Rant | Der Reiseleiter arbeitet für ein Unternehmen in Köln. Zweimal in der Woche fährt er dorthin. Das macht er mit der Bahn. Mit dem Auto ist es genauso spaßbefreit, wir haben das zu Genüge erprobt. Diese Woche hat er einen neuen Rekord aufgestellt: Er brauchte fast vier Stunden für den Hinweg und drei für den Rückweg – sieben Stunden insgesamt, um sechs Stunden zu arbeiten. Mehr Zeit blieb nämlich nicht übrig für seinen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt. Die Strecke beträgt 123 Kilometer, man könnte es also deutlich schneller schaffen, in der Theorie.
Ich schreibe das hier auf, weil ich ich mich frage, wie viel von der politischen Großwetterlage damit zu tun hat, dass Menschen der Glaube an den Staat verloren geht. Es ist ja nicht nur, dass unsere Infrastruktur so marode ist, dass der Weg zur Arbeit – der zweifellos notwendig ist, von irgendwas muss man leben – ungleich beschwerlicher ist als noch vor Jahren. Dass kein Arbeitsweg – wirklich keiner – reibungslos funktioniert, dass man steht, friert, Umwege fährt, mit Alternativstrecken jongliert und seine Verabredungen am Ende doch nicht einhält, dass man abends erschöpft in die Kissen fällt, nicht von der eigenen Tatkraft, sondern von der Organisation drumherum, während der Kanzler volltönend deklamiert, man solle doch bitte mehr leisten: Das ermüdet.
Vieles in unserem Leben ist unmerklich anstrengender geworden; es wird immer mühevoller, auf den kleinen Rissen eines erodierenden Fundaments die Balance zu halten. Woche für Woche wogt das Gefühl durch den Alltag, dass eine Zuverlässigkeit verloren geht, die uns über Jahrzehnte gestützt hat – Jahrzehnte, in denen Züge fuhren und Brücken hielten, in denen der Unterricht stattfand, das Kind betreut war, die Post am nächsten Tag eintraf, man beim Arzt anrufen konnte, jemand ans Telefon ging und man in absehbarer Zeit einen Termin bekam. Jahrzehnte, in denen es ein Nachvorne gab, das kein Zurück war.
Gelesen | Passend dazu möchte Kiki Zurück in die Zukunft. Eine Streitschrift, bei der ich viele Male nicken musste. Manches sehe ich anders: Die digitalen Möglichkeiten schätze ich grundsätzlich. Vieles jedoch kann ich teilen. Vor allem: Auch ich möchte nicht in die Vergangenheit zurück. Aber ich vermisse die Zukunft.
Gelesen | Anderes Thema, ein leichteres Sujet: Herr Buddenbohm ist flirty mit Fantagedanken
Geschaut | Die Ku’damm-Serie zu Ende geschaut. Hier und da etwas oberflächlich, dadurch gleichzeitig kurzweilig. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Schwierig war, dass die Schauspielerinnen allesamt ein ähnliches Alter zu haben scheinen (außer Claudia Michelsen), aber zwei Generationen darstellen. Die Maske hätte gerne etwas mehr Verfall reinschminken dürfen. Dann hätte ich sie auch besser auseinanderhalten können.
Gelesen | Der aktuelle Newsletter von Nils Minkmar ist wieder einmal lesenswert: Alles klar.
Themenvorschläge | Keine neuen Themen auf der Vorschlagsliste.
Kuchen | Ich brachte Kleidung ins Fairkaufhaus und entdeckte dabei eine runde Kuchenhaube. Ich besaß noch nie eine runde Kuchenhaube, hatte aber schon viele Situationen, in denen ich einen runden Kuchen transportieren und mir behelfen musste. Ich kaufte die Haube. Daheim nahm ich sie umgehend in Betrieb, indem ich einen runden Kuchen buk.

Rotweinkuchen, ein Familienrezept: 300 Gramm Butter, 300 Gramm Zucker, Vanillezucker, 3 Eier, 375 Gramm Mehl, Backpulver, ¼ Liter Rotwein (ich habe alkoholfreien genommen), 150 Gramm Schokoraspeln, Kakao und Zimt nach Geschmack. Bei 180 Grad circa 60 Minuten backen. Zuckerguss aus Puderzucker und Rotwein herstellen und damit bestreichen.
Und sonst | Mit Konfirmations-KindZwei und -KindDrei in der Kirche gewesen. Es war warmherzig und nach vorne gewandt. Schmissige Musik. Und es hätte sogar Nudeln mit Soße für uns gegeben, wenn wir nicht gerade erst gefrühstückt hätten. Gutes Erlebnis.
KindEins nimmt im Englischunterricht das Thema KI durch. Während ich blogge, fällt beim Lernen in der Küche der Satz: Computers have data, humans have wisdom. Was den zweiten Teil des Satzes angeht, habe ich Zweifel.
Wir spielten Sechs-Sekunden-Kritzeleien und hatten großen Spaß.
Schweine | Die Damen haben sich miteinander arrangiert. Die schwarz-weiße Oma führt die Gang der Jungschweine an, das Pionierschwein bekuschelt den Dicken. Mit dieser Aufgabenteilung kann man auch gemeinsam essen.

Kommentare
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Wenn Sie sich schon derartig tiefgehend die Haare raufen ob des Zustandes unseres Landes, ist eigentlich „höchste Eisenbahn“. Und ja – auch ich glaube, dass auch so wohlmeinende und zuversichtliche Menschen wie Sie, ich und viele andere anfangen an den Zuständen zu verzweifeln. Und es ist so unnötig! Wir leben in so einem eigentlich stabilen und vor allem reichen Land mit vielen aktiven Menschen….aber wenn die Rolle der Stabilisierenden nur noch darin zu bestehen scheint, sich von gutverdienenden Entscheidern beschimpfen zum lassen (wahlweise als arbeitsfaul oder futterneidisch), dann ist der Fatalismus nicht mehr weit.
Das dürfen wir nicht vergessen: Wir leben hier gut, bei allem, was es zu kritisieren gibt. Dennoch – ich sehe all das in Gefahr, wenn wir nicht die Richtung justieren, in die wir laufen: weg von individuellem Gewinn, wieder hin zu mehr Gemeinwohl. Und das sage ich, obwohl mir die ein oder andere Maßnahme zum Nachteil gereichen würde.
Theaterbesuch in Düsseldorf: Anfahrt von Voerde/Ndrrh. nach D’dorf unvorhersehbare 3 Stunden, Vorstellung 2h 50min, Rückfahrt mit SEV-Bus ab D’orf wieder 3 Stunden, Ankunft gegen 1:30h mitten in der Woche. Der Bus voll mit Schichtarbeitern, die sonst eine dreiviertel Stunde unterwegs sind. Der Busfahrer ein Menschenfreund; er wartet in OB, ob der Zug, der in der App angezeigt wird, tatsächlich kommt und sammelt, als er es nicht tut, alle wieder ein, die guter Hoffnung gewesen waren. Schöne neue Welt.
Als einmalige Theaterbesucherin kann man sowas ja noch als einmaliges Ereignis abtun. Eine Geschichte, die man beim nächsten geselligen Abend zum Besten geben kann. Aber die Schichtarbeiter, die das jeden Tag haben, zu Unzeiten – als wäre die Arbeit Arbeit nicht schon anstrengend genug -, die sind echt gekniffen.
Ich finde die Aussagen von Friedrich Merz auch unmöglich. Hinzu kommt bei mir im Beruf eine über die Jahre wahnsinnig gewachsene Arbeitsbelastung, die ich selbst fast als normal empfinde, weil ich die alten Zeiten gar nicht mehr kenne. Mehr arbeiten geht einfach nur auf Kosten meiner eigenen Gesundheit, und das gilt in jedem Bereich unserer Arbeit so. Solange die Arbeitsbedingungen in unserem Fall von der
Politik nicht menschenwürdiger gestaltet werden, wird jeder auf sich gucken und versuchen sich da gesund durch zu manövrieren.
Eine Leitungsstelle in unserem Bereich wird nicht mal mit einer Vollzeit-Stelle ausgestattet, müsste es aber. Ich arbeite im Kita-Bereich, und wir bilden die Zukunft dieses Landes aus unter denkbar schlechten Voraussetzungen.
Klar – die Personalschlüssel sind eng, Ausfälle nur schwieirg kompensiert werden, dazu Dokumentation und Bürokratie, und wenn dann noch außergewöhnliche Aufgaben anstehen, was in der Führungsposition ja häufiger der Fall ist, geht’s direkt an die Substanz. Hinzu kommt, dass es sich für viele (Frauen) kaum lohnt, mehr zu arbeiten – steuerlich und was die Belae´stung angeht. Denn es ist ja nicht so, dass man zuhause Lifestyle-Freizeit verbringt.