Arbeitswochenende | Einmal im Jahr haben mein Club und ich Arbeitswochenende. Man könnte „Arbeit“ in Anführungszeichen setzen, allerdings würde es unseren harten Einsatz fürs freundschaftliche Miteinander schmälern – und unseren Bildungswillen. So nahmen wir an einer Führung über den Wochenmarkt teil, erfuhren Historisches und Gegenwärtiges, wir lernten Tanzschritte und eine Choreographie und erkundeten lokale Wirtshäuser. Bilddokument unseres unermüdlichen Einsatzes:

Der Lernerfolg:
In einem zweistündigen Schnellkurs tanzten wir Jazz Funk. Wir übten eine Choreo ein, die uns motorisch und intellektuell viel abforderte. Wir benutzten Arme und Beine, gleichzeitig und unabhängig voneinander, wackelten mit den Schultern, gingen in die Knie und wieder hinauf, vereinzelt auch im Takt der Musik. Es fühlte sich rasant an. Wir waren beseelt. Am Abend schauten wir uns ein Video unserer Performance an. Es muss in Zeitlupe aufgenommen worden sein, denn es deckt sich so gar nicht mit unserem Empfinden. Wahrscheinlich ist bei der Aufnahme etwas schiefgelaufen.
Abgesehen von Tanzschritten lernten wir, dass man in Münster Zebrafleisch und Elchgulasch kaufen kann. Wir erfuhren, dass der Münsteraner Markt in Genre-Reihen aufgebaut ist: In der ersten Reihe alle Wagen, die Fleisch verkaufen, in der zweiten Reihe die Stände mit Käse, in der dritten Reihe Früchte und Gemüse. Es folgen Backwaren und Blumen.

Warum das so ist und warum die Stände nicht, wie auf anderen Wochenmärkten durcheinander stehen, konnte uns niemand sagen, nicht einmal die Markthändler. Ich beschloss, in Kürze noch einmal hinzufahren, denn das angebotene Unsterblichkeitskraut könnte die Lösung für die Mauer an meinem Küchengarten sein: Seit drei Jahren suchen ich etwas, das dort zuverlässig und schnell rankt. Meine Bemühungen mit Himbeeren und Kletterhortensien zeigen leider wenig Erfolg.
Die mitgereiste Zahnärztin führte uns zur Heiligen Apollonia. Apollonia, gelernte Königstochter und später Märtyrerin, wurde dereinst verschleppt. Man schlug ihr die Zähne aus; andere Legenden berichten, dass man sie ihr gezogen habe. Sie ist seither Patronin gegen Zahnschmerz und Schutzheilige der Zahnärzt’innen.

Die Zähne leiten zum Kulinarischen über: Wir lernten, dass sich die traditionell westfälische Küche sehr gut auf vegetarische Kundschaft eingerichtet hat. Die Wirtshäuser, die wir besuchten, boten eine umfrangreiche Karte an. Wir waren positiv überrascht. Wir speisten Spinatknödel und Rosenkohlauflauf, Burger und Flammkuchen, Backkartoffel und hervorragenden vegetarischen Schmalz. Derweil beehrten uns zwei Zimmerleute auf der Walz. Sie kamen aus Hamburg und Berlin, sind seit mehr als drei und eineinhalb Jahren unterwegs und suchten im Lokal Sponsoren fürs Abendessen. Wir beteiligten uns mit einem Obulus aus der Clubkasse.

Wir lernten, dass auf dem Kirchturm von St. Lamberti eine Türmerin Dienst tut. Sie heißt Martje Thalmann und hat einen Wikipedia-Eintrag. 2014 trat sie als erste Frau ihren Dienst an; seit dem 15. Jahrhundert haben vor ihr nur Männer über die Stadt gewacht. Zwischen 21 Uhr und Mitternacht schaut sie, ob sich Feinde nähern oder irgendwo Feuer ausgebrochen ist. Ist alles in Ordnung, bläst sie viertelstündlich ihr Turmhorn. Formal ist das Ganze eine Halbtagsstelle bei Münster Marketing.

Die Türmerin arbeitet unter der Himmelsleiter, einer Installation der Wiener Künstlerin Billi Thanner. Das Kunstwerk steht für den Glauben an das Gute und den geistlichen Aufstieg. Die Idee basiert auf dem biblischen Motiv der Jakobsleiter, einer Verbindung zwischen Himmel und Erde. Auf dem Instagram-Account der Künstlerin sah ich die neueste Installation: Die Unendlichkeit des Lichts zwischen den Türmen der Wiener Votivkirche. Beeindruckend.
Während wir arbeiteten, griffen die USA und Israel den Iran an. Ich bekam davon zunächst nichts mit: Wir hörten kein Radio, sahen kein TV und waren auch wenig an den Handys. Erst in einem Café erfuhr ich davon, als ich an der Theke stand und auf einem Bildschirm im Gastraum n-tv lief.
Gelesen | Ajatollah Ali Chamenei: Darf man sich über einen Tyrannenmord freuen? [€]. Ich freue mich über den Tod des Tyrannen. Ich verachte den Tyrannenmörder, dem es am Ende doch wieder nur um Öl geht. Ich sorge mich um die Zukunft der Iranerinnen und Iraner und den Fortgang der Entwicklungen im Land.
Gelesen und gehört | Hey, lange nicht gesehen
Gelesen | Karen gibt einen Einblick, wie in Finnland das Abitur gefeiert wird: Vanhojentanssit.
Leser’innenfrage | Eine Frage aus der Vorschlagsliste: „Was hast du beim Alleinreisen gelernt?“
Bei beiden großen Alleinreisen – 2018 durch Italien und 2020 nach La Gomera – stellte sich zunächst ein erstaunliches Phänomen ein: Mein Körper begab sich in den Rhythmus der Sonne. Ich stellte mir keinen Wecker und folgte meinem Wach- und Müdigkeitsrhythmus. Nach zwei Wochen erwachte ich automatisch mit dem jeweiligen Sonnenaufgang, in Italien gegen Sieben, auf La Gomera kam die Sonne um kurz vor Acht über den Berg.
Das Anstrengende beim Alleinreisen ist, dass ich alles alleine regeln muss: Unterkunft, Buchungen, Routenplanung, Orientierung vor Ort und die kleinen Herausforderungen – einen Supermarkt finden, Wege erkunden, Gepflogenheiten verstehen. In Italien hatte ich zudem einen Platten, das Auto musste in die Werkstatt, ich telefonierte auf Italienisch mit Abschleppdiensten, diskutierte mit Werkstattmitarbeitern. Das war herausfordernd, irgendwie hat es hingehauen. Das ist auch die maßgebliche Erkenntnis: Ich kriege es hin. Es findet sich eine Lösung. Auch anstrengende Momente gehen vorbei.
Beim Alleinreisen habe ich außerdem gelernt, wie sehr ich diese Alleinzeit brauche. Einfach raus aus allem, keine anderen Menschen sehen, den ganzen Tag schweigen, keine Emotionsarbeit für andere. Auch auf Geschäftsreisen genieße ich es, wenn der Tag vorbei ist und ich den Abend für mich habe. Ich liebe es, alleine in ein Restaurant zu gehen, zu lesen, dazusitzen, die Leute anzugucken und danach entspannt ins Hotel zu wechseln.
Und sonst | KindZwei und KindDrei meldeten am Sonntag Interessen an zu backen. Sie suchten sich ein Rezept raus und buken selbstständig Kekse. Ich begrüße diesen Entwicklungschritt außerordentlich!

Schweine | Die Schweine bekommen Baumschnitt aus Haltern und Dortmund: Apfel, Hasel und Ahorn. Seither sind sie in Nagetier-Ekstase: Es wird genagt, bis die Zähne schmerzen. Grüße gehen raus an die Heilige Apollonia.


Kommentare
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Wenn es denn etwas heimisches für die Kletterecke sein darf, wäre Hopfen oder auch Geißblatt (Lonicera caprifolium) eine Option. Beides sind gute Insektenpflanzen.
Oder hier mal schauen: https://www.naturadb.de/themen/insektenfreundliche-kletterpflanzen-fuer-den-sonnigen-kleingarten/