Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

„Wie erlebst du die Jugend von heute?“

25. 1. 2026 2 Kommentare Aus der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Themen-Vorschlagsliste | Reichlich neue Themen auf der Vorschlagsliste. Ich freue mich! Als erstes picke ich mir die Frage heraus: „Wie erlebst du die ‚Jugend von heute‘?“

Ich erlebe sie freundlich, interessiert und wissbegierig, albern und übermütig, zurückhaltend und schüchtern. Manchmal auch traurig und angstvoll. Ich erlebe sie suchend, mit dem Sehnen nach Orientierung und Gesehenwerden. Ich erlebe sie erfreulich kritisch, gleichermaßen unerfreulich unkritisch, je nachdem, aus welcher Brille man schaut. Ich erlebe sie herzlich und menschlich, liebevoll und kümmernd. Ich erlebe sie ausgrenzend und gemein. Oft erlebe ich sie offen und tolerant. Ich erlebe sie ideenreich und leistungsbereit, gelangweilt und energielos. Ich erlebe sie voller Sorgen für die Zukunft, aber auch voller Pläne und Hoffnung. Kurzum: Ich erlebe sie in allen menschlichen Facetten.

Die Jugend hat keinen guten Ruf: Arbeitsscheu sei sie, weinerlich, freizeitorientiert und anspruchsvoll. Also alles, was den Alten auch nachgesagt wurde, als sie jung waren. Ich bin Jahrgang 1978, deutlich aus dem vergangenen Jahrtausend, achte auf meine Work-Life-Balance, finde eine Vier-Tage-Woche gut, bin ständig online, mache Insta-Stories von meinem Essen, möchte unverschämt gut bezahlt werden, schlafe gerne lang, mag Homeoffice und habe Pläne für fünf Sabbaticals. Rätselhafterweise trage ich dennoch erfreulich zum Bruttoinlandsprodukt bei; das Finanzamt schickt mir jedenfalls Briefe mit Zahlen, die darauf hindeuten.

Sie merken: Ich bin kein Fan davon, Menschen mit Eigenschaften zu belegen, nur weil sie bestimmten Geburtsjahrgängen angehören. Der größte Fehler, den wir machen, ist, mit einem 1980er-Blick auf 2026er-Menschen zu schauen. Es sind nicht nur die Jugendlichen, die anders sind als damals: Wir alle sind es. Wir sind uns heute weitgehend einig, dass man seine Ehefrau nicht schlagen und vergewaltigen sollte, Schwule ganz normale Leute sind, Depression eine Erkrankung und keine persönliche Schwäche ist, der Rohrstock damals doch geschadet hat und dass Elternzeit eine sinnvolle Einrichtung ist. So, wie die Gesellschaft sich verändert hat, hat sich das Aufwachsen in dieser Gesellschaft verändert: Wir halten es heute für wichtig, kritisch zu denken, Fakten zu checken und Behauptungen zu hinterfragen – entsprechend tut das die Jugend. Wir legen mehr Wert auf persönliche Freiheit – also tun dies auch die Jungen, wenn sie ins Arbeitsleben eintreten. Gepaart mit den Standardeigenschaften, die Adoleszenz mit sich bringt – Selbstzentrierung, aber auch Idealismus – ergibt sich der Eindruck, die Jugend sei naiv und arbeitsscheu. Dabei ist die Jugend einfach die Jugend, und zwar die Jugend von 2026, so wie es sich gehört.

Was ich hier jetzt nicht abhandle, sind die weiteren Rahmenbedingungen, die ebenfalls anders sind als 1980: Wir leben in einer Zeit der Superdiversität, der Globalisierung und der heterogenen Familienstrukturen, Schulen sind unterfinanziert, Kinder und ihre Eltern eine Minderheit. Die Jugendlichen, die heute 16 und 17 sind, haben gesellschaftlich bereits Einiges vollbracht: Sie haben Tausende minderjährige Geflüchtete in ihre Schulklassen und Sportvereine integriert, haben eine Pandemie mit zwei Jahren Unterrichtseinschränkungen, Sorgen und Unsicherheiten kompensiert, waren mit einem Kriegsausbruch in Europa konfrontiert, haben erneut Tausende Geflüchtete integriert – und nebenbei mit einiger Wahrscheinlichkeit die Scheidung ihrer Eltern erlebt und eine neue Form von Familie aufgebaut. Über diese Leistungen spricht niemand.

Wir alle, die lebenserfahren sind, haben einen Auftrag: diese Jugend zu unterstützen. Denn im Gegensatz zur Boomer-Generation und ihren Eltern, die zahlenmäßig viele waren, sind die heutigen Jugendlichen mit ihren Eltern nahezu machtlos. Sie sind schlichtweg zu wenige. Ihre Interessen sind nirgendwo strukturell vertreten. Wir alle müssen sie vertreten.


Schweine | Wir haben den Dicken in großer Trauergemeinde beigesetzt. Es gab Beerdigungskaffee.

Ein Meerschweingrab, eingefriedet durch Äste, darin Osterglocken, Hyazinthen, eine Grabkerze und ein Grabstein aus einer Scherbe, Text: "Jamie 2020-2026", gemalter Löwenzahn und Regenbogen
Kommentare

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  1. PaulineM sagt:

    Ich stimme voll zu. Wann lernen wir endlich, dass es sich immer um einzelne Individuen handelt und dass nicht DIE Jugend und DIE Boomer aus einem jeweiligen Sandförmchen gegossen sind.
    Was für eine schöne Erinnerungsstelle für Opa Meerschweinchen.

  2. Sabine sagt:

    Wow Frau Giese. Das ist ein gut geschriebener Text, den sich so manch ein Mensch etwas intensiver zu Gemüte führen sollte. Ich werde ihn auf jeden Fall im Unterricht (AEVO) mit einsetzen wenn sie erlauben. Natürlich mit Verweis auf die Quelle.
    Die Erinnerungsstelle für das Meerschweinchen ist wirklich gut gestaltet.
    Alles Gute aus dem Norden

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