke, würde der Fahrtwind gut kühlen. Tatsache war: Der Fahrtwind kühlte keineswegs. Es war, als strampele ich im Backofen. Auf freier Strecke war es extrem, die Luft über dem Asphalt flimmerte. Im Wald ging es einigermaßen. Ich kehrte am Sportplatz von KindZwei und KindDrei ein, die ein Fußballturnier spielten, und begab mich ins dortige Kneipp-Becken. Welch eine Wohltat! Nach einer eiskalten Apfelschorle und dem Beklatschen eines Sieges fuhr ich gut gekühlt heim. 30 Kilometer – das reichte.
Gelesen | Nøglevidnet von Jørn Horst Lier. Ein alter Mann wird tot in seinem Wohnzimmer aufgefunden. Weder besaß er viel Geld noch war er in Verbrechen verwickelt. Doch er wurde gefoltert, seine Wohnung durchwühlt. Kommissar Wisting übernimmt den Fall. Was ich an den Wisting-Krimis mag: Sie konzentrieren sich auf den Kriminalfall und den Verlauf der Ermittlungen. Kapitel für Kapitel setzt sich ein Puzzle zusammen. Keine privaten Geschichten der Ermittler, keine aufzuarbeitenden Traumata. Wohltuend.
Schweine | Als ich letztens in den Küchengarten ging, traf ich Marianne. Wir waren beide gleichermaßen überrascht. Denn der Küchengarten ist für Marianne jenseits des Zauns. Dort kommt sie eigentlich nicht hin.
Wenn Schweine ausbüxen, ist das Problem nicht, dass sie weglaufen. Sie sind Herdentiere und wollen zurück zu ihren Leuten. Das Problem ist, dass sie nicht wieder zurückfinden. Statt anständig nachzudenken: „Auf dem Hinweg bin ich am Lavendel vorbei und an der Malve links, also müsste ich jetzt …“, geht ihnen das Konzept der inneren Landkarte völlig ab. Entsprechend marschierte Marianne, ebenso euphorisiert wie entsetzt über ihren eigenen Wagemut, ziellos durch den Küchengarten, lief am Zaun auf und ab, fand den Rückweg nicht, quiekte nach den Kameradinnen und verkroch sich schließlich im Unterholz.
Für die Nachbarn muss es ein einzigartiges Schauspiel gewesen sein, wie der Reiseleiter und ich versuchten, das Schwein zurück ins Gehege zu locken. Mit Erbsenflocken, mit Petersilie, mit einer Gemüseschale, wir schnitten Marianne den Weg ab, krochen zwischen Beeten und riefen Dinge wie: „Sie ist hier vorne!“ – „Nein, jetzt ist sie bei dir.“ – „Hier ist sie nicht.“ – „Schneid ihr den Weg ab!“ – „Da! Da!“ Eine komödiantische Aufführung.
Nach zwanzig Minuten war Marianne wieder zu Hause, halb geschoben, halb gelockt. Durch welches Loch sie durchgekrochen ist, kann ich bis heute nicht sagen. Ich habe die Enden des Zauns nochmal neu verbarrikadiert – mögen sie nun dicht sein.
Fotoserie des abgängigen Schweins, zurück im angestammten Habitat:




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