Serviceblog: Protokoll eines Experiments
Ich mache ja für Sie dieses Service-Ding: Rücken plus Husten.
Hier mein Fazit der ersten zwölf Tage.
Phase eins:
Ich benutze ungern Fäkalwörter im Kännchenkaffee , aber verdammte Scheiße. Sind! Das! Schmerzen! Ich bin ja einiges gewohnt. Bänderrisse. Kapselrisse. Ein Nasenbeinbruch. Fucking Hell – Husten ist schon die Hölle, aber Niesen erst. Ohgottohgottohgott. Und im Fernsehen? Nur Eis. Die haben sich doch abgesprochen. Inuit, wohin man schaltet. Atom-Eisbrecher. M58, die Transkontinentale durch Russland, Vermummte teeren Straßen im Schneesturm. Ja, die haben’s drauf die Russen. Und was macht der Lanz da? Isst der etwa Robbenfett? Ekelhaft. Diese grünen Stückchen, die ich abhuste, sind auch widerlich. Die sind so hart, die kann man sogar noch kauen. So eine Scheiße, das alles. Spazierengehen könnte helfen.
Phase eins a:
Alta, das geht so nicht mehr. Wie heißt dieses Dreieck über den Krankenhausbetten? Ich brauche sowas. Und die Entenmutti, die könnte mir ihren Rollator leihen. Oder nein, ein Zivi wäre besser. Aber ach – die heißen jetzt Bufdi. Oder ich rufe einfach Mats an, dass er nach dem Training vorbeikommt. Verdammt, ich kann gar nicht auftreten. Und gnaaaaaaaaaaaah, immer wieder dieser scheiß Husten. Wie lange noch bis zur nächsten Schmerztablette? Aber Tetrazepam ist gut. Mein Gott, davon fällt ja ein Elefant um. Spazierengehen hilft.
Phase eins b:
Ach, Doktor Knack. Den heirate ich mal. Er spendiert mir ein MRT und eine 50er-Packung Ibu 600. Was kriegt man dafür eigentlich hinterm Bahnhof? Über Amazonien gelernt, dass es dort Fluss-Sehkühe gibt, deren Kot das Nonplusultra ist. Für alles. Ohne Seekuhscheiße geht da nix. Außerdem: spazierengehen – gehen gehen gehen gehen. Dazu Hörbuch hören, „Anne Granger: Wer sich in Gefahr begibt„. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich noch hinlatschen soll. Aber es gibt eine App fürs Latschen. Jetzt weiß ich wenigstens, wie weit ich gelaufen bin. Und wie lange. Und wie viele Schritte. Ich brauche auch eine Turnanleitung für Rücken.
Phase zwei:
The Beginning of Turnen.
Erster Lichtblick: Ich kann husten, ohne dass ich das Gefühl habe, dass meine Mitte mit einem brennenden Schwert durchteilt wird – es sind die kleinen Dinge, die erfreuen. Die neue App sagt: 5,78 Kilometer, 7.366 Schritte, 1 Stunde 14 Minuten. Unsaomma war niemals langsamer.
Phase zwei a:
Mein Pro-Tipp: Ganzkörperwärmebehandlung unter der Sonnenbank. Klingt komisch, aber aus der Badewanne käme ich ja nur mit einem Kranwagen raus. Ich bin nun zwar knusprig wie eine gebackene Ente, aber was soll’s – die Muskelschmerzen werden weniger. Schlecht: Ich kann nicht schlafen. Oh yeah, was zieht das ins Bein. Als ob dir einer einen Besenstil ins Kreuz steckt, ihn durch die Hüfte bis ins Knie schiebt und dadrin rumquirlt. Tetrazepam hält genau sechs Stunden. Also bis nachts um vier. Ich lege mich auf meine Isomatte und turne dazu. Draußen ist es still und stockfinster. Auf 3sat: Kailash, der heiligste aller Berge, Tibet. Mönche drehen Gebetsmühlen. Rücken rund, Arsch raus, Rücken rund. Sie singen monoton. Das ist alles sehr verstörend. Entenmutti kann auch nicht schlafen, knipst ihr Küchenlicht an und glotzt zu mir rüber. Das muss jetzt auch nicht sein. Ich lasse die Rolläden herunter. Tagsüber: 9,4 Kilometer, 12.101 Schritte, 1 Stunde 47 Minuten.
Phase zwei b:
MRT. Brumm Brumm. Gewehrsalven. Danach der Strahlenarzt, der mir Fragen stellt und sie direkt selbst beantwortet. Er hält einen Monolog mit der Redegeschwindigkeit Verona Poths und schiebt dabei meine Wirbelsäule hektisch mit einem Stift über eine Art Riesen-iPad, dass sicher sehr, sehr teuer war. Wo haben Sie Schmerzen? Nein, warten Sie, ich sage es Ihnen. Schiebschieb. Diskusprolaps, Nucleus pulposus ist ausgetreten. LW vier fünf, lateral, aber das merken Sie sicherlich. Machen Sie eigentlich Sport? Wie alt sind Sie? Schiebschieb. Ah, hier stehts’s – na gut, sechs Jahre noch, dann können Sie zum Bestatter gehen. Es gibt genau vier Gründe für Prolaps und Protrusion: Adipositas, schwache Muskulatur, schweres Heben, Degeneration. Übergewicht. Haben Sie gehört? Schiebschieb. Muskulatur … mmmh. Oh. Die ist gut. Naja. Verstehen Sie mich? Hier sehen Sie das Ganze – schiebschieb – transversal, dort wäre der Spinalkanal. Stehen Sie mal auf, Achtung, ich fasse Ihnen an den Arsch. Locker lassen, anspannen. Okay. Ich wünsche Ihnen viel Glück, tschüß. 5,4 Kilometer, 6.886 Schritte, 1 Stunde 4 Minuten. Es regnet in Strömen.
Phase drei:
Doktor Knack ist schon verheiratet. Und sehr mitfühlend. Sechs mal Krankengymnastik und Akupunktur. Ich sehne mich nicht mehr nach der nächsten Schmerztablette. Ich höre „Timur Vermes: Er ist wieder da„. 10,41 Kilometer, 13.260 Schritte, 2 Stunden 11 Minuten. Es geht viel bergauf.
Phase drei a:
Ich kann eine halbe Stunde am Stück sitzen und turne mich zum Elfenpingiun. Ich lerne Faszinierendes über den Yarsagumba, den chinesischen Raupenpilz. Es zelten doch tatsächlich ganze Dörfer im himmalayischen Hochland und suchen diesen Pilz, von dem zehn Kilo mehr als 300.000 Euro wert sind, weil er praktisch für alles gut ist, vor allem für die Potenz von Chinesen. Der Husten ist immer noch dolle, ich werde plötzlich heiserer als Rod Stewart nach ’ner Packung Marlboro. 14,09 Kilometer, 17.061 Schritte, 2 Stunden 43 Minuten. Eine Freundin trägt mir Wasser ins Haus.
Phase drei b:
Husten – die ganze Nacht. Hust. Hust. Hust. Hust. Hust. Hust. Hust. Hust. Hust. Hust. Aber schmerzfrei. Es ist doch toll, wenn man weiß: Es war schon alles viel, viel schlimmer. Tagsüber: 8,6 Kilometer, 10.963 Schritte, 1 Stunde 42 Minuten.
Phase vier:
Fünf Stunden geschlafen, ohne Tetrazepam. Nur noch drei statt vier Schmerztabletten am Tag. Erste Physiotherapie. Auf Anweisung hänge ich über meiner Küchentheke ab und strecke meine Wirbel. Husten: okay. Allgemeine Stimmung: zuversichtlich. 10,3 Kilometer, 12.776 Schritte, 2 Stunden 11 Minuten in dickem Schnee.
Alles wird gut.